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Das geist­li­che Wort: Pfia‘ Gott!

Pfarrer Jörg Scheiring, Kirchdorf an der Iller

Pfarrer Jörg Scheiring, Kirchdorf an der Iller

Pfarrer Jörg Scheiring, Kirchdorf an der Iller

Die Nähe zu Bayern ist im östlichen Teil des Landkreises Biberach unüberhörbar. So sagen manche auch diesseits der Iller beim Verabschieden „Pfia‘ Gott!“. Diese Grußformel leitet sich ab vom Verb „behüten, bewahren, beachten“. „Pfia‘ Gott!“ heißt also „Gott behüte dich!“ Was für ein schöner Abschiedsgruß: Bis wir uns wieder sehen möge dich Gott behüten, bewahren und beachten.

Wer sich mit diesen Worten verabschiedet, wünscht dem anderen Gottes Geleit und spricht ihm ein Segenswort zu. „Pfia‘ Gott!“ ist somit die knappste Zusammenfassung jenes Segens, dem wir uns auch am Ende eines jeden Gottesdienstes anvertrauen: „Gott segne dich und behüte dich; Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Gottesdienstbesucher empfinden dieses „Pfia‘ Gott!“ am Ende des Gottesdienstes als persönliche Vergewisserung der Begleitung Gottes. Man kehrt nicht alleine in den Alltag zurück, sondern umgeben und behütet von Gott.

Es ist ein Bedürfnis vieler Menschen, zu spüren, dass sie gesegnet werden. Bei Konfirmandinnen und Konfirmanden beispielsweise merke ich jedes Jahr aufs Neue, wie tief es sie berührt, wenn Sie im Konfirmationsgottesdienst gesegnet werden und wie unwichtig in diesem Moment die Geschenke sind, die sie zu diesem Festtag natürlich auch bekommen. Auch heiraten viele Paare immer noch in der Kirche. „Weil es so schön ist“ sagen sie. Oder: „Weil es dazugehört“. Und doch steckt hinter diesen Worten verborgen eine Sehnsucht nach etwas anderem, für das wir keine Worte haben. Wir brauchen eine Vergewisserung, dass wir auf dem gemeinsamen Weg nicht alleine sind. Wir brauchen die stärkende Geste des Segens gerade dann, wenn wir spüren, dass wir uns nicht uns selbst verdanken und auch nicht alles in der Hand haben. Die Geste des Segens gibt diesem Wunsch eine Form – sichtbar, hörbar, spürbar.

Ein Segen ist aber kein Zauberspruch, um Unglück abzuwenden. Es gibt Menschen, die ihr Fahrzeug segnen lassen. Aber es ist nicht so, dass dieses Auto dann nicht in einen Unfall verwickelt werden könnte. Dietrich Bonhoeffer hat einmal an einen Freund aus seiner Gefängniszelle geschrieben: „Segnen, das heißt, die Hand auf etwas legen und sagen: Du gehörst trotz allem Gott.“ Es ist eine Erfahrung vieler Seelsorger, dass Kranke aus der Geste des Segens besonders viel Kraft schöpfen. Und zwar gerade nicht in der Hinsicht, dass sie sich von diesem Segen Heilung versprechen, sondern sie erhoffen sich dadurch Stärkung, Ermutigung und Begleitung in allem, was kommt. Der Segen verändert nicht die äußeren Umstände, sondern die inneren. Der Segen berührt nicht die Dinge um uns herum, er berührt unser Herz und macht uns gewiss, dass wir niemals verlassen sind. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Wochenende und „Pfia‘ Gott!“

Jörg Scheiring, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller


Das geist­li­che Wort: Ent­schleu­ni­gung tut uns al­len gut

Pfarrer Georg A. Maile, Bad Schussenried

Pfarrer Georg A. Maile, Bad Schussenried - Foto: privat

Pfarrer Georg A. Maile, Bad Schussenried - Foto: privat

Kürzlich auf der Autobahn gab es wieder mal den im Radio vorhergesagten Stau: "Stop and Go, Sie müssen mit einer verlängerten Zeit von zwei Stunden rechnen, bis Sie ihr Ziel erreichen, das Stauende befindet sich direkt vor Ihnen."

Das passt wie immer nicht in meine Planung, habe ich doch im Zeitmanagement gelernt, klar und strukturiert 75 Prozent zu verplanen, um für Eventualitäten mit 25 Prozent gerüstet zu sein; diese wollte ich anders nutzen. Gelangweilt schaue ich aus dem Fenster und versuche, mich mit der neuen Situation anzufreunden. Den anderen geht es genauso, sie können ihre Termine auch nicht rechtzeitig wahrnehmen, zum Glück gibt es die Handys, um sich zu entschuldigen. Was für ein Glück, denke ich, dass wir solche technischen Möglichkeiten haben, vor Jahren musste man noch von der Autobahn herunterfahren und ein öffentliches Telefonhäuschen suchen, aber die gibt es schon lange nicht mehr. Eigentlich ist alles oft nur halb so schlimm, wie es zunächst aussieht, weil ja plötzlich geschenkte Zeit da ist. So ein Stau lässt den eigenen Gedanken freien Lauf: Immer gibt es Unwegsamkeiten bei noch so präziser Planung; bei allem, was uns begegnet, kommt es auf die Sichtweise an, ist das Glas halb leer oder halb voll; manchmal, so denke ich, machen wir uns viel zu viele Sorgen über das, was in der Zukunft liegt und von dem wir gar nicht wissen, wie es dann tatsächlich sein wird und übersehen dabei den Augenblick. Viele leben am Leben vorbei, weil sie entweder zu sehr in der Vergangenheit verhaftet sind oder sich zu sehr mit der Zukunft beschäftigen. So ein Stau ist geschenkte Zeit und es kommt darauf an, was ich daraus mache, wie so oft im Leben. Mir kommt das Gebet von Friedrich Oetinger in den Sinn: "Herr, schenke mir Geduld und Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und schenke mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden."

Mittlerweile sind wir mindestens einen Kilometer vorangekommen, die Fenster in den anderen Autos sind offen, eigentlich könnte man jetzt ins Gespräch kommen. Aber wenn ich frage, wie geht es Ihnen, könnte das als Neugierde ausgelegt werden, erzähle ich etwas von mir, könnte das die anderen überhaupt nicht interessieren und in ein oder zwei Stunden sehen und hören wir sowieso nichts mehr voneinander. Also schalte ich wieder das Radio ein und höre den Reporter sagen: "Was möchten Sie der Welt noch mitteilen?" Kluge Frage, denke ich, da steckt Sinn dahinter, bei den vielen Worten, die tagtäglich gehört, gesprochen, gelesen und geschrieben werden, geht es doch darum, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

"Vergiss, was dich ärgert, behalt, was dich freut und beim Vergessen hilft dir die Zeit", ist ein solcher sinnreicher Spruch, der über viele Generationen hinweg der Welt mitgeteilt wurde; und auf die Frage nach den Sorgen gibt die Bibel eine Antwort: Jesus sagt: "Sorgt euch nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage." (Matth. 6,34); und zuvor ist in der Bibel zu lesen: "Wer von euch kann mit all seiner Sorge sein Leben auch nur um eine kleine Zeitspanne verlängern?" Interessant übrigens, dass in der Bergpredigt - wie auf einem silbernen Tablett - vorzügliche Angebote in klugen Sätzen dargereicht werden und jeder und jede die Freiheit hat, zuzugreifen oder auch nicht. Søren Kierkegaard hat einmal geschrieben: "Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden."

Stauzeit ist geschenkte Zeit und "Entschleunigung" tut uns allen gut.

Pfarrer Georg A. Maile, Bad Schussenried


Gewonnen?

Was würden Sie mit 1 Million machen? – Eine Frage, die sich uns wahrscheinlich nie stellen wird, selbst wenn wir regelmäßig tippen. Die Wahrscheinlichkeit auf den Hauptgewinn gleicht ja der, vom Blitz getroffen zu werden. - Doch nur mal angenommen … - Ok, also ich würde mir z.B. gerne ein kleines Haus kaufen, meine Kinder und Enkel unterstützen. Ich wüsste einige Menschen, denen ich konkret helfen kann … Ich reise gerne … Das Geld könnte ich also gut ausgeben.

Ob ich danach glücklicher wäre? - Sinnvoll den Gewinn zu verwenden, wäre ja auch anstrengend. Die  Freude anderer über ein Geschenk würde mich besonders freuen. Doch wäre ich glücklicher? - Nein, das wäre ich nicht. Das mag aber auch daran liegen, dass es mir z.B. auch ohne eigenes Haus gut geht. - Anderen geht es da deutlich schlechter!

Was wäre dann ein wirklicher Gewinn im Leben? Eine mögliche Antwort lautet: Wenn wir aufeinander achten, uns gegenseitig unterstützen, helfen, ja, auch mal teilen. Das wäre ein echter „Gewinn“! – Warum mache ich das so selten? Und ganz allein scheine ich damit nicht zu sein! – Möglicher Weise liegt das daran, dass das Wort „Ich“ bei uns an erster Stelle steht. Unter uns scheint die Sorge um uns selbst zu wachsen. Doch gerade sie nagt an unserem Glück. Denn glücklich sind wir da, wo wir merken, dass wir in guter Gemeinschaft miteinander leben. Glück wohnt dort, wo wir erleben, dass unser Leben sinnvoll ist. Das spüre ich besonders, wenn ein anderer sich an mir freut. Das achtsame, freundliche Wort für die Kassiererin beim Diskounter kann mich das genauso erleben lassen, wie die Unterstützung meines Nachbarn oder mein Engagement im Verein oder meine Spende an …

Glück wohnt da, wo ich auf das „Du“ achte. – Was hält mich davon ab? Da schließt sich der Kreis. Es ist die Sorge um mich selbst. Ein echter Gewinn wäre, wenn diese Sorge kleiner wird. Sorgloser sein, wäre ein Hauptgewinn. Dafür muss ich aber wissen und spüren, dass für mich gesorgt ist. – Versicherungen leben davon. – Doch die letzte und tiefste Sorge lässt sich nicht „versichern“. - Dass ich gemocht, gewollt, gehalten und geborgen bin, das muss ich spüren. Selbst verschaffen, kann ich mir das nicht. Der eigentliche „Lebensgewinn“ ist ein Geschenk. Die Liebe meiner Eltern kann mich z.B. daran erinnern oder die Zuneigung meiner Partnerin. - Nur pflegen kann ich das.

In diesen „Geschenken“ versteckt sich aus meiner Sicht Gott. Jedenfalls der Gott, der das Gesicht Jesu hat. Das Bibelwort 1. Joh. 5,4: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat“, erinnert mich daran .Mir können die Augen dafür aufgehen, dass ich unverdient bei Gott geachtet und geborgen bin. Diesen „Gewinn“ wünsche ich Ihnen und mir.

Schuldekan Michael Pfeiffer, Biberach



Der Ton macht die Mu­sik

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Simultankirche Biberach

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Simultankirche Biberach Foto: privat

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Simultankirche Biberach Foto: privat

Die Auferweckung Jesu von den Toten ist das für uns Menschen schlechthin Unvorstellbare. Ostern sprengt die menschliche Vorstellungskraft, deswegen herrscht in den Osterevangelien auch eine auffallende Verwirrung bei den Beteiligten: Maria Magdalena hält Jesus für den Gärtner, die Frauen am Grab überfällt große Furcht, die Emmausjünger sind wie mit Blindheit geschlagen und erkennen den Auferstandenen nicht. Flüchten wir uns deshalb an Ostern lieber in die Frühlingsidylle, sprechen von neu aufkeimendem Leben und bemühen Osterhase und Ostereier? Karl Barth hat 1947 in einer Predigt gesagt: "Man schämt sich tief, wenn man sich vor Augen hält, wie kümmerlich wenig wir mit diesem 'Jesus Christus ist auferstanden' anzufangen wissen. Man schämt sich für sich selbst, wie wenig man doch dieser Botschaft gewachsen ist: mit dem Kopf nicht und mit dem Herzen und Gewissen erst recht nicht und mit seinem Leben schon gar nicht."

Ostern ist ein Fest, an dem es wenig zu sehen, aber Unerhörtes zu hören gibt. Das Ohr ist angesprochen und weniger das Auge und unsere Vorstellungskraft. In der Kirchenmusik zur Zeit der Gregorianik hatte jede der acht Kirchentonleitern eine eigene Bedeutung. Die dritte Tonleiter wurde der "Ton der Auferstehung" genannt, denn "er treibt an und stellt dar, dass Christus aufersteht." Damals war man der Anschauung, dass die dritte Kirchenton beim Hörer eine Gemütsbewegung bewirke, die mit Freude, mit Aufbruch, mit Bewegung verbunden sei. Dazu kommt, dass viele Osterchoräle im beschwingten ¾ Takt notiert sind. So wird in den Osterliedern intuitiv zum Klingen gebracht, was sich weder beweisen noch denken lässt: Der Sieg der göttlichen Liebe über die Macht des Todes. Ein österlicher Ton erklingt da, der unseren resignierten Abgesängen, unseren alltäglichen Klagelitaneien und dem Höllenlärm von Terror, Hass, Gewalt und Zerstörung ein Hoffnungslied entgegensetzt.

Umgangssprachlich sagen wir: "Der Ton macht die Musik". Demnach kommt es ganz darauf an, wie, mit welchem "Unterton" jemand etwas sagt. In vielen Auseinandersetzungen überlagert oder widerlegt gar der Tonfall den Inhalt des Gesagten. Untergründiger Ärger, latente Resignation, negative Gefühle können eine gut gemeinte Aussage ins Gegenteil verkehren.

Unter Christenmenschen müsste eigentlich das Reden (und Tun!) getragen sein vom österlichen Ton der Hoffnung; getragen also von der Einsicht, dass wir Menschen und diese Erde von Gott her eine helle Zukunft haben; beflügelt von der freudigen Zuversicht, dass Gottes Möglichkeiten unsere Vorstellungskraft allemal übersteigen. Solcherart österlich redende und handelnde Christenmenschen

Pfarrer Ulrich Heinzelmann


Ber­ge, über die man hin­über muss

Pfarrerin Birgit Schmogro, evangelische

Pfarrerin Birgit Schmogro, evangelische
Friedenskirche Biberach FOTO: PRIVAT

Pfarrerin Birgit Schmogro, evangelische
Friedenskirche Biberach FOTO: PRIVAT

Tony Nelson ist Astronaut. Wie er von einem Raumflug zurückkehrt, missglückt die Landung und es verschlägt ihn auf eine Insel im Pazifik. Im Nachhinein stellt sich das für ihn jedoch als Glücksfall heraus. Denn dort findet er am Strand eine Flasche. Mit einem Flaschengeist. Und wie das eben so ist: Dem, der die Flasche öffnet, dem muss der Flaschengeist gehorchen. Und der ist ausgesprochen attraktiv. Der Geist ist eine schöne, junge, blonde Frau - die "bezaubernde Jeannie". Wer schon im vorgerückten Alter ist so wie ich, kennt sie: Die "bezaubernde Jeannie" war in den 1960er-Jahren eine beliebte Kindersendung. Und hat zu meinen Lieblingssendungen gehört. Wie diese Jeannie immer nur ihre Arme verschränken und einmal blinzeln musste, um ihrem Astronauten sämtliche Wünsche zu erfüllen, das hat mich fasziniert.

So eine Jeannie könnte ich heute auch gut gebrauchen. Eine, die mir all meine Wünsche erfüllt. Aber, ich bin weder Astronautin geworden noch in der Südsee gelandet und auch nicht in einer Märchenwelt. So kämpfe ich - wie Sie auch - mit so manchen Widrigkeiten, die sich nicht einfach mit einem Nicken wegzaubern lassen. Das heißt: Es gelingt mir vieles nicht, ich kann vieles nicht. Zu meinem Leben gehören viele Hindernisse, viele Barrieren und Einschränkungen. Und so ist das bei uns allen: Wir leben mit Grenzen, mit Beschränkungen. Und wer das nicht lernen will, kommt mit dem Leben nicht klar. Wir müssen lernen, dass wir immer mit körperlichen und gesundheitlichen, mit psychischen und vielerlei materiellen Begrenzungen leben müssen. Wer nur noch auf die blinzelnde Jeannie wartet, hat den Bezug zur Realität verloren.

Und trotzdem hat auch der Schriftsteller Ludwig Thoma (1867-1921) recht, wenn er mal gesagt hat: "Es gibt Berge, über die man hinüber muss, sonst geht der Weg nicht weiter."

Morgen ist Palmsonntag, mit dem die Karwoche eröffnet wird, in der die Christen in aller Welt an die letzten Leidenstage Jesu erinnern. Und wir erinnern uns so daran, dass Jesus dem Leid und Leiden nicht ausgewichen ist. So wie wir uns selbst gelegentlich auch in Situationen wiederfinden, wo wir keine Wahl mehr haben, sondern durch müssen. Eben: "Es gibt Berge, über die man hinüber muss …", es gibt Grenzen, die muss man überwinden und überstehen.

Wir wissen: Der Weg Jesu hört am Karfreitag nicht in der Begrenzung auf, sondern öffnet sich wieder. Am Ende wartet das Leben und die Erlösung. Deswegen ist aber Gott keine bezaubernde Jeannie, die mir gehorchen und all meine Wünsche erfüllen muss. Nein, ich werde auch weiterhin mancherlei Einschränkungen und gelegentlich auch Rückschläge ertragen müssen. Aber Jesus lebt uns vor, dass wir auch schwere Wege gehen können - im Vertrauen, dass Gott mit uns geht und uns über den einen oder anderen steilen Berg schon jetzt drüber hilft.


Einander Trösten in schwierigen Zeiten

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Dass unsere Welt in Gefahr ist, aus den Angeln gehoben zu werden, betonten in den vergangenen Wochen und Monaten auch zurückhaltende Analysten der augenblicklichen Zeitumstände.  Den Menschen ist das anzumerken. Auch wer im Einzelnen nicht mehr nachverfolgen kann, welche bedrohlichen Wolken sich am Horizont zusammenschieben, durch aktuelle Entwicklungen beschleunigt, der nimmt doch auch wahr, wie sich Stimmungen verändern.

Wer auf dem Weg zur Arbeit mit dem Bus oder mit dem Zug fährt, merkt wie selten ein Lächeln geworden ist oder fröhliche Ausgelassenheit, das ist auch auf den Straßen oder beim Einkaufen wahrzunehmen.

Wer schon einmal etwas „aus den Angeln“ gehoben hat, Türen oder Fenster, weiß wie schnell und einfach das manchmal vonstatten geht. Wesentlich einfacher auf jeden Fall, als es wieder in den ursprünglichen Zustand zu bringen: dazu gehören Kraft, Geduld und Präzision.

Im christlichen Grundsymbol des Kreuzes kann man erkennen, wie sich die widerstrebenden Kräfte dieser Welt an einem Punkt bündeln, im Durchkreuzen ja geradezu fokussieren, um von einem Einzigen zusammengehalten zu werden, damit die Welt eben nicht aus den Angeln gehoben wird: Jesus, dem Christus.

Für viele ist ihre Lebensperspektive eng geworden und die eigene Zukunft zerbrechlich. Wer in ein Zugabteil schaut, in die Schlange beim Einkaufen oder in das volle Wartezimmer, der bemerkt, dass da noch etwas hinter der üblichen Geschäftigkeit liegt. Freude an der Arbeit wird getrübt durch immer höhere Belastungen, Freude am Zusammenleben durch immer höhere Erwartungen und die Freude am Leben durch Krankheit und niederdrückende Lebensumstände. Menschen fühlen sich mehr und mehr allein gelassen und verlieren jeden Tag ein Stückchen Hoffnung. Der Apostel Paulus benannte genau solche Erfahrungen auch damals in seinem zweiten Brief an die Gemeinde nach Korinth und war selbst jemand, der die Freude am Leben beinahe schon ganz verloren hatte.

Sonntag, der 6. März trägt den lateinischen Namen „ Lätare“ – zu deutsch: Freuet euch !- schlägt aber eine ganz andere Tonart an.  Auf seine Erfahrungen angesprochen schreibt der Apostel: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater aller Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Trübsal, damit auch wir trösten können…“ ( 2. Korintherbrief, Kapitel 1, Verse 3 und 4)

Es ist ihm wichtig, dass die Menschen wissen und erfahren, da gibt es noch Trost und Hoffnung und diesen Trost sollen wir auch gerne weitergeben und einander trösten. Trost weitergeben an die, die cool und unnahbar erscheinen, die sich gerne auch von allem unbeeindruckt zeigen oder von sich sagen, dass sie eben immer das Positive sehen und sich mit dem Negativen nicht abgeben möchten.

Der Blick in die Augen der Menschen zeigt aber etwas Anderes: nichts ist so notwendig wie der Trost, gerade jetzt, einander einmal in den Arm zu nehmen, zuzuhören, ein gutes Wort füreinander zu finden, auch ein Lächeln an einem grauen, sonst freudlosen Tag ist hilfreich.

Auf dem Weg mit einer Soldatengruppe in den Bergen, bei Nebel, Nieselregen und Wolken, durchnässt, durchgeschwitzt und immer wieder auf rutschigen Wegen, wollten wir schon fast miteinander wieder umkehren. Der Weg zum Gipfel schien an diesem Tag nicht besonders attraktiv. Da begegneten uns Menschen, aus der entgegenkommenden Richtung. Man tauschte sich aus. Ja, erst einmal sei da noch der Nebel und die Wolkenfront, aber oben, genau ab dem (Gipfel-)Kreuz, würde es aufziehen und denn da scheine  die Sonne wieder.  Und so war es: nach anstrengenden Höhenmetern zeigte sich das Licht, die Sonne, und es bot sich ein grandioser Ausblick.

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen


Be­wusst den Spie­gel in die Hand neh­men

Liebe Leserinnen , liebe Leser, sicher haben Sie heute Morgen schon in den Spiegel geschaut. Haare kämmen geht ja schwer ohne Spiegel. Sicherheitshalber schauen wir ja meist auch in den Spiegel, ehe wir das Haus verlassen. Stimmt alles, sitzt alles, könnten andere etwas Unordentliches entdecken?

War es nur ein kurzer, notwendiger Blick oder haben Sie sich Zeit genommen, Ihr Gesicht dabei intensiv angeschaut, Ihre Figur oder besser Ihren Körper bewusst wahrgenommen? Hatte das Gesicht mal wieder zu viele Unreinheiten, zu viele Falten, oder zu intensiver Nachwirkungen der Fasnet? Und der Körper- die Figur - wie kritisch war der Blick, wenn Sie ihn nicht gleich vermieden haben?

Ich möchte Sie heute einladen, in den nächsten Wochen sehr bewusst den Spiegel zur Hand zu nehmen- vor den Spiegel zu treten und dann Ja zu sagen zum eigenen Spiegelbild. Ja zu sagen zu dem Menschen, der Ihnen entgegensieht, zu sich selbst. Unterstützt weiß ich mich dabei von der "Fastenaktion 7 Wochen Ohne", die mit ihrem diesjährigen Motto genau dazu auffordert, wenn es heißt: "Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen". Wir laden Sie ein, aus vollem Herzen zu sagen: "Du bist schön!" - zum Menschen an Ihrer Seite wie auch dem eigenen Spiegelbild. Und sieben Wochen lang soll gelten: "ohne Runtermachen!" Halten Sie inne, wenn Sie am eigenen Körper mal wieder Abweichungen von der Traumfigur feststellen, wenn Sie Ihrem Nachwuchs die exotische Frisur verübeln oder dem Nachbarn den Gesang unter der Dusche."

Vielleicht erstaunt Sie dieses Motto, aber es wird uns allen sicher nicht leicht fallen, es zu leben. Viel zu schnell werten wir andere ab. Und nicht nur die Fasnetsfiguren Oberschwabens halten uns einen Spiegel vor. Sie tun es wenigstens, um uns auf unsere Irrwege oder Eitelkeiten aufmerksam zu machen. Aber im Alltag halten wir unseren Mitmenschen in der Regel den Spiegel vor, stempeln sie ab, machen sie nieder und geben ihnen nicht die Chance, wahrzunehmen und zu korrigieren.

"Du bist schön"- gelingt es uns, das zu andern zu sagen- ohne unangenehmen Unterton, ohne Eigennutz- sondern einfach, weil der andere Mensch wie wir selbst ein geliebtes Geschöpf Gottes ist?

"Du bist schön"- gelingt es uns, das einmal am Tag zu uns selbst zu sagen? Gelingt es uns, uns im Spiegelbild als die zu erkennen, die wir sind, auch wenn wir gerade weder sonnengebräunt noch geschminkt sind? Auch wenn wir nicht einem Model aus dem Katalog oder dem Fernsehen gleichen? Gelingt es uns, unser Schönsein nicht an reinen Äußerlichkeiten festzumachen, sondern das in uns und dem andern Menschen zu erkennen, was ihn als Gottes Ebenbild auszeichnet, was davon ausstrahlt, durch diesen Menschen, durch uns durchscheint- erkennbar wird. Sieben Wochen ein anderer Umgang mit dem Spiegel - und dann haben wir den anderen Blick geübt und uns vielleicht zu eigen gemacht.

Brunhilde Raiser, Mengen, Geschäftsführerin Evangelisches Bildungswerk Oberschwaben

Wenn der Schmerz die Luft raubt

Evangelische Christen werden in jedem Jahr von einer Losung, einem Bibelwort begleitet, der sogenannten Jahreslosung. In diesem Jahr ist es ein Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 66, Vers 13: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet." Gott spricht diese Worte. Es sind Worte aus dem Ersten, dem sogenannten Alten Testament, das uns in hebräischer Sprache überliefert wurde.

Hörbar steht steht hinter dem hebräischen Wort für "trösten", n-ch-m, ein Aufatmen, ein Seufzen. (Versuchen Sie einmal, diese drei Konsonanten n-ch-m hintereinander auszusprechen, Sie werden merken: es ist ein Einatmen und Ausatmen). Es geht um Situationen, in denen einem die Luft wegbleibt. Durch Krankheit, durch Leid, Schmerz, durch Diskriminierung, durch Unterdrückung.

Es geht um Situationen, in denen Menschen gerade nicht erfahren, was uns die letzte Jahreslosung nahegelegt hat: Nehmet einander an. Nehmet einander in euer Leben auf. Menschen, die von einer schlimmen Krankheit betroffen sind, erleben es, Trauernde ebenso, sie werden gemieden.

Flüchtlinge in der Landeserstaufnahmestelle muss es so gehen, wenn vor ihren Einrichtungen gegen sie demonstriert wird. Männer und Frauen, die nicht in die üblichen Rollenfestlegungen passen, geht es ebenfalls so. Immer dann, wenn ein Mensch nicht als Bruder oder Schwester erkannt wird, sondern ausgesondert werden soll, bleibt ihm die Luft weg.

Denn wer lebt, möchte dazugehören, möchte anerkannt sein, möchte würdig behandelt werden und nicht zu spüren bekommen, dass er "anders" ist. Das tut weh. Ein Schmerz raubt uns die Luft. Wer lebt, muss atmen. Alles, was atmet, lebt. Wer nicht atmen kann, kann nicht leben.

Deshalb ist der Wortstamm für trösten, nchm, im arabischen: tief seufzen, heftig atmen. Wer getröstet wird, ist erlöst. Er bekommt wieder Luft, kann wieder leben. Er kann aufatmen. Und deshalb ist der Wortstamm nchm im syrischen: auferwecken. Wer getröstet wird, wer aufgenommen wird in die Gemeinschaft, wer besucht wird, wer akzeptiert wird, kann wieder leben.

Gott überwindet alle unsere Grenzen von drinnen und draußen, gleich und anders, oben und unten. Wer ausgesondert wurde, wird zurückgeholt, wer sich entfernt hat, wird gesucht. Bei ihm haben alle ihren Platz. Alle dürfen leben.

Gibt es Menschen, die diese Bewegung Gottes auf uns zu mitmachen? Wir brauchen sie! Wir brauchen diesen Trost, die Welt braucht ihn gerade sehr nötig.

Barbara Koch, evangelische Kirchengemeinde Altshausen

Zeit ist Geld

Jörg Scheiring, Pfarrer

Jörg Scheiring, Pfarrer

Jörg Scheiring, Pfarrer

Neulich war ich mal wieder zu langsam: An der Kasse im Supermarkt habe ich einen Stau verursacht, weil ich die Waren nicht schnell genug in meine Tasche bekommen habe. Das hat mich gestresst und ich habe mich gefragt: Warum setze ich mich da eigentlich so unter Druck? Ich habe doch Zeit. Auch die Dame hinter mir hat Zeit. Jeder hat Zeit. Ich habe mir vorgenommen, mir von jetzt an die Zeit zu nehmen, die ich brauche – zumindest an der Kasse im Supermarkt.


„Zeit ist Geld!“, sagen wir in einem Sprichwort. Richtig daran ist: Zeit ist begrenzt. Und darum ist uns das, was wir erleben wertvoll: Freundschaften, Liebe, Begegnungen, Erinnerungen. Sie sind wertvoll, weil sie begrenzt sind und eben nicht beliebig oft wiederholbar. Darum ist es klug, diese Dinge zu schätzen und zu genießen und Gott dafür zu danken. Denn unsere Zeit ist ein Geschenk Gottes an uns. Schauen Sie doch mal auf Ihre Uhr, wie der Sekundenzeiger sich bewegt. Jede Sekunde ist einmalig. Es gibt sie nicht nochmal. Zeit ist wertvoll. Sie macht unser Leben mit seinen Erlebnissen wertvoll.

„Zeit ist Geld!“ Falsch daran ist: Zeit kann man nicht sparen, so wie man Geld sparen und für später aufheben kann. Manchmal meinen wir, wir könnten Zeit sparen: Spülmaschinen sparen viel Zeit, sagt man. Tatsächlich hat eine Erhebung ergeben, dass man damit im Gegensatz zum Spülen von Hand nur recht wenig Zeit spart. Der Grund ist, dass viel Zeit benötigt wird, um die Spülmaschine optimal zu füllen. Mit den technischen Helfern steigt der Anspruch: Sobald man mit Auto, Flugzeug oder Bahn schneller von A nach B reisen kann, reisen wir nicht nur schneller und sparen Zeit, wir verbringen im Gegenteil immer mehr Zeit auf der Strecke. Trotz aller Neuerungen gelingt es uns nicht, Zeit zu sparen. Der Computer etwa entpuppt sich als wahrer Zeitfresser.

Wir können Zeit nicht sparen und für später aufheben. Was wir aber können, ist die Zeit, die uns geschenkt ist, bewusst gestalten. Von der englischen Ärztin Cicely Saunders stammt das Zitat: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Saunders gilt gemeinsam mit Elisabeth Kübler-Ross als Begründerin der modernen Hospizbewegung.

Bereits einige Tausend Jahre früher sagt der Psalmbeter in Psalm 90: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Ich verstehe das so: Ich will mir immer wieder bewusst machen, dass jeder Moment einmalig und mir von Gott geschenkt ist. Die schönen Momente machen mich dankbar. Und andere machen mich nachdenklich: Ist es das wirklich wert, dass ich an der Supermarktkasse gestresst bin? Oder ist es das wirklich wert, dass ich diesen einmaligen Moment damit zubringe, mich zu ärgern oder zu streiten um ganz unwichtige Dinge?

Wenn Sie das nächste Mal den Satz hören: „Zeit ist Geld!“, dann denken Sie sich doch einfach dazu: „…und lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Jörg Scheiring, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller


Unruhigen Zeiten – was tun?

Hanne Winter, Diakonin, Altenpflegeheimseelsorge Kirchenbezirk Biberach

Hanne Winter, Diakonin, Altenpflegeheimseelsorge Kirchenbezirk Biberach

Hanne Winter, Diakonin, Altenpflegeheimseelsorge Kirchenbezirk Biberach

„Ich freue mich, dass es endlich schneit!“ Alle Kinder im Kindergottesdienst haben unisono am vergangen Sonntag ihre Dankkerze mit diesen Worten angezündet. In der Klagerunde danach, waren sie sich wiederum einig: Es ist die Gewalt, der Krieg und Menschen, die auf der Flucht davor sind, die, die sie traurig machen. Angst, die sich wie eine Last auf ihre kleinen Schultern legt.
Wie sollen die Kinder, aber auch wir Erwachsenen, mit all den Eindrücken umgehen, die zurzeit auf uns einstürmen? Da sind die fast täglichen Schreckensmeldungen,  hervorgerufen durch Terror und Gewalt. Die Katastrophen, bedingt durch die Klimaveränderung. Die Welt scheint immer mehr aus den Fugen zu geraten!


Und neben all dem Elend und Leid, das dadurch entsteht, erschüttert vielleicht noch mehr, dass es trotz des Wissens und der Möglichkeiten, was wir uns inzwischen erworben haben, offensichtlich nicht möglich ist, die Probleme in den Griff zu bekommen.  
Im Kindergottesdienst haben wir das Ritual, einen Stein für alles abzulegen, was wie eine Last auf der Seele liegt und eine Kerze dafür anzuzünden, für das, was dankbar werden lässt. Beten – abgeben und loslassen, auf  Gottes Kraft vertrauen. Wir stellen fest, das tut uns gut. Wir spüren, neue Kraft wächst.


In einem alten Gebet der Bibel ist zu lesen, welche Freiheit und welche Möglichkeiten sich für einen Menschen aus dieser Erfahrung des Abgebens entwickeln: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten?  Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“ Psalm 27, 1+2


Die Betenden erhalten Kraft für die Gestaltung des Lebens aus der Gewissheit heraus, dass alles in viel größeren Händen liegt als in den Ihren. Gelassen mit den Herausforderungen umgehen und im Vertrauen auf Gott leben. Akzeptieren, meine Welt ist nur ein winziger Teil eines großen Ganzen.
In Zeiten wie den unseren kann diese Haltung dazu helfen, einen Konflikt auszuhalten, ohne sofort eine Lösung dafür zu haben.  Oder eine Antwort so lange zu suchen, bis das Problem verstanden worden ist und genug Menschen für eine nachhaltige Lösung gewonnen werden können.
Welche Macht ist das eigentlich, der wir im Gebet unser Vertrauen schenken sollen? In Psalm 27 ist zu lesen, dass es nicht die Zerstörung und der Tod ist, sondern das Licht, die Heilung und die Kraft, die das Leben will.
Unruhigen Zeiten – was tun? Das war die Ausgangsfrage!
Psalm 27 antwortet: Betend den Blick auf das Licht in der Finsternis richten und nicht verzagen, auch wenn einem bange ist.
Vertrauen darauf, dass alle Zerstörung und Tod  gegen die Macht unseres Gottes letztlich nichts wird ausrichten können.

Gott ist das Licht, das Heil und die Kraft, die das Leben will.  Durch Gott gewinnen auch wir Kraft zum Aushalten und zum Handeln.
Hanne Winter, Diakonin, Altenpflegeheimseelsorge Kirchenbezirk Biberach


Geist­li­ches Wort: Re­for­ma­ti­on und die eine Welt

Isabella Lehnert-Werner, Referentin beim Dekan. FOTO: PRIVAT

Isabella Lehnert-Werner, Referentin beim Dekan. FOTO: PRIVAT

Isabella Lehnert-Werner, Referentin beim Dekan. FOTO: PRIVAT

Von Isabella Lehnert-Werner

"Wo aber der Geist Gottes ist, da ist Freiheit" (2. Kor 3,17). Die Welt ist näher zusammengerückt. Das haben wir nicht nur an den Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, bemerkt, das sehen wir auch, wenn wir mit ein paar Klicks an jeden Ort der Welt gelangen können.

"Reformation und die eine Welt", das Thema des letzten Dekade-Jahres vor dem Reformationsjubiläum 2017, lenkt unseren Blick hinaus in die Welt, in die globale Welt.

Bevor sich im Jahr 2017 die Ereignisse in Deutschland und ganz besonders auf das kleine Wittenberg konzentrieren, lenken wir unseren Blick in großer Freiheit hinaus in die Welt. In Wittenberg hat alles angefangen und seinen Lauf in die Welt genommen. Martin Luthers Erkenntnisse nahmen dort in Wittenberg ihren Anfang und verbreiteten sich zunächst in den freien Reichsstädten wie Ulm, Straßburg, Biberach und gleichzeitig in der Schweiz: mit Zwingli in Zürich, mit Calvin in Genf. Auch die historischen Friedenskirchen, die seit dem Mittelalter bis heute Gewaltlosigkeit zu ihrer Identität zählen, haben die reformatorischen Gedanken in der Welt verbreitet: die Mennoniten und die Quäker. Auch John Wesley, der Begründer der Methodisten in England und Nordamerika und John Knox, der schottische Reformator, haben zur weltweiten Verbreitung der Reformation beigetragen.

Schließlich haben die Missionsgesellschaften im 18. Jahrhundert die Reformation nach Afrika, Indien, Indonesien, China, überallhin in der Welt gebracht. Es wurden Bibeln in die Landessprachen übersetzt, dazu Wörterbücher geschrieben wie zum Beispiel in die äthiopische Landessprache oder in Ghana in die Sprache Twi, so wie Luther einst die Bibel ins Deutsche übersetzt hat.

Kirchen der reformatorischen Tradition vertreten heute etwa 840 Millionen Glaubende weltweit. Diese große Vielfalt führte naturgemäß auch zu Missverständnissen, Verwerfungen bis hin zu Verletzungen.

Doch in all dieser Vielfalt ist es das eine Wort, der eine Glaube, die eine Heilige Schrift, allein Jesus Christus, was uns alle verbindet. Diese Vielfallt und Fülle ist ein Schatz, dessen wir uns gar nicht richtig bewusst sind.

Das Themenjahr "Reformation und die eine Welt" erinnert uns neu, wie aus einem regional begrenzten Impuls etwas global Wirksames werden kann, es erinnert uns auf eine andere Weise, dass wir nicht allein sind auf dieser Erde, es erinnert uns daran, dass Verletzungen nicht ewig bleiben müssen und dass wir hören können auf reformatorische Impulse für diese Zeit.


Das geist­li­che Wort: Sin­nes­wan­del

Pfarrer Albrech Schmieg. Foto Archiv

Pfarrer Albrech Schmieg. Foto Archiv

Pfarrer Albrech Schmieg. Foto Archiv

Da war unlängst die Silvesternacht: "Ab heute Nacht, im nächsten Jahr mache ich dies und das ganz anders als bisher." Gute Vorsätze sind etwas Gutes. Man hat ja zumindest schon mal begriffen, was sich ändern muss. Bei mir hat es dieses Jahr nicht so geklappt. Ich habe die Vorsätze in dieser Silvesternacht nicht gefasst und ich fragte mich, warum? Es war nicht die Angst davor, mich alsbald doch wieder zu enttäuschen, dass ich es dann doch wieder nicht schaffe. Diese Angst gibt es ja auch und hält uns beim Gewohnten. Ich war abgelenkt. Es gibt viel zu viel zu sehen, zu hören, zu fühlen, wahrzunehmen in dieser Nacht. Überhaupt wird in der Zeit zwischen den Jahren viel spürbar, in den Tagen der Auszeit, den Raunächten des Jahreswechsels. Das Vergangene und wie es sich anfühlt, darauf zu blicken, und auch das vor einem liegende, die Zukunft kommt mir besonders nahe.

Und in der Silvesternacht passiert dann noch etwas ganz Besonderes: Der spürbare Wandel der Zeit, die Veränderung in meinem Leben schlägt um und wird gefeiert. Feiern in den Familien mit Essen und Trinken, Feiern in den Lokalen und auf den Straßen und Plätzen mit viel Getöse. Das, was uns normalerweise eher gemischte Gefühle zwischen Angst und Hoffnung macht, der Wandel, die so oft gefürchtete Veränderung, wird zum rauschenden Fest, hemmungslos gefeiert. Man ergibt sich dem Wandel der Zeit. Eine Freundin hat mir zur Feier dieser Nacht die Mondscheinsonate rückwärts gespielt.

Ein Vers aus dem Predigttext des morgigen Sonntags lautet: "Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene" (Römer 12 Vers 2).

Dieser Vers wurde auch als Herrnhuter Tageslosung für den gestrigen Freitag ausgelost. Veränderung ist nichts, was uns Angst machen soll. Zwischen Gestern und Morgen, zwischen dem, was ich halt bin und der Vollkommenheit, die Gott für mich bereithält, gibt es immer eine Veränderung. Sie lässt uns prüfen und spüren, was Gottes Wille für uns ist. Eine Losung der Evangelischen Kirche, die 2017 ihr 500-jähriges Bestehen feiert, heißt "ecclesia semper reformanda", "die Kirche muss sich ständig verändern". Die Kirche, wir selber, unser Land, unsere Welt verändert sich ständig. Die vielen Flüchtlinge, die vergangenes Jahr zu uns kamen haben eine herzliche, manchmal überschwängliche Willkommenskultur im Land entstehen lassen. Das ist schön und lässt hoffen. Die öffentlichen Plätze, wo es Internet umsonst gibt, haben ihr Gesicht verändert. Vielleicht ist 2016 das Jahr des politischen Augenmaßes, damit in uns nichts umschlägt in Angst und wir die Menschlichkeit halten können.

Jede Begegnung mit einem anderen Menschen, jeder Augenaufschlag, jeder Augenblick unseres Lebens, mit der Natur, mit einem Haus, mit einem Ding, … kann und will uns verändern und Gott kann und will uns darin begegnen und behüten.

Gehen Sie behütet durch das neue Jahr.

Pfarrer Albrecht Schmieg, Klinikseelsorger, Biberach


Das geist­li­che Wort: Ich bin da

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach FOTO: JOACHIM KOEPFF

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach FOTO: JOACHIM KOEPFF

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach FOTO: JOACHIM KOEPFF

"Ich bin da", sagt die Mutter. Sie nimmt den Kleinen auf den Schoß, das Schluchzen verstummt, die Tränen trocknen und die aufgeschlagenen Knie tun schon fast nicht mehr weh. Ich bin da, drei Worte verändern alles. Die Wunden sind nicht gleich verheilt, das Loch in der Hose klafft, es blutet noch immer. Aber jetzt ist alles plötzlich gut, das andere kommt später. "Ich bin da", sagt die Mutter und zeigt es mit ihren Armen, die sie um den Kleinen legt. Nichts anderes zählt jetzt.

Von solchen Augenblicken zehren wir noch als Erwachsene und tragen die drei kleinen Worte "Ich bin da" tief im Herzen. Manch Erwachsener erlebt sie selbst dann noch, wenn er seiner alt gewordenen Mutter begegnet, alles ist gut. Mütterlicher Trost, vielleicht auch vom Vater oder sonst jemand gesprochen, der es gut mit uns meint. "Ich bin da", das sind Urworte des Trostes. Was weh tut, ist nicht alles weggezaubert. Aber jetzt ist es erst mal gut - und die Wunden sehen schon ganz anders aus. Wohl dem Kind, wohl der Frau und wohl dem Mann, die solche Worte in sich tragen.

Mit diesen Urworten des Trostes schickt uns die Jahreslosung, das biblische Leitwort für 2016, in die kommenden zwölf Monate. "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet", sagt Gott. Einst hörten das die Israeliten. Sie waren in eine vom Krieg zerstörte Stadt heimgekehrt, gemeinsam wollten sie einen Neuanfang wagen im gelobten Land, in den Mauern Jerusalems. Alles sollte anders werden. Bald jedoch merkten sie, auch im gelobten Land bleiben Konflikte, Streit und Unrecht nicht aus. Sie waren am Verzweifeln.

Da nimmt Gott sie mütterlich in den Arm: Ich bin da, ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Die Urworte des Trostes "Ich bin da" sind in der Bibel zum Namen Gottes geworden. So stellt Gott sich den Menschen vor. Ich bin da - darum fürchtet euch nicht. Gott tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. Dann ist erst mal alles gut, ich kann durchatmen, hinterher sehen wir nach dem Rest.

Solche Trostmomente wünsche ich Ihnen für das neue Jahr, Momente, in denen Sie spüren, alles ist gut, das andere kommt später. Ich wünsche Ihnen Menschen, die Ihnen das von Herzen zeigen. In den kommenden Monaten will ich mich aber auch fragen, wo bin ich derjenige, der in den Arm nehmen und einen anderen trösten kann, damit für ihn oder für sie erst mal alles gut sein kann. Vielleicht ist es jemand, den ich heute noch gar nicht kenne.

"Ich bin da", sagt Gott. Gehen Sie darum getröstet in ein gesegnetes neues Jahr.


24 Türen bis Weihnachten

Hanne Winter, Diakonin

Hanne Winter, Diakonin

Hanne Winter, Diakonin

Mag sein, dass in den kommenden Tagen Menschen vor dem Adventskalender stehen und voller Neugierde überlegen: „Was ist  wohl hinter diesen Türen?“  Manchmal erzeugt diese Frage großes Verlangen und entgegen der Alltagsweisheit, „Vorfreude ist die schönste Freude“, wird dann auch mal ein Türchen vor der Zeit geöffnet.

Es soll es schon vorgekommen sein, dass Kinder sich in eine stille Ecke verkrochen haben, um sich innerhalb weniger Minuten durch die 24 Köstlichkeiten hinter den Türen durchzufuttern.
Der Adventskalender zelebriert das Warten und kultiviert die Vorfreude. Aber mal ganz ehrlich? Eigentlich passt er doch mit diesen Merkmalen nicht mehr in unsere Zeit! Schließlich haben die meisten Menschen sich daran gewöhnt, dass alles jederzeit zugänglich ist.

Die 24 Türen des Adventskalenders sind ein Relikt aus alter Zeit. Sie kommen aus dem19. Jahrhundert, als der Mangel an der Tagesordnung war und die Vorfreude auf einen reich gedeckten Tisch an Weihnachten groß. Mit jeder offenen Tür kam man dieser Weihnachtsfreude damals näher.
Aber heute? Erwartung, Vorfreude und Vorbereitung  auf Weihnachten ist angesichts von Lebkuchen im Oktober schwer durchzuhalten. Was damals klar war, ist heute ein Lernfeld! Der Advent wird immer länger. Schon lange reichen die 24 Türen nicht mehr aus.
Möglich, dass der Adventskalender lehrt: Die Freude bleibt nur, wenn die Vorfreude 24 Türen hat. Teilst du dir den Weg nicht ein und futterst schon vorher die ganzen Köstlichkeiten, dann wird am Ende die Enttäuschung  groß sein und vielleicht sogar eine Leere entstehen.

Es sind 24 Türen im Dezember und hinter jeder Tür wartet eine kleine Freude, die es bewusst zu genießen gilt. Nicht alles auf einmal haben wollen, sondern Tür um Tür, Schritt für Schritt bis zur Doppeltür am 24. Dezember. „Die Adventszeit mit ihren besonderen Farben und Düften, mit Lichterglanz und Weihnachtsbäckerei braucht ihren festen Rahmen, wenn sie ihre Bedeutung und ihren Sinn nicht verlieren soll. Nur dann können wir wahrnehmen und erleben: Kommt Zeit, kommt Advent, die Ankunft Gottes“, so heißt es in einer Erklärung der EKD zur Adventszeit.

Der Advent, Schritt für Schritt innere Vorbereitung, weil Gott uns entgegen kommt. Es ist diese große Weihnachtsfreude, die hinter der Doppeltür auf uns wartet! Ups, doch schon die letzte Tür vor der ersten geöffnet?  Nein, denn aus dem Wissen, was hinter der letzten Tür auf uns wartet, ergibt das Öffnen der Türen davor erst einen Sinn.
Am Adventskalender öffnen wir Türen, doch wir können auch selbst zu Türen im Advent werden. Mitmenschlichkeit,  Achtung voreinander, Frieden, Versöhnung sind für mich Türen, die uns Schritt für Schritt und Tür für Tür der großen Doppeltür von Weihnachten näher bringen.

Hanne Winter, Diakonin (Altenpflegeheimseelsorge, Kirchenbezirk Biberach)


Weltfremd?

Michael Pfeiffer

Michael Pfeiffer
Schuldekan des Kirchenbezirkes Biberach
Pfarrer und Supervisor (DGfP)

Michael Pfeiffer
Schuldekan des Kirchenbezirkes Biberach
Pfarrer und Supervisor (DGfP)

„Wer denkt / dass die Feindesliebe / unpraktisch ist / der bedenkt nicht / die praktischen Folgen / der Folgen / des Feindeshasses“ Diese Worte notierte einst der Lyriker Erich Fried unter der Überschrift „Weltfremd“. Mich fragt er damit, ob wir die konkreten Folgen der Folgen unserer Haltung z.B. den geflüchteten Menschen gegenüber im Blick haben. Denn unsere innere Haltung bestimmt letztlich unser Tun. Und dieses Tun (oder auch unser Lassen) hat immer Auswirkungen.

Wie begegnen wir den „Fremden“? Tolerieren wir sie? Nehmen wir ihre Anwesenheit hin? Begegnen wir ihnen also eher gleichgültig? Oder lehnen wir sie ab, weil in uns Sorge aufkommt, die fragt, wie das mit den Flüchtlingen weitergeht? Denn wir ahnen, dass unser Sorgen nur für uns selbst durch ihre Anwesenheit gestört werden könnte. Und angesichts dessen errichten wir innerlich eher Zäune, als Brücken zu bauen. Unsere Sorge um uns selbst versperrt dem Mitgefühl die Tür. Sie lässt die Not des anderen nicht an uns ran. Uns bleibt dann nur unsere Durchsetzungs-, Distanz- und Anspruchskultur. Mehr als unser eigenes Wohl vermögen wir nicht als Ziel zu sehen.

So wird es schwierig, den Fremden anzuerkennen, was eine höhere Stufe der Toleranz wäre. Seine Art zu leben und seine Kultur hätte dann auch Raum bei uns. Flüchtlinge wären dann bei uns willkommen, obwohl sie anders sind als wir. Wir wären bereit zu teilen. Dazu wäre nicht einmal der Hinweis nötig, dass die Flüchtlinge für uns alle auch „nützlich“ sein können.

Der höchste Grad von Toleranz wäre aber wohl, Gemeinschaft mit den Fremden zu suchen. Als Folge könnte für uns allerdings scheinbar Selbstverständliches unselbstverständlich werden. Durch die Fremden und mit ihnen würden wir evtl. neu und anders auf unser eigenes Leben schauen. Das könnte bereichern sein. Aus Eigensinn könnte mehr Gemeinsinn werden, aus Hartherzigkeit Barmherzigkeit, aus Sorge Fürsorge … Mehr Mitmenschlichkeit auch Alten, Kranken, an den Rand Gedrängten könnte sich so in unserem Gemeinwesen entwickeln. Wir würden vielleicht sogar spüren, dass wir selbst hier und jetzt nur „Gäste“ sind.

Wie begegnen wir den „Fremden“? Jede unserer Begegnungsweisen hat Folgen. Und wer meint, dass Fremdenfreundlichkeit unpraktisch, ja weltfremd sei, der bedenkt nicht die praktischen Folgen der Folgen des Fremdenhasses.

Vermutlich wird manche und mancher angesichts dieser Zeilen denken, dass der Schreiber recht weltfremd ist. Das könnte ich sogar verstehen. Doch fragen will ich erneut: Haben wir die praktischen Folgen der Folgen unserer Fremdenfeindlichkeit genug vor Augen? Ist uns dabei auch die Verarmung unseres eigenen Lebens bewusst? Denn wo es keine Solidarität mehr gibt, wird diese Welt kalt und grausam.

Gut, dass mich der Bibelvers für den heutigen 7. November aus den Herrnhuter Losungen noch „stört“. Da heißt es: „Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst!“ (3. Mose 19,34) – Ein weltfremder Gedanke?


Das geist­li­che Wort: Das ist der Ernst­fall des Glau­bens

Pfarrerin Isabella Lehnert-Werner, Biberach

Pfarrerin Isabella Lehnert-Werner, Biberach Foto: privat

Pfarrerin Isabella Lehnert-Werner, Biberach Foto: privat

Nicht nur in Dresden, sondern landauf, landab scheint sich gerade die angebliche "Stimme des Volkes" gegen die Fremden, die als Verfolgte bei uns Schutz suchen, zu erheben. Kabarettisten und Zeitungen bekommen Hassmails in ungekanntem Ausmaß und mit bisher in einer zivilisierten Gesellschaft ungekannten Inhalten. Andere applaudieren. Anscheinend darf man in diesen Tagen alles sagen, ohne Rücksicht auf die Wahrheit und ohne Rücksicht auf die Werte unserer Gesellschaft. Die Zeichen weisen alle in dieselbe Richtung: Enthemmung und Verrohung der Gesellschaft. Es ist ein Spiel mit der Angst von Menschen, die nicht wissen, was auf sie zukommt, wenn sie Fremden begegnen, oder wenn von ihnen Solidarität gefordert wird.

Wir Evangelischen feiern heute einen wichtigen Tag. Der 31. Oktober verbindet sich mit dem Thesenanschlag Luthers an die Wittenberger Schlosskirche im Jahre 1517 und gilt als Geburtstag der Evangelischen Kirche. Luthers Thesenanschlag war ein Protest dagegen, dass mit der Seelenangst der Menschen gespielt wurde. Seit 1522 kann jeder und jede die Bibel selbst lesen. Das war Luthers Anliegen. Er hat sie ins Deutsche übersetzt, damit niemand mehr Macht über die Seele eines anderen haben kann.

Jeder evangelische Christ sollte, mündig in Glaubensdingen, wissen, was in der Bibel steht und vor allem, was dort nicht steht. Wer heute die Texte der Apokalypse des Johannes dafür benutzt, Menschen Angst vor Flüchtlingen zu machen, der tut der Heiligen Schrift Gewalt an. Diese Texte sind angstbesetzt, denn diese Texte sind verschlüsselt von Menschen, die nicht offen sprechen konnten oder bereits im Untergrund lebten. In ihr drücken Verfolgte aus dem Versteck oder schon auf der Flucht vor dem totalitären Herrscher Kaiser Domitian 51 bis 96 nach Christus ihre Angst vor Gewalt und Folter, aber auch ihre Hoffnung aus. Sie verarbeiten mit monströsen Bildern die Gewalt, die sie erleben. Diesen Menschen, die heute auf der Flucht vor Gewalt und Verfolgung zu uns kommen, gehören die Texte der Apokalypse. Ihr Inhalt sagt, Gott sitzt im Regiment, angemaßte Macht und Gewalt wird nicht ewig dauern. Gott wird den Fremden, den Verfolgten und den Flüchtlingen beistehen, wie er es - in der Bibel nachlesbar - schon immer, seit Abraham gemacht hat. Denn Gott ist parteilich. Gott regiert und setzt den weltlichen Gewaltherrschern ein Ende. Gott setzt den Lügen ein Ende. Das ist der Inhalt der Apokalypse.

Nun zu uns heute: Wer Angst hat vor dem, was kommt, soll dies auch als Angst erkennen und sie bearbeiten. Wer eine andere Meinung hat, soll diese sagen, sachlich und richtig informiert und im Wissen, dass unsere abendländischen Werte in der Bibel und in den Menschenrechten stehen. Jesus setzt in einer Art Rollenspiel zur Einübung in das christliche Leben auf Begegnung mit den Fremden und sagt: "Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen." Das heißt doch: In jedem Fremden können wir Christus begegnen. Das ist der Ernstfall des Glaubens.

Von Isabella Lehnert-Werner 31. Oktober 2015


Das geist­li­che Wort: "Die Fah­ne hoch?!

Pfarrer Wolfgang Raiser, Mengen

Pfarrer Wolfgang Raiser, Mengen

Pfarrer Wolfgang Raiser, Mengen

"Die Fahne hoch" so beginnt das Horst-Wessel-Lied, das Kampflied der SA im NS-Deutschland, mit deren Verherrlichung des deutschen Nationalismus und Verachtung anderer "Rassen" und Überzeugungen der Zweite Weltkrieg angebahnt wurde. Auch wenn die zunehmend rechtsradikalen Pegida-Demonstranten und ihre Anhänger der übernächsten Generation angehören, so knüpfen sie doch immer ungenierter an die Parolen des Naziterrors an , tragen Galgen mit Namen von Politikern, reden von "Lügen- und Judenpresse" , und bedrohen Journalisten wie in Diktaturen. "Judenpresse" ist dabei besonders infam, wo es ihnen ja sonst um Stimmungsmache gegen Muslime geht und um Schüren der Angst vor einer Islamisierung des christlichen Europas durch muslimische Flüchtlinge. Dazu schwenken sie die Deutschlandfahne in schwarz-rot-gold.

Auf Grund unserer Geschichte ist der Umgang mit unserer Fahne belastet. Erst die Fußball WM 2014 hat eigentlich uns wieder ein frohes Fahnenschwenken ohne Herrschaftsansprüche über andere ermöglicht. Ob denen, die sie als Zeichen der Feindschaft gegen Fremde und Andersdenkende schwingen, bewußt ist, dass die schwarz-rot- goldenen Farben ursprünglich Zeichen des Kampfes für die Freiheit und gegen Unterdrückung und Verfolgung Andersdenkender sind? Als solche wurden sie von der Bundesrepublik wieder auf ihre Fahnen geschrieben. Und genauso wie der Frieden nicht durch Krieg zu gewinnen ist, sind diese Werte der Freiheit nicht mit gegenteiligen Mitteln wie Mauern und Stacheldraht und bewaffneten Grenzposten zu schützen ( das hat ja ein deutscher Staat schon einmal gemeint), sondern nur mit eben diesen Werten selbst, indem wir sie öffentlich vertreten, verteidigen und leben und auch dafür kämpfen! Wir sollten die Inanspruchnahme unserer Werte ("unseres christlichen Abendlandes" wie ausgerechnet von denen betont wird, die sich am allerwenigsten daran halten!) nicht denen überlassen, die sie mit Füßen treten, sondern mit ihnen Angst, Hetze und Hass überwinden.

So verstehe ich den Wochenspruch aus Röm 12,21 ganz aktuell christlich-politisch: "Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern überwinde das Böse mit Gutem!"

Von Pfarrer Wolfgang Raiser, Mengen


Kunst des Bogenschießens

Herr Wolf Häntsch, Bachritterburg Kanzach und Pfarrer Georg A. Maile - Photo: Teresa Glaner, Bad Schussenried

Herr Wolf Häntsch, Bachritterburg Kanzach und Pfarrer Georg A. Maile - Photo: Teresa Glaner, Bad Schussenried

Herr Wolf Häntsch, Bachritterburg Kanzach und Pfarrer Georg A. Maile - Photo: Teresa Glaner, Bad Schussenried

Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kunst des Bogenschießens zu erlernen ist nicht leicht. Pfeil und Bogen waren früher die Sportgeräte, die mit einer Schnur und einem Haselnussstecken leicht herstellbar waren und auch die Pfeile wurden schnell gefunden. Nie gegen eine Person , hatte man gelernt und so flog der Pfeil mal in die Höhe, mal in die Weite, das trifft im übertragenen Sinne auch auf die vielen Worte zu, die tagsein, tagsaus gesprochen werden, rede viel und gerne, aber nie Schlechtes über deine Mitmenschen und erst recht nicht: hintenherum.  Heutzutage hat man beim Bogenschießen ein Ziel vor Augen, freilich am besten ist es, den Mittelpunkt zu treffen, aber das gelingt nicht immer, denn dazu gehören Fleiß, Ausdauer und Konzentration.


Anspannung und Entspannung, zwei Schlüsselwörter für`s wirkliche Leben, viel zu oft nehmen wir uns viel zu viel vor und vergessen dabei die Entspannung, die Zeit, um  innerlich zur Ruhe zu kommen und wieder  neue Kraft zu schöpfen. Unzufriedenheit  ist die Folge, wenn Menschen immer nur versuchen, den Erwartungen der Umwelt gerecht zu werden. Ich frage mich oft, warum nicht mehr der Grundsatz: „leben und leben lassen“ beherzigt wird.
Auf die richtige Atmung kommt es an beim Bogenschießen,  ganz entspannt und gelockert den Bogen in die Hand nehmen, das Ziel vor Augen haben, den Pfeil zwischen Zeige- und Ringfinger halten, dann die Spannung herbeiführen, nochmals kontrollieren, links, rechts das Auge schließen, um die Mitte anzuvisieren.


Ja, denke ich, viel zu oft sind unsere Gespräche weit von der Mitte entfernt. Da geht es um Nebensächlichkeiten und das Eigentliche wird überhaupt nicht angesprochen, mal aus Angst, jemanden zu verletzen, mal aus Vorsicht, bloss nicht zuviel von sich selber preiszugeben, könnte ja einem als Nachteil angerechnet werden.  Wer zuviel Gefühl zeigt, wird als unausgeglichen abgestempelt, wer alles in sich hineinschluckt, bekommt  Magenbeschwerden und anderes.


Beim Bogenschießen lerne ich: auf die Anspannung und auf die Entspannung kommt es an,  auf die Gelassenheit  im Umgang mit den Problemen dieser Zeit und  mit unseren Mitmenschen, die manches Mal so anders sind als wir. Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „Wir müssen durch die kleinen Gedanken, die uns ärgern, hindurchfinden zu den großen Gedanken, die uns stärken“.
Dazu gehört das Ziel: Was möchte ich in meinem Leben erreichen,welche Aufgaben machen mir Freude, welche möchte ich gerne wieder abgeben?  Hin und wieder  begegnen mir Menschen, die nicht gerade glücklich sind in ihrer ehrenamtlichen Arbeit, weil  viel zuviel auf ihnen lastet. Der Umgang mit Pfeil und Bogen bringt die Erkenntnis:  jede Anspannung braucht auch eine Entspannung, das Leben ist viel zu kostbar, um immer nur für andere da zu sein und sich selbst, seine eigenen Interessen und Wünsche in den Hintergrund zu stellen.


In der Bibel steht geschrieben : „Alles hat seine Zeit und ein jegliches Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde“, (Prediger 3,1); das ermutigt , JA oder  NEIN zu sagen, halbherzige Kompromisse beeinträchtigen die Gesundheit. Dafür gibt es genügend geflügelte Worte.
Dann kommt der Schuß. Loslassen will gelernt sein. All das Belastende hinter sich zu lassen,  befreit und schenkt die Konzentration auf den Augenblick,auf das gelebte Leben im Hier und Jetzt. Gut, dass es die Kunst des Bogenschießens gibt.


herzliche Grüße zum Wochenende
Ihr Pfarrer Georg A.Maile


Komm spiel mit mir!

Jörg Scheiring, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller

Jörg Scheiring, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller

Jörg Scheiring, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller

Vor der Petruskirche im schwedischen Malmö fällt mein Blick auf ein Plakat mit der Überschrift „Come play with me!“ – Komm spiel mit mir! Darunter ein Foto mit zwei sich gegenüberstehenden Klavieren. Das macht mich neugierig. Ich betrete die Kirche und entdecke einen Glaskasten, in dem ein Klavier steht. Dahinter eine hohe Wand. Hinter die Wand sehe ich nicht, lese aber erneut die Einladung: „Come play with me!“. Das lockt mich. Obwohl ich am Klavier höchstens so etwas wie „Alle meine Entchen“ spielen kann, setze mich ans Instrument und schlage vorsichtig einen einzigen Ton an. Von der anderen Seite vernehme ich prompt einen sanften und wohlklingenden Akkord. Ich spiele eine kurze Tonfolge. Auch in diese wird eingestimmt und meine zusammenhangslosen Töne werden kunstvoll miteinander verbunden und musikalisch vollendet. Ich werde mutiger und haue immer stärker in die Tasten – wild und ziemlich schräg. Kaum zu glauben: auch daraus wird eine wohlklingende Melodie.


Andere Kirchenbesucher werden aufmerksam. Ich mache den Platz am Klavier frei. Eine Frau setzt sich und beginnt zu spielen. Sie kann es, das hört man sofort. Die andere Seite reagiert, stimmt ein und es entsteht ein wunderschönes Klavierduett. Beide musizieren miteinander – ohne sich zu sehen, ohne sich zu kennen, aber durch die Musik verbunden. Immer mehr Menschen werden von den Klängen angelockt. Ich beobachte noch einige, die der Einladung folgen: Könner und auch solche, die nur klimpern wie ich. Aus allem wird ein Klang, wird Musik – wird Verbindendes.


Die Installation ist eine Idee der schwedischen Künstlerin Kirsti Pedersen. Hinter der Wand am gegenüberstehenden Klavier sitzt ein Pianist, der in das Spiel der Eingeladenen einstimmt und sogar schräge Töne gekonnt einbindet. Eine schöne Metapher für das Leben und das Miteinander, denke ich: Zwei sich unbekannte Menschen hören aufeinander, nehmen einander wahr und im gemeinsamen Tun entsteht etwas Besonderes.


Meine Gedanken ziehen weitere Kreise: Wenn nun diese Klaviertastatur ein Symbol für mein Leben ist und ich eigeladen bin, meine ganz persönliche Lebensmelodie anzustimmen? Und wenn als Gegenüber Gott in diese meine Melodie einstimmt, sie veredelt und vollendet? Und wenn anstatt der Musik mein Glaube das Verbindende ist? Ein schöner Gedanke: Die Einladung zu leben und sein Leben zu gestalten, die eigene Melodie anzustimmen. Die Einladung, ausgesprochen von Gott, der mir das Leben gab und so Vieles für mich bereithält. Und ich darf es nutzen, mir zu eigen machen, darauf spielen, es zu meiner Melodie formen und im Glauben darauf vertrauen, dass Gott sie hört. Gott nimmt die Melodie meines Lebens wahr, ob sie in Dur oder in Moll erklingt, gekonnt oder schräg, meisterhaft oder dilettantisch. Gott vollendet sie und wird einen Wohlklang daraus formen.


In seinem Lied „Ich singe dir mit Herz und Mund“ dichtet Paul Gerhardt: „Wohlauf, mein Herze, sing und spring und habe guten Mut! Dein Gott, der Ursprung aller Ding, ist selbst und bleibt dein Gut.“ Eine Einladung, sein Leben frohen Mutes in der Gemeinschaft mit anderen -Bekannten oder Unbekannten, Einheimischen oder Fremden- zu gestalten, beherzt und lebensfroh. Und gleichzeitig darauf zu vertrauen, dass Gott diese Lebensmelodien wahrnimmt, in sie einstimmt, sie zu einem Wohlklang für mich und andere formen wird, und sogar der ein oder andere Misston daran nichts ändern kann. Ja – einer solchen Einladung will ich gerne folgen.


Jörg Scheiring, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller


Das Geistliche Wort: Dein Glau­be hat dir ge­hol­fen

Pfarrer Dr. Ulrich Mack, Bad Schussenried.

Pfarrer Dr. Ulrich Mack, Bad Schussenried.

Pfarrer Dr. Ulrich Mack, Bad Schussenried.

Der wohl bekannteste Patient der Psychiatrischen Klinik in Bad Schussenried war Gustav Mesmer, der als "Ikarus vom Lautertal" bekannt geworden ist.Das zentrale Gebäude der Klinik, das Gustav Mesmer Haus, weckt automatisch die Neugierde für diesen Menschen, von dem erzählt wird, dass er 35 Jahre in der Psychiatrie verbracht hat. Als Hommage an Gustav Mesmer steht heute als Kunstwerk ein Nachbau eines Flugfahrrades vor dem neuen Klinikgebäude.Mesmer hat als Patient nicht nur vom Fliegen geträumt und seine Flugfahrräder entwickelt, er war in dieser Zeit auch intensiv auf der Suche nach Gott.Seine psychiatrische Erkrankung hat seinen Lebensweg geprägt und sein Denken beeinflusst. Sein Anliegen aber war ein grundmenschliches: Halt in Gott selbst zu finden.In der damaligen Gesellschaft war er ein gescheiterter und ausgegrenzter Mensch. Die Erfahrung der Entlassung aus dem Kloster Beuron nach dem Noviziat und die als Schande empfundene psychiatrische Erkrankung prägten ihn und beluden ihn mit Schuld und Scham. Zeitlebens hat Gustav Mesmer das Ziel, ein eigenständiges Leben führen zu können, verfolgt und um seine Würde als Mensch gekämpft.In immer neuen Anläufen notierte er auf Zetteln und in Schulheften seine Auseinandersetzungen mit Gott und der Bibel: Sein Fragen ist radikal, aber auch kindlich offen. Er sucht nach einer Möglichkeit, von Gott direkt Vergebung zu erhalten. Bei seiner Suche erfährt er Gott "im Geist und im Verstand", wie er es einmal schreibt. Sein großer Trost wird ihm seine ganz eigene Vorstellung von der Wiederkunft Christi und der Auferstehung der Toten. Dabei ist ihm das Fliegen ein Gleichnis für die Nähe zu Gott geworden und die Freiheit in der Luft schenkt ihm eine Vorfreude auf die kommende Auferstehung. Seine Vision von einem neuen Friedensreich schließt sein religiöses Suchen ab.Durch sein intensives Fragen und Suchen hat Gustav Mesmer einen ganz eigenen, persönlichen Glauben gefunden. Den Grund dafür schöpfte er aus dem inneren Wissen um die geistige Einheit des Menschen mit Gott. Dies gab seinem Leben Sinn, Inhalt und Orientierung. Das Leben von Gustav Mesmer zeigt, wie wichtig ein eigener Glaube für das Leben ist. Der Glaube hilft, unabhängig von den je eigenen Lebensumständen, das eigene Leben als sinnvoll wahrzunehmen und sich daran zu freuen. In diesem Sinn kann uns Gustav Mesmer ein Vorbild sein.


Das geist­li­che Wort: Mit Jesus weinen?

Michael Pfeiffer, Evangelischer Schuldekan, Biberach

Michael Pfeiffer, Evangelischer Schuldekan, Biberach

Michael Pfeiffer, Evangelischer Schuldekan, Biberach

Gegenüber der Altstadtmauer am Ölberg in Jerusalem steht eine Kapelle. Hier könnte ein Ort für alle sein, die angesichts sozialer, wirtschaftlicher und politischer Strukturen Tränen in den Augen haben, weil sie „durchblicken“ und hinter die Dinge schauen. Hier könnten diejenigen trauern, die sehen, wie sich die Konflikte vor Ort, in Europa und der Welt zuspitzen, weil sie bemerken, wie unfähig wir zum Teilen sind, wie sehr wir vor allem unseren Eigennutz statt des Gemeinwohles für alle im Auge haben. Hier könnten auch diejenigen weinen, die sehen, wie wir mit offenen Augen immer weiter Raubbau an der Natur treiben und unsere Mitwelt zerstören.

"Dominus flevit", als der Herr weinte, heißt die Kapelle da im Olivenhain am Ölberg in Jerusalem. Dort hat Jesus einst über Jerusalem geweint und angesichts der Stadt gemeint: „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen.“ (Lk 19,42)

Erkennen, was zum Frieden dient. Und zum Frieden ist nötig, dass jede und jeder hat, was er zum Leben braucht. Auch soziale Anerkennung und persönliche Akzeptanz gehören dazu!

Warum fällt uns solche Erkenntnis so schwer? Warum scheint das auch vor unseren Augen verborgen zu sein?

Die Weinenden könnten uns mögliche Antwort geben. Denn sie merken, wo Unrecht herrscht, wo man Menschen ausgrenzt, sie an den Rand drückt, ihnen keine Chance einräumt.

"Dominus flevit", als der Herr weinte. Ob so auch eine Kapelle oder Kirche in Biberach heißen müsste? Ob auch wir einen Ort brauchen, wo unter Tränen deutlich wird, dass wir wie blind sind und weiter in die falsche Richtung laufen?

Als Jesus einst über Jerusalem weinte, sah er, wo Gott überall aus der Stadt gedrängt wurde. Er ahnte auch, dass man ihn selbst dort letztlich nicht willkommen heißen würde. Er sah, wo Menschenwille den Willen Gottes brach. Wo der aber gebrochen wird, zerbrechen die guten Beziehungen zu anderen und zur Mitwelt. Dort gibt es keinen Frieden mehr, sondern nur noch den Kampf darum, wie wir unseren Vorteil kriegen, haben und behalten.

Unsere Gesellschaft scheint derzeit stark von ökonomischem Denken geprägt zu sein, das Einzelne nur nach Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Effizienz beurteilt. Darüber sehe ich Jesus weinen. In den Augen Gottes ist jede und jeder von uns mehr. Doch diesen „Mehrwert“ entdecken wir vielleicht erst, wenn wir die Tränen Jesu teilen.

Dass jede und jeder Würde hat, ob alt, krank, behindert, fremd …, das scheint neu entdeckt werden zu müssen. Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, begabt oder unbegabt, farbig oder weiß, fleißig oder faul, Deutscher oder Ausländer ein „Ebenbild Gottes“. Wer das nicht zuerst vor Augen hat, über den wird Jesus letztlich weinen. Diese von Gott verliehene Menschenwürde nicht aus dem Blick zu verlieren, fordern mich auch die Tränen Jesu auf.

Michael Pfeiffer, Evangelischer Schuldekan, Biberach


Das geist­li­che Wort: Hier geht es nicht wei­ter

Pfarrer Matthias Ströhle, Erolzheim-Rot

Pfarrer Matthias Ströhle

Pfarrer Matthias Ströhle

Stopp - hier geht es nicht weiter. Plötzlich stehe ich mit meinem Auto an einer Straßensperre - und das im wahrsten Sinne des englischen Spruchs "in the middle of nowhere" - mitten im Nirgends. Ich habe es eilig, muss in wenigen Minuten am Ziel sein, und dann machen mir Straßenbauarbeiten einen Strich durch die Rechnung. Ich wende gehetzt mit meinem Auto, versuche den gelben Umleitungspfeilen zu folgen, verliere sie aus den Augen. Mein Navi, es hilft nicht weiter, es führt mich immer wieder nur zurück zu dieser Straßensperre mit dem großen Stoppschild.

Nicht nur bei der Fahrt über's Land gibt es diese Stoppschilder, die quer zu unseren Plänen stehen. Da habe ich zehn Jahre lang in einem Beruf gearbeitet und plötzlich werde ich krank, ich merke, so geht es nicht weiter. Doch es fällt mir nicht leicht, die Richtung zu wechseln. Mir fehlt die Perspektive, die Orientierung, der Mut, einen neuen Weg einzuschlagen. Ich bin fixiert auf die einmal gesteckten Ziele und habe Angst vor dem, was die anderen sagen. Ich fühle mich als Versager, als einer, der es nicht geschafft hat, seine Pläne umzusetzen.

Ich persönlich bin froh, dass es eine der Stärken unseres christlichen Glaubens ist, dass wir uns Umwege eingestehen dürfen. Gott will keine bruchlosen Lebensläufe, wir dürfen Neuanfänge wagen. In vielen biblischen Geschichten hat er dies bezeugt.

Jesus erzählt uns zum Beispiel die Geschichte vom verlorenen Sohn: Da beschließt der Sohn eines reichen Vaters, seinen eigenen Zielen zu folgen. Er geht zum Vater und fordert von ihm die Herausgabe seines Erbes, er bricht mit seiner Familie, verlässt seine Heimat. Und dann, im Ausland verprasst er sein Geld, verschenkt es an falsche Freunde und wird letztlich selbst zum Bettler und Tagelöhner.

Da ist es, das Stoppschild, hier geht es nicht weiter. Der junge Mann ist ganz unten, sein Lebensentwurf, seine hochtrabenden Ziele sind gescheitert. Doch die Geschichte endet nicht hier, sie geht weiter: der Sohn bringt den Mut auf, die Richtung zu wechseln. Er geht zurück zu seinem Vater, und der empfängt ihn mit Freude.

Vor Gott dürfen wir den Mut aufbringen, Irrtümer einzugestehen. Gott legt uns nicht fest auf den Weg, den wir irgendwann einmal eingeschlagen haben. Er sieht nicht das, was wir sind, sondern das, was wir sein können. Und deshalb können wir ihm und uns die Umwege unseres Lebens eingestehen.

Solche Stoppschilder im Leben haben viel Gutes. Sie helfen uns, Weg und Ziel unseres Lebens zu überdenken. Sie geben uns die Möglichkeit, uns neu auszurichten. Wir brauchen keine Angst zu haben, Gott ermutigt uns dazu.

Pfarrer Matthias Ströhle, evangelische Kirchengemeinde Erolzheim-Rot 


Geistliches Wort: Wer bin ich?

Die Ferienzeit ist da. Zeiten der Erholung unterbrechen den Alltag und tun uns gut. Wir schöpfen neue Kraft. Doch manchmal melden sich gerade in Zeiten des Loslassens und der Distanz ungewohnte Fragen: Was mache ich eigentlich tagein tagaus? Wozu bin ich eigentlich da? Und: Wer bin ich? Diese Fragen übertönen leicht den Wunsch nach unbeschwertem Genießen. Sie zwingen zum Innehalten, ja manchmal zum Grübeln. Wer bin ich?

Mir kommt es vor, als ob auch Jesus diese Frage eines Tages geplagt hätte. Unerwartet richtet er die Frage nach dem Urteil über seine Person an seine Freunde. Auch er suchte immer wieder die Distanz zu seinem Alltag. Ich weiß nicht, ob er je Ferien gemacht hat. Aber manchmal ging er ganz allein auf einen Berg, um zu beten. Nun will Jesus wissen, für wen ihn die Leute halten. Fragt er sich selbst oder sie? Ist er sich nicht so ganz sicher? Oder sucht er Bestätigung? Oder ist er einfach neugierig, was die Menschen um ihn herum über ihn denken? Dies ist eine Möglichkeit mit der eigenen Identität umzugehen. Wir können uns mit den Augen der anderen betrachten. Meistens geschieht dies unbewusst. Wir brauchen gar nicht danach zu suchen. Man teilt uns ein nach Alter und Geschlecht, manchmal auch nach Herkunft und Beruf. Wenn ich wirklich wissen will, wie mich andere Menschen sehen, dann frage ich jene, die mich besser kennen. Da braucht es schon etwas mehr Vertrauen, denn ich möchte ja eine ehrliche Antwort.

Manchmal hilft es mir, wenn jemand sagt: Du kannst das schon, ich weiß es! Hab nur Vertrauen und etwas Geduld! Noch schöner aber ist es, wenn ich einfach spüre und zu hören bekomme: Es ist gut, dass du da bist, ich mag dich, so wie du bist. Dann löst sich auch die bohrende Frage nach der Identität in Luft auf. Und für einen Augenblick bin ich einfach so, wie ich bin.

"Ihr aber, für wen haltet ihr mich?" fragt Jesus seine Freunde (Matthäus 16, 15). "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes." Diese Aussage ist mehr als eine persönliche Einschätzung. Messias, das heißt Christus. Sohn des lebendigen Gottes. Damit trifft Petrus die Mitte des christlichen Glaubens.

? Diese Frage kann auch die Tiefe meiner Existenz berühren und mich über Vordergründiges und Oberflächliches hinausführen. In Raum und Zeit dieser Welt bin ich nicht mehr als ein einziges Sandkorn am Meeresstrand. Von außen betrachtet ein winziges Teil in einem unendlichen Universum, doch für mich selbst das Zentrum der Welt. Ich kann alles um mich herum nicht anders wahrnehmen als mit meinen Augen und Ohren, meinem Denken und fühlen, mit dem Pochen meines Herzens. Mein Glaube sagt mir, dass jeder Mensch für Gott wertvoll ist. Gott hat unsere Namen eingeschrieben in seine Hand und vergisst uns nicht. In Jesus ist die Freundschaft Gottes zu allen Menschen konkret geworden. Deshalb wird er auch Sohn Gottes genannt.

? Diese Frage kann mich von den alltäglichen Äußerlichkeit über Zweifel an mir selbst bis auf den Grund meines Daseins führen. Und was finde ich da? Versinke ich in ein Nichts, in dem ich mich auflöse? Oder finde ich einen tragenden Grund, den Grund des Glaubens und des Vertrauens? Beides liegt oft sehr nah beieinander. Meine Erfahrung ist es, dass ich mir diesen Grund nicht selbst geben kann. Er ist nicht Resultat meiner Leistung, sondern vielmehr ein Geschenk.

So höre ich, was Jesus Petrus auf sein Bekenntnis antwortet: "Selig bist du, denn nicht Fleisch und Blut haben dir dies offenbart, sondern mein Vater im Himmel." Auch die Antwort des Petrus ist ein Geschenk. Darauf ist er nicht durch Grübeln und Studieren gekommen. Darin zeigt sich Gott, der Vater im Himmel, wie Jesus ihn nennt.

? Diese Frage zu stellen heißt, Vertrauen zu üben. Vertrauen in meine Mitmenschen, in mich selbst und in Gott, dass sich mir immer neu zeigen kann, wer ich bin.

Von Klinikpfarrerin Dorothee Schieber, Bad Saulgau

Ein kla­res Wort ist viel wert

Jesus sagt: Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein; alles andere ist vom Bösen. (Matthäusevangelium 5, 37)

Wir wollen wissen, woran wir sind. Wir schätzen das verlässliche Wort.

Halbwahrheiten, Schönfärberei und Rechthaberei mögen wir nicht.

Die griechische Bevölkerung soll am Sonntag darüber abstimmen, ob sie Ja oder Nein sagt zum so genannten Rettungspaket. Ich bin gespannt, wie hoch die Wahlbeteiligung sein wird. Können alle ein klares Ja oder ein klares Nein sagen? Wissen alle, was diese Entscheidung bedeutet und welche Folgen sie haben kann? Für Griechenland und ganz Europa? Sind die Griechen entscheidungsfähig? Ich möchte nicht in ihrer Haut stecken.

Der Deutsche Bundestag hat am Freitag dieser Woche über die gesetzliche Neuregelung der Sterbehilfe beraten.

Der Bundestag wird erst im November darüber entscheiden. Werden die Abgeordneten wirklich in der Lage sein, richtig zu entscheiden? Gut, dass es in diesem Punkt keinen Fraktionszwang bei der Abstimmung geben wird. Was ist richtig?

Die Ernsthaftigkeit, mit der die Abgeordneten darüber nachdenken und reden, beeindruckt mich und sie hilft mir auch, Vertrauen zu haben, dass die, die zu entscheiden haben, dies wirklich ernsthaft und nach intensiver Prüfung ihres Gewissens tun werden. Die tun sich nicht leicht. Davor habe ich Respekt.

Was schärft das Gewissen? Ist es die durch das Gebot Gottes geprägte Haltung, Ehrfurcht zu haben vor allem, was lebt, und vor dem Schöpfer des Lebens?

Wie ist das mit den ganz schwierigen Fragen, die sich uns stellen. Sind wir da nicht überfordert, ein ausschließliches Ja oder ein ausschließliches Nein zu sagen?

Man kann schuldig werden, wenn man sich für eine Sache ausschließlich entscheidet, weil eben die andere Position es auch verdient, ernst genommen zu werden, und wir in eine Dimension kommen, für die wir eigentlich gar nicht ausgestattet sind und kein Recht haben, über Tod und Leben, auch wenn es noch so hinfällig ist, zu entscheiden. Falsch und richtig - so einfach ist das nicht. Ein ehrliches "Ich weiß es nicht", oder "gib mir Zeit, ich muss erst darüber nachdenken", das ist genauso ernst zu nehmen, wie das Ja, Ja, oder das Nein, Nein.

Ich denke darüber nach, ob wir heute Entscheidungen zu treffen haben, deren Tragweite für uns einfach nicht mehr überschaubar ist.

Euer Ja sei ein Ja, euer Nein sei ein Nein. Was ist die Norm? Das Liebesgebot ist die Norm. Alles, was wir denken und entscheiden, soll aufrichtig und ohne Hintergedanken sein. Ich glaube, dass ich Jesus recht verstehe, wenn ich in seinen Worten ein klares Ja zu uns höre.


Von Pfarrer Paul Bräuchle, evangelische Kirchengemeinde Bad Saulgau

Was erzählt Ihr Kühlschrank?

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Kühlschränke erzählen Geschichten. Gut, dass viele von ihnen eine metallene Türe haben. Mit Magnet werden Einkaufszettel befestigt, der Pfandgutschein, den ich einzulösen vergessen habe, das Kochrezept von der Kollegin neulich oder ein Foto aus dem letzten Urlaub. Schnell mit dem Magnet befestigt habe ich immer im Blick, was mir mal ganz wichtig war. Manche dieser Zettel hängen ziemlich lange dort. Zusammen bilden sie ein faszinierendes Bild, wenn neben der Lebensweisheit die hastig hingekritzelte Telefonnummer Aufmerksamkeit sucht. Sie erzählen über die, die in der Küche zuhause sind.

In einem seiner Briefe hat der Apostel Paulus einen richtigen Kühlschranksatz geschrieben: „Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal 6,2) Oder in einer neuen Übersetzung: „Helft einander die Lasten zu tragen; so erfüllt ihr das Gesetz Christi.“ Knapper kann man kaum ausdrücken, was Gott von uns will. Ich finde, der Satz könnte gut am Kühlschrank hängen. Hole ich am Morgen die Milch raus, weitet er schon meinen Blick: Du noch verschlafener Mensch, du bist nicht allein. Um dich sind andere, die brauchen dich, denen kannst du heute zum Nächsten werden.

Nun ist das freilich gar nicht so einfach mit dem einander die Lasten tragen. Manchmal sehen wir so viel, dass wir nicht wissen, wo anfangen. Und will der oder die andere das überhaupt? Aber auch: Will ich, dass mir jemand hilft? Dann müsste ich ja die Hilfe annehmen. Ich müsste zugeben, dies oder jenes kann ich nicht oder ich kann es nicht mehr, wie peinlich.

Paulus schreibt uns ins Stammbuch einander die Lasten zu tragen. Genau betrachtet muss es dann ja auch die geben, die Hilfe brauchen, die es nicht alleine können, die auf andere angewiesen sind. Wer sagt, dass gerade ich nicht auf Hilfe angewiesen bin? Und kann sich meine Situation nicht sehr schnell ändern, dann brauche ich ganz elementar die Hilfe anderer? Sie merken, der biblische Kühlschranksatz setzt manche Gedanken frei.

Ich würde allerdings einen zweiten Zettel dazu hängen. Jesus sagte den Leuten, die zu ihm strömten: „Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch abmüht und belastet seid! Bei mir werdet ihr Ruhe finden.“  Die entscheidenden Lasten im Leben müssen wir nicht allein tragen, die müssen auch nicht meine Kinder oder mein Partner, meine Partnerin tragen, nicht meine Freunde. Die zu tragen findet Gott überraschende Wege. Darum muss der Zettel unbedingt neben dem anderen hängen. Gott will ja nicht nur was von uns. Er ist vor allem für uns da.

Ich wünsche eine gesegnete Woche.

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach



Kirch­li­cher Se­gen für "Homo-Ehe"?

Liebe, Treue, Verantwortung vor Gott. Was will das christlich-demokratische Herz mehr?" kommentierte kürzlich die Süddeutsche Zeitung die "Trauung" des CDU-Bundestagsabgeordneten Stefan Kaufmann mit seinem Partner von einem Pfarrer der Alt-Katholischen Kirche in der Stuttgarter Schlosskirche vor einer Woche.

Über die Frage der rechtlichen Gleichstellung der sogenannten "Homo-Ehe" wird politisch derzeit heftig diskutiert.

Nun kann man der Altkatholischen Kirche sicher nicht grenzenlosen Liberalismus und unkritische Anpassung an den Zeitgeist unterstellen. Ebensowenig wie den 13 von 20 Evangelischen Landeskirchen in Deutschland (nicht Württemberg, Baden und Bayern), den sonst eher konservativen staatskirchenhaften skandinavischen Kirchen oder der bibelorientierten weltweiten Herrenhuter Brüdergemeine, in denen gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden können.

Die Bewertung der Sexualität hat in der Gesellschaft einen tiefgreifenden Wandel erfahren: von der befreienden Aufdeckung heuchlerischer Doppelmoral bis zur Überbetonung und öffentlicher Zurschaustellung des Sexuellen. 1995 hat sich die Synode der Württembergischen Landeskirche mit dem Thema unterschiedlicher sexueller Veranlagung befasst und damit mit der Frage, wieweit auch in anderen Lebensformen als der Ehe von Mann und Frau Werte wie Liebe, Treue, Fürsorge und gegenseitige Achtung auf verbindliche Weise gelebt werden können.

Das schließt auch eine gleichgeschlechtliche Beziehung ein. Biblisch ist dabei zu beachten, dass die Aussagen der Schöpfungsgeschichte sich auf die Gemeinschaft von Mann und Frau beziehen, aber nicht auf die Ehe (schon gar nicht in heutiger Gestalt). Und auch Jesus kann nicht als Begründung für eine Ablehnung von gleichgeschlechtlicher Beziehung herangezogen werden.

Bindung des Paares ist wichtig

Aus evangelischer Sicht besteht der Zweck der Ehe auch nicht in der Zeugung von Kindern, sondern in der verlässlichen Bindung des Paares aneinander und für einander. Dass "homosexuelle Menschen fraglos dieselbe Liebe und Zuwendung Gottes empfangen wie alle anderen Mitglieder der Kirche auch", wird im Papier der württembergischen Synode ausdrücklich betont. Jedoch ist "eine Segnung ...nicht möglich".

Warum eigentlich nicht? Eine Trauung mag von der Tradition her der Ehe von Mann und Frau vorbehalten scheinen. Aber eine Segnung muss zumindest doch möglich sein, wo Menschen ihre Sexualität, mit der Gott sie geschaffen hat (wie auch zum Beispiel transsexuelle oder intersexuelle Menschen, die einfach so sind!) in gegenseitiger Achtung, Verantwortung und lebenslanger Treue vor Gott bezeugen wollen. Ehe heiligt ja die Sexualität nicht einfach!

Tun wir uns in Oberschwaben damit wirklich schwer, wo es für die meisten von uns doch selbstverständlich ist, Gegenstände, Einrichtungen, Fahrzeuge, Banken, Wege zu segnen? Warum eigentlich nicht Menschen, die sich für einen gemeinsamen Lebensweg entscheiden? 20 Jahre nach 1995 sollten wir daran weiter denken als Christen und was die rechtlichen Fragen betrifft als Staatsbürger.

Von Pfarrer Wolfgang Raiser, Mengen

Das geist­li­che Wort: Nach dem Kir­chen­tag und "vor Schüt­zen"

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, evangelische

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, evangelische
Kirchengemeinde Warthausen FOTO: PRIVAT

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, evangelische
Kirchengemeinde Warthausen FOTO: PRIVAT

Die Kombination Kirchentag-Schützen ist sicherlich ungewohnt bis überraschend. Die Bezüge aber umso erstaunlicher. Der evangelische Kirchentag in Stuttgart war, ähnlich Schützen, zunächst ein Fest. Viele Menschen haben gemeinsam gefeiert, in Gottesdiensten wie in allerlei Einzelveranstaltungen. Dazu gab es viel Musik und gemeinsames Singen. Es waren Tage der Begegnung und der Gemeinschaft. Das Schützen-fest erleben viele in gleicher Weise. Und nicht zuletzt: Auch an Schützen werden Gottesdienste gefeiert. Für nicht wenige sind sie ein fester Bestandteil dieser Festzeit.

Natürlich gibt es auch viele Unterschiede; aber ich will noch ein wenig bei der so ungewohnten Kombination bleiben. In Biberach, so habe ich gehört, gebe es eigentlich nur zwei Jahreszeiten: "vor Schützen" und "nach Schützen". Im Mittelpunkt steht diese besondere Festzeit; alles andere orientiert sich daran. Ist es mit dem Kirchentag nicht ähnlich? Mehr als 100 000 Menschen sind (als Tagesgäste) in Stuttgart zusammengekommen, um über Gott und die Welt zu sprechen und gemeinsam zu feiern. Dabei wurde auch heiß diskutiert und kontroverse Themen wurden angegangen: Fairer Handel, unsere Weltwirtschaft, Griechenland und die Flüchtlingspolitik. Und was da diskutiert wurde, das soll jetzt in die Gemeinden  hineinwirken. Der Geist des Kirchentags besteht ja gerade darin, dass vom Kirchentag ausgehend neue Impulse in die Gemeinden hineingetragen werden. Das gemeinsame Feiern und Diskutieren soll sich eben nicht auf dem Nachhauseweg verlieren, sondern in den Gemeinden vor Ort neue Begeisterung schaffen, sich zu engagieren; einerseits in bestehenden Formen, andererseits im Beschreiten neuer Wege. Der Kirchentag wirkt sich aus und er wirkt nach - für mich das Wertvollste am Ganzen. Denn immer mehr Menschen sollen sich am Diskutieren und Feiern beteiligen. In den Gemeinden, bis zum nächsten Kirchentag. Und so orientiert sich ebenfalls alles am Kirchentag. Er nimmt die Impulse aus den Gemeinden auf und gibt die auf dem Kirchentag gewonnenen Erfahrungen in die Gemeinden zurück.


Für mich wird mit dieser ungewohnten Kombination von Kirchentag und Schützenfest Folgendes deutlich: Das (kirchliche wie weltliche) Leben braucht regelmäßig wiederkehrende Begegnungen und Erlebnisse großer Gemeinschaft. Und solche Festzeiten motivieren und wirken lange nach. Wo etwas nur im kleinen Kreis oder nur auf persönlicher Ebene beschränkt geschieht, da fehlt etwas. Es braucht Begegnung, die den eigenen Horizont erweitert und den anderen in seiner Art zu denken und zu leben wahrnimmt.

Denn keiner von uns lebt für sich allein. Dies wird besonders an den Themen deutlich, die auf dem Stuttgarter Kirchentag im Mittelpunkt standen: Unsere Welt ist global geworden, wir sind mit der ganzen Welt verbunden. Wir können uns nicht nur auf unseren Bezirk, unsere Region oder unser Land beschränken. Die aktuellen Herausforderungen machen dies deutlich: Flüchtlinge aus aller Welt kommen zu uns. Als Exportweltmeister bringen wir unsere Waren in alle Welt und beziehen wiederum Waren aus aller Welt. Wie wirkt sich unser Handeln dabei aus? Was sollte sich daran ändern?
Keiner von uns lebt für sich allein. Dies wurde besonders beim Kirchentagsthema "Sterbehilfe" deutlich. Wie Menschen mit ihrem Lebensende umgehen, das ist nicht bloß ein individuelles Problem, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es braucht dazu einen Ausbau der Hospizarbeit und der Palliativmedizin. Mehr noch: Es braucht eine neue gesellschaftliche Haltung zum Umgang mit dem Tod. Dabei ist die Rechtslage neu zu klären, ebenso aber auch das Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient neu zu beleben. Und dies ist eine gemeinsame, öffentliche Aufgabe - und nicht bloß individuell zu regeln. Gerade die Kirchen haben hierzu viel in die Gesellschaft einzubringen.

Das Leben braucht Begegnung und Gemeinschaft.


Andacht: "Da­mit wir klug wer­den" - wie be­kom­men wir das hin?

Von Brunhilde Raiser, Mengen, Geschäftsführerin Evangelisches Bildungswerk Oberschwaben 6. Juni 2015

"Sind die denn noch gescheit?" - das fragen sicher auch Sie sich immer wieder, wenn Sie so manche Entscheidungen wahrnehmen, Nachrichten hören oder lesen oder mit unverständlichem Handeln anderer konfrontiert werden.

Können wir Menschen es denn nicht besser wissen, nicht besser machen? Sind wir doch alle Gottes Geschöpfe? Warum nehmen wir nicht mehr Rücksicht auf andere, auf die Ressourcen unserer Erde? Warum werden immer neue Kriege geführt ? - die Folgen sind doch bekannt!

"Damit wir klug werden" - mit diesem Ziel, diesem Wunsch, den der 90. Psalm benennt, befasst sich dieser Tage der Evangelische Kirchentag in Stuttgart.

Über 100 000 Menschen werden sich vor Ort und weit mehr über die Medien damit auseinandersetzen, wie das gelingen kann, klug zu werden.

Was klug ist, sehen nicht alle Menschen gleich. Darum müssen wir miteinander ringen, uns auch streiten, damit wir einig, einiger werden können.

Bischof July meinte in seiner Predigt beim Eröffnungsgottesdienst, vielleicht sollten wir alle "Gottes Cleverle" werden. Das ist nicht meine Sprache, aber klug wäre ich schon gerne - also ein Mensch, dem es gelingt, so zu entscheiden und zu handeln, dass damit das Gute und Zuträgliche und Angemessene erreicht wird. Klugwerden hieße dann nicht nur meinen eigenen Vorteil im Blick zu haben - das wäre Gerissenheit, sondern das Wohl aller. Klugheit ist also eine Grundeinstellung, eine Tugend, die wir dringend brauchen und immer wieder neu gewinnen müssen. Damit die Dinge, bei denen wir sagen "ja, sind die denn noch gescheit?" nicht einfach so weiterlaufen mit all ihren absehbaren und unabsehbaren Folgen. Daneben zu stehen, zuzusehen und den Kopf zu schütteln über die anderen, v.a. über "die da oben", das ist nicht klug, sondern borniert und bequem. Deshalb geht es um Klug-werden und nicht um Klugsein. Und das bedeutet eine aktive Beteiligung an Änderung und Verbesserung der Zustände durch Mitdenken und entsprechendem eigenen Handeln. Klugwerden, darum können sich alle bemühen und dafür ist es nie zu spät. Eine ermutigende Botschaft!

Geistliches Wort: Frisch ge­stri­chen?

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach

Haben Sie das gehört? In Kalifornien sprühen sich jetzt schon die Leute ihren vertrockneten Rasen grün an. Da muss man doch eigentlich den Kopf schütteln. Grund dafür ist die jetzt schon seit vier Jahren anhaltende Trockenheit und die vom Staat erlassene Anordnung, dass Rasen nicht mehr regelmäßig bewässert werden dürfen. Das Geschäft mit der Rasenfarbe gedeiht übrigens prächtig. Der Umsatz ist im letzten Jahr um 150 Prozent gestiegen.

Was kommt jetzt als nächstes? Gibt's demnächst Farbstifte, um sich die grünen Bananen gelb anzumalen oder sollten wir nicht gleich unseren Wald durch immergrüne Plastikbäume ersetzen?

Aber wieso jetzt groß darüber aufregen? Wie gehen wir denn mit unserer eigenen Naturgebundenheit um? Also damit, dass wir - wie jedes Gras und jede Pflanze - eben auch allmählich vergehen und vertrocknen? Nun ja, die meisten von uns verhalten sich so wie die kalifornischen Hausbesitzer: wir sprühen uns an, cremen uns ein, tun alles, damit man die Vergänglichkeit nicht sieht. Vor allem die Anti-Aging-Produkte, so konnte man kürzlich in der Presse lesen, werden immer stärker nachgefragt. Die Aktienkurse der Kosmetikunternehmen steigen zur Zeit fest. Offensichtlich träumen viele Kundinnen und Kunden von der ewigen Jugend. Sie auch?

Aber ein grün angestrichener Grashalm ist halt was anderes, als ein saftig grün gewachsener. Da - so sagen hier die Schwaben - "beißt koi Maus koin Fada ab". Und ein 50-jähriges, geliftetes Gesicht mit einem noch so schönen Make-up wird dadurch nicht 20 Jahre jünger.

Alt werden ist gar nicht so einfach. Und wenn alle Leute jung bleiben wollen, sich so kleiden und benehmen, dann fehlen uns allmählich die Vorbilder: Vorbilder fürs Älterwerden.

Zu biblischen Zeiten hatte man da offensichtlich weniger Mühe damit. "Das graue Haar ist der Alten Schmuck", heißt es im alttestamentlichen Buch der Sprüche. Mit anderen Worten: Jedes Alter hat seine Schönheit. Und die gilt's zu entdecken. Und dass Schönheit bekanntermaßen von innen kommt, darüber sollten wir mit zunehmenden Lebensjahren intensiver nachdenken.

Übrigens: Wenn wir Christen zum Ausdruck bringen wollen, dass jeder Mensch unendlich wertvoll ist, dann sagen wir, dass jeder das Ebenbild Gottes in sich trägt. Dass Gott schon uralt ist, also jede und jeder von uns seine Würde durch ein uraltes Gesicht erhält, hat bislang niemanden gestört. Und muss es auch künftig nicht. Wenn Sie also die nächste Falte oder das nächste graue Haar an sich entdecken, bleiben Sie gelassen: Eigentlich ist das göttlich. Machen Sie sich nichts vor. Aber machen Sie sich so schön, wie Sie jetzt sind und wie Sie es für sich brauchen. So hat es Gott gut gemacht.

Pfarrerin Birgit Schmogro, evangelische Friedenskirche Biberach


Geistliches Wort: Was mache ich mit meinen Begabungen?

Michael Pfeiffer, Schuldekan Kirchenbezirk Biberach

Michael Pfeiffer, Schuldekan Kirchenbezirk Biberach

Michael Pfeiffer, Schuldekan Kirchenbezirk Biberach

Kenne ich meine Fähigkeiten? Weiß ich, was mir alles gegeben ist? – Immer wieder erlebe ich, dass Menschen sich besser kritisieren können, als sich an ihren Gaben zu freuen. Wenn mir jemand erzählen soll, was er gut kann, kommt er manchmal mehr in Schwierigkeiten, als wenn er sagen soll, was ihm alles fehlt oder bei ihm noch besser sein könnte. Wir scheinen „Weltmeister im Kritisieren“ zu sein, aber keine Meister in der Freude an dem, was wir können. „Eigenlob stinkt!“ sagt ja auch ein Sprichwort. Das ist insofern richtig, als arrogantes Sich-über-einen-anderen-Erheben Gemeinschaft stört. Doch wo wir unsere Begabungen füreinander nutzen, ohne überheblich zu sein, wird unser Zusammenleben besser.

Vor wenigen Tagen haben wir das Pfingstfest gefeiert. Es wird oft als der Geburtstag der Kirche bezeichnet. Das ist richtig. Mich erinnert es auch daran, dass zu meiner „Begabung“ auch Gottvertrauen gehört, Vertrauen darauf, dass er seine Geschöpfe – trotz allem Schlimmen und Schrecklichem, was geschieht – nicht im Stich lässt.

Dass ich daran – trotz allem, was täglich Schlimmes geschieht, - weiter festhalten kann, ist nicht mein Verdienst. Es ist mir eher wie ein unbegreifliches Geschenk „zugeflogen“. Sicher haben meine Eltern, Lehrerinnen, Wegbegleiter … daran mitgewirkt. Doch letztlich ist da eine Kraft in mir, die mir wie den ängstlichen Jüngerinnen und Jüngern an Pfingsten geschenkt wird. Diese Kraft wird meist „Heiliger Geist“ genannt. Sie ermöglicht es mir zu vertrauen, dass „ich nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hand“. Das kommt nicht aus mir selbst. Und wenn ich das auch noch in meiner letzten Stunde spüre, ist das ein wunderbar tröstliches Gabe.

Sie fragt mich aber immer wieder, was ich aus ihr „machen“ will. Denn die Erfahrung „Gott lässt mich nicht im Stich!“, ist ja nicht nur für mich da. Vertrauen will geteilt sein. Was ich habe und gut kann, will auch für andere hilfreich sein. Das gilt sowohl für mein Geld, wie meine Begabungen, wie mein Vertrauen auf Gott. All das will „Früchte“ tragen. Auch daran erinnert Pfingsten. Es ist ja auch ein Fest der Gemeinschaft.

Deshalb: Wo kann ich heute mit meinem mir geschenkten Vertrauen und meiner Hoffnung, meinen Fähigkeiten, meinem Geld solidarisch an die Seite anderer treten, anderen beistehen, ihre Last mittragen und mich mit ihnen freuen?

Schuldekan Michael Pfeiffer, Biberach


Geistliches Wort: Warum wir Bilder brauchen

Pfarrerin Andrea Luiking

Pfarrerin Andrea Luiking

Pfarrerin Andrea Luiking

Sie reißen es von den Wänden. Geben es den Flammen zum Fraß. Alles, was nach alter Macht aussieht. Statuen der Heiligen genau so wie Gemälde. Oft gestiftet von reichen Christen, von weltlichen Herren für ihr eigenes Seelenheil. Im Rausch der Macht der Aktivisten wird es zerhackt. Holz splittert. Die heiligen Räume machen ihnen keine Angst mehr. Keine Ehrfurcht lässt sie mehr leise auftreten auf dem Steinboden unter dem Gewölbe. Jetzt rauscht das Blut in den Ohren. Sie rufen sich lauthals Parolen zu und sind berauscht vom Gefühl, das Richtige zu tun. Klarheit schaf-fen. Befreiungsschläge gegen Stellvertreter aus Holz und Farbe.
Die Kämpfer der Reformationszeit, zumindest manche, wollten radikal Schluss machen mit allen falschen Ansich-ten. So zogen sie im Jahr 1522 auch ins Ulmer Münster und rissen alles von den Wänden. Viele Kunstschätze hat dieser scheinbar eindeutige Befreiungsschlag zerstört. Martin Lu-ther sah sich gefordert, dem Einhalt zu gebieten. Er kam zurück aus seiner Zuflucht auf der Wartburg. Und begann zu predigen, um die die Radikalen und Gewalttäter zurück zu holen. Zurück zum Prüfen der Gedanken mit Hilfe von Gottes Wort, der Bibel. Luther erklärte: Bilder können auch hilfreich sein. Was das Geschenk Gottes verdeutlicht, ist nicht schädlich.

2015 haben wir das Themenjahr Reformation – Bild und Bibel. Auf dem Weg hin zum großen Jubiläum 2017, wenn wir 500 Jahre Martin Luther feiern, denken wir in diesem Jahr über die Bedeutung von Bildern nach. Besonders für die evangelische Kirche eine spannende Frage.

In der Versöhnungskirche in Ummendorf hängen oft Bilder. Bilder von Künstlern, die im Kirchenraum in Dialog treten mit der Botschaft des Evangeliums. Für mich ist bildende Kunst wie die Musik eine wunderbare Möglichkeit, um mich auf vielen Ebenen von Gottes Botschaft berühren zu lassen. Sie stellen Fragen und eröffnen persönliche Bezüge. Ohne gleich Antworten zu geben, deutungsoffen.
In diesen Wochen hängen Bilder an den Wänden, die die Konfirmanden und Konfirmandinnen gestaltete haben. Die Jugendlichen haben auf langen Papierbahnen Bibelverse mit Schablonen und frei Hand gesprayt und gemalt. Was der Bibelvers dem Einzelnen bedeutet, wird sichtbar. Ein persönlicher Ausdruck von Glauben.
Du sollst dir kein Bildnis (von Gott) machen – das Gebot aus dem 2. Buch Moses gehört zur Frage nach Bild und Glaube dazu. Es bewahrt uns davor, Gott festzuschreiben. Ihn auf bestimmte Bilder festzulegen. Zu meinen, wir wissen, wie er ist. Nicht ein Bildnis trifft es. Dennoch braucht mein Glaube Bilder. Alles, was in mir lebendig ist, benötigt innere Bilder. Bilder, die mehr zeigen, als ein Mensch sehen kann. Der Maler Paul Klee sagte: „Die Kunst gibt nicht das Sicht-bare wieder, sondern macht sichtbar.“
Kunst öffnet uns für eine offene und spürende Betrachtung der Welt. Moderne Kunst stellt festgefahrene Bilder in Fra-ge. Genau wie der Glaube an Gott, der weiß, dass Gott im-mer mehr ist als unsere Bilder von ihm.

Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf


Geistliches Wort: Hoffnung ohne Grenzen

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Die Faszination des Schreckens ist groß. Viele von uns erliegen ihrem Prickeln, auch wenn wir uns „natürlich nur“ informieren lassen wollen in Sondersendungen und mit Exklusivbildern – über die Flugzeugkatastrophe oder den Terror des IS, über Flüchtlingsboote und Hungerop-fer. Der wirkliche Schrecken scheint nicht genug, immer neue Krimiformate spülen ihn unterhaltsam ins Wohnzimmer. Das Böse wird sichtbar im Film, in den Nachrichten. Immer schwingt mit, es könnte auch uns treffen. Es scheint, als lebten wir von der Erleichterung, verschont geblieben zu sein. Und im Übrigen sagen wir: „So ist die Welt halt, da kann man auch nichts machen“.

Die Welt scheint aus den Fugen geraten. Auch an Ostern. Alles scheint am Karfreitag stehen geblieben zu sein. Dagegen hoffen Christen an. Dagegen feiern wir die Botschaft der Auferstehung. Seit drei Frauen am Ostermorgen das Grab des Gekreuzigten leer vorgefunden haben, breitet sich diese Hoffnung aus. Seitdem feiern Christen den Sieg des Lebens über den Tod.

In der Osternacht leuchtet Licht in unser Dunkel, bei den Auferstehungsfeiern auf den Friedhöfen singen wir die Hoffnung des Lebens über den Gräbern. Klangvolle Festgottesdienste aller Konfessionen lassen uns eintauchen in die Hoffnung: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.

Christen sehen das Licht des Ostermorgen in den ungezählten Finsternissen dieses Lebens. Sie sehen Licht für die Menschen, die nachts mit ihren Fragen und dem schlimmen „Warum?“ wach liegen. Sie sehen Licht für jene, die aus ihrer Heimat fliehen müssen und jetzt bei uns sind. Sie sehen Licht für die Verfolgten in Syrien oder in Nigeria, die sich nach Freiheit und Frieden sehnen. Sie glauben und hoffen gegen die Wirklichkeit des Schreckens an. Der gekreuzigte und auferstandene Christus verbindet, was wir nicht zusammenbringen: Schrecken und Freude, Krieg und Versöhnung, Tod und Leben. Er sieht unsere Tränen, sammelt sie wie in einem Krug und wischt sie behutsam ab.

„Aber da kann man doch nichts machen“, entgegnen wir resigniert. Das Licht des Ostermorgen entzieht genau diesem Satz seine Macht. Da kann man nichts machen? Österlicher Widerspruch. Wo der Tod überwunden ist, gewinnen wir Freiheit. Freiheit für das Leben einzustehen. Freiheit zu trösten, wo der Schmerz eingebrochen ist. Freiheit für das Leben zu ringen, wo immer wir hingestellt sind. Freiheit für den Frieden zu ringen, auch wenn alle sich in ihren Überzeugungen verschanzt haben. Freiheit von der Faszination des Schreckens.

Osterglaube ist Glaube an die Freiheit der Kinder Gottes. Freiheit neue Wege zu suchen, Freiheit Irrwege zu verlassen und falsche Weichenstellungen zu korrigieren. Nutzen wir sie, leben wir österlich. Dem Leben zugut.

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach




Geistlicher Impuls: Frühlingserwachen

Wir ahnen es längst. Der meteorologische Kalender hat ihn bereits angekündigt: Den Frühling. Mit dem Beginn des Monats März ist er nun wirklich da.Aber noch viel mehr zeigt es uns die milde Luft, die uns um die Nase weht. Und dann kommen noch all die anderen Vorboten des Frühlings hinzu: Die Vögel singen ihr Lied lauter und fröhlicher. Die Krokusse strecken ihre Köpfchen aus dem von der Winterstarre befreiten Boden heraus.  Die Schneeglöckchen leuchten im letztjährigen Laub. Letzte Schneefelder werden immer kleiner.  Und bald werden aus den knorrigen Ästen Knospen wachsen.  Nun können wir endlich die eisige Kälte mit Schnee, Eis und Frost hinter uns lassen.Wie gut, wenn uns die Sonnenstrahlen kitzeln und wenn ein Schwätzchen am Gartenzaun wieder möglich ist.Nicht nur draußen verwandelt sich die Welt, auch in uns bricht eine neue Zeit heran. Alle trüben Gedanken sind wie weggeblasen. Hoffnung und Zuversicht hält Einzug in unserem verzagten, ängstlichen Herzen, in das die ersten Sonnenstrahlen eindringen und alle dunklen Schatten vertreiben. So sehr sind wir Menschen Teil der Natur, dass wir in diese Verwandlung hineingenommen werden.Dietrich Bonhoeffer schreibt einmal von der Wirkkraft des Frühlings für die Seele des Menschen Folgendes:„Ich wünsche dir die Lebenskraft des Schneeglöckchens, das sich von Kälte, Eis und Schnee nicht unterkriegen lässt und zu seiner Zeit blüht. Jedes Werden in der Natur, in der Liebe muss abwarten, geduldig sein, bis seine Zeit zum Blühen kommt.“Gott sieht auch in uns die vielen Anfänge neuen Lebens und die Ansätze von Verwandlung. Er möchte, dass wir alle in seiner Welt ankommen. In einer Welt von neuer Kraft, Trost, Geborgenheit und Hoffnung.  Der Frühling ist ein Sinnbild dessen, dass wir blühen dürfen, Altes und Verknöchertes hinter uns lassen dürfen und uns dem Leben in Fülle in die Arme werfen. 




Das geist­li­che Wort: Er­in­ne­re Dich

Isabella Lehnert-Werner, Pfarrerin und Dekanatsreferentin.

Isabella Lehnert-Werner, Pfarrerin und Dekanatsreferentin. Foto: privat

Isabella Lehnert-Werner, Pfarrerin und Dekanatsreferentin. Foto: privat

Reminiscere - Erinnere dich, so heißt der morgige Sonntag nach Psalm 25,6. 2017 erinnern wir uns an Luthers Thesenanschlag an das schwarze Brett der Universität vor 500 Jahren, oder war es doch an die Wittenberger Schlosskirchentür?

Diese Aktion war ein Paukenschlag in der Weltgeschichte. 2017 führt uns aufs Neue vor Augen, was das eigentlich ist: evangelisch sein. Von der Freiheit können wir erzählen, dem diesjährigen Kulturleitthema der Stadt Biberach. "Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Ding und niemandem untertan, er ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan." So formuliert es Luther 1520. Der Christ ist befreit von allen Kräften und Ängsten, die an ihm zerren. Er kann furchtlos leben, weil er weiß, dass Gott ihn - allein aus Gnade - bedingungslos liebt. Über die Demokratisierung des Glaubens können wir uns freuen. Denn durch die Taufe werden wir alle Experten in Glaubensdingen, eine allgemeine Priesterschaft.

"Was aus der Taufe gekrochen ist, mag sich rühmen, dass er schon als Priester, Bischof und Papst gewählt sei", so formuliert es Luther 1520 mit Berufung auf die Bibel.

Die Bildungsimpulse für alle sind ein Erbe der Reformatoren. Und wir können uns freuen, dass es bei uns gleichwertig ordinierte Pfarrerinnen gibt als Konsequenz aus der Heiligen Schrift.

Hochmütig dürfen wir bei diesem Thema nicht werden, denn die Frauenordination gibt es nicht seit 500 Jahren.

Nein, erst seit 42. 1968 wurde sie von unseren mutigen Müttern des Glaubens erkämpft. Wir sind evangelisch aus gutem Grund. Doch da die Kirche nach evangelischer Überzeugung zwar das Werk Christi ist, aber in ihrer irdischen Form fehlbar, muss sie bereit sein, Buße zu tun. Es ist schrecklich, was Luther über die Juden gesagt hat und ebenso beschämend ist, was Luther über die aufständischen Bauern geschrieben hat. Und es ist uns nicht einerlei, was wir als Evangelische der katholischen Kirche zugemutet haben: eine Kirchenspaltung, den Verlust der Einheit. Auch das soll Platz haben beim Erinnern. Freunde Luthers haben die Thesen ins Deutsche übersetzt und vervielfältigt, sodass ganz Deutschland die kritischen Thesen des unbekannten Mönchs diskutierte.

Auch 2017 soll das Erbe der Reformation breit diskutiert werden. In der heutigen pluralistischen, hochindividualisierten Zeit ist es kein Schaden, sich seiner Wurzeln zu besinnen und die reformatorischen Themen in unsere Zeit zu transponieren. Staat und Gesellschaft halten den 31. Oktober 2017 für einen herausragenden Termin, "ein Ereignis von Weltrang", wie der Deutsche Bundestag formulierte. Deshalb werden auch in Biberach auf dem Weg dahin vielfältige Veranstaltungen zur Reformation stattfinden.

"Erinnere Dich, Gott, an deine Barmherzigkeit und deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind", Psalm 25, 6.


Geistlicher Impuls: Begreift ihr meine Liebe?

Diakonin Hanne Winter

Hanne Winter, Diakonin in der AltenPflegeHeimSeelsorge des Kirchenbezirks Biberach

Hanne Winter, Diakonin in der AltenPflegeHeimSeelsorge des Kirchenbezirks Biberach

„Ich liebe dich!“  Hinter diesem Satz stehen Gefühle, vielleicht auch Erfahrungen und möglicherweise eine Geschichte, die ein Buch füllen könnte. Es gibt Filme, die erzählen 90 Minuten den Weg bis zu diesem alles entscheidenden Satz. Und Filmbegeisterte wissen, wenn er zu früh fällt, dann beginnt das Drama.

„Ich liebe dich!“ Mit diesen Worten gehen Menschen sehr verschieden um. Die Vorsichtigen denken: „Ich liebe dich“, ist schnell gesagt und dann vielleicht schwer durchzuhalten. Also sagen sie es nur selten. Die Spontanen sind schnell dabei: „Ich liebe dich“ zu sagen und bereuen es vielleicht später. Die Schmeichler gebrauchen: „Ich liebe dich“ und nutzen den Satz um einen Gewinn zu erzielen. Die Glücklichen sagen: „Ich liebe dich“ und spüren wie stimmig dies mit ihrem Empfinden ist.

„Ich liebe dich“, reicht dieser Satz aus um die eigenen Gefühle begreiflich zu machen? Traut mir der oder die Andere zu, dass es nicht eine leere Worthülse ist? Am heutigen Valentinstag werden uns Möglichkeiten aufgezeigt, dass man die Liebe nicht nur in Worten sondern auch symbolisch zum Ausdruck bringen kann. Ob das ein romantisches Essen ist, oder ein leckeres Pralinensortiment, vielleicht auch ein Strauß roter Rosen, immer soll es ein Ausdruck für: „Ich liebe dich“, sein.

Wie macht man dem anderen begreiflich, dass man ihn liebt? Am 6. März feiern Christinnen weltweit den Weltgebetstag. In diesem Jahr haben Frauen auf den Bahamas den Gottesdienst entwickelt und sich als Motto „Begreift ihr meine Liebe?“, gewählt. In den Mittelpunkt stellen sie die Fußwaschung Jesu. Jesus kniet vor seinen Jüngerinnen und Jüngern. Er wäscht ihnen die Füße und sagt mit dieser symbolischen Handlung, dass er sie liebt. Der Evangelist Johannes schreibt: „Jesus hatte die Menschen, die in der Welt zu ihm gehörten, immer geliebt. Jetzt wollte er ihnen den vollkommensten Beweis seiner Liebe geben“ (Joh. 13,1).

Er, den alle „Herr“ nennen, wird aus freien Stücken zum Diener. Der „Chef“ kniet vor „seinen Angestellten“ und nimmt einen Fuß nach dem anderen in die Hand. Petrus ist völlig irritiert und fragt: „Du, Herr, willst mir die Füße waschen?“  Dienende Liebe von einem Übergeordneten ist schwer zu verstehen und schwer auszuhalten. Das gehört sich nicht, dass der Hohe vor dem Niederen in die Knie geht. Wie Petrus wohl reagiert hätte, wenn seine Füße von einer Sklavin gewaschen worden wären?

Sicher, die Fußwaschung hat eine noch tiefere Bedeutung als die Worte „Ich liebe dich“ symbolisch zu unterstützen. Sie soll auf den größten Liebesdienst an uns Menschen, den Tod Jesu am Kreuz verweisen. Aber dieses starke Symbol der Fußwaschung hilft mir auch eine Haltung hinter dem Satz „Ich liebe dich“ zu  finden und Liebe in ihrer ganzen Tiefe als etwas zu begreifen, das nicht das Eigene sucht sondern das Beste für den Anderen will.

Einander in Liebe dienen. Eine Aufforderung und eine Herausforderung an diejenigen, die Jesus nachfolgen wollen. Aber auch ein segensreiches Konzept für die Beziehung zwischen Liebenden.

Hanne Winter, Diakonin in der AltenPflegeHeimSeelsorge des Kirchenbezirks Biberach




Geistlicher Impuls: Asyl

Klinik- und Hochschulpfarrer Albrecht Schmieg

Klinik- und Hochschulpfarrer Albrecht Schmieg

Klinik- und Hochschulpfarrer Albrecht Schmieg

Weihnachtsmorgen, es klingelt an der Tür. Eine junge Mama mit vier kleinen Kindern. Erst kürzlich aus dem kleinen Zimmerchen des Asylantenwohnheims in der Bleicherstraße hier in der Nachbarwohnung  eingezogen. Die Decke der noch spärlich möblierten Wohnung fällt ihr auf den Kopf. Sie kann nicht raus, weil niemand mehr da ist, der ihr mit den Kindern hilft. Wir fahren nach Ulm. Im Auto ist es eng. Wir schauen uns den weltgrößten Turm einer Kirche an, mit den Kindern erkunden wir das gotische Innere. Nachdem wir Kerzen aufgestellt haben für den Papa, gehen wir in die feiertagsentleerte Fußgängerzone, essen amerikanisch, spazieren durchs Fischerviertel. Glück eines Nachmittags.


Asyl, „unverletzt, unberaubt“ heißt das ursprünglich griechische Wort oder als Substantiv: „Zuflucht“ oder „Heiligtum“. In der Antike war es sehr wichtig Asyl zu bekommen, denn das Leben als Fremder war sehr gefährlich. Der griechische Held auf seiner Odyssee, nach missglücktem Raubzug in Ägypten, legte die Waffen ab und küsste die Knie des Pharao. „aus Furcht vor der Rache“ der Gottheit gewährte dieser ihm Schutz vor seinen eigenen Kriegern.  7 Jahre dauerte das Asyl des Odysseus bei den Ägyptern und er „sammelte Güter sich im ägyptischen Volk genug“.  (Odyss. 14, 260-286) D.h. er hatte keinen recht- und besitzlosen Stand.


Die biblische Tradition kennt die unterschiedlichsten Schutzregeln für Fremde in der Gesellschaft, an Heiligtümern, in Freistädten etc.,  denn das Gottesvolk kennt selbst die Erfahrung, in der Fremde zu sein, angefangen von Abraham, den Gott in die Fremde führte und ihn darin segnete, über das Exil in Ägypten, das Exil in Babylon. Im Neuen Testament wird diese Tradition aufgenommen und verdichtet. Man sieht sich als Christ selber in der Fremde und grundsätzlich auf eine andere, die himmlische Heimat ausgerichtet. (besonders Hebräerbrief, Kapitel 11)Dies hat jedoch keine Weltflucht zur Folge, sondern eine besondere Zuwendung zur Welt. „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ So sagts uns beispielsweise die Jahreslosung 2015 aus dem Römerbrief, Kap 15 Vers 7.


Bei allen Komplikationen, berechtigten und unberechtigten Einwänden und Verbesserungsvorschlägen die unser heutiger Umgang mit dem Thema Asyl in unserem Land und Kontinent mit sich bringen, dürfen wir den Wert dieser hier nur angedeuteten christlich-europäische Tradition schätzen. Davon zeugt auch ein Wunsch unseres Bürgermeisters Norbert Zeidler in einem Interview, abgedruckt in der 2. Ausgabe dieses Blattes vom 14. Januar. Für das Jahr 2015: „.. und drittens (wünsche ich mir) viele Mitbürgerinnen und Mitbürger, die bereit sind, die Flüchtlinge, die in Biberach eine neue Heimat suchen, willkommen zu heißen und zu integrieren.“
Dieser Tage kamen zwei  Studierende der Biberacher Hochschule auf mich zu. Sie erzählten mir von dem Ansinnen, sie wollten ein Haus renovieren, um die zuweilen prekäre Wohnsituation für Asylanten in der Bleicherstraße entschärfen zu helfen. Interessierte ehrenamtliche Mitarbeiter mit entsprechendem Know How aus den Fakultäten der Architektur, Bauingineurwesen, Projektmanagement etc.  würden sich sicher finden, auch mit ganz praktischen Fähigkeiten. Die neuen Bewohner sollen dann auch weiter bei ihrer Integration durch Studenten begleitet werden.
Ich finde das ein  gutes Vorhaben.  Möge man eine geeignete Immobilie (Kennen Sie eine?) und die nötige Unterstützung finden. Es gibt so viele Menschen hier, die sich in kleinen Gesten, im Gebet, in konkreter Mitarbeit, ehrenamtlich oder hauptamtlich, vorsichtig achtsam oder ungestüm voller Tatendrang  für ein gutes Zusammenleben einsetzen. Das ist schön für mich zu sehen.


„Gib mir Asyl im Paradies…“ so sang die Ostdeutsche Band Silly. Solches Asyl  wünsche ich allen, die das Gefühl der Heimatlosigkeit zu empfinden wagen, eine Umarmung allen, die der Liebe bedürfen.


Eine gesegnete und gute Zeit wünscht Ihr Klinik- und Hochschulpfarrer Albrecht Schmieg


Geistliches Wort: Nehmt einander an

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Was wurde aus Ihren Vorsätzen für das neue Jahr? Manche sind wohl bereits augenzwinkernd dem Alltag gewichen. So ganz andere sind wir in der Neujahrsnacht dann doch nicht geworden.

Ein guter Rat begleitet Christen das ganze Jahr 2015. Es ist das Leitwort für das Jahr, die sog. Jahreslosung. Paulus schreibt an die Römer:
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

Das klingt auf den ersten Blick ziemlich kompliziert und dem einen oder anderen vielleicht auch „zu christlich“. Ich finde aber, das kann im neuen Jahr ganz praktische Auswirkungen haben. Bereits im Blick auf die neue Amtsperiode von Landrat Dr. Heiko Schmid bin ich bei Jesus selbst in die Schule gegangen. Jesus gibt einen praktischen Rat, wie wir uns annehmen können, wenn wir uns überhaupt nicht einig sind. Der passt auch für den Start in das neue Jahr:

Wenn du den Eindruck hast, jemand tut dir Unrecht oder macht etwas nicht so, wie es dir richtig scheint, dann stelle ihn unter vier Augen zur Rede. Unter vier Augen, direkt mit offenen Worten. Wenn ihr so zu einer Lösung kommt, ist es gut.
Gelingt das nicht, dann ziehe ein oder zwei andere hinzu. Sprecht in kleinem Kreis darüber, vertraulich und nicht für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt.
Kommt es auch jetzt nicht zu einer guten und einvernehmlichen Lösung, dann wen-det euch an alle, die betroffen sind, an ein Gremium etwa. Jesus sagt: an die ganze Gemeinde. Erst wenn da auch nichts geht, dann und erst dann, kannst du ihn aufge-ben. (nach Mt 18, 15-17)

Mich fordern diese Worte heraus. Erst unter vier Augen, dann in kleinstem Kreis, dann im zuständigen Gremium und erst zuletzt wird möglicherweise ein Schlussstrich gezogen – oder alles wird öffentlich. Bei all der notwendigen Beteiligung in den politischen Entscheidungen in der Stadt, in der Kirche oder im Verein – wenn wir in Konflikten diese Reihenfolge einhalten, wird der Mensch, die Person, nicht beschädigt. Das gilt auch in den Familien und unter Nachbarn.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, das braucht viel Mut. Aber ich finde, Jesus hat schlicht Recht. Seinen Rat will ich mitnehmen ins neue Jahr. Den erforderlichen Mut wünsche ich uns.Dann gelingt das mit dem gegenseitig Annehmen.

Ein gesegnetes Jahr 2015
Ihr
Dekan Hellger Koepff


Geistliches Wort: Herzliche Grüße zum Jahreswechsel

Pfarrer Georg A. Maile, Bad Schussenried,

Pfarrer Georg A. Maile, Bad Schussenried, Foto privat

Pfarrer Georg A. Maile, Bad Schussenried, Foto privat

Die Enttäuschung sah man ihm in sein Gesicht geschrieben. War er doch voller Hoffnung zur Adventsverlosung gekommen, um mit einem Scheck  seiner Jugendgruppe einen Tischkicker kaufen zu können. Die Chancen standen auch nicht schlecht 1:4, da hätte Fortuna doch auch ihn wählen können. Bis zum Schluss war er aufmerksam, ob seine Losnummer vom Moderator vorgelesen würde, aber nein, es waren viele andere Gewinner darunter, gute, nützliche, soziale, hilfreiche Projekte, nur eben er nicht. Frühzeitig verließ er den Saal, in Gedanken versunken, warum war er auch nur so siegessicher, der glückselige Moment am Anfang wandelte sich zur Enttäuschung und stillem Nachdenken. Zu hohe Erwartungen führen automatisch zu  großer Enttäuschung, flüsterte er leise vor sich hin. Ganz für sich wollte er sein, „das Angebot mit den Snacks und den Getränken war sicherlich für die, deren Los gezogen wurde, goldrichtig, aber wie geht es denen, deren Lebensplanung durchkreuzt wurde“ schwirrte ihm durch den Kopf, als ihn auf der Heimfahrt in einer gefährlichen Kurve  bei einem entgegenkommenden Fahrzeug ein Kleinwagen überholte, sodass er nur durchs geistesgegenwärtiges starkes Abbremsen einen Unfall verhindern konnte.  War das nun Glück oder Gottes Fügung?  „Gott nahe zu sein, ist mein Glück“, die Jahreslosung fiel ihm sofort dabei ein.

Liebe Leserin, lieber Leser,
jetzt am Jahresende lassen wir Revue passieren, was alles so war in den vergangenen 365 Tagen, Glücksmomente, Stunden der Erholung und Entspannung, berufliche Erfolge, familiäre Highlights, aber auch Tage, die nicht vergehen wollten, Sorgen und Grübeln standen auf der Tagesordnung. Warum ist es so gekommen wie es gekommen ist und was hätte man anders, besser machen können, fragen manche, andere erzählen mir, wie sie mit ihrem Leben zufrieden sind und  dankbar auf das Vergangene zurückschauen.

Wie ein großes Buch mit 365 beschriebenen Seiten liegt es vor uns, das Jahr 2014, manches haben wir selbst so entschieden, andere Seiten wurden durch die Umstände und durch die persönlichen Lebenserfahrungen geschrieben.

Mit glücklichen Gefühlen  schauen wir auf die wichtigen Seiten, andere – vor allem die Unwesentlichen   – überblättern wir schnell, gut und sinnvoll wäre es, die letzteren wie Staub auf den Kleidern abschütteln zu können.

Neidisch schauen Menschen auf Andere, die nach außen hin immer ein fröhliches Gesicht präsentieren. Aber stimmt das auch, was wir sehen? Was verbirgt sich nicht alles hinter einem Gesicht, hinter den Augen und den Falten? „Sein“ oder „Schein“ ist hier die Frage.

Oft erfahren wir wenig voneinander, weil viele sich nicht getrauen, offen und ehrlich über ihre Gefühle zu sprechen, wahrscheinlich aus Angst davor, missverstanden und belächelt zu werden. Wer glaubt, den kann niemand erschüttern, sagen die einen, aber einen Beweis dafür gibt es nicht.

Und die anderen, sie schweigen, weil sie selbst niemandem haben, dem oder der sie sich ganz anvertrauen können. Das scheint mir ein wichtiges Thema am Ende des Jahres zu sein:  Vertrauen in die Zukunft und Vertrauen in die Menschen zu haben und zu lernen. Genau vor 70 Jahren schrieb Dietrich Bonhoeffer die hoffnungsvollen Zeilen, in denen vom Vertrauen zu Gottes täglichem Geleit - auch für das kommende Jahr 2015 - die Rede ist:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist bei uns an Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag“.

An der Schwelle zum neuen Jahr geht es weniger um die Frage:  Glück oder Unglück, Erwartung und Enttäuschung, vielmehr geht es  darum, wie schaffen wir es, konzentriert den wirklich wichtigen Dinge im Leben mehr Raum zu geben. Da zeigt es sich deutlich, wie wir Menschen füreinander verantwortlich sind.
Keine leichte Aufgabe, aber in einem ersten Schritt hilft da der Blick ins Poesiealbum weiter: „Vergiss, was dich ärgert, behalt was dich freut und beim Vergessen hilft dir die Zeit“.

Herzliche Grüße zum Jahreswechsel
Ihr Pfarrer Georg A. Maile aus Bad Schussenried


Geistliches Wort: Licht sehen

Matthias Müller, Vikar der Versöhnungskirchengemeinde

Matthias Müller, Vikar der Versöhnungskirchengemeinde
Ummendorf
FOTO: PRIVAT

Matthias Müller, Vikar der Versöhnungskirchengemeinde
Ummendorf
FOTO: PRIVAT

Geistliches Wort: Licht sehen

"Da sehe ich schwarz", ist eine Redensart, um auszudrücken, dass ein geplantes Vorhaben wohl keine Aussicht auf Erfolg haben wird. Das ist für den Betreffenden mal mehr, mal weniger schwer.

Jetzt noch einen Tisch im Restaurant für die Familie am ersten Weihnachtsfeiertag reservieren? - Wohl ein Ding der Unmöglichkeit. Es kommt einem natürlich sehr ungeschickt, wenn es so ist, und wäre ein Weltuntergang … zumindest vorübergehend. Doch die Unzufriedenheit über ein unmögliches Vorhaben geht nicht immer schnell vorüber. Wenn sich beispielsweise Pflegekräfte über die Bedingungen ihrer Arbeit und Probleme bei der Versorgung kranker und alter Menschen beschweren, aber bei Vorgesetzten und Leitungsebenen nur auf taube Ohren stoßen: "Wir haben selbst nur begrenzte Mittel und können Ihnen da nicht weiterhelfen. Es müssen sich da mal die Politiker bewegen. Da können wir nichts tun. Da sehen wir schwarz." Dann wird das Schwarzsehen sehr ernst, denn es führt zu einer großen Frustration, weil eine ernste Problemlage nicht gelöst werden kann.
"Und man wird sich nach oben wenden und wird zur Erde blicken, und siehe da: Finsternis." (Jesaja 8,21f) Der Prophet Jesaja hat für die Gesellschaft seiner Zeit schwarzgesehen. Man darf diesen feststellenden Blick nicht mit einer schwermütigen Sicht auf die Welt verwechseln. Die Probleme, die er sah, waren real und auch schlimm: Es herrschten Betrug, Bestechung, Gewalt, Gier und Selbstsucht. Viele Menschen hatten darunter zu leiden.

Dem Propheten offenbarte sich nun jedoch ein Hoffnungsschimmer, ein Licht am Ende des Tunnels. Es wird ein Licht verheißen, das über dieser Finsternis aufgehen soll. Das Licht wird das Ende der Finsternis bedeuten, denn es erhellt die Finsternis. Es schenkt Orientierung im Chaos der Dunkelheit, Geborgenheit in den Ängsten des Lebens, Trost gegen den Schmerz. Damit ist die Person Jesu Christi gemeint. In ihm wird Gott Mensch. Damit zeigt Gott, dass er den Menschen in seinen Zweifeln und Nöten nicht alleine lässt, sondern mit ihm geht. Wo auch die Möglichkeiten eines Menschen zu Ende sind und er schwarzsieht, da kann Gott eingreifen und ihm neue Perspektiven ermöglichen. Das haben Menschen damals in der Gegenwart Jesu erfahren und es gilt auch noch heute.

Am kommenden Sonntag wird nun auch die vierte Adventskerze angezündet. Während vor vier Wochen noch das Thema des Totengedenkens am Ende des Kirchenjahres stand, wird sich nun im Advent daran erinnert, dass die dunklen Seiten nicht das Letzte sind, sondern dass der Welt ein Licht gegeben ist. Mit jeder Woche wird die Helligkeit der Kerzen größer, weil mehr angezündet werden. Bis dann an Weihnachten das Kommen des entscheidenden Lichts in die Welt gefeiert wird.

Ich wünsche Ihnen, dass dort, wo auch immer Sie schwarzsehen mögen, Sie dieses Licht schauen und Mut fassen können.


Geistlicher Impuls: Ich habe alles, was ich brauche

"Ich habe alles, was ich brauche, um mich zu freuen!", sagt Robert Reed.

Seine Hände sind verwachsen und auch seine Füße kann er nicht gebrauchen.Er kann nicht allein baden.

Er kann nicht allein essen.


Er kann sich nicht selbst kämmen, sich nicht selbst die Zähne putzen oder sich anziehen.

Robert leidet an einer Gehirnlähmung. Wegen der Krankheit kann er weder Auto noch Fahrrad fahren noch spazieren gehen. Sie konnte ihn jedoch nicht daran hindern, einen Universitätsabschluss in Latein zu machen.
Seine Gehirnlähmung konnte ihn nicht daran hindern, an einem College zu unterrichten oder das Wagnis von fünf Missionsreisen nach Übersee einzugehen. Und Roberts Krankheit konnte ihn auch nicht daran hindern Missionar in Portugal zu werden. 1972 zog er allein nach Lissabon. Dort mietete er sich ein Hotelzimmer und fing an, portugiesisch zu lernen. Er fand einen Restaurantbesitzer, der bereit war, ihn nach der Hauptgeschäftszeit durchzufüttern, und einen Lehrer, der ihm Portugiesisch beibrachte.
Er postierte sich jeden Tag in einem Park, wo er Traktate über Jesus verteilte.
Als Gott nicht mehr wusste, wie er sich anders verständlich machen sollte, kam er an Weihnachten durch Jesus Christus auf die Erde, arm und niedrig.
Hätte Jesus nicht unter uns gelebt, wäre Gott noch immer unerreichbar fern.
Frère Roger


Vielleicht ist das alles was wir brauchen?!


Diakon Roland Fritzenschaft 

Erzählen vom Nikolaus…

Diakonin Hanne Winter

Diakonin Hanne Winter

Diakonin Hanne Winter

Erzählen vom Nikolaus…


Heute, am Nikolaustag, gehen meine Gedanken zurück in meine Kindheit. Damals habe ich diesen Tag mit sehr gemischten Gefühlen erlebt. Einerseits gab es so etwas Besonderes, wie eine Orange in meinem kleinen Stiefelchen vor der Tür. Andererseits liefen viele Nikoläuse mit einem Sack und klirrenden Ketten  durch die Straßen. Das machte mir große Angst, denn in meinem Ohr klang der Satz: „wenn du bös warst, dann steckt dich der Nikolaus in den Sack!“ Die Figur des Nikolaus war für mich sehr ambivalent. Im Kindergarten wurden vom Nikolaus aus dem goldenen Buch die Namen der Kinder vorgelesen, die im letzten Jahr besonders brav waren. Mein Name wurde nie vorgelesen!


Das heutige Bild vom Nikolaus ist weniger von Angst als durch das Bild eines freundlichen, dicklichen, älteren Herrn im roten Mantel, der Geschenke verteilt, geprägt. Populär gemacht hat es die Coca-Cola Company, die ab 1931 alljährlich zur Weihnachtszeit diese Darstellung für ihre Werbekampagnen nutzte (Quelle Wikipedia).


Welches Bild vom Nikolaus ist nun das Richtige? Das des Erziehers oder des Geschenkeverteilers? Wohl keines der Beiden. Ursprung des Nikolaustages ist die Legende vom Bischof Nikolaus von Myra. Die Legende berichtet davon, dass der Bischof das Gold aus seiner Kirche dafür hergegeben hat, Kinder bei Sklavenhändlern auszulösen. Diese hatten der Bevölkerung durch eine Blockade den Zugang zu Getreideschiffen verstellt und die Kinder als Lösegeld gefordert.


Die Legende vom Nikolaus erzählt also von Erpressung, Machtausübung, Ohnmacht und der Entscheidung eines kirchlichen Würdenträgers für das Leben. Er folgt damit Jesus und dem Gebot, das dieser für das wichtigste hält: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Dabei geht er so weit, dass er den Kirchenschatz plündert. Angesichts der Not der Kinder und ihrer Familien wird für ihn die Besitzstandswahrung der Kirche zweitrangig.
In der Frage: Wie soll meine Kirche der Zukunft aussehen, entscheidet sich der Bischof von Myra für eine Kirche, die dort sichtbar wird wo Not herrscht. Er riskiert dabei, dass er diejenigen verprellt, denen der goldene Kirchenschatz wichtig ist. Geld für die diakonischen Aufgaben einzusetzen, heißt möglicherweise auf goldenes Inventar und auf schwer zu unterhaltende Bauwerke zu verzichten. Ich kann mir gut vorstellen, wie schwer es dem Bischof gefallen ist sich vom traditionsreichen Kirchengold zu trennen. Doch er hat damit erreicht, dass Kinder eine Zukunft hatten.  


Von welchem Nikolaus erzählen wir den Kindern? In jedem Fall von dem, der Kindern eine Zukunft geben will. Der Nikolaus meiner Kindheit versucht es mit sehr subtilen Mitteln und auch der Weihnachtsmann soll durch Geschenke Kindern eine anhaltende Freude machen. Am Glaubwürdigsten für mich ist jedoch der Bischof von Myra, der genau hinsieht was die Kinder brauchen und es ihnen gibt, obwohl es ihm Verzicht abnötigt.


Dringende Bitte

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Was wünscht sich ein Kind am Meisten? Woran denkt es ganz oft und wohin gehen seine Gedanke ? – Es ist nur ein stiller Hilferuf, ein kurzes Gebet: „Lieber Gott, mach, dass mein Papa wieder gesund wird! „

Ein Kinderwunsch, eine eindringliche Bitte. Nicht das oft von Erwachsenen vermutete neue Smartphone, nicht die Spielekonsole. Es ist etwas Anderes: „  Bitte, lieber Gott, mach, dass er bald wieder nachhause kommt und wir wieder eine Familie sind und wieder ganz viel Zeit miteinander verbringen können!“

Heimliche Bitten, oft gar nicht wahrgenommen, aber jeden Tag immer wieder neu gehofft, gebetet, auf dem Weg zur Schule, während der Schulstunde – plötzlich ein Bild aus einem Krankenhaus und schon sind die Gedanken wieder da, beim Vokabeln lernen, beim Mittagessen – er hat mich immer abgefragt, sein Platz am Tisch ist leer. Mama ist immer so angespannt und abends hat sie die Tür hinter sich zugemacht, eine Träne heimlich verdrückt. Und wenn das Telefon klingelt, zucken zuhause alle zusammen. Etwa eine Nachricht aus dem Krankenhaus ?

Dringender Wunsch und dringende Bitte, nicht nur auf Kinderlippen, auch von Erwachsenen, Angehörigen, Betroffenen: „ Heile du mich Herr, so werde ich heil. Hilf Du mir, so ist mir geholfen.“ Gleichzeitig Wochenspruch für die am Sonntag  neu beginnende Woche. Eine Woche, die wieder neu unter diesen Vorzeichen beginnt. Ein Stoßgebet des Propheten Jeremia (17, 14), ohne Rückhalt, von Menschen verlassen, alleine.

Der Mensch ist Mensch, wenn er atmet, wenn er lacht, wenn er sich freut – ist er es auch noch wenn er leidet? Diese Frage schiebt sich zwischen die Gedanken. Ist er noch Mensch, wenn er ruft, bittet, bettelt – gibt es ein Gegenüber für diese Bitten?

Der Mensch erkennt sich plötzlich im Gegenüber zu Gott, im Gegenüber zu dem, der ihn ins Leben gerufen hat, dem er sich verdankt, der in der Taufe schon zu ihm spricht: Du bist mein geliebtes Kind -  mein geliebter Sohn – meine geliebte Tochter.

Dann ist er doch auch das Gegenüber für: Heile du mich Herr, dann bin ich geheilt. Hilf Du mir, so ist mir geholfen.

In der Auslegung der Jahreslosung für 2014 „ Gott nahe zu sein ist mein Glück“ stellte eine Schülerin ihren Mitschülerinnen und  Mitschülern die Geschichte von Jesus vor, der mit den Jüngern unterwegs ist auf dem See Genezareth, als plötzlich ein schwerer Sturm aufzieht. Die Jünger sind hilflos- sie wecken Jesus: Hilf uns!

Wenn Gott nahe ist, wie auf einem engen kleinen Boot, dann ist es auch in stürmischen Zeiten  normal, ihn anzurufen, aufzuwecken, ihn um Hilfe zu bitten. Resolut schloss sie ihre Gedanken ab, indem sie in die Runde fragte: „ Oder ist jemand anderer Meinung?“

Von so viel Zuversicht kann man sich nur eine Scheibe abschneiden und sich auch davon anstecken lassen. Niemand geht gerne schwere Wege, niemand will sich das zumuten. Zu schwer scheint da oft, was es zu schultern gibt. Zuviel für einen, für eine alleine. Wir bitten Gott auch um seinen Beistand, wenn mir merken, dass Wünschen alleine nicht mehr hilft, wenn wir bemerken, dass wir uns vielleicht schmerzlich von einem Bild verabschieden müssen, das wir von uns gemacht haben, aber das nicht mehr stimmig ist. Da werden Verletzungen vielleicht übergroß, Wunden lassen sich nicht mehr schließen – da möchte man einstimmen in das „Heile du mich Herr, dann bin ich geheilt. Hilf du mir, so ist mir geholfen.“

Gott bleibt den Menschen zugetan. Er sucht sich immer wieder einen Weg zu den Menschen. Er hört uns, wenn wir rufen.

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen


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Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach

„Geistliches Wort“ für die Schwäbische Zeitung Biberach, Erscheinungsdatum 31. Oktober 2014

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Heute feiern – hoffentlich nicht nur evangelische – Christen den Reformationstag. Dennoch erinnere ich mit diesen Zeilen nicht zuerst an den scheinbar zornigen Mönch Martinus Luther, der mit donnernden Hammerschlägen am 31. Oktober 1517 die 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg geheftet haben soll.

Ich erinnere an den böhmischen Priester Jan Hus. In der Nacht von 1. auf 2. November 1414 quartierte er sich im Goldenen Lamm in Biberach ein. Von Böhmen kommend war er auf dem Weg nach Konstanz. Vor dem dortigen Konzil wollte er seine Überzeugungen gegenüber Papst und den Mächtigen vertreten. Das Ende ist bekannt, Jan Hus starb auf dem Scheiterhaufen, obwohl ihm freies Geleit zugesichert war.

Jan Hus zahlte den Preis für seine Überzeugungen. Er war unbequem. Er blieb unbeugsam. Er hatte die Bibel studiert. Was er dort las, überzeugte ihn: Die Kirche sah er in vielem auf dem falschen Weg. Macht und Prachtentfaltung passten nicht zu dem Wanderprediger Jesus von Nazareth. Die Gläubigen sollten verstehen, was sie in der Messe feiern, sie soll in der Landessprache gefeiert werden. Und womit ist es zu rechtfertigen, dass den einfachen Christen der Kelch beim Abendmahl vorenthalten wird?
Reformatoren waren nicht nur Luther und seine Mitstreiter im 16. Jahrhundert. Reformatoren waren etwa auch die Mönche in Cluny vor rund 1000 Jahren, es waren Franz von Assisi und Elisabeth von Thüringen an der Schwelle zum 13. Jahrhundert, es waren ein Dietrich Bon-hoeffer oder der nicaraguanische Priester Ernesto Cardenal im letzten Jahrhundert.

Sie alle riefen die Christen ihrer Zeit zurück zur Quelle des Glaubens, zur Bibel. Wenn die Bibel in Vergessenheit gerät, geht die Kirche in die Irre, auch heute. Darum stören die Reformatoren aller Zeiten bis heute katholische, evangelische wie freikirchliche Christen. Die Bibel ist Quelle unseres Glaubens, sie allein. Dabei reicht es nicht, die Geschichten des Alten Testaments und die Worte Jesu im Neuen einfach nur zu zitieren, wie in Festreden Zitate berühmter Personen zum besten gegeben werden. Es reicht auch nicht, die Bibel einfach nur wörtlich zu lesen und daraus 1:1 Regeln für heute abzulesen. Wir müssen miteinander darum ringen, wie wir verstehen können. Die nicht selten sperrigen Texte müssen wir kauen wie Schwarzbrot. Wollen wir uns dem aussetzen?
Der Reformationstag ruft uns zurück zur Quelle des Glaubens, er rückt die Bibel in den Mit-telpunkt. Es macht Mut, dass wir dieses Fest am Sonntag in simultaner Verbundenheit mit einem ökumenischen Gottesdienst feiern können.

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach


… und Gott zeltete mitten unter uns...

Pfarrer Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

… und Gott zeltete mitten unter uns...

Während es in der altvertrauten Weihnachtsbotschaft des Johannesevangeliums heißt: „Das Wort ward Fleisch und wohnte mitten unter uns“, steht in der griechische Ursprache „zelten“ anstelle von „wohnen“. Dass Gott im Zelt wohnt, in der beweglichen Behausung, taucht an vielen Stellen der Bibel auf. Schon Abraham war mit seinem Gott in Zelten unterwegs. Die Stiftshütte, wo er das aus der Sklaverei befreite wandernde Gottesvolk begleitete, war auch ein Zelt. Die weißen Tücher, vom Mesner beim sonntäglichen Abendmahl sorgfältig über Christus in Brot und Wein gebreitet, verweisen auch auf dieses Zelt.

Für uns Menschen ist das Zelt Symbol für Freiheit und Beweglichkeit und gleichzeitig für Geborgenheit und Schutz unterwegs. So mancher Zeltcamper spürt das, wenn er seinen Sommerurlaub gern im Zelt verbringt. Es erklärt aber auch, mit wie viel Begeisterung die Jugendlichen beim Hölzlecamp im Wald von Winterreute ihr Zelt aufgeschlagen haben. Vielleicht ahnen sie und nehmen spielerisch vorweg, dass sie im Leben irgendwann den Schutz des bergenden Elternhauses verlassen werden, um woanders ihr Glück selbst zu suchen.

„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Ps 73,28) heißt der Bibelvers, dem die Kinder in den Andachten nachgehen. „Felix“ heißt das Modell ihrer Zelte, die sie am ersten Tag selbst aufstellen durften. Die Welt einmal anders sehen, das erfahren die Winterreuter Camper - nicht zuletzt auch, wenn der Regen den Platz in einen Sumpf verwandelt und die einfachsten Verrichtungen im Matsch stecken zu bleiben drohen.

Zelten ist ja nicht immer nur Abenteuer und geschieht freiwillig. Was das oben angesprochene fliehende Gottesvolk unter Mose in der Wüste erlebte, waren vielfältige Strapazen von Hunger, Hitze und Durst bis Unfrieden und Hoffnungslosigkeit. Leider wohnen in unserer Welt die meisten Menschen, die dies tun, unfreiwillig in den Zelten ihrer Flüchtlingslager, wo abgesehen von körperlichen Strapazen auch noch Krieg und Verfolgung in den Knochen sitzen.

Möge Gott allen Menschen, die in Zelten wohnen, auf seine je besondere Weise nahe sein und uns allen immer wieder neue Perspektiven öffnen.

Gesegnete Sommertage
wünscht Ihnen Ihr Pfarrer Albrecht Schmieg


Prüft alles, das Gute behaltet

Diakonin Hanne Winter

Diakonin Hanne Winter, Evangelischer Kirchenbezirk Biberach

Diakonin Hanne Winter, Evangelischer Kirchenbezirk Biberach

„Roboter sollen den Pflegenotstand in Japan lindern“, so die Überschrift eines Artikels in der Frankfurter Rundschau (6.5.2014). In ihm wird ein Roboter beschrieben, der als Gymnastiktrainer im Pflegeheim fungiert, mit den Heimbewohnern rätselt und einfache Gespräche mit Pflegebedürftigen führt.

Der Roboter kommt bei Pflegebedürftigen und Mitarbeitern gut an.
Die Bewohner freuen sich, dass „Palro“ ihnen zuhört und für die Pflegemitarbeiter ist er ein echter Zeitsparer. Besonders gute Erfahrungen macht man in der Therapie von Demenzkranken mit einer kleinen kuschligen Babyrobbe, die bedürftig jammert und ein kuschliges Fell hat.  Grundsätzlich ist das Leben mit Maschineninzwischen eine Selbstverständlichkeit: von der Waschmaschine bis zum Navi.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass sie immer mehr Felder besetzen, die früher Menschen ausgefüllt haben. Maschine statt Mensch, eine Entwicklung, die sicher noch lange nicht am Ende ist. Bei aller Erleichterung, die Maschinen für die Menschen bringen können, bleibt aber in manchen Bereichen die Frage, ob hier nicht etwas auf der Strecke bleibt. Der Einsatz von Maschinen in der Pflege ruft bei vielen ein ungutes Gefühl hervor. Aber warum? Ist es nicht nett, wenn „Palro“ mit Pflegebedürftigen spricht, turnt und rätselt? Wenn Demenzkranke mit einem sprechenden Stofftier kuscheln?! Ja schon – aber doch irgendwie auch nicht.

Ich glaube, es liegt daran, dass sich eine Maschine einem Menschen nicht wirklich zuwenden kann. Maschinen kennen Befehle, sie reagieren nach Programmierung. Sie sind nett, weil sie auf „Nett sein“ programmiert wurden.  Sich dem Anderen innerlich zuwenden, erspüren was erbraucht, können sie nicht. Echte Zuwendung kann keine Maschine geben.

In der Bibel ist immer wieder vom „Sehen“ die Rede.
Gott sieht seine Menschen und Jesus sieht den Menschen an. Er sieht ihnen ins Herz und reagiert ganz unterschiedlich. Jesus weiß, ob sie Zustimmung oder Widerspruch, Hilfe oder Ermutigung, Hinwendung oder Abgrenzung brauchen. Er lässt sich in Frage stellen und stellt selbst in Frage. Ein lebendiges Miteinander, das ist es, was ich mir für jeden Menschen, ob alt oder jung, wünsche: einen lebendigem Austausch mit anderen und nicht nur einen Streichelzoo.

Maschinen müssen das bleiben, was sie sind: Hilfsmittel. Sie dürfen und können nie Zwischenmenschlichkeit ersetzten. Der Grad, auf dem wir gehen, ist ein schmaler. Wenn wir also Menschen, die hilfsbedürftig sind, oder Menschen, die die Wirklichkeit nicht mehr real sehen können, Maschinen als Partner geben, müssen wir doppelt umsichtig sein.

„Prüft alles, das Gute behaltet“ heißt es in der Bibel (1. Thessalonicher 5,21). Was und wieviel gut ist, muss wohl im Einzelfall entschieden werden. Wichtig ist, darüber immer wieder nachzudenken.

Diakonin Hanne Winter, AltenPflegeHeimSeelsorge, Evangelischer KBZ Biberach



Geistliches Wort: Mutter! Tag!

Pfarrer Peter Schmogro

Pfarrer Peter Schmogro, Foto: privat

Pfarrer Peter Schmogro, Foto: privat

Morgen ist Muttertag. Mal wieder. Oder schon wieder? Überreichen die Schulkinder ihre selbst gemalten Bilder oder sagen Gedichte auf, steigt so mancher ins Auto ein mit einem Blumenstrauß, holt die Mutter ab und lädt zum Restaurantbesuch ein. Mutter soll verwöhnt werden. Einmal im Jahr sagt man "Danke" dafür, dass sie sich für die Familie aufgeopfert hat.

Ist das überhaupt noch zeitgemäß? Im Zeitalter der Gleichberechtigung? Wird da nicht ein Frauenbild bedient, das längst im Verschwinden begriffen ist: das Lob auf die Frau am heimischen Herd zwischen Kinder, Küche und Kirche? Sieht das Leben heutiger Mütter nicht total anders aus? Und wär's nicht auch an der Zeit, die Rolle der Väter in der Familie stärker wertzuschätzen?

Mag alles sein. Aber deswegen hat die Absicht, warum vor rund 100 Jahren der Muttertag eingeführt wurde, nicht überlebt, nämlich die besondere Bedeutung der Mütter in jeder Familie hervorzuheben. Und daran hat sich trotz allem Rollenwandel nichts verändert. Da mögen die Männer maulen und lästern wie sie wollen, aber an der Stelle kommen weder sie und auch keine Betreuungseinrichtungen an die Mütter ran, wird's keine Gleichberechtigung und keinen wirklichen Ersatz geben. Einfach deshalb, weil Frauen neun Monate Vorsprung haben. Und den holen die Männer nie ein. Auch niemand anderes. Neun Monate, in denen die Frauen sich mit ihrem Leben als künftige Mütter auseinandersetzen (müssen) und eine Beziehung zu ihrem Kind suchen und finden (müssen) in einer Intensität, wie sie Väter selten durchmachen müssen.

Und dieser Vorsprung bleibt. Es mag gute und schlechte und Rabenmütter geben, so wie es gute und schlechte Väter gibt, und Kinder, wenn sie größer werden, werden bei ihren Eltern immer auch irgendwelche Schattenseiten kennenlernen, die nicht so vorteilhaft und vorbildlich sind. Aber: Eine Mutter bleibt eine Mutter. Und man hat nur eine. Und an der hängt man, auch wenn man sich vielleicht in der einen oder anderen Sache an ihr reibt.

Gewiss, es gibt viele ganz engagierte Väter. Und fehlen sie, fehlt Kindern etwas Wesentliches. Aber, wenn's hart auf hart kommt, wenn's um Trost, um Rat, um Geborgenheit geht, dann suchen Kinder das halt meist doch bei ihren Müttern. "Meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter", so beschreibt der 131. Psalm diese ganz elementare Erfahrung.

Das sind eben die neun Monate. Die bleiben. Und weil hier Mütter nach wie vor ganz Außerordentliches leisten, sie oft die einzigen sind, die ihren auch längst groß gewordenen Kindern nach wie vor Halt und Korrektiv zugleich bieten können, gebührt ihnen Dank und Hochachtung. Wir brauchen sie und wünschen ihnen - in unserem eigenen Interesse - auch weiterhin die nötige Kraft und Lebensenergie für ihre Familien.

Darum: "Wer seine Mutter ehrt, der sammelt sich einen bleibenden Schatz." (Sir 3,5).

Pfarrer Peter Schmogro, Friedenskirche Biberach



Über Geld spricht man nicht....

Bild: privat

Bild: privat

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Über Geld spricht man nicht …
Und wir tun es trotzdem

Schon wieder eine neue Steuer?
„Über Geld spricht man nicht.“, sagen wir und tun es trotzdem. Schon wieder eine neue Steuer? So werden manche ärgerlich denken beim Blick auf die aktuellen Kontoinformationen.

Eigentlich paradox: Wir genießen es sehr, in einer besonders wohlhabenden Region in Deutschland zu leben. Stolz schauen wir auf die hohe Beschäftigungsquote in der Stadt Biberach. Wo gute Löhne und Gehälter gezahlt werden, wo Unternehmenssteuern sprudeln, da profitiert auch die örtliche Infrastruktur. In den letzten Jahren wurden mehrere öffentliche Gebäude vollständig neu gebaut, darunter eine ganze Schule und sogar ein Hallenbad, dazu Sanierungsarbeiten an Landratsamt, Hochschule und Straßen. Weitere Projekte dieser Größenordnung sind bereits beschlossen. Wir kommen in den Genuss dieser öffentlichen Leistungen, weil wir in der glücklichen Lage sind, durch die Erträge unserer Arbeit in der Summe ein hohes Steuervolumen zusammenzutragen.

Das Paradoxon: Wie oft knirschen wir mit den Zähnen angesichts der Steuerbelege? Wie oft fluchen wir heimlich und unheimlich? Weil wir so gut verdienen, dass wir Steuern zahlen können?

„Über Geld spricht man nicht.“, sagen wir und tun es trotzdem. Schon wieder eine neue Steuer? Auch Sie werden sich in den letzten Wochen durch das schwer verständliche Kauderwelsch der deutschen Amtssprache gekämpft haben über die Informationen zur Abgeltungssteuer. Darin Erwähnung findet immer auch die Kirchensteuer auf Kapitalerträge. Dies ist aber keine neue Steuer.
Kapitalerträge waren schon früher als Einkommen in der Steuererklärung anzugeben und zu versteuern, inklusive Kirchensteuerzuschlag. Neu ist lediglich ab 2015 die Art der Erhebung. Es geht darum, das Verfahren zum Abzug der Kirchensteuer für alle Beteiligten zu vereinfachen.
Die Kirchensteuer ist keineswegs eine „Zwangsabgabe“. Sie ist der finanzielle Beitrag, den die Mitglieder leisten, die der Kirche ja freiwillig angehören. Sie ist auch gerecht und fair, denn sie knüpft an die finanzielle Leistungsfähigkeit der Kirchenmitglieder an: Wer wenig verdient, zahlt keine Einkommensteuer und damit auch keine Kirchensteuer. De facto sorgt etwa ein Drittel der evangelischen Kirchenmitglieder mit dieser Steuer dafür, dass die Kirche ihre Aufgaben in Verkündigung, Seelsorge, Diakonie oder Bildung wahrnehmen kann.

Diese Art der Infrastruktur ist weniger deutlich sichtbar als ein neues Straßenpflaster in der Biberacher Altstadt oder eine neue Mehrzweckhalle. Gleichwohl tragen Sie alle mit Ihren Kirchensteuern dazu bei, diese Infrastruktur der Dienste von Mensch zu Mensch mit zu erhalten. Sie kommt auch denjenigen zugute, die derzeit aus den verschiedensten Gründen nicht am hohen Wohlstand unserer Region partizipieren.
„Über Geld spricht man nicht.“, sagen wir und tun es trotzdem. Lassen Sie uns auch über andere Werte reden: Über die Werte, die es braucht, um ein gelingendes Miteinander in unserer schönen Stadt zu gestalten. Dazu braucht es beides, Geld und Menschen, die sich mit ihren Ressourcen, mit ihrer Kraft und mit ihren Glaubensüberzeugungen einbringen können.

Ihr

Edzard Albers

Edzard Albers ist Pfarrer an der Evangelischen Bonhoefferkirche in Biberach.



Weitere Informationen zum Thema Abgeltungssteuer, neues Er 2015:
www.elk-wue.de/landeskirche/oberkirchenrat/finanzmanagement-und-informationstechnologie/infos-zur-abgeltungsteuer/


Ein Sprechen durch den Tod hindurch - Gekreuzigt und gestorben

Pfarrer Edzard Albers, Bonhoefferkirche

Pfarrer Edzard Albers, Evangelische Bonhoefferkirche Biberach

Pfarrer Edzard Albers, Evangelische Bonhoefferkirche Biberach

Das höchste Fest der Christen ist eine merkwürdige Angelegenheit in unserer Zeit. Wer mag schon den Tod in seiner Mitte haben? Das Todesthema würden wir am liebsten verdrängen aus unserem Lebensbereich.
Unausweichlich ist der Tod für die Lebenden, dies müssen wir nüchtern erkennen. Die Erinnerung der Ereignisse am Karfreitag stellt diese Erkenntnis nach vorn. Gott selber wird vom Tod getroffen: Am Kreuz, an einem Galgen. Gott wird mit dem Tod bestraft. Tag des Entsetzens, Stunde des Dunkels, Moment der Atemlosigkeit. Und das soll gefeiert werden?
Noch lange nicht liegt deswegen der Sinn des Lebens im Tod, wie manche resigniert behaupten. Das höchste Fest der Christen gibt dem Tabu einen Namen. Ein jeder Mensch ist vom Tod betroffen, weil der Tod ihn trifft, unvorbereitet und ohne Stimme. Der Tod kann nicht sprechen. Die Toten hätten doch noch leben sollen!
Der Karfreitag ist ein solidarisches Aushalten des Todes mit allen, die von diesem Schockzustand getroffen sind. Das höchste Fest der Christen sucht eine theologische Sprache durch den Tod hindurch, ohne die Wahrheit des Todes zu verdrängen.
Der Sinn des Lebens liegt zuerst einmal im Leben. Die Botschaft von Gott bei den Menschen zeigt sich in ihrer größte Stärke am Abgrund des Menschseins. In theologischer Sprache gefasst: Gott selber kennt das Sterben. Der Mensch soll hier nicht allein gelassen sein. Auch auf der für unseren Blick verborgenen Rückseite des Lebens soll Gott schon da sein. Während Menschen dem Schatten des Kreuzes zu entkommen suchen, zeigt Gott seine Macht in diesem unerklärlichen Dunkel.
Die Ereignisse des Karfreitags werden in der Bibel detailliert geschildert in den Evangelien des Neuen Testaments. Nicht etwa, weil die Nacherzählungen der Augenzeugen sensationslüstern daherkämen. Das Entsetzen wird in Worte gefasst, weil es eine Stelle tiefster Verwundung der Menschheit berührt. Hier liegt die eigentliche Neuigkeit der christlichen Religion begründet. Weil sie dem Tod eben nicht ausweicht, den Schrecken des Todes nicht beiseite wischt, sondern dem Tod ins Auge blickt – und dabei erkennt, wie Gott dem Menschen gerade hier nicht von der Seite weichen will.
Dietrich Bonhoeffer, Theologe im Widerstand, konnte diese Stärke der christlichen Botschaft unmittelbar vor seiner Hinrichtung 1945 so übersetzen: „Das ist das Ende. Für mich aber der Beginn des Lebens.“

Edzard Albers ist Pfarrer an Evangelischen Bonhoefferkirche Biberach.


Südwind

Klinik- und Hochschulpfarrer Albrecht Schmieg

Klinik- und Hochschulpfarrer Albrecht Schmieg

Klinik- und Hochschulpfarrer Albrecht Schmieg

Es wird wohl niemand entgangen sein: Die kraftvolle Frühlingssonne trübte sich ein diese Woche. Eine besondere Wetterlage brachte es mit sich, dass der Südwind eine gelbe Wolke feinen Saharastaubs mit sich trug und über Europa bis nach Biberach verteilte. Afrika ist nah und legt einen gelblichen Schimmer in die Luft. Die Blicke gehen nach oben und die Gedanken auch.

Muss man Angst bekommen, wenn sich die Sonne eintrübt? Zunächst fand ich es schön, schon in der aufgehenden Sonne dieses besondere milchige Licht zu sehen. Und wie bezaubernd erst das Abendrot.   Es weckte einen Eindruck von globaler Weite und gleichzeitig von Nähe zum Schwarzen Kontinent in mir. Der Südwind verbindet uns. Wie zum Hohn unserer immer dichter werdenden Abschirmung vor den von Süden nach Europa drängenden Flüchtlingsströmen geht der Wind einfach über das Meer und die Grenzbefestigungen, über die Einreiserestriktionen und die Abschieberetouren hinweg. Das vergangene Jahr und seine über 400 Toten vor der Insel Lampedusa bleiben darunter. Nicht nur die Leiterin des Brüsseler Büros der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Katrin Hatzinger, kritisiert, dass selbst nach dem kurzen Aufschrei auf europäischer Ebene nichts nennenswertes unternommen wurde, um der Genfer Flüchtlingskonvention, die im April  1954 in Kraft trat auf legalem Wege wieder näher zu kommen und statt dessen der Ausbau des Grenzschutzes weiterhin oberste Priorität hat.
(vgl. z.B. unter www.ekd.de/aktuell_presse/news_2014_03_25_eu_fluechtlingspolitik.html)

Beim Nachforschen erfahre ich, dass der Staub aus der Sahara nicht nur schlechtes bringt. Er ist ein fruchtbarer Dünger für das Land. Einst düngte er heute weithin abgeholzte Regenwälder. Nun nur mehr das Meer und manche mediterrane Insel und in homöopathischer Dosis eben auch unsere Wälder und Felder.

Ist es nicht so, dass selbst einige unserer Politiker sagen, es wäre für unsere Gesellschaft fruchtbar und gut, wenn wir einen Zustrom von außen zulassen würden, wenn Migrations-, Asyl-, Entwicklungs- und Handelspolitik besser vernetzt und humaner gestaltet würden?
In der Bibel wird Südwind nur wenige male erwähnt. Er bedeutet nur Wärme und Gutes. In Apostelgeschichte 27 und 28 wird die Überfahrt des Paulus nach Rom geschildert. Ähnlich dramatisch, wie manchen heutigen Bootsflüchtlingen erging es den Schiffsbeatzungen damals. Zweimal hilft der Südwind, dem Apostel gut voran zu kommen, dass er am Ende den Römern seine Botschaft ausrichten konnte. Möge der Südwind und der Blick nach oben auch uns eine gute Botschaft von Gott üb erb ringen, dass wir in seinem Licht unsere Welt und unseren Umgang mit unseren Themen sehen können.
Gott befohlen

Klinik- und Hochschulpfarrer Albrecht Schmieg


Achtsamkeit

Pfarrer Jörg Martin Schwarz

Pfarrer Jörg Martin Schwarz

Pfarrer Jörg Martin Schwarz

An diesem Wochenende liegen nun die Faschings- und Karnevalstage hinter uns, Tage die zu Zeiten schon den Abschied von allem Weltlichem feiern sollten.

Es ist eine Überleitungszeit, eine Zeit die uns vom Äußeren, Offensichtlichen zum Inneren führen soll. Eine Zeit, wo wir den Blick auch vom bunten Treiben wieder zurück auf uns selbst wenden, uns selber in unserer Menschlichkeit, Verwundbarkeit und Zerbrechlichkeit wahrnehmen können.

So steht die Faschingszeit im Kirchenjahreskreis traditionell vor der Fastenzeit. In einigen evangelischen Gemeinden beginnt die Aktion „ Sieben Wochen ohne“, in manchen Gemeinden mit eigenen Fastengruppen. Dabei geht es aber nicht (nur) um eine neue Bikini- Diät, sondern Fasten kann auch ein Verzichten für andere sein, eine Einübung in das Loslassen.

Es kann die Sinne schärfen, um Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Dann wächst der Wert des Augenblicks und die Achtsamkeit kann wachsen. Eine Einübung in ein Leben, welches sich bewusst macht, wie viel wir täglich unwiederbringlich zurücklassen – und wie kostbar die Gegenwart ist.

Beweglich, lebendig, offen – so wünsche ich mir mein Leben, meinen Glauben. Doch ich weiß auch: Es gibt immer wieder Momente, da machen mich Geschehnisse starr wie Beton, unbeweglich eben.

Jetzt, in der Ruhe dieser Tage ahnen wir: Manches hat uns Augen, Ohren und Herz verkleistert. Manches wühlt uns auf. Manches macht uns stumpf. Wer oder was aber hilft uns heraus, wenn wir in Aufgeregtheit oder Gleichgültigkeit unterzugehen drohen? Arbeit, Verpflichtungen, aber auch Ängste und Sorgen trennen uns immer wieder von der Wahrnehmung dessen, was in uns vorgeht. Und doch bemerken wir in manchen Momenten, dass wir nicht nur Äußerlichkeiten sind und leben, sondern auch ein inneres, ein tiefes Wissen und Bewusstsein dafür besitzen, was wir der Welt und uns eigentlich schuldig sind.

Wenn doch nur ein paar Dinge anders laufen könnten, damit wir uns rundum glücklich fühlen. Wenn unser Leben ein wenig perfekter ablaufen könnte. Wenn der Partner, sich ein wenig anstrengen würde, der Chef sich ein wenig ändern würde, die Eltern nicht so halsstarrig wären, die Freunde etwas entgegenkommender, die Kinder nicht so undankbar – aber so funktioniert es leider nicht.

In einer Meditation zur Fastenzeit von Hermann-Josef Frisch heißt es:
Voll und ganz das Leben leben, Licht und Schatten, Glück und Leid, voll  und ganz das Leben ausschöpfen, rundum Mensch sein.
Voll und ganz die Zukunft wagen, mutig eine Brücke baun, die hinüberführt ins Morgen, die mich den Himmel finden lässt.
Voll und ganz die Liebe spüren, getragen werden und auch selber tragen, zum neuen Menschen werden, ganz in dir geborgen sein.
Voll und ganz im Glauben stehen, einen Halt finden, der hoffen lässt. Sein Herz an einen Größeren binden, Leben  in Fülle gewinnen.

Leben in Fülle gewinnen – viel zu oft werden wir abgelenkt, unsere Smartphones und Handys beschäftigen uns mehr als unsere nächsten Mitmenschen und oft genug gaukeln wir  uns allerlei Aktivitäten vor, die uns das davon abhalten, das Geschenk des Lebens zu genießen.

Kleine Dinge sind es, die mich wieder ein wenig Abstand finden lassen, die mich wachrütteln können, wenn ich es zulasse. Die Stille auf einer Waldlichtung, das Zwitschern eines Vogels an einem Morgen im März, ein Kieselstein in meiner Hand, ein Bleistift auf dem Tisch, das herabgefallene Blatt einer Blume neben der Vase und noch manch anderes Bild für die Schönheit und Lebendigkeit, aber auch Vergänglichkeit dieser Welt. Es hilft, achtsam zu sein.

Achtsam für den Weg, den es uns zeigen will. Aber es ist Gott selbst, der „das Herz auftut“, wie es in der Apostelgeschichte des Evangelisten Lukas ( 16,14) heißt. Der Lebensvertrauen und Hoffnungskraft schenkt. Das kanndas Geschenk dieser besonderen Zeit werden: Gott öffnet das Herz. Dass wir achtsam werden für das, was er uns sagen will.

Pfarrer Jörg Martin Schwarz, Evangelisches Pfarramt Ochsenhausen


"Immer wieder Sonntags kommt die ..."

Pfarrerin Daniela Bleher

Pfarrerin Daniela Bleher

Pfarrerin Daniela Bleher

„Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung……..“ Dazu tanzen Freunde alter Schlager auch heute noch gern. Aber woran erinnert dieser Tag denn? An Gottesdienste und Familienspaziergänge? An „ Tatort“ oder Langeweile oder merkwürdigen Verwandtschaftsbesuch?

Ich glaube, auch wenn die Erinnerungen an den Sonntag so oder so ausfallen, dass wir einen solchen Tag brauchen.Einen Tag in der Woche, an dem es „andersrum“  geht.  Einen Tag, an dem man Abstand nehmen kann vom Alltag, Ruhe finden kann, einen Tag der Unterbrechung von dem alltäglichen Einerlei, einen Tag, der frei von Stress ist. Einen Tag, der in der Abwechslung mit Werktagen, dem Leben einen Rhythmus gibt.

Vielfach aber dient der Sonntag dazu, das  aufzuarbeiten, wozu man in der Woche nicht gekommen ist.

Der Sonntag will aber daran erinnern, dass das Leben nicht nur Mühe und Arbeit ist, sondern eben auch Zeit der Lebensfreude und der Lebensvertiefung. Durch verkaufsoffene Sonntageund ein unüberschaubares Freizeitangebot wird die Idee des Sonntags zusehends ausgehöhlt. Und die Arbeitszeiten vieler Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer machen vor dem Sonntag immer weniger Halt.


„Tschuldigung“

Pfarrerin Birgit Oehme

Pfarrerin Birgit Oehme

Pfarrerin Birgit Oehme

„Tschuldigung“, so nuschelt ein Schüler, der einen anderen gerade beim Fangespielen auf dem Schulhof angerempelt und richtig wehgetan hat. Er bleibt dabei nicht einmal stehen, sondern läuft weiter. Das andere Kind steht verlassen da und weint.

„Entschuldigung“ – wie schnell und wie leicht kommt dieses Wort auch manchen Erwachsenen über die Lippen. - Zu leicht und zu schnell manchmal, um wirklich ernst gemeint zu sein.Mit der Schuld scheint man es nicht immer so ernst zu nehmen in der heutigen Zeit. Manche bringen nicht einmal ein genuscheltes „‘Tschuldigung“ über die Lippen.

Andererseits: Über Jahrhunderte hinweg haben Elternhaus, Kirche und andere Instanzenmit oftmals rigider Sexualmoralden von ihnen AbhängigenSchuldgefühle eingeimpft, wo es keine wirkliche Schuld gab.
Manche ältere Katholiken erzählen auch noch, dass sie als Kind bei der Beiche irgendetwas erfunden haben, weil sie nicht recht wussten, was sie sagen sollten und weil sie mit dem Ritual nicht wirklich etwas anfangen konnten. Es waren oftmals „Sünden“, von deren Bedeutung sie gar keine rechte Vorstellung hatten.

Als junge (evangelische) Theologinnen und Theologen diskutierten wir, ob es nötig sei, beim Abendmahl ein Schuldbekenntnis zu sprechen. Sind wir wirklich so böse und schlecht? Macht uns der Glaube nicht schlechter als wir sind? Müssen wir uns Schuld eingestehen, auch wenn wir gar nichts davon empfinden?

Es ist sicher nicht hilfreich, sich ständig vorzusagen, wie schlecht man sei. Und nicht alle Schuldgefühle weisen auf eine reale große Schuld hin. Wir sind auch nicht für alles verantwortlich. Aber es gibt eben auch die andere Seite, nämlich dass man allzu leichtfertig über das hinweggeht, wo man einen anderen verletzt oder eine Gemeinschaft geschädigt hat.

„Es war ein Fehler“, so hören wir in der letzten Zeit besonders häufig, wenn mal wieder jemand in größerem Ausmaß Steuern hinterzogen hat. Oder wenn Banker ihre Anleger um ihr Erspartes gebracht haben. Das Wort „Fehler“ suggeriert dann, dass das ja jedem passieren könnte. Denn keiner ist ja perfekt. Irren ist menschlich.

Aber hier geht es mehr als „nur“ um einen Fehler. Es geht um bewussten Betrug, um eine Schädigung einer Gemeinschaft und um reale Schuld
Schuld zu fühlen zu können, das heißt die Fähigkeit, sich in die Situation des Opfers hineinzudenken, Reue zu empfinden und den Wunsch zu haben, Wiedergutmachung zu leisten, ist eine gute Erfindung unserer Seele. Sie macht uns gemeinschaftsfähig.

Schuld wahrzunehmen, anzuerkennen und um Entschuldigung zu bitten, ist darum keine Niederlage, sondern ermöglicht einen Neuanfang in unseren Beziehungen. Zerstörtes Vertrauen kann zumindest teilweise „repariert“ werden.

Nicht umsonst steht im Vaterunser gleich nach der Bitte um das tägliche Brot: „Und vergib uns unsere Schuld“. Wie gut, wenn wir auch untereinander „Entschuldigung“ sagen können.

Birgit Oehme, Pfarrerin und Referentin beim Dekan, Biberach


Fermate

Pfarrer Ulrich Heinzelmann

Pfarrer Ulrich Heinzelmann

Pfarrer Ulrich Heinzelmann

„Prestissimo“ – in der Musik bezeichnet das die schnellstmögliche Spielweise. „Prestissimo“ könnte auch als Tempoangabe über unserer Zeit stehen, über einem Jahr, das kaum begonnen, schon wieder in den alten Galopp mündet. Wir erleben eine Zeit ständigen Wandels und schwindelerregender Beschleunigungen. Heute brandaktuell – morgen bereits veraltet. Nachrichten verflimmern so schnell wie sie auf dem Bildschirm erscheinen. Gesichter und Namen tauchen auf und verschwinden spurlos. Der neu gekaufte Computer ist in einem halben Jahr bereits wieder ein Auslaufmodell. Und ebenso: Lebensformen, Berufsbilder, Werte und Frömmigkeitsstile sind unaufhörlich im Wandel. Die alten Geschichten der Bibel werden zwar noch erzählt, in der Schule, in der Kinderkirche, bei Kinderbibelwochen, aber auch sie fließen ein in den breiten Strom moderner Mythen und Heldengeschichten aus den Traumwerkstätten unserer Tage.

Der Sonntag gleicht - wieder mit einem Begriff aus der Musik ausgedrückt – einer Fermate im raschen Takt der Zeit. Zumindest könnte er das sein, wenn wir ihn nicht noch weiter den Gesetzen des Marktes und der Beschleunigung unterwerfen: Als Familieneinkaufstag in den Konsumtempeln unserer Tage, als Tag des Freizeitstresses zwischen Autobahnstau und Aktivprogramm. Der Sabbat (und damit der christliche Sonntag) ist das „größte Geschenk des Judentums an die Menschheit“, wie ein Religionsphilosoph gesagt hat. Eine elementare, wohltuende, für den Einzelnen wie die Gesellschaft notwendige Ruhe- und Atempause! Sie lädt ein zum Innehalten und zur Selbstbesinnung. Sie erinnert an den ruhigen und verlässlichen Herzschlag, den Gott dieser Welt gegeben hat. Über und unter allem schnellen Lauf der Dinge liegt die Zusage Gottes, dass alle Zeit in seinen Händen liegt und dass in seinem Sohn Jesus Christus Mitte, Anfang und Ende aller Zeit erkannt werden können.

Also: Halten Sie inne, setzen Sie sich einen Moment in die Kirchenbank und atmen Sie durch!  

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Biberach



Epiphanias – Rückblick und Ausblick!

Pfr. Herbert Seichter

Pfr. Herbert Seichter

Pfr. Herbert Seichter

Epiphanias – Rückblick und Ausblick!

Viele Menschen in unseren Breitengraden sagt die Bezeichnung „Epiphanias – Erscheinungsfest“ für den Feiertag am 6. Januar nicht mehr sehr viel. Bekannt ist dieser Feiertag im Volksmund unter der Bezeichnung „Dreikönigstag“. Entstanden ist diese volkstümliche Bezeichnung getreu dem alttestamentlichen Prophetenwort des Propheten Jesaja 60,11ff, das die ersten Christen nun in Erfüllung gehen sahen: „Mache dich auf, werde Licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht« Von diesem dem Prophetenwort her, haben die Maler aus den Weisen, den Sterndeutern, Könige gemacht.
Und aus diesem Grund heißt Epiphanias im Volksmund „Dreikönigstag“.
Erscheinungsfest, Dreikönigstag bei beiden Themenstellungen geht es um das Zentrale, um das, was die Mitte von Weihnachten ausmacht: In Jesus Christus ist Gott unter den Menschen erschienen, macht seine Herrlichkeit sichtbar und wendet den Menschen seine Liebe und Barmherzigkeit zu. Die Liebe und Barmherzigkeit Gottes sollen die Christen auf ihrem Lebensweg pflegen und weitergeben. Hierzu gibt es viele Beispiele. Eine Geschichte dazu finde ich besonders schön. Die Legende erzählt, dass der Stern vom Himmel fiel, als die Weisen das Kind von Betlehem gefunden hatten. Darauf sagte der Erste: „Gut, dass wir am Ziel sind; der Stern hat uns hierher geführt, jetzt brauchen wir ihn nicht mehr.“ Und der Zweite stimmte ihm zu: „Nach Hause finden wir auch ohne den Stern.“ Doch der Dritte entgegnete: „Nein, wir müssen den Stern wieder an den Himmel bringen, damit er allen den Weg zeigt.“ Diese Legende zeigt eine wesentliche Bedeutung von Epiphanias und dem Dreikönigsfest auf: Der in Jesus unter uns Menschen erschienene große Gott ist wie ein helles Licht, ist wie ein strahlender Stern, der unsere Leben eine, ja die wichtigste Ausrichtung gibt. Der Glaube an Jesus vermag ein Leben hell zu machen. Christen bekennen dies dankbar für ihren eigenen Lebensweg, der durch Jesus erleuchtet wird. Sie sehen es aber auch als ihren Auftrag an, dieses Licht Jesu an andere weiterzugeben, selber in der Nachfolge Jesu zum Licht zu werden, seinen Stern an den Himmel über allen Menschen zu bringen.


Gott nahe zu sein ist mein Glück

Porträt von Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

So bekennt der Beter des 73. Psalms im letzten Vers 28. Diese Einladung zur Gottesnähe und zum Glück hat die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen zur Jahreslosung für 2014 ausgewählt.

„Glückwunsch!“ kann man sagen. Ein so positives Bibelwort, das unser ganzes neues Jahr umhüllen will. Gottes Nähe und Glück. Oder: „Nun hat das Modewort Glück, das ja in den letzten Jahren in Gazetten und Ratgeberliteratur, in Forschungsberichten, Radiofaetures und Werbeslogans eine unglaubliche Karriere gemacht hat, auch noch die Kirchen erobert.“

Was versteht man gemeinhin als Glück? Am ehesten noch: Wenn eine Sache, die nicht ganz in meiner Hand liegt, für mich gut ausgeht. Also etwas mir Geschenktes. Oft wird es aber auch mit aktiv anzustrebenden Dingen und Zuständen verbunden: Wohlergehen, Zufriedenheit,Reichtum, Freiheit, Gesundheit, Keine Schmerzen, Selbstbestimmung, usw. Das Wörtlein Glück hat eine integrative Kraft viele Sehnsüchte und Hoffnungen der Menschen anzusprechen.

In unserer Jahreslosung liegt Glück nicht in einem Haben oder Sein, sondern ist eindeutig ein Beziehungsbegriff. In der Nähe, in der Bezogenheit auf Gott, da ist mein Glück. Ich kann die Nähe Gottes zwar verweigern, ignorieren, aber herstellen kann ich sie alleine nicht. Es ist der Gott, der auf mich zukommt und mir nahe sein will, mein Glück. Dieses Glück steht und fällt nicht mit dem Kurs meiner Aktien oder mit dem Grad meiner Gesundheit oder Fitness. Nicht einmal mit meinem eigenen mehr oder weniger erfolgreichen Bemühen um diese Beziehung, denn Gott ist treu. Diese anderenGlücksvorstellungen kennt der Psalm zwar zur Genüge: „Siehe, das sind die Gottlosen;die sind glücklich in der Welt und werden reich.“ Lamentiert der Psalmist in Vers 12 und es ist ihm eine echte Anfechtung, warum es dem Gottlosen scheinbar oft so gut geht. Und das sehen wir ja heute auch noch allzu deutlich: Frechheit siegt, Geiz gewinnt, der Skrupellose macht das Geschäft.

Klar ist aber, dass solche äußere Faktoren vergänglich sind. Die Beziehung zu Gott dagegen hat Zukunft.Und sie wirkt auch zurück auf unsere menschlichen Beziehungen. Wir Menschen spüren, dass gute verlässliche, liebevolle, vergebende, vertrauensvolle  menschliche Beziehungen wichtiger sind als Geld. So wie Gott im Menschen Jesus auf uns zukam: Nicht mit Macht und Reichtum, sondern mit barmherziger Zuwendung, mit Vergebung und Geduld und Hoffnung für jeden. Und selbst, wenn unsere menschlichen Beziehungen in die Brüche gehen: Gott ist treu, er fängt dich auf er tut dir gut. Gott war gut für den angefochtenen Psalmisten im alten Israel, und er wird auch gut sein für Dich und mich. Gott nahe zu sein ist mein Glück. Da brauche ich kein dauerhaftes Glücksgefühl, aber den Glauben, dass Gott gut ist für mich. Möge er mir diesen Glauben durch sein Nahekommen auch im neuen Jahr 2014erhalten.

Ihr Pfarrer Albrecht Schmieg

 



Advent ...

Porträt von Edzard Albers

Pfarrer Edzard Albers

Pfarrer Edzard Albers

Kurz vor fünf gleich.
Ziemlich dunkel schon.
Nacht fast.
Der Tag vorbei,
schon vorbei?
Kalt ist es draußen,
lausig.
Muss das so sein, im Winter
so dunkel, so kalt?

Um sechs aufgestanden
im Dunkel.
Geduscht
Licht angezündet
auf dem Adventskranz.

Was war heute?
Der übliche Trott,
immer die gleiche Hektik –
wie  immer vor Weihnachten.
Muss das so sein,
immer vor Weihnachten,
der Trott, die Hektik?

Jetzt noch raus
in die Nacht, in den Abend?!
Dunkle Schatten
jagen sich.
Da, ein Licht,
für mich?
Für mich!

Siehe, dein König
Kommt zu dir,
ein Gerechter und ein Helfer.

(Sacharja 9,9)



Was hab ich mir erträumt
heute?
Was hab ich versäumt
heute?

Der übliche Trott,
immer die gleichen Ausreden –
wie immer vor Weihnachten.
Muss das so sein,
immer vor Weihnachten,
der Trott, die Ausreden?

Ich will mich
freuen
über mein Volk.
Man soll in ihm nicht mehr
hören
die Stimme des Weinens noch
die Stimme des Klagens.

(Jesaja 65,19)

Advent
ist dein Weg
zu mir.
Advent
ist mein Weg
zu mir.
Da, ein Licht,
für mich?
Da, dein Licht,
für mich?
Für mich!

In ihm war das
Leben,
und das Leben
war das Licht der Menschen.

(Johannes 1,4)


Edzard Albers ist Pfarrer an Evangelischen Bonhoefferkirche Biberach.



Ein gutes neues Jahr

Porträt von Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Dreimal im Laufe von zwölf Monaten wünschen wir Biberacher uns ein gutes neues Jahr. Im Sommer schmunzelnd mit Rose im Knopfloch, in der Silvesternacht mit Feuerwerk und Sekt. Morgen haben Christen den Neujahrswunsch auf den Lippen, am 1. Advent öffnet sich ihnen ein neues Kirchenjahr.

Behutsam beginnt es, nicht blitzend und krachend mit buntem Feuerwerk. Nur eine Kerze zunächst leuchtet am Adventskranz, still und beständig beginnt sie Licht zu verbreiten. Nun könnte einer sagen: „Warum legt ihr nicht all die Neujahrsfeiern zusammen? Da wäre viel gespart, effektiv könnte alles auf einmal gefeiert werden.“

Bei Schützen verbietet es der Blick auf das Thermometer von selbst, klar. Aber 1. Advent und 1. Januar? Warum halten die Kirchen denn daran noch fest? Sind die Christen immer noch nicht in der Zeit angekommen? Ich kann alle Skeptiker beruhigen, auch für Christen spannt sich mancher Bogen vom 1. Januar zum 31. Dezember, die Haushaltspläne und Rechnungsjahre der Kirchen sind ganz weltlich.

Geistlich erleben wir Christen den anderen Rhythmus des Kirchenjahres. Das ist ja nicht einfach um rund einen Monat nach vorne geschoben. Der 1. Advent antwortet auf den Totensonntag: Gott kommt, darum gibt es viel mehr als den immer gleichen Ablauf von Werden und Vergehen, mehr auch als die Spiralen von Gewalt und Gegengewalt. Gottes Advent unterbricht diese ewig gleichen Kreisläufe. Christus kommt. Jesus, als Gottessohn geboren in diese Zeit, öffnet, wo sich einem alles im Kreis zu drehen scheint. Eine neue Zeit bricht an.

Der Blick weitet sich über die Welt der Bilanzen und Zahlen, die haben später ihr begrenztes Recht. Wenn ein neues Kirchenjahr beginnt, öffnet sich die Zeit. Das Leben dreht sich nicht mehr nur im Kreis. Es erkennt ein Ziel, eine Perspektive über all das hinaus, was einem den Tag schwer macht und bei Nacht den Schlaf raubt. Gott wird Mensch und wir warten darauf, aufgeregt wie Kinder, sehnsüchtig nach Hoffnungwie alle, die schwer am Leben tragen und unter Geschick und Unrecht zu zerbrechen drohen. Die manchmal endlosen Lebensschleifen öffnen sich, Gott kommt mitten in sie hinein. Das wird uns verändern.

In dieser Erwartung grüße ich Sie zum neuen Kirchenjahr mit den Worten, die Lukas uns von Maria überliefert: „Der mächtige Gott erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten. Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach




Vom Leuchten tief innen

Pfarrerin Andrea Luiking

Pfarrerin Andrea Luiking

Pfarrerin Andrea Luiking

Das Licht hat mich immer fasziniert. Besonders das reine Licht, das man im Süden sehen kann. In den Bildern von August Macke und Ernst Klee aus Tunesien ist es eingefangen. Ihre Bilder und Farben begannen dort ungeahnt zu leuchten. Ich kann eines ihrer Bilder beschreiben, ohne es zu sehen. Der Mann in grünem Kaftan und roter Kappe. Die Intensität der rot-orange gestreifte Markise des arabischen Cafés, in dem er sitzt.

In langen Wochen voller Hochnebel rettet mich solches Licht. Eingefangen zu anderer Zeit, anderswo. Erinnerungen an Licht, so intensiv, dass es den Betrachter erleuchten kann. Was braucht es, um so das eigene Innere mit Licht zu erfüllen, auch in trüben Tagen? Im Epheserbrief Kapitel 1, Vers 18 steht:

Er (Gott) gebe euch erleuchtete Augen des Herzens.


Als Jugendliche wollte ich diese Bilder von Macke unbedingt im Original sehen. Ich trampte ohne Geld mit einem Freund nach München ins Museum. Dort erwartete uns zuerst einmal eine Enttäuschung: es sind ganz kleine Bilder! Eine neue Einsicht: nicht durch ihre Größe wirken sie so intensiv. Es sind ihre Farben. Sie spiegeln das intensive und klare Licht des Südens.

Er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens.


In diesen Herbsttagen sehne ich mich nach solchem Licht, wie auf den Bildern, gemalt im Licht Tunesiens. Ich würde gern in der Exotik eines arabischen Cafés in der Sonne sitzen. Die Fremde erkunden. Meine äußeren und inneren Augen erleuchten lassen.

Hier bei uns, auf dem engen Gehweg, begegne ich der muslimischen Frau. Ihr Tuch unter dem Kopftuch, mit dem sie die Haare bedeckt, leuchtet rot hervor. Passend zum Rot ihres Pullovers über dem langen schwarzen Rock. Wir sehen uns nicht richtig an. Die Farben sehe ich, doch diesmal ohne Neugier oder Sehnsucht. Im Alltag fehlt mir die Offenheit für ein fremdes Lebenskonzept, die ich im Urlaub im Ausland habe. Diese Farben des mir Fremden mitten bei uns schiebe ich aus meinem Blickfeld. Ich folge stur meiner Einkaufsliste und gehe schnell weiter.

Er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens.

Mit den Augen des Herzens sehen bedeutet: In meiner Realität, an meinem Ort Gottes Gegenwart erwarten. Die Welt sehen mit ihrer Leuchtkraft. Ihre Farben sehen, auch im übertragenen Sinn. Auch in dem, was mir fremd ist. Sehschule auch für Herbsttage im Oberland.
Paulus schreibt diesen Satz von den erleuchteten Augen im Innern an die christliche Gemeinde in Ephesus: Gott gebe euch die Weisheit, die Welt voll Hoffnung anzusehen. Wer Christus vertraut, kann die Welt neu sehen. Sie ist voll der Möglichkeiten Gottes anders als erwartet zu entdecken. Sie reichen sogar über diese Welt hinaus. Gott kann Sehen lehren.

Er gebe euch erleuchtete Augen des Herzens
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Pfarrerin Andrea Luiking, evangelische Versöhnungskirche Ummendorf



Schuldig? - 75 Jahre danach

Pfarrer Edzard Albers

Pfarrer Edzard Albers

Pfarrer Edzard Albers

Der 9. November 1938 ist wie kaum ein anderer Tag in die Weltgeschichte eingegangen. Unmessbar die Schuld, die sich verbunden hat mit der Pogromnacht des Deutschen Reiches an seiner jüdischen Bevölkerung. Unauslöschlich die Erinnerung, die eingebrannt wurde wie eine tiefe Wunde in das kollektive Gedächtnis des wandernden Gottesvolkes.

Die Reichspogromnacht ist das Fanal der späteren Shoa, Fanal des durch das NS-Regime propagierten Holocaust mit dem Ziel der vollständigen Vernichtung der europäischen Juden. Nie zuvor in der Weltgeschichte wurde eine Bevölkerungsgruppe derart systematisch mit staatlich organisierter Gewalt offen drangsaliert, diskriminiert, ermordet.

Wer steht in der Verantwortung?
Gilt die Schuld heute noch?

Der Evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat bereits 1941 in seiner Ethik Überlegungen zu „Schuld, Rechtfertigung, Erneuerung“ angestellt. Die Frage nach der politischen Verantwortung unseres Landes ist dabei eine Seite. Eine andere Seite ist die Frage nach einer (Mit-)Verantwortung der Kirche.
In der Formulierung eines Schuldbekenntnisses regt Bonhoeffer an, die Möglichkeit der Vergebung zu suchen: „Mit diesem Bekenntnis fällt die ganze Schuld der Welt auf die Kirche, auf die Christen und indem sie hier nicht geleugnet, sondern bekannt wird, tut sich die Möglichkeit der Vergebung auf.“ (DBW 6 (E), S. 127)

Diese Begründung lässt für Bonhoeffer einen weiten Schritt zu: „Die Kirche bekennt, ihre Verkündigung von dem einen Gott, der sich in Jesus Christus für alle Zeiten offenbart hat und der keine anderen Götter neben sich leidet, nicht offen und deutlich genug ausgerichtet zu haben. […] Sie hat dadurch den Ausgestoßenen und Verachteten die schuldige Barmherzigkeit oftmals verweigert. Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie. […] Die Kirche bekennt, die willkürliche Anwendung brutaler Gewalt, das leibliche und seelische Leiden unzähliger Unschuldiger, Unterdrückung, Haß und Mord gesehen zu haben, ohne ihre Stimme für sie zu erheben, ohne Wege gefunden zu haben, ihnen zu Hilfe zu eilen. Sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder Jesu Christi.“ (DBW 6 (E), S. 129-130)

Wer also der Wahrheit der Schuld, auch der Mitschuld, auch der späteren Mitschuld eines kollektiven Gedächtnisses, nicht ausweicht und diese offen zur Sprache bringen kann, der erst kann – theologisch gesprochen – in die vergebende Liebe Gottes hineingenommen sein. Ein Schuldbekenntnis wird so für Menschen möglich, die „einfach überwältigt durch ihre eigenste Schuld an Christus“ die vergeltende Gerechtigkeit eintauschen gegen die Vergebung ihrer eigenen großen Schuld. (DBW 6 (E), S. 127)

Gemessen an diesen Worten gilt es auch heute, den Finger in die Wunde(n) dieser Welt zu legen. Das Erinnern der kollektiven Schuld an den Juden in Deutschland und Europa gehört dazu.

Wer sich der historischen Schuld im Umgang mit dem Fremden stellt, wird nicht den Wunden der Gegenwart nicht ausweichen können. Erheben wir unsere Stimme laut genug angesichts des menschenverachtenden Gebahrens, das wir an den Außengrenzen der EU mitansehen und so auch mitzulassen? Müssten wir nicht noch viel deutlicher dem Auftrag etwa der Frontex widersprechen? Es ist wahrlich kein Geheimnis, dass die Flüchtlingspolitik der EU und ihre operative Umsetzung die Menschenrechte mit Füßen tritt.

Legen wir also den Finger erneut und immer wieder in die Wunde(n) unserer Geschichte und unserer Gegenwart.
Ihr
Pfarrer Edzard Albers, Evangelische Bonhoefferkirche Biberach


Konsequent

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach  Foto: privat

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach Foto: privat

Pfarrerin Birgit Schmogro, Friedenskirche Biberach Foto: privat

„‘Ordnung muss sein‘, sagte Onkel Karl und schmiss auch noch den letzten Teller an die Wand.“, so heißt’s im Vorwort von Erich Kästners „Emil und die drei Zwillinge“. Recht hat er. Oder? Konsequenz ist gefordert. Menschen, die konsequent leben, beeindrucken uns. Also solche, bei denen Denken und Handeln übereinstimmen, die das in die Tat umsetzen, was sie sagen, die sich an ihr Wort halten. Wo kämen wir denn auch hin, wenn keiner mehr konsequent wäre? Wenn alle nur noch nach dem Adenauer-Motto leben: „Was geht mich mein saudummes Geschwätz von gestern an“?

Konsequent leben hat etwas mit Vertrauen zu tun. Und Vertrauen entsteht nur, wenn das Gegenüber verlässlich ist, einschätzbar. Das gilt für das Ja-Wort, das sich zwei Eheleute geben, genauso wie für jedes Versprechen von Eltern gegenüber ihren Kindern oder für jeden Vertrag, der irgendwo auf der Welt abgeschlossen wird.

Schlimm wird’s, wenn dieses Vertrauen nicht mehr da ist, eben nicht konsequent gelebt wird. Wie oft wird geredet und werden die Worte nicht in Taten umgesetzt? Wohl jeder kennt genug Beispiele aus seinem Privat- und Berufsleben, aus der Politik, Wirtschaft und auch aus der Kirche, wo Reden und Handeln auseinanderklaffen.

„Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Mit diesen Worten mahnt Jesus in der Bergpredigt vor Menschen, die sich nicht an ihre eigenen Worte halten (Mt 7,15-16).

Konsequenz ist gefordert. Erst das macht einen Menschen glaubwürdigt und authentisch.

Aber Konsequenz rein aus Prinzip ist auch nicht das Wahre, wie das Beispiel von Erich Kästners Onkel Karl zeigt. Man kann ja auch konsequent etwas Dummes tun. Das mag zwar beeindruckend sein, aber nicht hilfreich. Und manch konsequenter Fanatiker ist schlichtweg gefährlich.

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935) meinte mal: „Lass Dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: Lieber Freund, das mache ich schon seit 20 Jahren so. Man kann eine Sache auch 20 Jahre lang falsch machen.“ Anders gesagt: Unser Schöpfer hat uns ja auch ein bisschen Vernunft und Einsicht gegeben und damit die Fähigkeit, auch zu neuen Erkenntnissen zu kommen, die andere Konsequenzen verlangen. Wenn ich einen Menschen besser kennenlerne, wird sich wahrscheinlich mein Urteil über ihn mit der Zeit verändern. Und wer sich mit einer Sache intensiver beschäftigt, wird vermutlich zu einer differenzierteren Einschätzung kommen. Heißt natürlich auch, dass man seine bisherige Position korrigieren muss, vielleicht eingestehen muss, dass man falsch lag, Fehler gemacht hat, schuldig geworden ist.

An der Stelle hapert’s allerdings bei vielen. Fehler eingestehen will keiner. Dabei wär’s doch eigentlich so einfach. Das Eingestehen von Schuld und die Zusage von Gottes Vergebung sind für unseren christlichen Glauben doch die Grundpfeiler vom Leben, damit’s überhaupt weitergehen kann. Auf die sein Leben aufzubauen, das wäre für mich konsequent.

Pfarrerin Birgit Schmogro, Evangelische Friedenskirche Biberach


…die Wahrheit wird euch frei machen! – auch in Syrien?

Pfarrer Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

Ein solches Wort aus dem Munde Jesu (Johannes 8,31-32) setzt sich leicht fest in den Gedanken, treibt einen um und begleitet einen. Bezogen auf die aktuelle Krise in Syrien kamen mir sofort Zweifel: Was ist Wahrheit in Syrien?


Als Westeuropäer habe ich doch keine Ahnung. Muss doch zwischen Sunniten, Schiiten, Alaviten, Christen, Drusen, Jesiden und Juden undden vielen ethnischen Minderheiten, Kurden, Armenier, Turkmenen, Tscherkessen ein jedes seine eigene Wahrheit haben. Und wo ist dort Freiheit. Wer will sich von wem oder was befreien? Wem macht er sich damit dann untertan? Welche Interessen vertreten die Großmächte und ihre Handlanger, wenn sie mit Intervention drohen und verhandeln? Welche Wahrheiten werden Sie uns verkaufen? Welche Wahrheiten vertreten die ausländischen islamistischen Unterstützer der jeweils kämpfenden Gruppen. Wo finden die Millionen Flüchtlinge Freiheit, geht es doch um nacktes Überleben. Verzerren nicht die Grausamen Ereignisse eines solchen Krieges sämtliche Wahrheiten und Freiheiten oder machen ein Fragen danach schier unmöglich?


Frage ich für mich als Christ nach Wahrheit und Freiheit, dann falle ich zu allererst meinen Herrn in die Arme. Vor allem darum darf ich von allen irdischen Mächten und Interessen frei sein, weil Christus mein Herr ist, der von sich auch sagt, selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben (Johannes 14,6) zu sein.


Seine Wahrheit ist in seinen Worten zu hören und in seinem Leben zu sehen: es ist vor allem Barmherzigkeit und Gerechtigkeit und Liebe. (Diese Werte sind zum Glück auch in den anderen Religionen zentral.) Suche ich nach Wahrheit in Christus, so versuche ich auch in meiner Welt der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit und der Liebe zu dienen. Von hier aus will ich die Wahrheiten der anderen hören und versuchen zu verstehen; von hier aus kann ich die Gerechtigkeit zwischen den Mächten suchen; von hier aus kann ich für die Liebe werben, die die größte Gabe Gottes ist.


Es ist in unserer Berichterstattung für diese, wie für viele andere Krisen unserer Tage schwer, die Wahrheiten der vielen Parteien zu verstehen, die Gründe für ihre Überzeugungen und ihr Handeln. Aber es ist nötig, sonst bleiben Wahrheit und Freiheit Worthülsen, die für unterschiedliche Interessen missbrauch bar sind. Als Diener Christi lasst uns nach seiner Wahrheit alle Betroffenen  und Interessengruppen hören - das können hierzulande vor allem auch die vielen Flüchtlinge sein - um gemeinsam nach Wahrheit und Freiheit zu suchen.


Lasst uns für sie und für alle Beteiligten beten, nicht zuletzt auch für unsere christlichen Schwestern und Brüder in Syrien, die besonders zu leiden haben, um mit allen zusammen nach Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Liebe suchen.


Ihr Pfarrer Albrecht Schmieg, Klinik- und Hochschulpfarramt Biberach


Alle eure Sorge werft auf ihn

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Samstag vor dem 15. Sonntag nach Trinitatis
Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. ( 1 Petrus 5.7)

„Baby, bitte mach die nie mehr Sorgen“ singt Cro.

Sorgen können einen am Ende der Schulferien schon befallen - um Geld, vielleicht war der Urlaub zu teuer, die Ausgaben zu hoch, die Raten drücken. Vielleicht ist es auch der gefühlte Schmerz irgendwo sein zu müssen, wo es nicht unbedingt lebenswert scheint -


„Egal wohin du willst wir fliegen um die Welt - Haun' sofort wieder ab, wenn es dir hier nicht gefällt“.

Dann ist da noch der Schulanfang – Wann fängt das am Montag eigentlich wieder an? Welche Klasse? Neben wem sitze ich? Welche Lehrer bekomme ich? Was habe ich für einen Stundenplan? Neue Bücher, Hefte, Einbandfarben …. Werde ich das schaffen, was ich mir vornehme? Werden Lehrer und Lehrerinnen den eigenen Zielen gerecht?


Kann ich mein Kind unterstützen, wenn ihm die Kraft zum Weitermachen fehlt?  Und während sich die Kinder noch mit ihren Mitschülern verabreden, denken Väter und auch Mütter vielleicht schon wieder an den Arbeitsbeginn. Was wird mich erwarten? Sind die Kollegen und Kolleginnen auch alle zurück? Was ist in der Zwischenzeit gelaufen? Gibt es Neuigkeiten, auf die ich mich einstellen muss? Klappt alles mit dem Kindergarten? Wie ist die Stimmung am Arbeitsplatz? Muss ich mich sorgen um meine Arbeitsstelle?


Mancher wird auch froh sein, dass alles wieder seinen gewöhnlichen Gang geht, feste Zeiten, das Verlassen der Häuser, der Wohnungen, Bushaltestellen, aber auch alte Sorgen, alte Probleme, die vielleicht gewartet haben und sich in der Zwischenzeit nicht auflösen wollten.


In der Bibel heißt es: Alle Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.“ ( 1. Petrusbrief, Kapitel 5 Vers 7) Das klingt schön dahingesagt, das hört sich so leicht an. Als erreichten uns diese Worte aus einer anderen Dimension. Wie könnten wir einfach so vergessen was uns bedrückt, was uns beschäftigt, was im Kopf herumgeht. Einfach für einen Moment weglassen, was uns den Atem nimmt, den inneren Druck erhöht, einfach sein lassen – für einen Moment, eine Stunde, einen Tag.


Unser Verstand sagt uns, dass die Sorgen ja doch bleiben und die vor uns liegenden Aufgaben werden nicht geringer. Ein Berg, der sich in Blick schiebt und die Aussicht auf das Wesentliche nimmt.


Und doch steht diese Zusage unverbrüchlich – es ist bereits für uns gesorgt. Gott steht zu uns Menschen, er nimmt uns an wie wir sind, er trägt unser Leben, trägt mit uns unseren Kummer und unsere Sorgen.
Und wir spüren, da ist etwas, das könnte uns ruhiger werden lassen,das können wir nicht selber machen, nur zulassen:


Alle Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.


Pfarrer Jörg Schwarz, Evangelisches Pfarramt Ochsenhausen


Was der Himmel erzählt

Pfarrer Jörg Scheiring, Evangelische Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller

Pfarrer Jörg Scheiring, Evangelische Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller

Pfarrer Jörg Scheiring, Evangelische Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller

Eine Erinnerung aus Kindertagen: Ausgestreckt auf einer Wiese liegen, den Blick nach oben in die Weite des Himmels. Die vorüberziehenden Wolken ändern langsam ihre Form, bilden neue Figuren. Wie vor einem blauen Vorhang ziehen sie vorüber und ändern ihre Gestalt. Die Welt um uns herum tritt in den Hintergrund.

Der Blick nach oben, der Blick in den Himmel. Ab und zu wagen ihn auch Erwachsene. Nachts vielleicht. Der Lärm des Tages liegt hinter einem. Arbeit und Alltagspflichten sind erledigt. Da schafft es manchmal der Sternenhimmel, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der Blick nach oben, der Blick zum Himmel. Ein Blick ins Unendliche. Ein Blick zum Unendlichen – eine Weite, in der Gott zu erblicken ist. So zumindest sagt es der 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“.

Die Ehre Gottes, der Glanz Gottes, seine Erhabenheit und Größe. Dass der Himmel davon erzählt, das stand fest für die Menschen im Alten Israel. Für sie hatte dieser Satz eine tiefe Bedeutung: Der Himmel ist von Gott über uns aufgespannt wie ein schützendesZelt, so war die Vorstellung. Der Himmel als Schutz unseres Lebensraumes. Ein Schutz vor dem Chaos und den Wasserfluten, die hinter dem Himmelszelt tobend vermutet wurden.

Für uns heute ist dieses Weltbild eine fremde Vorstellung. Dennoch steckt eine tiefe Wahrheit dahinter: Die Wahrheit, dass der Raum in dem wir leben beschützt werden muss. Die Wahrheit, dass unser Leben zerbrechlich ist und bedroht. Die Wahrheit, dass Mächte und Ereignisse über uns hereinbrechen können, die den Blick sinken lassen und uns die Aussicht in den Himmel verstellen.

„Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und das Firmament verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt’s dem andern, und eine Nacht tut’s kund der andern, ohne Sprache und ohne Worte, unhörbar ist ihre Stimme. Ihr Schall geht aus in alle Lande und ihr Reden bis an die Enden der Welt.“(Psalm 19,1-5)

Wenn der Himmel von Gott erzählt, dann bedarf es keiner Worte. Der Himmel spricht für sich. Der Himmel hat seine eigene Sprache. Wer schon einmal im „Siebten Himmel“ war, der kennt das vielleicht: Da braucht es, wenn überhaupt, nur sehr wenige Worte. Ein Lächeln sagt alles. Ein Blick genügt. Ohne Worte – und dennoch eindeutig und klar.

Zurück auf dem Boden der Tatsachen, braucht es dann aber wieder Worte: Worte des Trostes, Worte der Ermutigung und Worte, die uns von Gott erzählen. Von seiner Größe und von seiner Kraft, mit der er uns umfängt wie der Himmel, der uns umgibt.

Gestern war Sommeranfang. Eine gute Jahreszeit, um einen Blick in den Himmel zu wagen, ob bei Tag oder in der Nacht. Und vielleicht getrauen wir es uns ja auch als Erwachsene, so wie damals in Kindertagen, ausgestreckt auf einer Wiese zu liegen, alles um uns herum zu vergessen und selbst ein Teil zu werden von diesem Gespräch, das ganz ohne Worte auskommt, das sich vor unseren Augen vollzieht und von einem unbeschreiblich schönen Glanz erzählt.

Pfarrer Jörg Scheiring, Evangelische Kirchengemeinde Kirchdorf an der Iller


Tapferkeit – Mut zum Leben

Skulptur Tapferkeit von Theresia K. Moosherr, Foto: Ulrich Mack

Skulptur Tapferkeit von Theresia K. Moosherr, Foto: Ulrich Mack

Skulptur Tapferkeit von Theresia K. Moosherr, Foto: Ulrich Mack

Tapferkeit ist ein großes Wort in unserer modernen Zeit. Die in Bad Schussenried lebende Künstlerin Theresia K. Moosherr greift das Thema der Tugenden in ihrem Projekt der  „Wasserhüterinnen“ auf.  Entlang der Schussen sind ihre Skulpturen aufgestellt. Sie sollen an die wertvolle Ressource Wasser mahnend erinnern. Wasser ist der Ursprung allen Lebens. Eine der sieben Skulpturen, die in Eriskirch an der Schussenmündung stehen, stellt die Tugend der Tapferkeit dar.


Brauchen wir heute die Tugend der Tapferkeit? Wenn wir uns einige Grundsituationen unseres Lebens anschauen, dann wird uns sehr schnell bewusst, dass Tapferkeit im Sinn von Mut zum Leben unabdingbar zu unserem Leben dazu gehört.


Angesichts des Todes wird uns unsere Endlichkeit klar. Im Verlauf unseres Lebens erfahren wir uns immer wieder einem unvorhersehbaren Schicksal ausgeliefert. Wir stellen fest, dass es ein Leben ohne Schuld nicht gibt. Und wir erleben in Krisen und Leid immer wieder Sinnlosigkeit und Leere. Um unser Leben bestehen zu können, benötigen wir oft viel Mut.  Für diesen Lebensmut, für diese Tapferkeit zum Leben brauchen wir die Kraft des Glaubens. Durch den Glauben erhalten wir die Gewissheit dass wir im Leben von Gott getragen und begleitet sind.


Neben der Auseinandersetzung mit uns selbst benötigen wird die Tapferkeit als Tugend, vor allem als Kraft zum Widerstand gegen fragwürdige technische und gesellschaftliche Entwicklungen. Der Aufruf  zum achtsamen Umgang mit Wasser ist notwendig. Wasser gehört weltweit zu einer umkämpften Ressource. Ein verantwortlicher Umgang damit ist ein Gebot für uns alle. Mit dem Bewusstsein für Wasser hängt auch die Verantwortung für den Klimawandel zusammen. Nicht nur die Überflutungskatastrophen in den letzten beiden Wochen entlang von Donau und Elbe mahnen uns. Die Wissenschaft ist sich einig: Die Auswertung von viertrausend Forschungsberichten aus den letzten zehn Jahren weist eindeutig dem Menschen die Schuld am Klimawandel nach. Tapferkeit ist kein leeres Wort. Der Mut zum Widerstand gegen einen unbedenklichen Ressourcenverbrauch und eine immer noch vorhandene Technikgläubigkeit ist dringend notwendig. Wir sind heute dabei, die notwendigen Voraussetzungen für künftige Generationen aus egoistischen Gründen zu verspielen.


Nicht nur gegenüber der Natur, sondern auch für das gesellschaftliche Zusammenleben ist der Mut zum kritischen Widerstand künftig wichtig. Durch wissenschaftliche Entwicklungen werden wir immer mehr herausgefordert zu der Frage Stellung zu nehmen, wie wir überhaupt leben wollen oder sollen.
Wir alle sind Teil der Schöpfung und haben die Aufgabe mitverantwortlich unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Unser Glaube liefert gute Gründe, dafür gemeinsam einzutreten.


Pfr. Dr. Ulrich Mack (Klinikseelsorger)


Pfingsten! Eine Nachlese

Pfr. Herbert Seichter

Pfr. Herbert Seichter

Pfr. Herbert Seichter

Das Pfingstfest liegt nun schon wieder zwei Wochen hinter uns. Wir sind allmählich zum Gewohnten zurückgekehrt. Doch so einfach sollten wir es uns nicht machen. Pfingsten war und ist eine Herausforderung.

Pfingsten: Das Fest des Heiligen Geistes. Mit ihm tut sich so mancher schwer. Vor einiger Zeit gab es eine Umfrage und sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft konnten nicht einmal sagen, was an Pfingsten eigentlich genau gefeiert wird. Und auch unter den gestandenen Christen tut sich so mancher schwer, wenn er beschreiben soll, was es denn mit dem Heiligen Geist, dem Geist Gottes eigentlich auf sich hat. Wenn wir von Gott dem Schöpfer reden, dann fällt uns das leicht! Wenn wir von unserem Herrn Jesus Christus, dem Retter reden, dann haben wir keine Probleme.


Aber: Mit dem Heiligen Geist haben die meisten Christen ihre Schwierigkeiten. Kaum einer kann auf Anhieb sagen, wie er sich den Heilig Geist vorzustellen hat. Das ist auch gar nicht so einfach! Wenn wir über den Geist Gottes sprechen wollen, dann stoßen wir sehr schnell an die Grenzen unseres Denkens und unserer Ausdrucksfähigkeit. Wir sind dann oft auf Bilder, auf Umschreibungen, Geschichten, Gleichnisse etc. angewiesen. Viele Theologen haben darüber geschrieben und spekuliert. Der Theologe Hans Küng hat einmal sehr poetisch formuliert: „Der Heilige Geist verhält sich zu Gott wie der Sonnenstrahl zur Sonne.“ Auf jeden Fall hat der Heilige Geist also mit dem lebensschaffenden Gott zu tun. Es ist ein Irrtum zu glauben, Gott habe nur am Anfang die Welt erschaffen. Vielmehr wirkt Gott fort und fort. Er wirkt in unserer Welt und er wirkt in uns, seinen Menschen.


Der Heilige Geist ist die lebensschaffende und lebenserhaltende Kraft Gottes. Diese Kraft fordert uns immer wieder neu heraus. Ermuntert uns, dass wir uns auf die Suche machen. Im Jahr 2000 hat uns die Jahreslosung im besonderen Sinne dazu Mut gemacht: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.“ (Jer.29,13f) Sich auf die Suche nach Gott zu machen, das heißt auch einen Teil von sich selbst zu entdecken. Das heißt in die eigene innere Tiefe vorzudringen.


Die eigenen Tiefen zu ergründen, das ist eine schwierige und gefahrvolle Angelegenheit. Schon die alten Griechen haben darauf hingewiesen und aufgefordert: „Erkenne dich selbst“! Das besondere bei Christen liegt darin, dass sie der Überzeugung sind:


Auf der Suche werden wir feststellen, dass der Urgrund des Lebens, der Grund des Seins in Gott verborgen und geborgen ist. Machen wir uns auf die Suche, denn suchet, so werdet ihr finden.


Pfr. Herbert Seichter
Aßmannshardter Str.1
88448 Attenweiler


Soviel du brauchst - Man Hu? Was ist das?

Edzard Albers ist Pfarrer an der Evange-lischen Bonhoefferkirche Biberach und Beauftragter für den Kirchentag im Evangelischen Kirchenbezirk Biberach.

Edzard Albers ist Pfarrer an der Evange-lischen Bonhoefferkirche Biberach und Beauftragter für den Kirchentag im Evangelischen Kirchenbezirk Biberach.

Edzard Albers ist Pfarrer an der Evange-lischen Bonhoefferkirche Biberach und Beauftragter für den Kirchentag im Evangelischen Kirchenbezirk Biberach.

Soviel du brauchst


Zum 34. Deutschen Evangelischen Kirchentag Hamburg 1.-5. Mai 2013



Man Hu? Was ist das?


Die Israeliten staunen. Staunen – oder doch eher: Entsetzen?
Und am Morgen war Tau rund um das Lager gefallen. Als der Tau verdunstet war, da, auf dem Wüstenboden: ein feines Knistern, fein wie Raureif auf der Erde.


Man Hu? Was ist das?
In der Wüste ist das Volk. Sengende Hitze tagsüber, eisig die Nacht, trocken, staubig, schier endlos. Kein Ort zum Leben. Die Wüste ist ein Zwischen-Raum. Kein Ort zum Bleiben. Die Wüste ist ein Todes-Ort. Für die Israeliten liegt die Wüste zwischen zwei Polen des Lebens.

Auf der einen Seite, längst zurückgelassen: Das Joch der Versklavung. Üble Ausbeutung durch die Ägypter. Erniedrigende Sklavenarbeit – fast wie Tiere, ausgepeitscht, trocken Brot und Wasser, rechtlos, in ständiger Angst seit Generationen, ausgeliefert dem Pharao und den hochnäsigen Schergen der Ägypter, ohne Hoffnung auf Veränderung.

Auf der anderen Seite der Wüste: Das Land der Sehnsucht. Das Ziel der Verheißung Gottes. Leben in Freiheit. Leben in Fülle. Leben im Frieden. Leben im Shalom.

Mitten in dieser Wüste: Protest. Das Murren des Volkes ist mehr als „Ich kann nicht mehr!“, mehr als „Wie lange noch?“, weit mehr als „Sind wir bald da?“.
Mitten in der Wüste Sin, mitten in diesem Zwischen-Raum, zwischen der Hölle der Vergangenheit und dem Traum von einer besseren Zukunft, scheint das Projekt Exodus zu scheitern. In diesem Zwischen-Raum sind die Israeliten auf dem Weg durch eine veritable Krise. Noch nicht einmal den Sinai, den Berg, der ihnen zum Ort der Gottesbegegnung wird, haben sie in der Wüste Sin erreicht. Das Vertrauen in Gottes Begleitung ist am Nullpunkt angelangt; vielleicht ist es sogar noch tiefer.
Die Wachteln waren das Fleisch am Abend zuvor. Nun ja, immerhin. Wo ist nun das versprochene Brot am Morgen?

Man Hu? Was ist das?

Mose deutet das Erlebte. Das ist Brot. Das, was dort knistert, fein wie Raureif auf der Erde, weißlich auf dem Wüstenboden – das ist das Brot des Himmels, Brot des LEBENDIGEN, Brot des Lebens.


Mitten in der Wüste finden die Israeliten Speise. Aber das eigentliche Wunder ist nicht etwa, dass die Israeliten überhaupt Speise finden. Das eigentliche Wunder ist, dass es für alle reicht, und zwar so, dass es genug ist für alle. Genug für die, die wenig sammeln; nichts bleibt übrig von dem viel Gesammelten, genug für alle. Das Brot des Himmels wird zu einem Genug für das Leben.


Besitzunterschiede zählen hier nicht. Ein Mehr-Haben bringt gar nichts. Auf das Mehr des Nachbarn schauen löst keinen Neid aus. Wir haben selbst genug. Niemand hat zu viel, auch der Nachbar nicht.
Das Brot des Himmels wird zu einem Genug für das Leben.


Unsere globale Verstrickung
Perspektivenwechsel. Aus der Wüste in die Wüste. Diese Erzählung von der Wüste ist hochaktuell!


„Soviel du brauchst …“ Die Losung ist hochaktuell, die sich der 34. Deutsche Evangelische Kirchentag Hamburg 2013 gegeben hat, weil sie die Herausforderungen der Gegenwart auf den Punkt trifft.

Ist unsere Gegenwart nicht auch so etwas wie dieser beinahe aussichtslose Weg durch die Wüste? Längst schon haben wir erkannt, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Dieses „Wir“ können wir in unserer multimedial vernetzten Welt längst schon verstehen als Teil einer globalen Gesellschaft.


Wenn wir auf die vor uns liegenden Herausforderungen schauen, dann können wir unsere Gegenwart durchaus als eine Wüste beschreiben. Global gesehen stehen wir womöglich an verschiedenen Stellen in dieser Wüste:
Die einen wollen aus der Sklaverei der Armut heraus, wollen Wohlstand, wollen Arbeit, wollen gut bezahlte Arbeit, wollen sauberes Trinkwasser in Fülle, wollen partizipieren an Konsum, Rohstoffen und Macht in der Welt, wollen eine hoffnungsvolle Perspektive für ihre Kinder.


Die anderen wollen auf keinen Fall ihren Wohlstand verlieren, wollen ihn mindestens halten, wenn es geht, sogar noch mehren, wollen nur so viel oder so wenig abgeben, dass die anderen möglichst nicht zu uns kommen, wollen alles möglichst billig, wollen komfortabel leben, wollen für die eigene Arbeit möglichst viel Lohn, wollen Arbeit für alle, damit die Arbeitslosenversicherung nicht so teuer wird, wollen Gesundheit durch Hightech-Medizin am liebsten zum kleinen Preis.


Manche stehen dazwischen.
Und alle wissen eigentlich: In der Wüste sind sie alle; in der Wüste sind wir alle gemeinsam.
So wie bisher kann es nicht weitergehen.
Durch globale Strukturen sind wir wirtschaftlich, gesellschaftlich, politisch und auch religiös eng miteinander verstrickt. Ein Zurück in scheinbar gute alte Zeiten gibt es nicht. Eine einfache Antwort auf das Dilemma zwischen „zuviel“ – und „genug“ – und „nicht genug“ gibt es nicht.

Aus der Wüste in die Wüste. Die Wüste ist nicht weit weg in einem fernen Land. Die Wüste ist auch bei uns. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auf. Auch in unserer reichen Stadt Biberach gibt es diese Schere. Die einen in guter, gesicherter Stellung bei einer der großen, boomenden Firmen. Die anderen sind immerhin nicht arbeitslos. Aber um welchen Preis? Sie arbeiten am unteren Ende der Lohnskala; ihre Arbeitsverträge haben sie mit Zeitarbeitsfirmen geschlossen, schnell und unkompliziert zu kündigen, wenn der Boom eine Delle bekommt. Die einen in bester Zuversicht nutzen die Bildungschancen. Die anderen verpassen diese Möglichkeiten guter Bildung und scheitern oft selbst am Berufsvorbereitungsjahr.


Wir können nicht einfach sagen: Ist mir doch egal, hauptsache ich komme voran. Zu kurz gedacht. In diese Wunde legt die Wüstenerzählung ihren Finger. Letztlich und langfristig gedacht sind wir alle aufeinander angewiesen.
Man Hu? Was ist das?
Mose als Mittler zwischen Gott und den Menschen in der Wüste deutet die Gabe des Himmelsbrotes.
Ein Krugmaß pro Kopf, für jeden genug.


Aus verschiedenen Studien über die gegenwärtige Lage dieser Welt wissen wir, dass rein rechnerisch genug für alle da wäre. Genug, um nicht nur miteinander am gleichen Hungertuch nagen zu müssen, sondern wahrlich genug für alle. Soviel du brauchst, soviel, dass jede und jeder satt wird, soviel, dass niemand sich sorgen müsste.


Unser derzeitiger Wohlstand hier ist langfristig kaum auf dem gegenwärtigen Niveau zu halten. Wenn doch, dann nur um den Preis, dass anderswo die Lage noch viel prekärer wird. Dem auch von uns ersehnten Frieden kann das nicht dienlich sein. Dem Shalom Gottes widerspricht unser Wirtschaften zutiefst: Wachstum auf Kosten der anderen.
Denn es ist für alle genug da. Das Genug gehört allen, nicht nur uns.


Ihr Pfarrer Edzard Albers


Macht dich das glücklich?

Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf Foto: privat

Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf Foto: privat

Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf Foto: privat


Vor Kurzem las ich von einer Studie über das Glück im Leben. Über 75 Jahre haben Wissenschaftler dafür dieselben Menschen begleitet und ihren Lebensverlauf ausgewertet. Ich wurde neugierig: Kann man das feststellen, was Menschen haben müssen, um glücklich zu werden? Welche Eigenschaften und äußeren Bedingungen braucht es fürs Glück?

Es war ein Anlass, darüber nachzudenken: Bin ich glücklich? Und wann merke ich das besonders? Stellen Sie sich doch einmal diese Frage. Sicher geben wir nicht dieselben Antworten. Für mich ist etwas Wichtiges für mein Glück, mit anderen Menschen verbunden zu sein. Und etwas zu tun, was mich erfüllt. Der Philosoph Gadamer beschreibt es als Glück, wenn ein Mensch etwas lernt und es dann gut ausführen kann. Zufriedenheit mit dem, was du tust und wie du es tust.

Ich erlebe das ähnlich: Glück für mich ist, etwas weitergeben zu können. Bei den Schülerinnen oder bei den Konfirmanden zum Beispiel. Gerade heute Morgen war es so: Wir haben uns miteinander auf Entdeckungsreise zu einem neuen Thema begeben. Und es ist gelungen, dabei die gleiche Sprache zu finden, uns zu verstehen. Sie haben mir von ihren Gedanken als Elfjährige erzählt. Und ich konnte etwas von meiner Begeisterung über das Thema in ihnen wecken. Glücksmomente. Viele andere könnte ich erzählen.

Glückliche Lebensgeschichten ähneln sich, sagt die Studie. Unglück gibt es dagegen in vielen Varianten. Schicksalsschläge machen das Leben schwer, seelische oder körperliche Leiden können es auch tun. Auch Armut macht Glück schwierig.

Was aber haben die Menschen, die aufs Ganze gesehen ein glückliches Leben führen? Da war ich dann doch erstaunt. Es sind die, die geben und schenken können. Die in Verbindung mit anderen stehen. Dann ist nicht mehr so wichtig, ob ich gerade alles so habe, wie ich es will. Es hat viel mit der Fähigkeit zu tun, nicht alles sofort haben zu wollen. Glück scheint etwas ganz anderes zu sein als schnelle Bedürfnisbefriedigung und Lust. Glück ist etwas, das lange wirkt und langsam wächst.

Das erlebe ich auch im Glauben. Dadurch wird nicht alles Schwere aufgelöst. Aber ich spüre, wie ich mich immer tiefer verwurzele. Die Verbindung mit Jesus Christus macht mich bereit, zu reifen.

Der Monatsspruch für April aus dem Kolosserbrief, Kapitel 2, Vers 6 und 7 sagt das so: „Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt auch in ihm und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und seid reichlich dankbar.“ Das deckt sich mit der Langzeitstudie. Die Probanden sind heute um die 75 Jahre. Und da zeigt sich: Glück kann sogar wachsen im Alter. Weil es diese Herzensweisheit braucht. Da haben wir also noch gute Perspektiven vor uns.

Von Andrea Luiking, Pfarrerin Versöhnungskirche Ummendorf


Der Gute Hirte

Pfarrerin Birgit Oehme

Pfarrerin Birgit Oehme

Pfarrerin Birgit Oehme

Der zweite Sonntag nach Ostern ist dem Motiv des „Guten Hirten“ gewidmet.

„Wie viel Schäfchen haben Sie denn?“, so werde ich hin und wieder humorvoll als Pfarrerin gefragt, und natürlich sind mit den „Schäfchen“ die Menschen einer Kirchengemeinde gemeint.


Wenn es in der Bibel um Hirten und Schafe geht, dann stehen jedoch nicht vorrangig Ämter und Gemeindestrukturen im Vordergrund. Zuallererst geht es um Jesus Christus. Im Johannesevangelium hören wir, wie er sagt: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe…“ (Joh. 10,11f).


So einen guten Hirten, der sich für seine Schafe einsetzt, kann man mit einer Löwenmutter vergleichen, (oder auch eine Menschmutter oder einem Menschenvater) die sich einem Feind entgegenwirft, wenn die Kinder bedroht sind. Lieber stirbt sie selbst, bevor sie ihre Kinder dem Verderben preisgibt.
Ebenso hat Jesus Christus sich mit seinem ganzen Leben für seine Menschenkinder eingesetzt, damit diese leben und nicht sterben. Lieber hat er sich selbst am Kreuz hingegeben als andere zu opfern.
In der Zeit nach Ostern geht es aber noch um mehr als den guten Hirten Jesus Christus, der an Karfreitag für uns sein Leben gegeben und an Ostern für uns auferstanden ist.


Wir sind in besonderer Weise beauftragt, selbst zu guten Hirten, zu Hüterinnen und Hütern des Lebens werden.


Als Kain seinen Bruder Abel aus Eifersucht umgebracht hatte, da hatte Gott ihn gefragt: „Kain, wo ist dein Bruder Abel?“ Und Kain hatte Gott trotzig entgegengeschleudert: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ (1. Mose 4, 9).
- Ja, wir sollen unserer Menschgeschwister Hüter sein. Nicht, in dem Sinn, dass wir uns in das Leben anderer Leute einmischen, wo es uns nichts angeht. Auch nicht in dem Sinn, dass wir andere bevormunden oder Dinge für sie tun, die sie selbst tun können. Auch sollen wir unsere Kinder nicht überbehüten. Aber wir sollen Verantwortung übernehmen für unser gemeinsames Leben.
Gelingt es uns, geschützte Räum zu schaffen, in welchem sich die zarte Pflanze von Vertrauen und Liebe entfalten kann?


Wie gehen wir miteinander um – in unseren Familien, in der Kirchengemeinde, im Verein, im öffentlichen Leben? Geben wir einander preis, liefern uns gegenseitig aus, z.B. indem wir Schadenfreude empfinden über Rückschläge und Misserfolge anderer. Oder indem wir ihre Schwächen ausnutzen oder ihre Leistungen entwerten, anstatt mitzufühlen, zu ermutigen und wertzuschätzen? Gelingt es uns, auch Kindern aus weniger behüteten Familien die Entwicklungs- und Bildungschancen zu schaffen, die sie benötigen, um einmal selbstbewusst ins Leben zu gehen? Hüten wir unsere demokratischen Strukturen und eine Kultur des Dialoges und des Friedens?


Jesus Christus verheißt uns: Wenn wir Gottes Gebote „hüten“ und mit ihm in Verbindung bleiben, dann haben wir die Kraft dazu.
Birgit Oehme, evangelische Pfarrerin in Biberach


Waschtag

Foto: privat

Foto: privat

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Von Brigit Schmogro

Wissen Sie, was ein Waschtag ist? Aus eigener Anschauung kennen’s wahrscheinlich nur die Älteren: diejenigen, die schon einiges über 50 sind. Wenn Waschtag war, so erzählte meine Großmutter, dann war Ausnahmezustand. Dann wurde einen Tag lang, manchmal auch zwei, nichts anderes gemacht als Wäsche waschen: einweichen, kochen, stampfen, reiben, walken, schwenken, spülen, auswringen, mangeln …

Heute haben die meisten eine Waschmaschine. Wir auch. Und die ist häufig in Benutzung. In einem fünfköpfigen Haushalt stapelt sich dauernd die Dreckwäsche.

Und natürlich brauchen wir Waschmittel. Andere auch. Und zwar ganz schön viel. Haben Sie eine Vorstellung, wie viel Waschmittel in Deutschland verbraucht wird? Stellen Sie sich vor, Sie fahren von Biberach nach Düsseldorf. Fünf Stunden auf der Autobahn. Und auf der rechten Fahrspur stehen Stoßstange an Stoßstange lauter Sattelzüge – von Biberach bis Düsseldorf. 530 Kilometer. Jeder Sattelzug beladen mit 25 Tonnen Waschmittel. Insgesamt 32000 Lastwagen. Ergibt 800000 Tonnen. Das ist in etwa der Jahresverbrauch in Deutschland. Laut Umweltbundesamt.

Ganz schön viel, was wir verbrauchen, um so manche saubere Weste zu waschen, die immer wieder dreckig wird.

Morgen, Sonntag, wird der Sonntag „Quasimodogeniti“ oder der „Weiße Sonntag“ gefeiert. In der alten Kirche trugen die im Osternachtsgottesdienst getauften Christen an diesem Sonntag zum letzten Mal ihre weißen Taufkleider. Oder anders gesagt: Eine Woche lang wurde nicht nur demonstrativ gezeigt, dass man nun Christ ist, sondern hat auch versucht, eine Woche lang möglichst rein, möglichst sauber zu leben, sich von allem Dreckigen fernzuhalten.

Natürlich ging’s in Wirklichkeit nicht ums äußerliche Verschmutzen, sondern darum, dass die Seele, das Innenleben nach der Taufe nicht gleich wieder befleckt, beschmutzt wird. Denn man wusste: Das „Waschmittel“ für unsere Seele ist kostbar. „Ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus“, schreibt der Apostel Paulus an die Korinther (1. Kor 6,11).

In der Tat: Im Gegensatz zu unseren Großeltern und Urgroßeltern können wir heute problemlos und schnell unsere Dreckwäsche in die Waschmaschine werfen. Dass man die Kleidung schont, sie möglichst lange sauber hält, ist vielen verloren gegangen.

Aber, kann man genauso bedenkenlos seine Seele verschmutzen? Mit dunklen Gedanken, bösen Worten, destruktiven Ideen? Und dann wird gleich wieder alles saubergewaschen? Schwamm drüber?

Wenn man so will, könnte man es etwas salopp so formulieren und sagen: An Karfreitag und Ostern war Gottes „Waschtag“, will Gott uns rein machen von innen her. Alle.

Seine Seele gleich wieder zu beschmutzen hieße, Gott nicht ernst zu nehmen. Heißt umgekehrt: Auf seine Seele achten, sie sauber halten, auch die der Mitmenschen, das ist die Herausforderung, die sich Christen von Ostern her stellt.

Birgit Schmogro, Pfarrerin in der evangelischen Friedenskirche in Biberach


Reminiszere - Erinnerungen

Pfarrer Jörg Schwarz

Pfarrer Jörg Schwarz

Pfarrer Jörg Schwarz

Auf dem Treppenabsatz die alte Kommode. Als Kind schon eine Fundgrube. Mit den Enkeln zu Zeiten darin gestöbert. Aber in den letzten Jahren ganz in Vergessenheit geraten. Jemand hatte einmal Farbe aufgebracht, so sah sie etwas freundlicher aus. Eine Schublade voller Erinnerungen. Fotos, lose, in alten Alben, schwarz –weiß, mit etwas Patina , Personen, Groß und Klein, der Blick fällt auf Gesichter, Frisuren, Brillen, Kleider, Anzüge, Schnurrbärte, fröhliche und ernst dreinschauende Menschen. Für einen Moment in Ihrem Leben in einem Bruchteil von Sekunden festgehalten in der Gegenwart, in ihrer Gegenwart.


Und dennoch: Ihr Blick scheint seltsam in die Ferne gerichtet. Welche Träume hatten sie ? Was haben sie erlebt, waren sie zufrieden, haben sie ähnlich gedacht, wie ich heute, haben gelacht, geliebt, getrauert, hätten sie verstanden, was mich heute bewegt, womit wir kämpfen, worunter wir leiden, was hätten sie dazu gesagt ?


Erinnerungen, Geschichten, Erzählungen von Zeiten der Bewahrung, des Gefährdet-seins, der Bewahrung vor Schlimmem, Zeiten der Trauer, des Scheiterns, des Zerbrechens, aber auch von Fülle, Wärme, Blühen, Gelingen und Dankbarkeiten. Die derzeit weltweit gefeierte italienische Sängerin Cecilia Bartoli antwortete auf die Frage, warum sie so gerne in der Vergangenheit stöbere, dass sie das als eine aufregende Reise empfinde, die auch Antworten schenke: Antworten auf die Fragen, woher wir kommen, warum wir sind, wie wir sind, was uns miteinander verbinde und was uns beeinflusse.
Interessanterweise ist  auch der  Name des bevorstehenden Sonntags „Reminiszere „(Erinnere dich!)-  dem 25. Psalm entnommen- eine klare Aufforderung: Zunächst  ist es Gott selbst, der hier erinnert werden soll, an seine Barmherzigkeit, ganz besonders an Tagen, wo ich vielleicht geneigt sein könnte zu sagen, den Tag kannst du streichen, den kannst du vergessen. Tage voller Enttäuschungen und vermeintlicher Rückschläge. Wo ich mich alleine gefühlt habe und jemanden gebraucht hätte, der mich tröstet, vielleicht meine Hand hält und einfach nur da ist. Wo wir uns als Opfer widriger Umstände fühlen und uns beklagen über unsere Lebensumstände und gefangen bleiben in einer Spirale endloser Negativität. Dann klingt es fast wie ein Hilferuf: „Erinnere dich deiner Barmherzigkeit!„(Psalm 25,6)


Dieser Ruf erreicht aber auch mich persönlich. Er- innern: damit ist nicht nur ein Rückwärtsschauen gemeint, sondern auch ein Vergegenwärtigen, ins eigene Innere Zurückholen. Still werden, zu schauen und zu horchen, was da im Inneren vor sich geht und wie sich da eine grundlegende Wandlung vollziehen kann.Statt zu leiden und das eigene Schicksal zu beklagen, mich erinnern, was alles gut ist.  Ein Dankgebet sprechen und mich erinnern lassen, dass es nicht das Gestern und auch nicht das Morgen ist, das mich bestimmt, sondern der geschenkte neue Tag aus Gottes Güte und Barmherzigkeit. In diesem Augenblick spüren, dass es nichts Vergangenes und nichts Zukünftiges gibt, was mich von Gottes Liebe trennt. Dankbarkeit für den gegenwärtigen Augenblick und die Fülle des Lebens jetzt.
Mehr brauche ich nicht zu tun. Mehr muss ich nicht schaffen. Mehr muss ich  mir für heute nicht vornehmen. Reminiszere: er-innere dich !


: Pfarrer  Jörg Schwarz, Evangelisches Pfarramt Ochsenhausen


Riskier was Mensch – Sieben Wochen ohne Vorsicht

Gemeindediakonin Hanne Winter

Gemeindediakonin Hanne Winter

Gemeindediakonin Hanne Winter

Als ich dieses Motto der evangelischen Fastenaktion  gelesen habe, dachte ich, zu was werde ich denn da aufgefordert? Ist die Passionszeit nicht eine Zeit der Stille und des Nachdenkens? Was soll dieses Motto: Ohne Vorsicht? Dieser Leitgedanke stellt den Inhalt der Passionszeit auf den Kopf! Ohne Vorsicht – das ist doch gerade das Problem, dass wir uns viele Dinge ohne Vorsicht antun. Der Genuss von Alkohol, Nikotin, Süßigkeiten oder Internet ohne Vorsicht führt viele geradewegs in die Abhängigkeit.

Arnd Brummer, Geschäftsführer der Aktion  „7 Wochen Ohne“ sagt über das Motto: „immer wieder haben wir Sie in den vergangenen Jahren dazu aufgefordert, Bewährtes außer Acht zu lassen und den Alltag mal ganz anders aufzuziehen. Dieses Jahr, so mag der eine oder die andere meinen, haben wir’s wirklich übertrieben. „Riskier was, Mensch! Sieben Wochen ohne Vorsicht“, das klingt wie der Auftrag zu Leichtsinn und Rabaukentum. Wir wissen uns damit aber in bester Gesellschaft. In der Bibel wimmelt es von unvorsichtigen Männern und Frauen. Menschen, die übers Wasser laufen, Hochschwangeren, die auf Reisen gehen, ohne auch nur ein Hotel zu buchen.“
Ob das nun die Jünger sind, die Haus und Hof für ein Leben in der Nähe Jesu verlassen  oder das hochbetagte Ehepaar Abraham und Sara, die ihre Heimat verlassen um etwas Neues zu beginnen. Glaubende werden in der Bibel, da stimme ich Arnd Brummer zu, als risikobereit beschrieben.
Langsam beginne ich zu verstehen, was mit dem Motto gemeint ist. Die Passions- u. Fastenzeit nutzen um einen Perspektivwechsel vorzunehmen, um  zu sehen, wo bin ich übervorsichtig, diesen Gedanken kann ich gut mitgehen.

Jede Woche hat einen anderen Impuls. Besonders ins Auge fällt  mir dabei der für die zweite Woche: Begegnung riskieren – ohne Vorbehalte. Zu meinem Aufgabengebiet als Gemeindediakonin in der AltenPflegeheimSeelsorge gehört der Besuch von Menschen, die nur mühsam oder gar nicht, ihre vier Wände verlassen können. Sie sind in ihren Begegnungen auf die angewiesen, die zufällig neben ihnen sitzen, sie pflegen oder sie besuchen. In dieser Situation werden Begegnungen  zu einer großen Herausforderung, da die Betroffenen nicht mehr aussuchen können, wem sie begegnen wollen. Begegnung riskieren – ohne Vorbehalte, das ist in diesem Fall die Tür in eine neue Lebensgemeinschaft.

Je mehr ich mich in das Material zur Fastenaktion einlese wird mir bewusst, wie sehr mich dieser Impuls „Riskier was Mensch - 7 Wochen ohne Vorsicht“ weiterbringen kann. Arnd Brummer dazu: „Darum – Sie ahnen es bereits – riskieren wir bewusst was mit diesem Motto der Fastenaktion „7 Wochen Ohne“ 2013. „Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und unverzagt seist“, heißt es in Josua 1,9.“


Mehr: 7wochenohne.evangelisch.de oder am 27.2., 15.30 Uhr im Bürgerheim


Ihre Gemeindediakonin Hanne Winter


Zu Gast auf einem schönen Stern

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, Warthausen

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, Warthausen

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, Warthausen

Unter diesem Titel veröffentlichte der evangelische Theologe Helmut Thielicke (1908 – 1986) seine Lebenserinnerungen. Das Buch umfasst mehr als 500 Seiten. Thielicke hat darin humorvoll und anekdotenreich seine Lebensgeschichte und damit auch ein Stück deutscher Zeitgeschichte nachgezeichnet.


Als junger Patient schon aufgegeben, im Dritten Reich von den Machthabern kalt gestellt, beschreibt er die Anfänge Deutschlands nach 1945 und die Auseinandersetzungen von 1968. Natürlich geschieht dies immer aus persönlicher Erfahrung und Wahrnehmung, aber doch mit theologischem und philosophischem Tiefgang. Ein interessantes Buch.


Sein Titel hat mich zunächst gestört.


Denn wie kann ein hochgebildeter Mensch sein Erdenleben als Gastsein auf einem Stern beschreiben? Sterne, das sind doch diese mehrere tausend Grad heißen und in der Finsternis des Universums leuchtenden großen Himmelskörper. Auch unsere Sonne ist solch ein Stern. Und auf solchen Himmelskörpern ist eben kein Leben vorstellbar. Höchstens für den Bruchteil einer Millisekunde.


Natürlich hat der große Theologe Thielicke dabei nicht an Sterne im naturwissenschaftlichen Sinne gedacht, als er seinen Titel wählte. Sondern eher an Sterne im übertragenen Sinne als geheimnisvolle Orte. So lebt „Der kleine Prinz“ bezeichnenderweise auch auf einem „Stern“. Und auf seinem Stern wachsen viele Blumen, der ganze Stern ist davon voll. Und die Blumen wachsen und gedeihen, viele Millionen von Sekunden lang.


Thielicke schafft es mit seinem Buchtitel zwei Perspektiven zusammen zu bringen: Erstens, die Welt ist ein geheimnisvoller Ort, und darum wählt er die Bezeichnung „Stern“. Und Zweitens, unser Leben ist nur ein Gastsein. Beides zusammen scheint mir eine wichtige Perspektive, eine wichtige Deutung für unser Leben zu sein.


So verstanden besteht unser Leben dann nicht in der Fixierung auf diese Welt und unser Leben. Wir sind Gäste, die auch wieder gehen werden. Darum müssen wir nicht alles aus dieser Erde und aus unserem Leben herausholen, als ob wir nur dies eine Leben hätten. Nein, wir wandern. Von einer Zeit zur andern. Wir wandern „zur großen Ewigkeit“, wie es der Liederdichter Gerhard Tersteegen formulierte. Gott hat für uns noch ein größeres Ziel. Noch ein größeres Zuhause, noch eine Heimat, die uns niemand nehmen kann. Nämlich bei ihm.


So verstanden könnten wir uns dann ja auch wie Gäste verhalten. Sollten Gäste nicht rücksichtvoll und höflich sein, denn sie erfahren Gastfreundschaft als Eingeladene?  Und weil sie wissen, dass sie einmal gehen müssen, hinterlassen sie ihr Domizil ordentlich. Denn sie wollen, dass auch die nachfolgenden Gäste eben solche Freude an diesem Ort haben wie sie.


Dass Thielicke sein nie leichtes oder gar bequemes Leben als Gastsein beschreibt, erstaunt mich immer mehr. Auch das Schwere, Ungerechte und Verletzende seines Lebens kann er in seinem Gastsein unterbringen. Auch die vielen Enttäuschungen, die sich in seiner Biographie finden, lassen ihn trotzdem daran festhalten, dass diese Welt „ein schöner Stern“ ist. Dies lässt eine große Liebe zu den Menschen und eine tiefe Dankbarkeit für alles Erlebte erkennen. Trotz allem anderen, gegen alles Negative.


Seit 1930 wählt die ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen ein Bibelwort aus, das als Leitwort (Losung) für jeweils ein Jahr gelten soll. Die Jahreslosung für 2013 lautet: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ (Hebräer 13,14)

 
Pfr. Hans-Dieter Bosch/Evangelische Kirchengemeinde Warthausen



Hahnengeschrei

Edzard Albers, Pfarrer an der Evangelischen Bonhoefferkirche Biberach

Edzard Albers, Pfarrer an der Evangelischen Bonhoefferkirche Biberach

Edzard Albers, Pfarrer an der Evangelischen Bonhoefferkirche Biberach

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
Jahreslosung 2010 (Joh 14,1)

Zum Jahresbeginn ein Hahnenschrei? – Dieser Morgenschrei schreckt auf. Das Siegel des Unheils macht uns Christen unruhig, zumindest wenn wir auf die Ereignisse zu Ostern schauen. Muss das denn sein? Dieser gellende Schrei zum Jahresbeginn?


Der Ruf in den anbrechenden Tag im tiefen Morgengrauen gehört zu unserer Religion dazu. Die Botschaft von Gottes Nähe bei den Menschen, unscheinbar und zugleich überdeutlich in der Heiligen Nacht, erschließt sich erst durch die jähe Exekution des visionären Jesus. Warum ausgerechnet dieser? Ist nicht genau dieser Jesus an irgendeiner Stelle in meinem Leben zu einem starken Vorbild geworden, so faszinierend, dass er meine Sehnsucht von einer besseren Welt immer wieder neu beflügelt?


Unsere Religion verschließt nicht die Augen vor den Brüchen im Leben. Und hier liegt ihre große Stärke. Der Schrei findet Gehör und wird nicht in den Wind geschlagen. Gott ist mitten im Erschrecken dabei.

Mit dem gerade gefeierten Weihnachtsfest soll keine künstliche Harmonie herbei geredet sein. Im Gegenteil: Wenn Gott sich den Menschen naht, dann ereignet sich dies zuerst und erst recht an solchen Menschen, denen niemand ein Fünkchen Lichtglanz an Ehre zutrauen würde. Die Kleinen macht Gott ganz groß. Die sich selber groß gemacht haben, die werden in diesem Licht ganz klein.


Der Jünger Petrus, der starke Zeuge, macht sich selber zum größten Verlierer. Schwört er doch bei seinem Leben wie tief er sich mit Je-sus verbunden fühlt! Und ausgerechnet er leugnet im Dunkel der Nacht noch vor dem entscheidenden Hahnenschrei seine Bekanntschaft mit Jesus, dem Christus.


Und noch einmal: Unsere Religion verschließt nicht die Augen vor den harten Brüchen. Trotzdem wird auch dem Petrus der tröstende Appell zugerufen, der zugleich uns allen gilt und als Jahreslosung über dem kommenden Jahr steht:

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

Selbst mit dem eigenen Versagen sind wir in Gottes Augen nicht verloren. Auf seine Macht dürfen wir weiterhin bauen.
Angst ist ein schlechter Berater in der Not. Es braucht den solidarischen Schulterschluss und gemeinsames nach vorne Schauen, um sich der Hoffnung zu erinnern. Als Christen im Oberland brauchen wir so einen gemeinsamen Weg, damit wir füreinander und miteinander eine hoffnungsfrohe Zukunft gestalten können.


Das Karfreitags-Krähen zum neuen Jahr kündet also von unserer Hoffnung. Gott wird in Jesus von Nazareth heimisch auf dieser Erde. Und ist es noch – in jedem Einzelnen. Ein Versprechen, ein phantastisches Geschenk, das uns aufbrechen lässt. Kommen Sie mit! Der Hoffnung entgegen.

Ihr Edzard Albers, Pfarrer an der Evangelischen Bonhoefferkirche Biberach.



Aufrecht ins neue Jahr gehen

Dekan Hellger Koepff, Biberach

Dekan Hellger Koepff, Biberach

Dekan Hellger Koepff, Biberach

Am letzten Abend des Jahres brauche ich das Abendmahl. Mir tut es einfach gut, mit anderen Brot und Wein zu teilen. Vielleicht lassen auch Sie sich davon überzeugen.


Warum ich das Abendmahl brauche? Silvester ist schließlich kein kirchlicher Anlasstrotz des Namensheiligen. Eine kleine letzte Ziffer der Jahreszahl wird ausgetauscht, manch gesetzliche Regelung muss ich neu beachten. Aber viel ändert sich mit dem Jahreswechsel nicht.


Wirklich nicht? Zumindest spüren wir ein wenig mehr als sonst, wie die Zeit verrinnt. Jeder Tag, jede Minute gehören bald unwiederholbar zur Vergangenheit. Meine Zeit ist begrenzt, kostbar jeder Augenblick. Habe ich die Kostbarkeit der Zeit ausgekostet in den letzten zwölf Monaten? Der Gottesdienst am letzten Abend des Jahres hilft mir innezuhalten und durchzuatmen. Zur Abendmahlsfeier in den evangelischen Gottesdiensten gehören die Beichte und der Zuspruch der Vergebung. Hier kann ich vor Gott und dann vielleicht auch vor den Menschen aussprechen, was mir auf der Seele liegt? Ich kann mich prüfen, was ich an der Schwelle zum neuen Jahr loswerden und was ich mitnehmen will.


Wo ich im letzten Jahr andere verletzt habe durch unbedachte Worte oder durch Schweigen, wo ich besser den Mund aufgemacht hätte – jetzt kann ich es ablegen. Wo ich im Streit übers Ziel hinausgeschossen bin oder es, um mein Ziel zu erreichen, mit der Wahrheit nicht ganz so genau genommen habe– jetzt kann ich es vor Gott aussprechen und loswerden. Wo ich um meines Vorteils willen nur noch taktiert habe, ohne den Menschen zu sehen – an der Schwelle zum neuen Jahr kann ich all das loswerden. Gott hilft mir, neu den Menschen zu begegnen, mit denen ich mich schwer tue – und sie sich mit mir.


Klar, ich kann und will auch Danke sagen, weil ein Kind überraschend gesund geworden ist. Weil wir nach langer Trennung als Freunde wieder zusammen am Tisch sitzen. Weil sich überraschend ein Weg gezeigt hat, wo alles verbaut schien. Weil ich gesund bin und jeden Tag zu essen habe. An der Schwelle zum neuen Jahr lerne ich wieder, dankbar darüber zu staunen.


Manchmal ist der Dank tief verschüttet und das Herz verbittert. Das Geld reicht hinten und vorne nicht für das Nötigste. Alleine, ohne den lieben Menschen, den wir beerdigen mussten, ist das Leben nur noch grau. Mit allem, was auf mich einstürzt, die Kinder, der Beruf, die Eltern, weiß ich nicht aus noch ein. Dann werfe ich Gott meine Klage vor die Füße. An der Schwelle zum neuen Jahr gebe ich meiner Bitterkeit Worte und spüre, ich bin damit nicht allein.


Innehalten im Gottesdienst vor dem Abendmahl, nie ist es für mich so intensiv wie am letzten Abend des Jahres. Dann spricht die Pfarrerin oder der Pfarrer mir zu: „Gott hört deinen Dank und deine Klage. Nach allem Versagen kannst du neu anfangen. Gott vergibt deine Schuld.“Meine Gedanken und die verwirrten Gefühle kommen zur Ruhe. Ich breche auf. Ich stehe aus der Bank auf und gehe nach vorne. Gemeinsam mit anderen lasse ich mich stärken mit Brot und Wein, Christus kommt mir ganz nahe. Die wenigen Schritte zum Altar werden mir zum Beginn eines neuen Weges. Mit gestärktem Rücken gehe ich in die letzte Nacht des Jahres. Jetzt kann ich erst recht feiern und aufrecht das neue Jahr beginnen.


Ich wünsche Ihnen gute Gedanken zum Jahreswechsel und ein gesegnetes Jahr 2013


Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach



Zeit genug?

Pfarrerin Andrea Luiking

Pfarrerin Andrea Luiking

Pfarrerin Andrea Luiking

Wer hat schon Zeit genug, wenn es jetzt auf Weihnachten zugeht. Doch, manche haben genug Zeit. Zäh fließt sie für sie dahin. Andere bräuchten dringend noch ein paar Tage mehr. Sie haben noch so viel zu schaffen, bis zu den Weihnachtstagen. Doch fast alle denken in diesen Tagen: „Bis Weihnachten…“. Es sind besondere Zeiten, auch wenn sie Unterschiedliches bedeuten für uns.

Besondere Zeiten waren es auch damals für Maria. Ihr Zeitgefühl war vom Warten auf die Geburt ihres Kindes bestimmt. Auch da gab es ein Vorher und Nachher. Wie es nach der Geburt sein würde, konnte sie nur phantasieren. Planbar war nicht viel. Das Kind, das sich ankündigte, bestimmte ihr Leben und ihre Zeitempfinden völlig. Darauf war sie ausgerichtet, alles andere wurde zur Nebensache.

Ganz anders Josef. Seine Zeit war von Hektik bestimmt. Anforderungen von außen bestimmten ihn. Was war nicht alles zu planen und zu organisieren für die Reise. Die Volkszählung und die dafür nötige Reise nach Bethlehem – noch so ein riesiges Projekt, das zu stemmen war. Und all das vor der Geburt des Kindes. Josef erlebte eine Situation, die ihn aufs Äußerste herausforderte. Seine Zeit war knapp, andere gaben die Aufgaben vor. Und er versuchte darin zu bestehen.
Maria und Josef waren in ganz verschiedenen Zeiten unterwegs. Selbst noch gemeinsam auf der Reise tickten sie innerlich ganz anders.

Wo befinden sie sich in diesen Tagen vor dem Fest? „Wenn es erst mal soweit ist, dann…“- Countdown bis Weihnachten. Oder sind sie schon ganz konzentriert auf das, was da kommen soll? Alles Unwichtige  bei Seite gelegt? Auch wir ticken verschieden in diesen Tagen.
An Weihnachten treffen wir dann mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen. Bei Besuchen und in der Familie begegnen wir uns. Die Hektischen und die Organisatorinnen. Die Besinnlichen. Und die, die diese besondere Zeit nur anstrengend finden.

An Weihnachten kann die Zeit aber auch still stehen. Damals bei der Geburt Jesu im Stall war es so. Da hörte die hektische Zeit des Josef auf. Marias Zeit des Wartens war zu Ende. Eine andere Zeit ergriff die beiden. Erfüllung im Jetzt.
In der heiligen Nacht geschah es, ganz unerwartet. Ließen sie sich unterbrechen von Gott, der in der Welt war. Und die Hirten und die Weisen kamen dazu.
Liebe Leserinnen und Leser! Das wünsche ich ihnen und mir für Weihnachten: Dass wir Gottes Geburt erleben. Nicht erst, wenn alles geschafft ist. Nicht erst, wenn wir von Menschen umgeben sind, die ähnlich ticken wie wir. Nicht erst, wenn wir Einsamkeit oder Ängste überwunden haben. Sondern indem wir den Moment wahrnehmen, durch den es beginnt: Gottes Zeit ergreift uns. Weihnachten bedeutet: Es geschieht jetzt, in der Mitte der Zeiten:

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Johannesevangelium Kapitel 1, 14

Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf


„Ein gutes neues Jahr!“

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Stadtpfarrkirche Biberach Foto: privat

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Stadtpfarrkirche Biberach Foto: privat

Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Stadtpfarrkirche Biberach Foto: privat

... das könnten sich Christen morgen einander zurufen, denn es beginnt nach dem kirchlichen Kalender mit dem 1. Advent ein neues Kirchenjahr. Wie kommt es, dass die Kirche (von der gerne gesagt wird, sie sei der Zeit immer etwas hinterher) vier Wochen vor dem Jahreswechsel ihr neues Jahr beginnt?

Der Verlauf des Kirchenjahres ist immer auch Ausdruck einer Glaubensbotschaft. Bezogen auf die Adventszeit heißt sie: Gott kommt uns entgegen! Mit dieser guten Botschaft beginnt das Jahr für uns Christen. Gott kommt in unsere Zeit, er wird Teil der menschlichen Geschichte. In den Wochen des Advents bereiten wir uns darauf vor und versuchen dieser frohen Botschaft in unserem Leben Raum zu geben. Wir öffnen unsere Türen für das Kommen Gottes.

Meist haben wir das Gefühl (zumal in der Vorweihnachtszeit), dass uns die Zeit förmlich davonläuft und wir ihr hinterhereilen müssen. Wir rennen durch die Tage unseres Lebens, oft atemlos und mit müder Seele. Wir empfinden uns als Getriebene. Wir eilen von Termin zu Termin, von Anforderung zu Anforderung, von Katastrophenmeldung zu Katastrophenmeldung. Dabei pendeln wir hin und her zwischen dem Gefühl der Überforderung (was soll ich denn noch alles tun?) und gähnender Leere (ich bin viel zu müde, um einen vernünftigen Gedanken zu fassen). Und wenn wir doch einmal bewusst innehalten, empfinden wir den Lauf der Zeit wie im 90. Psalm: Die Tage unseres Lebens sind wie ein Schlaf, sie fahren schnell dahin, sie vergehen im Nu, wie eine Blume, die morgens noch blüht und am Abend schon verwelkt ist.

Anders die Botschaft des Advents: Gott kommt uns entgegen. Mit großen Schritten kommt er auf uns zu, mit ausgebreiteten Armen. Er kommt in unsere vergängliche Zeit wie ein Schiff, beladen mit kostbarer Fracht, als wolle er uns fragen: Warum rennst du so, Menschenkind? Wozu die Eile, die Hast, der Stress? Komm, halte inne, setze dich einen Moment zu mir. Gönn’ dir eine Verschnaufpause. Mach dir’s ein wenig gemütlich. Zünde eine Kerze an, ich höre dir zu. Erzähle mir, wie es dir geht, was dich plagt, was dich erfreut. Wenn du nicht reden willst, hören wir gemeinsam darauf, was die Stille zu uns sagt. Was der Advent uns zuruft: Gott kommt uns nahe, in seinem Sohn Jesus Christus. Näher als wir uns je selbst nahe sein könnten. Er hält eine gute Zukunft für uns bereit, ein gutes neues Jahr.


Pfarrer Ulrich Heinzelmann, Stadtpfarrkirche Biberach


„Die Mitte der Nacht ist der Anfang eines neuen Tages“

Klinikseelsorgerin Pfarrerin A.Roser-Koepff

Klinikseelsorgerin Pfarrerin A.Roser-Koepff

Klinikseelsorgerin Pfarrerin A.Roser-Koepff

Eigentlich logisch. Wenn Mitternacht vorbei ist, fängt ein neuer Tag an. Die Stundenzählung beginnt von vorn.


Doch hinter diesen Worten steckt mehr. Sie entstammen einem alten christlichen Hymnus. Gemeint ist: Mitternacht ist Zeitenwende.

 
Damit wird es zu einem weihnachtlichen Lied.
Wir erinnern uns: Bei Nacht überrascht der Engel der Verkündigung die Hirten auf dem Feld vor Bethlehem mit den Worten „Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Euch ist heute der Heiland geboren.“ Und die staunenden Hirten machen sich auf, der Besuch an der Krippe verändert ihr Leben. Mitten in der Nacht änderte sich ihr Geschick.

 
Das verbinde ich mit Weihnachten: Weihnachten ist nicht nur ein einmaliges Fest. Weihnachten ist Zeitenwende. Da verändern sich die Bedingungen der Welt. Menschen sind bereit aufeinander zuzugehen. Gräben werden überwunden. Frieden wird möglich. Alle haben zu lachen. Freude wird geteilt. Keine bleibt vor der Tür. Ein Licht geht auf in der Dunkelheit. Und das alles wegen eines Kindes? Ja, wegen dieses Kindes, das zur Mitternacht geboren wurde unter widrigen Umständen. Seinetwegen haben Menschen noch mal ganz neu anfangen können. Sind gesund geworden. Haben sich mit anderen und mit sich selbst versöhnt. Ihm haben die Menschen zugetraut, die verdunkelten Herzen zu erreichen, Tyrannen umzustimmen und Recht und Gerechtigkeit zum Blühen zu bringen.

 
Und was ist mit der Not? Sie ist doch mit Händen zu greifen!
Viele bleiben krank, Streit eskaliert an vielen Orten und reißt nicht ab.
Die Mitte der Nacht ist der Anfang eines neuen Tages. Der Hymnus geht weiter: Die Mitte der Not ist der Anfang des Lichts.  Gott ist mitten in die Not hineingeboren worden. Als Hoffnungslicht für diese Welt. Das ist Gabe und Aufgabe für uns.

 
Mit dieser Hoffnung feiern wir Weihnachten und verschießen doch die Augen
nicht. Mit dieser Hoffnung können wir mutig und getröstet auch ins neue Jahr hinübergehen - um Mitternacht.

Bleiben Sie behütet!
Ihre Klinikseelsorgerin Pfarrerin A. Roser-Koepff


Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein

Edzard Albers ist Pfarrer an der Evange-lischen Bonhoefferkirche Biberach.

Edzard Albers ist Pfarrer an der Evange-lischen Bonhoefferkirche Biberach.

Edzard Albers ist Pfarrer an der Evange-lischen Bonhoefferkirche Biberach.

Zum dritten Sonntag im Advent

Die Nacht ist vorgedrungen,
der Tag ist nicht mehr fern.


So dichtet Jochen Klepper kurz vor Weihnachten 1937 über Gottes Zuspruch und Trost für die Menschen. Gott ist nahe bei den Menschen. Diese Jubelbotschaft wird offenbar im Licht.
Im Licht der Heiligen Nacht soll unser Lebensdunkel abgelöst werden von einer neuen Zeit der Hoffnung. Sehnsuchtsvoll weisen unsere Lichter der Weihnacht über traurige Abschiede hinaus. Wir dürfen zurücklassen, was schmerzt. Gott selbst wird Mensch. In seinem Lichtschein werden unsere Angst und unser Schmerz offengelegt. Bis das Licht so hell wird, dass Angst und Schmerz mit dem Dunkel vergehen.

Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.
- - -
Dem alle Engel dienen,
wird nun ein Kind und Knecht.

Gott selber fängt ganz von vorn an, ganz unten fängt er bei den Menschen an. Gott fängt als kleiner Mensch bei den Menschen an, selbst angewiesen auf menschliche Nähe. Gott wird der Menschen Knecht, ein treuer Diener, der die Not geknechteter Menschen kennt.
Diesem Gott dürfen wir anvertrauen, was uns bedrückt und was uns Angst macht.

Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.
- - -
Die Nacht ist schon im Schwinden,
macht euch zum Stalle auf!

Im Dunkel lassen wir die Erinnerungen zurück, die uns gelähmt haben in unserem Lebenseifer.
Im Lichte Gottes wird uns ein neuer Blick auf die jähen Abschiede geschenkt. Dort, wo wir im persönlichen Umfeld einen Menschen gehen lassen mussten. Und auch dort, wo sich für uns als Kirchengemeinde hoffnungsvolle Wege überraschend verloren haben.
Schauen wir neu im Lichte Gottes nahe bei den Menschen!

Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.
- - -
Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.

Noch manches Unerwartete wird auf uns zukommen in unserem Leben. Wir können nicht alles vorausplanen. Wir können nicht jedem Schaden ausweichen. Noch manches wird unser Leben eindunkeln. Gewiss ist nur, dass wir gewiss nicht alles in der Hand haben.
Wir müssen deswegen aber nicht die Schultern hängen lassen. Für uns zählt der Lichtschein Gottes, der unser Leben neu ins Licht setzt. Das hoffnungsvolle Licht der Heiligen Nacht wird an Ostern erst recht zum Fanal unserer Hoffnung. Gott nahe bei den Menschen geht mit bis zum Letzten. Er hört dann aber keineswegs auf. Gottes Licht weist den Weg in eine andere Existenz, die uns die Angst nehmen will vor allem, was hier auf uns zukommt.

Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.
- - -
Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.

Unsere Kirche ist ein Haus der Hoffnung und zugleich will sie alles ängstliche Bangen in sich bergen.
Miteinander müssen wir neu denken und kreative Ideen für neue Wege entwickeln. Die vielen ehrenamtlich Engagierten unserer Kirchengemeinde tragen mit ihrer Kraft und in ihrem Teil dazu bei, dass dies gelingen kann. Sagen Sie dies weiter und bringen Sie gerne weitere Menschen mit, die sich bei uns einbringen möchten.

Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

Gott ist nahe bei den Menschen. Diese frohe Botschaft geben wir gerne weiter in der Heiligen Nacht – und danach im Lichte jeden neuen Tages.

Ihr

Edzard Albers




Spiritualität und Gesundheit

Spiritualität [von lat. Spiritus = Geist] hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Modewort entwickelt. Viele Menschen haben das Bedürfnis ihren Glauben durch eigene spirituelle Erfahrung zu vertiefen und zu bereichern. Dies ist Ausdruck eines Orientierungsbedürfnisses in unserer offenen Gesellschaft. Die Menschen wünschen sich eine geistige Verbindung zu Gott, um Glaubensgewissheit und damit Lebensgewissheit zu erhalten.  Wege dazu sind das Gebet und die Meditation. Martin Luther hat in seinem Kleinen Katechismus und in seiner Gebetsanleitung für den Barbier Peter spirituelle Übungen für den christlichen Alltag beschrieben. Für ihn gehörte die tägliche Andacht zum Glaubensleben dazu.
Auch die Naturwissenschaften und die Medizin untersuchen und bestätigen den Beitrag, den Spiritualität zur Genesung und zur Stabilisierung von Gesundheit leisten kann. Es hat den Anschein, als würde etwas ganz Neues entdeckt. Wenn wir in die Geschichte schauen, gehören Krankheit, Religion und Medizin schon immer zusammen. Hildegard von Bingen, die jetzt zur Kirchenlehrerin ernannt worden ist, hat einen bedeutenden Beitrag geleistet.
Die Begründung dafür finden wir in den Heilungsgeschichten von Jesus selbst. Jesus fragt den Gelähmten am Teich Bethesda (Joh. 5, 1 – 16): Willst du gesund werden? Er spricht ihn direkt auf seinen Willen gesund werden zu wollen an. Es geht dabei nicht zuerst um die Aufhebung der körperlichen Lähmung, sondern vor allem um die Lähmung des inneren Menschen, die auch eine Lähmung des Gesund-Werden-Wollens ist. Das Ziel ist also nicht vorrangig ein Gesund-Gemacht-Werden, sondern eine Heilung, im Sinne eines Ganz- Werdens von Körper, Seele und Geist. Jesus wendet sich mit der Frage an den Gelähmten, ob er gesund werden will. Damit bewirkt Jesus eine Auferweckung zum Leben; Er spricht den Kranken direkt auf die geistig-seelische Aufrichtung an: Ja, ich will. Der Kranke entdeckt seinen Glauben wieder. Dieser Glaube ist mehr als ein naiver Wunschglaube, der sich passiv nach einem Wunder sehnt. Dieser Glaube ist eine Seelenkraft, die sich aus Vertrauen, Erkenntnis und Erfahrung speist. Ein Patient formuliert dies in einfachen Worten: Wenn ich nicht mehr weiter sehe, vertraue ich der Allmacht des Glaubens: Es gibt immer eine Lösung. Ein solcher Glaube will das Veränderbare erreichen und ist bereit sich in das Unabänderliche zu fügen. Dieser Glaube will, aber er will in der Haltung von Demut und im Bewusstsein der Gnade. Dieser Glaube unterscheidet sich sowohl von einer modernen Anspruchshaltung als auch von einem naturwissenschaftlichen Machbarkeitsdenken. Heilung aus spiritueller Sicht  ist kein Beschwerden-Beseitigungsgeschehen, sondern vor allem ein Heilwerden des ganzen Menschen, das von persönlichem Glauben getragen wird.
Pfr. Dr. Ulrich Mack


Glänzend!

Pfarrer Jörg Scheiring

Pfarrer Jörg Scheiring

Pfarrer Jörg Scheiring

In Äthiopien gibt es ein Sprichwort, das heißt: „Wende dein Gesicht zur Sonne, und die Schatten fallen hinter dich.“


Schatten gehören zu unserem Leben dazu. Und je tiefer die Sonne steht, desto länger werden die Schatten. In dieser Jahreszeit ist das nicht nur draußen in der Natur zu beobachten, sondern man spürt es auch in seinem Inneren: Trotz all den frohen und hellen Ereignissen, die man erleben und genießen darf, bleiben uns Dunkelheiten und Traurigkeiten nicht erspart – die Schattenseiten des Lebens. Und nur allzu gerne würde man der freundlichen Aufforderung „Jetzt spring halt mal über deinen Schatten!“ nachkommen und die Schatten einfach überspringen, so, dass sie nicht mehr da sind, sich in Luft auflösen. Wir wissen nur zu genau, dass das nicht funktioniert. Auch dann nicht, wenn man sich noch so sehr anstrengt und überwindet. Über unseren eigenen Schatten springen können wir nicht. Er bleibt uns erhalten, solange das Licht des Himmels auf uns fällt.


Das gehört zum Leben: Es gibt kein Leben ohne Schatten. Deshalb will das Sprichwort die Lebensschatten auch nicht ausblenden und nicht so tun, als ob durch einen einfachen Blickwechsel plötzlich alle Schatten von uns abfallen. Denn das wäre ein billiger Trost, der nicht lange anhalten würde. Nein – das Sprichwort möchte unser Inneres hinlenken auf das Licht, das uns alle Morgen aufgeht und jeden Tag neu scheint. Ein Licht, das uns zum Glänzen bringt.
Den wohltuenden Glanz dieses Lichtes beschreibt auch ein altes Kirchenlied von Christian Knorr von Rosenroth, das sowohl im Evangelischen Gesangbuch (Nr. 450) als auch im Gotteslob (Nr. 668) steht: „Morgenglanz der Ewigkeit, / Licht von unerschaffnem Lichte, / schick und diese Morgenzeit / deine Strahlen zu Gesichte / und vertreib durch deine Macht / unsre Nacht.“


„Da glänzt aber einer!“ So sagen wir, wenn jemand durch eine besondere Leistung auffällt. Wenn jemand durch hartes Training, durch Lernen oder eine andere Anstrengung etwas Glanzvolles geleistet hat.


Es gibt aber auch ein ganz anderes Glänzen. Man braucht dafür nichts weiter zu tun, als sein Gesicht der Sonne zuwenden. Dann glänzt man. Und die Schatten fallen hinter einen. Das Gesicht der Sonne zuwenden, der Gnadensonne, die Gott aufgehen lässt über Fröhlichen und Traurigen, über Starken und Schwachen, über Gerechten und Ungerechten. Starren wir also nicht auf unsere Schatten, sondern wenden wir unser Gesicht dem Licht des Lebens zu.

Jörg Scheiring, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf


Hoffnung ist Leben

Pfarrer Albrecht Schmieg, Krankenhausseelsorger in Dietenbronn

Pfarrer Albrecht Schmieg, Krankenhausseelsorger in Dietenbronn

Pfarrer Albrecht Schmieg, Krankenhausseelsorger in Dietenbronn

22 Jahre ist es nun also her, dass wir die Deutsche Wiedervereinigung feiern. Ich kann mich noch gut an die aufgeregte Freude, die Ängste und an die großen Hoffnungen von damals erinnern. Von den schnell aufblühenden Landschaften im Osten und davon, dass es niemand schlechter gehen wird, aber vielen besser, hätte Kanzler Kohl damals für mich gar nicht zu reden brauchen - viele haben es ihm auch nicht geglaubt. Eine „Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede“, wie wir sie z. B. in Firmen in der Krise immer wieder hörten, hätte mich genauso überzeugt. Die Hoffnung war ja so groß, dass sie alle Bedenken aufgewogen hat. Diese Hoffnung spiegelt sich vielleicht am ehesten in dem vitalen Bild: „Es soll zusammenwachsen, was zusammen gehört.“ Hoffnung auf Gemeinschaft mit fremdgewordenen.

Wie kann aber etwas Unkalkulierbares wie eine Hoffnung so viel wiegen? Was ist eigentlich Hoffnung? Der Mensch richtet all sein Sinnen und Trachten und Freuen auf etwas Zukünftiges, das aber nicht sicher zu erwarten oder abzusehen ist. Klar spürbar ist jedoch, und das ist ganz gegenwärtig: Hoffnung mobilisiert ungeahnte Lebensenergie.
Was ist nicht alles in Bewegung gekommen durch die Wiedervereinigung: Verkehrs- und Kommunikationsnetze wurden massiv ausgebaut, um die in Bewegung geratenen Menschenmassen, Wahrenströme, Gespräche, Gedanken, Ideen und Daten zwischen Ost und West zu transportieren. Wie viele Häuser und Einrichtungen wurden gebaut, neue Firmen, neue Institutionen aus Stein aus Ideen, aus Menschen. Manche der Hoffnungen wurden auch enttäuscht, vor allem dann, wenn sie nicht gemeinsam gelebte Hoffnungen waren. Manche stürzten auch über in aggressive Gewinnspekulationen, die den Raum von gemeinsam getragener Hoffnung deutlich verließen und bewusst Verlierer in Kauf nahmen. Vieles hat die Vereinigung gekostet, doch die Hoffnung und die Richtung, in die sie ging, hat sich erfüllt und neue Hoffnung gezeugt: Ost- und West sind zusammengewachsen und wachsen gemeinsam weiter.

Ein Arzt sagte mir einmal: Wenn ein Mensch keine Hoffnung mehr hat, dann wird er krank, und wenn auch aus der Krise keine neue Hoffnung erwächst, wird er in letzter Konsequenz sterben. Inwiefern das, was dieser Arzt vom menschlichen Organismus behauptet, auch auf ein sich vereinigendes Deutschland anzuwenden wäre, oder auch auf den Organismus der sich vereinigenden Völker Europas, scheint mir der Frage wert. Sicher aber ist, wie wichtig es ist, nach gemeinsamen verbindenden Hoffnungen Ausschau zu halten, sie zu pflegen und zu kultivieren.

Nicht nur, aber ganz besonders Christen wissen um den Wert der Hoffnung. Darum grüße ich Sie mit folgendem Bibelwort:
Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. Römer 15,13


Pfarrer Albrecht Schmieg, Krankenhausseelsorger in Dietenbronn


Und ihr werdet lachen…

Pfarrerin Andrea Luiking, Ummendorf

Pfarrerin Andrea Luiking, Ummendorf

Pfarrerin Andrea Luiking, Ummendorf

Sommerpause. Schon das Wort lässt mich lächeln. Pause von all den kirchlichen Sitzungen. Pause in der Politik. Pause im Gemeinde- und Stadtrat. Selbst in der Presse herrscht das Sommerloch. In der Sommerpause bekomme ich Abstand. Und der tut gut.


Denn mittenmang dabei, im Eifer des Gefechtes, kann ich den schon mal verlieren. Dann kann ich mich empören und aufregen. Heilsam sind dann diejenigen, die sich mit Selbstironie melden. Die spüren lassen, dass sie sich, ihre Arbeit und Leistungen gar nicht so ernst nehmen. Wenn so jemand in einer Diskussion etwas sagt, kann es passieren, dass die ganze aufgeplusterte Wichtigtuerei plötzlich vorbei ist. Dass gelacht wird.


Wodurch wird das möglich? Von einer Kirche in den USA habe ich gehört, dass dort bei Synoden ein Clown engagiert wird. Der hält in Sitzungspausen den Teilnehmenden einen Spiegel vor. Der übertreibt ihr Verhalten in seinem Spiel so, dass man darüber lachen kann. Eine gute Sache, denke ich. Clowns machen sich über sich selbst lustig. Sie stehen zu ihren Schwächen.


Mit Abstand merke ich, wie viel Angst hinter Haltung steckt, immer gewichtig sein zu müssen. Viele Erfahrungen haben uns das gelehrt. Wir schützen uns vor Angriffen.


Im 59. Psalm wird diese Erfahrung beschrieben: „Jeden Abend kommen sie wieder,heulen wie die Hunde und laufen in der Stadt umher. Siehe, sie geifern mit ihrem Maul; Schwerter sind auf ihren Lippen.“ Das ist ein Umgang miteinander, der heute noch genauso vorkommt. Interessant ist, wie es in dem Gebet weiter geht: „Aber du, HERR, wirst ihrer lachen und aller Völker spotten.“


Lachen als Heilmittel. Gott lacht aus ganzem Herzen über die Wichtigtuer, die andere öffentlich beschädigen. Dadurch fällt ihr Auftreten ins sich zusammen wie ein Ballon, dem man die Luft heraus lässt. Mit seinem Lachen stellt er sich zu uns. Zu den Verletzten und zu denen, die sich so wichtig machen auf Kosten anderer. Lachen befreit. Von dem Druck, immer die Fassade wahren zu müssen. Gar nicht nötig bei ihm. Er hat uns ja längst angenommen ohne unsere Leistung. Als Geschenk.


Das ist der Kern dessen, worauf es Martin Luther ankam. Dennoch müssen wir es auch in der Kirche immer wieder neu einüben. Luther wird auch der Satz zugeschrieben: „Wenn Gott keinen Humor hat, möchte ich nicht in den Himmel kommen.“ Ob er das wirklich gesagt hat, ist umstritten. Aber ob echt oder nicht: Der Satz ist so gut, dass er auf jeden Fall von ihm sein könnte.


Der Himmel beginnt schon jetzt, wenn wir uns selbst nicht mehr so wichtig nehmen. Jesus ermutigt zu dieser fröhlichen Leichtigkeit. Er sagt: „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“ (Lukas Kap. 10).


Diese Freude macht es möglich, auch vor anderen zu lachen über uns selbst. Das wünsche ich mir für die Zeit, wenn es nach der Sommerpause wieder losgeht.


Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf


Gretchenfrage - Wie hältst Du es mit der Religion?

Vikarin Anne Polster, Warthausen

Vikarin Anne Polster, Warthausen

Vikarin Anne Polster, Warthausen

Faust und Gretchen spazieren im Garten. Und während sie dort ihre Runden ziehen, erklärt sich Faust. Zunächst weicht er aus. Dann verliert er sich in schalen Ausflüchten. Und schließlich zieht er sich in gelehrte Ausführungen zurück, denen Gretchen nicht mehr zu folgen vermag.

Deutschland, wie hältst du es mit der Religion?


Dürfen in bayerischen Klassenzimmern Kruzifixe angebracht sein? Was ist wichtiger: Die negative Religionsfreiheit – also die Freiheit, nicht durch die Religionsausübung anderer gestört zu werden – oder die positive Religionsfreiheit – also die Möglichkeit seine Religion frei auszuüben?


Dürfen Lehrerinnen in der Schule ein Kopftuch tragen? Ist das ein religiöses Bekenntnis? Und wenn ja, verstößt das dann gegen die staatliche Neutralität?
Dürfen Eltern ihre Söhne aus religiösen Gründen beschneiden lassen? Verstößt das gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit? Oder ist das Recht der freien Religionsausübung höher zu bewerten?
Gretchens Frage holt uns immer wieder ein.

Die Gretchenfrage hört sich zunächst doch so einfach an. Doch wir tun uns mit einer Antwort auf diese Frage schwer – sowohl in der Gesellschaft als auch ganz persönlich.


Gretchens Frage ist so schwer zu beantworten, weil es bei der Frage nach der Religion um unsere Orientierungen geht, um das, was uns wichtig ist, um das, was uns die Richtung anzeigt im Leben. Die Frage nach der Religion ist zugleich eine Frage nach unserer Lebenspraxis und nach unseren gesellschaftlichen Bezügen.


Gretchens Frage ist schwer zu beantworten, weil der Staat zwar nach dem Grundgesetz weltanschaulich neutral ist, aber doch Regelungen treffen muss, die auch den Bereich der Religion betreffen.


Gretchens Frage ist schwer zu beantworten, weil sich die Antworten im Laufe der Zeit verändern und deshalb regelmäßig neue Antworten ausgehandelt werden müssen.

Doch wir sind Gretchen eine Antwort schuldig. Wäre nicht schon viel gewonnen, wenn wir einander zuhören und wenn wir lernen, Vorurteile abzubauen? Es ist nicht der richtige Weg, mit dem Zeigefinger auf die Religionen zeigen und das, was bei diesen vermeintlich überholt ist.

Gretchen wird weiter fragen. Nach dem Kruzifix-Beschluss 1995 und nach dem Kopftuch-Urteil 2003 und auch nach der Diskussion um die  Beschneidung werden andere Themen folgen. Die Themen verändern sich, doch die Frage dahinter bleibt die gleiche: Deutschland, wie hältst du es mit der Religion?

Vikarin Anne Polster, evangelische Kirchengemeinde Warthausen


Lebenswege

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Pfarrer Jörg Schwarz, Ochsenhausen

Was war heute Morgen ihr erster Weg? Zum Briefkasten, nach der Zeitung schauen? Zum Bäcker, die Familie mit frischen Brötchen überraschen? In die Küche, eine dampfende Tasse Kaffee zubereiten? Zum Fenster, um nach draußen zu schauen?

Viele Wegen gehen wir ganz automatisch, fast unbewusst, gehen sie jeden Tag, ohne uns Rechenschaft darüber abzulegen. Grund genug, vielleicht einmal kurz innezuhalten und darüber nachzudenken, welchen Weg ich gehe, was mich in Bewegung setzt und mich weiterführen kann.

Viele Feste laden in diesen Tagen ein gemeinsame Wege zu gehen, in Ochsenhausen der Umzug zum Öchslefest, das Schützenfest in Biberach, Jahrgängertreffen, Möglichkeiten anderen zu begegnen, sich zu vergewissern im Lebens- Straßen- Gewirr, wo man hingehört, wo es eine Heimat gibt, auch eine spirituelle Heimat in den dazugehörigen Gottesdiensten und Andachten.

Schülerinnen und Schüler der Abschlussklassen stehen vor dieser Frage und haben sie in den vergangenen Wochen immer wieder angesprochen auch in bunten und nachdenklichen Gottesdiensten. Wie verläuft mein Weg in die Zukunft ? Angehäuftes Wissen und vermittelte Kompetenzen in allerlei Schulfächern lassen diese Fragen nur umso drängender werden: Welcher Weg führt  mich wo hin ? Wer kann mir darüber Auskunft geben ? Auch die Eltern und Großeltern spüren die Dringlichkeit dieser Frage in einer Zeit, wo Vieles sich im Fluss befindet und Sicherheiten sich täglich überholen.

Wer sich in Bewegung setzt und den ersten Schritt wagt, weiß, dass es immer ein Risiko birgt, sich auf den Weg zu machen. Vielleicht ist es eine Frage, die mich schon länger umtreibt und die mein Leben betrifft.
Bin ich auf einem guten Weg ? Lebe ich mein Leben oder ein Leben, das mir andere aufdiktieren ? Finde ich den tiefen Sinn, der meinem Leben zu Grunde liegt oder spüre ich eine schmerzliche Lücke ? Gibt es einen Weg mit Gott, auf den ich vertrauen kann ? Habe ich noch die Kraft meine eigene Komfortzone zu verlassen, herauszutreten aus dem Gewohnten und mich auf die Suche zu machen nach der Quelle meines Lebens ?

Pilgerwege sind wieder modern geworden und man findet solche Wege gut beschrieben. Eine alte Mesnerin erzählte mir in einer kleinen Kirche am Rande des Jakobsweges einmal ganz bedrückt, dass viele Menschen nur kurz hereinschauten, viele ein Foto machten, um dann weiterzueilen, oder gleich helmbewehrt und mit bunten Brillen auf ihren Rädern daran vorbeischossen. Zu klein, zu unbedeutend, nicht auf den großen Karten verzeichnet.

Die ehrliche Suche  nach Wahrheit und Leben ist nichts, was großer Worte und Gesten bedarf, sie findet bei mir statt, tief in meinem Inneren und braucht einen geschützten Raum, wo ich mich geborgen fühlen kann. Das Laute und Plakative verdeckt Vieles in unserer Zeit. Aber wo hören wir von Gott ?

In 139. Psalm heisst es: „ Herr du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weisst du es; du verstehtst meine Gedanken von Ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege“.
 Diese Sprache wendet sich an die, die zuhören können und deren Herzen aufmerksam sind. Gegen Erschöpfung, Langeweile und Überdruss , gegen Sinnlosigkeit und Angst hören wir da:
 „Erforsche mich Gott und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne wie ich´s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.“ Und in diesem Vertrauen finden alle Wege ein Ziel.


Pfarrer Jörg Schwarz, Evangelisches Pfarramt Ochsenhausen


Wasser ist Leben!

Nach einer langen und mühsamen Wanderstrecke gibt es finde ich nichts Schöneres als eine Rast an einem Gebirgsbach oder an einem Teich. Frisches kühles Wasser sprudelt über die Steine. Man spürt es sogar in der Luft: Sie ist kühler und feuchter, tatsächlich kann man das Wasser nicht nur hören, sondern sogar riechen.

Jetzt im Sommer bekommt das Wasser noch einmal einen anderen Stellenwert in unserem Alltag. Wenn die Hitze groß ist und die Sonne stark auf die Erde brennt, lernen wir das Wasser wieder neu zu schätzen.

Wasser ist Leben, es tut einfach gut, gibt Lebenskraft und neue Energie. Freilich kann es auch zerstören, ist aber in jedem Fall eine der wichtigsten Gaben der Schöpfung Gottes. In wasserarmen Gegenden der Erde ist es heiß umkämpft, wichtiger sogar noch als das Öl. Wasser hat aber auch noch eine andere, symbolische Bedeutung. Vielleicht ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie wir Zeiten nennen, in denen es uns nicht gut geht. Wir nennen sie „Durststrecken", oder wir sagen „wir liegen auf dem Trockenen". Wir verbinden Notzeiten mit dem Gefühl von Durst. Dann sehnen wir uns nach Kraft und Stärkung, nach neuem Lebensmut und neuer Zuversicht, nach einem Lebensquell, der unseren Lebensdurst stillt. Diese Sehnsucht kann genauso brennend und quälend empfunden werden wie der reale Durst: Sehnsucht nach Leben, nach Liebe, nach Heil, nach Erfüllung, nach Anerkennung, nach Ewigkeit. Sie können selbst einsetzen, was Ihr Durst und Ihre Sehnsucht ist.

Die biblischen Texte bringen das Wasser darum immer auch mit göttlicher Kraft in Verbindung, mit einer Kraft also, die Sehnsucht viel tiefer und in anderem Sinn stillen kann als Menschen das jemals könnten. In den Psalmen heißt es dazu (Psalm 36,9): „Denn bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ Was bedeutet das? Was macht diese Quelle des Lebens aus?

Gottes Quelle löscht den Durst anders als normales Wasser. Dieses Durstlöschen besteht in den Gaben von Glaube, Liebe, Vergebung und Hoffnung. Bei Gott gibt es die Gewissheit, als einzigartiger Mensch genau so geliebt zu sein, wie ich bin. Denn bei ihm ist Vergebung für Misslungenes, Erleichterung von allem, was einem an Versäumtem und Falschem auf der Seele liegt. Bei ihm ist das feste Zutrauen, dass er mich nicht nur heute, sondern immer und für alle Zeiten in seinen Händen hält.

Das ist mehr - viel mehr - als ein kurzer erfrischender Trunk aus einer Gebirgsquelle. Und: Diese Quelle des Lebens bietet Wasser an, das über das irdische Leben hinaus reicht. Was uns im Leben trägt, das hört auch im Tod nicht auf. Auch nach dem Tod werden wir noch trinken aus dieser Quelle der Liebe und der Kraft.

Die Frage ist allerdings: Wie kommen wir an diese Quelle? Wenn wir müde sind und erschöpft oder traurig und deprimiert? Öffnen Sie die Hände und Ihr Herz wie beim Trinken aus einem Gebirgsbach. Wir können zu jeder Zeit, ob mitten am helllichten Tag oder mitten in bedrückender Nacht, Gott unsere Hände und unser Herz hinhalten und ihn bitten: Gib mir Kraft. Gib mir Lebenskraft. Gib mir Geduld und gib mir Hoffnung. Ich bin sicher: Gott wird unseren Durst und unsere Sehnsucht stillen.

Pfarrerin Dorothee Sauer, evangelische Kirchengemeinde Erolzheim-Rot


Im Paradiesgarten Gottes

Pfarrerin Birgit Oehme

Pfarrerin Birgit Oehme

Pfarrerin Birgit Oehme

Es blüht und wächst in diesem Wonnemonat Mai. Auf den Feldern wogt schon das grüne Getreide. Die Menschen zieht es hinaus in die Natur oder in die Gärten. Maienzeit - Gartenzeit.


Auf dem Land war es lange üblich, die Konfirmation vor Ostern zu feiern, denn nach den Feiertagen musste man hinaus auf die Felder und in die Gärten. Dabei war und ist „Garten“ beides: einerseits Lust am Pflanzen, Ackern, Freude am Wachsen und Gedeihen, am Ernten, Geruch der Erde und Sonne auf der Haut. Andererseits bedeutet Garten aber auch harte Arbeit, müde Knochen oder gar Rückenschmerzen, rissige Hände und vielleicht auch Ärger über Schnecken und Vögel, die einem den jungen Salat wegfressen. Immer wieder habe ich es erlebt, dass auf dem Land über 80jährige Frauen noch selbstverständlich ihren Kartoffelacker umgegraben haben. Garten war und ist hier vor allem Gemüse- und Blumengarten, aus dem man sich ernährt, und weniger Garten, um darin den Liegestuhl aufzustellen, auszuspannen und es sich gut gehen zu lassen.


Übrigens, -auch die Bibel erzählt uns von einem Garten, nämlich von einem Paradiesgarten, in den Gott den Menschen setzte. Im ersten Buch Mose, Kapitel 2, Vers 15 heißt es: „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“. Eden bedeutet Wonne, Lust, Lieblichkeit.


Was sagt uns diese Erzählung über Gott und seine Beziehung zu uns Menschen? -


Die Nachbarvölker Israels erzählten ebenfalls von der Erschaffung der Welt und des Menschen und von einem Garten. Allerdings war dieser Garten der Wohnort der Götter. Die Menschen durften den Garten zwar betreten – aber um die Gartenarbeit für die Götter zu erledigen. Nach getaner Arbeit mussten die Menschen den Garten wieder verlassen.


Die „Normalmenschen“ und Bauern im Alten Orient kannten keine Gärten, sondern nur Äcker voller Steine und Unkraut, die einem harte Arbeit abverlangten. Ein bewässerter Garten nur um der Schönheit und des Genusses willen, war nicht notwendig.

Wer damals hörte oder las, dass Gott für den Menschen als Erstes einen Garten pflanzte, der musste sich fragen: „War das nötig? Musste das sein? – Welch ein unnötiger Luxus!“


Die Erzählung vom Paradiesgarten, in welchen Gott den Menschen setzte, bringt zum Ausdruck. Gott hat für uns Vorarbeit geleistet. Er hat uns Menschen nicht in eine Ödnis und Wildnis gesetzt, sondern in einen umhegten, geschützten, umfriedeter Raum, in dem wir uns entfalten können. So großzügig ist Gott, dass er uns Menschen einen guten Lebensraum zur Verfügung stellt, an dem wir Menschen wohnen können.


Natürlich folgt unserer Geschichte vom Paradiesgarten die Geschichte vom sogenannten Sündenfall. Aber ganz am Anfang, im tiefsten Grund, ist unser Leben von Gott gut gedacht, als Garten Eden.


Ich wünsche Ihnen, dass Sie jetzt in diesem Wonnemonat Mai etwas von der Güte Gottes spüren können.

Pfarrerin Birgit Oehme, Referentin beim Dekan, Biberach


Singen? Immer noch und immer wieder!

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, evangelische Kirchengemeinde Warthausen. Foto: pr

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, evangelische Kirchengemeinde Warthausen. Foto: pr

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, evangelische Kirchengemeinde Warthausen. Foto: pr

Das Singen berührt uns Menschen in ganz besonderer Weise. Da tritt bei einem Casting-Wettbewerb in London 2007 ein leicht untersetzter Mann auf die Bühne. Auf die Frage, was er denn singen wolle, antwortet er: „Ein Opernstück“. Man sieht die skeptischen, fast verächtlichen Mienen der Juroren. Und dann beginnt Paul Potts zu singen ... stimmgewaltig, warm und absolut souverän. Sein Singen berührt die Menschen tief, Tränen fließen, auch bei den Juroren. Der Rest ist (TV-)Geschichte.


Nein, wir sind keine Paul Potts und auch keine Anna Netrebkos; keine Bryan Adams oder Lady Gagas. Wir können aber trotzdem singen. Und uns tut das Singen trotzdem gut. Vielleicht ein Singen, das nicht so tonsicher, nicht so überzeugend, beeindruckend und schmeichelnd rüberkommt wie bei den Genannten. Vielleicht kommt unser Singen sehr schnell an seine Grenzen, hört sich unsicher oder brüchig an. Aber dennoch tut es uns gut.


Kein anderes Programm kommt im Seniorenkreis so gut an wie das gemeinsame Singen. Jugenderinnerungen werden wach, die volle Aufmerksamkeit ist da; und mancher oder manche, die im Gespräch schon nach den richtigen Worten sucht, beim Singen ist sie textsicher. Im Schulunterricht in der Grundschule: Ist Singen mit Gitarre angesagt, sind die Schüler begeistert. Denn auch Kinder singen ausgesprochen gerne, voller Begeisterung und Leidenschaft; die Füße wippen im Takt mit.


Der vierte Sonntag nach Ostern trägt den Namen „Kantate“: Singet. Und wir sollten das Singen pflegen, es immer noch und immer wieder wagen. Nicht nur konsumieren, sondern eben auch selbst wagen. Im Gottesdienst entdecke ich dann noch eine weitere Qualität des Singens: Wir singen gemeinsam. Jung und Alt, geübt und ungeübt, kräftig und schwach. Und was der Einzelne nicht schafft, das hört sich als Gemeindegesang (als gemeinsamer Gesang) doch recht ordentlich an, weil einer den andern mitträgt und mitnimmt. Die besondere Qualität aber besteht darin, dass dies Singen kein Schaulaufen vor anderen ist oder Ausdruck der Gemütlichkeit, sondern Gott lobt, ihm dankt, ihm zur Ehre geschieht. Wie stark diese Bewegung ist, wird in Martin Luthers Wort deutlich: „Wer singt, betet doppelt.“ Eine Erkenntnis übrigens, die dem Kirchenvater Augustin bekannt war.


Und solches Singen bleibt. Es bleibt im Gedächtnis. Manche Melodie bewegt uns den ganzen Sonntag, vielleicht sogar in die neue Woche hinein. Und mit dem Kirchenlied und seiner Melodie klingt auch diese Haltung der Dankbarkeit gegenüber Gott nach, die unseren Alltag reich macht.


Darum: Am Sonntag auf jeden Fall singen, allerbest im Gottesdienst, und dann die Melodien möglichst lange in die Woche nachklingen lassen.


Pfarrer Hans-Dieter Bosch, evangelische Kirchengemeinde Warthausen.


Beten adelt

Ein Mensch mit gefalteten Händen ist Urbild und Inbegriff und höchster Ausdruck seiner Menschenwürde. Der allerhabene und allwissende Gott neigt sein Ohr und seine Aufmerksamkeit diesem einen Menschen persönlich zu. Aus Milliarden von Menschen ist dieser eine im Gebet von Gott gehört und angesehen mit allem was zu ihm gehört, geliebt in seiner unverwechselbaren Einzigartigkeit vor Gott. Das Gebet adelt den Menschen, egal ob es feierlich im Gottesdienst zur Einführung ins Präsidentenamt geschieht, oder als verschämtes Stoßgebet im Alltag eines Verlierers. Der Mensch sieht, was vor Augen steht, Gott aber sieht das Herz an.


Damit ist das Gebet aber auch gleichzeitig etwas höchst Persönliches. Wenn ich bete, sieht Gott mich an, wie ich bin, weil er mich liebt mit allem, was zu mir gehört. Alles was mich ausmacht, was ich von mir weiß, und auch was ohne Worte in meinem Herzen wohnt, steht im Gebet vor Gott. Beten ist eben auch eine sehr intime Situation. Wie können Menschen gemeinsam beten? Finde ich überhaupt Worte? Passen Worte, die ich mir von anderen leihe? Wie behutsam und Respektvoll die Worte und Gesten zu wählen sind bemerke ich, bei Besuchen am Krankenbett. Gebetssprache reicht hier von geschluchzten Nöten und Herzensanliegen bis zu poetischen Sehnsuchtsbildern aus den Psalmen, in die Gottes Wort uns Menschen zu bergen vermag.

Die Bibel gibt sehr viele Verheißungen und Hinweise zum Beten. Mit einem Vers aus dem Kolosserbrief (Kapitel 4 Vers 2) möchte ich  nur zwei davon aufgreifen. Der Apostel rät: „Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!


Erstens: Warte nicht mit dem Beten auf den „heiligen“ Moment, oder auf den, wo du keine andere Lösung mehr siehst. Übe dich beharrlich im Gebet, sonst geht es dir wie dem, der an seinem Handy erst im Notfall die Entriegelungsstaste sucht und sich dann nicht im Menü zurechtfindet. Gott ist immer nur ein Gebet weit entfernt und er hat, auch wenn dir nichts zu fehlen scheint, immer ein Mehr an Würde, an Freude, an Demut, Liebe und Hoffnung für dich bereit.


Zweitens: Vergiss vor Gott nicht die Dankbarkeit - vielleicht auch gerade in der Not. Wenn das deutsche Wort „beten“ auch wie „bitten“ klingt, so ist doch die beste Grundhaltung im Gebet die Dankbarkeit. Sie eröffnet dir, wo immer du bist, einen weiteren Horizont: nämlich Würde, mitten in der Not, eine Freiheit, die alle menschliche Enge zu durchbrechen vermag.


Das ist des Bittens wert: „Gott, gib mir Dankbarkeit ins Herz, dass ich die Würde und die Ehre sehe, die du mir verleihst, dass ich mit jeder Regung meines Lebens vor dir „sprechen“ kann. Herr, hilf mir die Menschen, die mir am Herzen liegen, recht ins Gebet zu nehmen, dass ich auch ihre Würde und Ehre sehe. Heiliger Geist, hilf mir beharrlich und immer wieder vor allem dich und mich ins Gebet zu nehmen. Amen.“


Pfarrer Albrecht Schmieg, Krankenhausseelsorger in Dietenbronn


Wann wird Ostern?

Ostern



Wann ist Ostern?


Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie

 und fanden den Stein weggewälzt von dem Grab


Die Hoffnung bekommt Füße und läuft und läuft


Den Zweifler erfasst die Zuversicht


Der Leugner erzählt voller Begeisterung


Die Weinende lacht


Die Trauernde bricht ins Leben auf


Die Schüchterne wird übermütig


Der sich aufgegeben hat, findet eine erfüllende Aufgabe



Was ist Ostern?


Unfassbare Zumutung


Unerklärbar aber unverschämt wahr


Protestgeschichte gegen den Tod und seine Varianten


Befreiung aus lähmender Festlegung

Darum:

Nichts muss so bleiben wie immer



Aufstand – Christus ist auferstanden! – Auferstehung



Wann wird Ostern?


„Manchmal stehen wir auf,

Stehen wir zur Auferstehung auf

Mitten am Tage“(M-L. Kaschnitz)


 Ostern erfasst uns – immer wieder – anders


                                                                                                                                             Annette Roser-Koepff

Auf ein Wort

Pfarrerin Annette Roser-Koepff

Pfarrerin Annette Roser-Koepff

Pfarrerin Annette Roser-Koepff

 „Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.“


Was sind denn das für Worte? fragte die Chorsängerin neben mir, als wir miteinander für Ostern ein neues Lied einübten. Ihre Frage klang ein wenig erschrocken, jedenfalls schien sie seltsam berührt.


Wir sind doch - Gott sei Dank - nicht tot, stehen mehr oder weniger mitten im Leben. Können jeden Tag aufstehen, tun unsere Arbeit. Oder wir sind dabei uns neu zu sortieren und uns zu orientieren, wie wir auch mit einer Erkrankung im Leben zurechtkommen können. Das ist gut so.

Und doch erinnert dieser Liedtext daran, dass es auch einen Tod vor dem Tod gibt.


Manchmal fühlen wir das: Wir sind wie abgestorben, es fehlt die Lebensfreude, unser Leben steckt in einer Sackgasse. Beziehungen, die uns lange getragen haben, stehen in Frage. Traurigkeit verdüstert unser Leben.


Es gibt auch Menschen, die sich einer robusten Gesundheit erfreuen, sie wirken trotzdem seltsam tot. Es fehlt ihnen an Mitgefühl, sie sind blind geworden für die kleinen Schönheiten um sie herum, sie leben nur von einem ultimativen Kick zum anderen. Dabei zählt nur der unmittelbare Profit.


„Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.“


Diese Bitte gehört zur christlichen Botschaft von Ostern. Was da nämlich jedes Jahr gefeiert wird, das wiederholt sich hundertfach in unserem Leben und ist jedes Mal wie ein kleines oder größeres Osterwunder:


Eine erkennt wie wertvoll ihr Leben ist, auch wenn sie kürzer treten muss.

Einer setzt sich für den Frieden ein, damit auch andere in Frieden leben können.

Andere geben ab und teilen, ohne gleich einen Vorteil davon zu haben.

Vielleicht nur deshalb: Weil es das Leben wert ist!


Bleiben Sie behütet!

Ihre Klinikseelsorgerin

Pfarrerin Annette Roser-Koepff


Singen? Immer noch und immer wieder!

Von Hans-Dieter Bosch

Das Singen berührt uns Menschen in ganz besonderer Weise. Da tritt bei
einem Casting-Wettbewerb in London 2007 ein leicht untersetzter Mann auf  die Bühne. Auf die Frage, was er denn singen wolle, antwortet er: „Ein
Opernstück“. Man sieht die skeptischen, fast verächtlichen Mienen der
Juroren. Und dann beginnt Paul Potts zu singen ... stimmgewaltig, warm
und absolut souverän. Sein Singen berührt die Menschen tief, Tränen  fließen, auch bei den Juroren. Der Rest ist (TV-)Geschichte.

Nein, wir sind keine Paul Potts und auch keine Anna Netrebkos; keine Bryan Adams oder Lady Gagas. Wir können aber trotzdem singen. Und uns tut
das Singen trotzdem gut. Vielleicht ein Singen, das nicht so tonsicher,  nicht so überzeugend, beeindruckend und schmeichelnd rüberkommt wie bei  den Genannten. Vielleicht kommt unser Singen sehr schnell an seine Grenzen, hört sich unsicher oder brüchig an. Aber dennoch tut es uns gut.

Kein anderes Programm kommt im Seniorenkreis so gut an wie das gemeinsame Singen. Jugenderinnerungen werden wach, die volle Aufmerksamkeit ist da;
und mancher oder manche, die im Gespräch schon nach den richtigen Worten sucht, beim Singen ist sie textsicher. Im Schulunterricht in der Grundschule: Ist Singen mit Gitarre angesagt, sind die Schüler begeistert. Denn auch Kinder singen ausgesprochen gerne, voller Begeisterung und Leidenschaft; die Füße wippen im Takt mit.


Der vierte Sonntag nach Ostern trägt den Namen „Kantate“: Singet. Und wir sollten das Singen pflegen, es immer noch und immer wieder wagen. Nicht nur konsumieren, sondern eben auch selbst wagen. Im Gottesdienst entdecke ich dann noch eine weitere Qualität des Singens: Wir singen gemeinsam. Jung und Alt, geübt und ungeübt, kräftig und schwach. Und was der Einzelne nicht schafft, das hört sich als Gemeindegesang (als gemeinsamer Gesang) doch recht ordentlich an, weil einer den andern mitträgt und mitnimmt. Die besondere Qualität aber besteht darin, dass dies Singen kein Schaulaufen vor anderen ist oder Ausdruck der Gemütlichkeit, sondern Gott lobt, ihm dankt, ihm zur Ehre geschieht. Wie stark diese Bewegung ist, wird in Martin Luthers Wort deutlich: „Wer singt, betet doppelt.“

Eine Erkenntnis übrigens, die dem Kirchenvater Augustin bekannt war.
Und solches Singen bleibt. Es bleibt im Gedächtnis. Manche Melodie bewegt uns den ganzen Sonntag, vielleicht sogar in die neue Woche hinein. Und mit dem Kirchenlied und seiner Melodie klingt auch diese Haltung der Dankbarkeit gegenüber Gott nach, die unseren Alltag reich macht. Darum: Am Sonntag auf jeden Fall singen, allerbest im Gottesdienst, und dann die Melodien möglichst lange in die Woche nachklingen lassen.

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, evangelische Kirchengemeinde Warthausen. Foto:


Aufgewacht

Pfarrer Peter Schmogro

Pfarrer Peter Schmogro

Pfarrer Peter Schmogro

Zu morgendlicher Stunde klopft ein Mann an die Zimmertür seines Sohnes und ruft: „Michael, wach auf!"
Michael ruft zurück: „Ich mag nicht aufstehen, Papa."
Darauf der Vater noch lauter: „Steh auf, du musst in die Schule!"
„Ich will nicht zur Schule gehen."
„Warum denn nicht?" fragt der Vater.
„Aus drei Gründen", sagt Michael. „Erstens ist es so langweilig. Zweitens ärgern mich die Kinder. Und drittens kann ich die Schule nicht ausstehen."
Der Vater erwidert: „So, dann sag' ich dir auch drei Gründe, warum du in die Schule musst: Erstens ist es deine Pflicht. Zweitens bist du 45 Jahre alt. Und drittens bist du der Klassenlehrer."

Wie ist das bei Ihnen? Gehören Sie zu den Wachen oder zu den Schlafenden und Träumenden? Gehören Sie zu denen, die ihr Leben in die Hand nehmen, oder zu denen, die davor am liebsten weglaufen möchten?
So genau, nicht wahr, kann man das manchmal gar nicht sagen. Ist man jetzt wach und träumt man nur alles?


Auf alle Fälle: Es gibt Zeiten, da wächst einem vieles über den Kopf. Blickt man manches gar nicht mehr so recht. Stress im Beruf, Ärger in der Familie, Frustration mit Behörden, Verletzungen, Abschiede… Vieles kann uns total aus dem Konzept bringen.


Das sind nicht ungefährliche Zeiten: Zeiten, wo manche Menschen auch abschalten, den Kontakt nach außen, den Kontakt zur Wirklichkeit abschalten und sich in ihrer eigenen Welt, vielleicht auch Traumwelt einnisten.


Das merkt man einem anderen nicht immer auf Anhieb an, höchstens dass man vielleicht den Eindruck hat, dass jemand immer so seine Marotten hat: Der eine macht ganz auf "cool", die andere ganz auf Party, wieder jemand anderes zieht sich total zurück oder träumt vom Entdecktwerden, hält sich für 'was Besseres, fährt ganz auf Luxus ab… Unsere Traumwelten, in die wir uns zurückziehen, können ganz unterschiedlich aussehen.


Der alte Kirchenvater Augustin und später auch Martin Luther sprachen da vom "homo incurvatus in se", vom "in sich selbst verkrümmten Menschen", der nur noch mit sich selbst beschäftigt ist, in sich selbst gefangen ist.


Am kommenden Sonntag ist Palmsonntag, der Tag, an dem an den Einzug Jesu auf einem Esel in Jerusalem erinnert wird. Und in vielen Familien lebt die alte Tradition, dass der, der an diesem Tag am längsten im Bett liegen bleibt, als "Palmesel" ausgelacht wird, als Schlafmütze. Das will natürlich keiner auf sich sitzen lassen. Der Palmsonntag ist darum als Ausschlaftag eher ungeeignet.


Die Tradition vom Palmesel will an etwas Wichtiges erinnern, nämlich: "Wach auf! Verschlaf nicht dein Leben. Mach die Augen auf und sieh, dass Gott in dein Leben kommt."


Menschen, die ihr Leben Gott anvertrauen, müssen in keine Sonderwelt fliehen, brauchen vor ihrem Leben, vor der Wirklichkeit, nicht davonlaufen. Gott ist da und geht mit uns – auch auf Wegen, die uns herausfordern.

Pfarrer Peter Schmogro, evangelische Friedenskirche Biberach


„Gut genug!“

Die Tochter kommt von der Schule nach Hause. Stolz zeigt sie den Eltern ihre 2 in Mathe. „Gut“, antworten die, „aber wenn Du Dich jetzt noch ein bisschen mehr anstrengst, dann kannst Du vielleicht sogar eine noch bessere Note schaffen!“


Klar: Die Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Und je besser die Noten in der Schule, desto leichter habe man es später. Aber stimmt das? Ist es in Wirklichkeit nicht so, dass es nach der Schule ganz genauso weitergeht – in der Ausbildung, an der Hochschule, im Beruf, ja sogar in der Freizeit? Dreht sich nicht alles immer nur darum, beim nächsten Mal noch eine Schippe draufzulegen? Wenn uns etwas gut gelungen ist, dann währt die Freude darüber doch oft nur kurz und wird sogleich wieder davon getrübt, das Ganze beim nächsten Mal toppen zu müssen.


„Jeden Tag ein bisschen besser.“ Ist das, was da als Werbeslogan so verlockend klingt, eigentlich nicht sehr unbarmherzig? „Jeden Tag ein bisschen besser“, das heißt doch: Es reicht nie, denn was heute gut war, muss schon morgen überboten werden. Aber: „immer besser“ tut nicht gut. Es ist dem Leben nicht dienlich, wenn unsere Ansprüche an andere und an uns selbst ins Maßlose wachsen.


„Gut genug!“ So das Motto und die Botschaft der diesjährigen Fastenaktion „7-Wochen-Ohne“ der Evangelischen Kirche. Die Aktion hat unser Leistungsdenken im Blick und möchte durch den Verzicht auf Perfektionismus und überzogenen Ehrgeiz, die ständig zu neuen Superlativen antreiben, wieder neuen Appetit auf ein sinnvolles Leben wecken. Wir sind also eingeladen, es auch mal gut sein zu lassen. Wir sind eingeladen, den Blick zu schulen für den Punkt, wo’s reicht.


„Es reicht, lass‘ gut sein!“ Wie verstehen Sie diesen Satz? Ist doch merkwürdig, dass wir diesen an sich so wohltuenden Zuspruch meist ins Gegenteil verkehren und ihn geradezu als Ansporn begreifen, es eben nicht gut sein zu lassen. Denn in unserer von Leistung und Wachstum bestimmten Gesellschaft bekommen wir doch andauernd das Gefühl vermittelt, dass es eben nicht reicht. Dass es niemals reicht. Dass immer noch mehr, dass es immer noch besser geht.


Aber wenn alles immer noch besser geht, dann ist nichts mehr gut genug, dann hat nichts mehr einen bleibenden Wert, weil man nur noch auf den Mangel sieht, den es zu beheben gilt. Dabei gerät das, was gelungen ist, schnell aus dem Blick, und auch all das verliert an Wert, was uns gegeben und geschenkt ist, und zwar ohne dafür etwas leisten oder es sich verdienen zu müssen.


Denn jenseits aller Leistung und allen Optimierens hat der Mensch einen Wert an sich. „Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt“, so beschreibt Psalm 8 Gottes gute Schöpfung, den Menschen. „Gut genug!“ – damit stimmen wir ein in dieses Lob, entdecken die Gnade und lassen es immer wieder auch mal so gut sein, wie es ist.

Jörg Scheiring, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf


Reflexionen zur Buß- und Fastenzeit

Pfr. Herbert Seichter, Attenweiler

Pfr. Herbert Seichter, Attenweiler

Pfr. Herbert Seichter, Attenweiler

Mit raschen Schritten rückt die Osterzeit näher. Angekündigt, durch die verschiedensten Zeichen. Eines dieser Zeichen sind die Namen der vorösterlichen Sonntage.


Da gibt es Septuagesimae und Sexagesimae, Sonntage, die einfach die Anzahl der Tage bis Ostern zählen, d.h. 70 bzw. 60 Tage bis zum Osterfest.

Mit dem Sonntag Invokavit (Er hat mich angerufen, Ps.91), beginnt die Passionszeit/Fastenzeit. Vierzig Tage, 5 Wochen trennen uns nun noch vom Osterfest.


In der Tradition soll diese Zeit zur Taufvorbereitung, zur Buße und zum Fasten genutzt werden. Mit der Vorstellung einer Bußzeit, einer Zeit der Eigenreflexion und Rückbesinnung scheinen viele Menschen in unserer Gesellschaft nicht mehr viel anfangen zu können.


Deutlich wird dies auch an der Abschaffung des Buß- und Bettages 1995 als Feiertag. Dabei hat die Bußbewegung eine lange und alte kirchliche Tradition, seit dem 6. Jahrhundert. In Mitteleuropa wurden die Büßer zu Beginn der Fastenzeit in Nachbildung der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies aus der Kirche verwiesen. Sie mussten ein Bußgewand anlegen, das man ihnen überreichte, und wurden mit Asche – seit alters her Zeichen der Buße – bestreut. Vermutlich aus Solidarität mit den Büßern beteiligten sich mehr und mehr auch die anderen Gläubigen an diesem Ritus.


Dieser Gedanke der grundsätzlichen Lebensumkehr (Buße) und der Anbindung an den Leidensweg Jesu (Passion) tritt in der heutigen Gesellschaft in den Hintergrund. Jedoch bekommt ein anderer Aspekt der Bußzeit neue Bedeutung – wird von Menschen wahr- und angenommen. Denn ein tragender Bestandteil der Bußpraxis ist das Fasten.


Auch das Fasten hat eine alte Tradition, die biblisch begründet und fundiert ist. Von Jesus selbst wird berichtet: „Und da er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn.“( Mt. 4,2) Die Wurzeln des Fastens reichen jedoch bis in die Antike zurück. Schon dort war quantitatives und qualitatives Fasten sowohl aus religiösen als auch aus medizinischen Gründen weit verbreitet. Und auch das Judentum verfügte über eine reich ausgestaltete Fastenpraxis. In selbstverständlicher Anlehnung an sie wird auch heute noch die Fastenpraxis ausgeübt. Sie umfasst viele Facetten. Neben vollständigem Fasten, beschränken sich manche Christen, in der Fastenzeit, auf eine Mahlzeit am Tag. Hinzu kommt ein qualitatives Fasten: Man verzichtet auf Fleisch und Wein. Gut angenommen ist auch die Aktion „Sieben Wochen ohne“ in der auf ganz unterschiedliche Dinge verzichtet werden soll. Am Karfreitag wird zumeist auf Fleisch verzichtet oder voll gefastet.


Dem Vollfasten wird ein spiritueller Sinn zugeschrieben: Es gilt als Mittel geistiger Klarheit, als Weg zur Intensivierung des Gebetes und als Vorbereitung auf den Empfang des göttlichen Geistes. Schön wäre es, wenn in unserem gesellschaftlichen Alltag die Bußpraxis und die Fastenpraxis wieder mehr zusammenrücken würden. Erstrebenswert ist die Harmonie von Körper, Geist und Seele.


Pfarrer Herbert Seichter, Attenweiler


Ziel im Blick?

Pfarrerin Birgit Schmogro, Evangelische Friedenskirche Biberach Foto: pr

Pfarrerin Birgit Schmogro, Evangelische Friedenskirche Biberach Foto: pr

Pfarrerin Birgit Schmogro, Evangelische Friedenskirche Biberach Foto: pr


Haben Sie das auch gehört, das von Laura Dekker? Anfang der Woche kam das ja überall in den Nachrichten. Das mit der 16-Jährigen. Mit nur 16 Jahren ist sie am vergangenen Sonntag in der Karibik als jüngste Weltumseglerin angekommen. Nach über einem Jahr. Hat sie also einen neuen Rekord aufgestellt.


Ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Als ich selbst in dem Alter war, wäre ich wohl nie auf die Idee gekommen, so was zu machen. Und heute, als Mutter, würde ich’s wohl meinem Kind noch nicht erlauben. Was sind das für Eltern, die es zulassen, dass sich ihr Kind – und in dem Alter ist man das in jeder Hinsicht noch – in so große Abenteuer und Gefahren stürzt, wo man Stürme und Piraten und Kollisionen billigend in Kauf nimmt? Wollten die am Ende noch Kapital daraus schlagen? Ihr Kind instrumentalisieren?


Auf der anderen Seite muss man der Laura Dekker eines lassen: Sie hat gelernt und gezeigt, dass sie ein Ziel, das sie sich vorgenommen hat, auch erreichen kann. Das gelingt nicht je-dem. Wie viel Frust, wie viel Enttäuschung schleppen wir mit uns herum, sammelt sich bei uns an, weil’s im Leben einfach nicht so gekommen ist, wie wir’s uns gewünscht haben. Manche Krankheit, manche schlechte Laune, manche Lustlosigkeit, manche Aggression rührt einfach daher, dass wir unsere Ziele nicht erreicht haben.


Die Geschichte um Laura Dekker führt uns aber nochmals vor Augen, dass zwischen dem Start und dem Ziel oft ein riesiger Weg liegt, vielleicht sogar sprichwörtlich eine ganze Welt. Große Ziele erreicht man meist nicht im Handumdrehen. Es braucht dazu Geduld und Biss und das Wissen, dass einen der eine oder andere Lebenssturm auch einmal aus der Bahn werfen kann, zurückwerfen kann.


Um ihr Ziel auch in solchen Fällen nicht aus den Augen zu verlieren, hat die Laura Dekker einen Kompass gehabt und ganz gewiss ein gutes Navigationssystem, um auf Kurs zu bleiben. Für unsere Ziele im Alltag allerdings gibt’s keinen Kompass, keine Geräte. Dass ein Jugendlicher zu einem guten Schulabschluss kommt, dass jemand, der beruflich nochmals aufsteigen möchte, weiterkommt, dass jemand in seiner Lebensplanung an einen guten Partner gerät, oder dass jemand endlich von seinem ungesunden Lebenswandel wegkommt, all diese und viele andere Ziele, will man ihnen näher kommen, benötigen aber auch ein Navigationssystem.


Es gibt hier sicherlich viele Angebote. Eine der besten und erfolgreichsten und zugleich gesündesten Navigationssysteme ist unser Glaube. Im Glauben erfahren wir Halt, können wir Kraft schöpfen und Zuversicht, gerade auch dann, wenn wir uns nur langsam unseren Zielen nähern können. Dass wir am Ende ankommen, dass wir erfüllt leben können, auch wenn vielleicht unterwegs mancher Wunsch nicht in Erfüllung gegangen ist, das ist die große Kraft und Überzeugung unseres christlichen Glaubens. Wie heißt es doch schon im 57. Psalm: „Ich rufe zu Gott, dem Allerhöchsten, zu Gott, der meine Sache zum guten Ende führt.“


Von Pfarrerin Birgit Schmogro, Evangelische Friedenskirche Biberach


Gott sei’s geklagt

Klinik- und Polizeiseelsorger Friedrich Lechner, Biberach Foto:

Klinik- und Polizeiseelsorger Friedrich Lechner, Biberach Foto:

Klinik- und Polizeiseelsorger Friedrich Lechner, Biberach Foto:

Gott sei’s geklagt

Von Friedrich Lechner

Wie oft höre ich diesen Satz und denke: „Und warum klagst Du es Gott nicht?“ Warum bleibt es bei der Theorie? Krisen bergen auch Chancen in sich. Oft schreien sie nach einer Veränderung. Auch wenn diese Veränderung noch überhaupt nicht klar umrissen ist. Aber es muss sich etwas tun. Und darüber zu klagen, das weckt schon einen Umbruch. Da mache ich mir bewusst, was mir wehtut, was mein Leben verletzt. Da nehme ich meine Ohnmacht ernst. Da sehe ich auf das, was in mir vorgeht. Klagen zeigt, dass ich mich um mich selbst sorge.

Da stehen Menschen lustlos ihrer Arbeit gegenüber. Leidenschaft ist schon lange nicht mehr da. Nur noch der Druck der Erwartungen ist geblieben. Erwartungen der Vorgesetzten, alles zu geben. Erwartungen der Familie, den Lebensstandard halten oder sogar erhöhen zu können. Erwartungen der Gesellschaft, in der Menschen mit Erfolg und Statussymbolen gemessen und gewertet werden. Das sind die Erwartungen. Und dagegen kommt das Gefühl hoch: Ich möchte so nicht mehr weiter machen. Ich möchte nicht mehr Rädchen im Getriebe sein, damit alles funktioniert. Vor allem: Ich möchte selbst nicht mehr nur noch funktionieren. Dieses lustlose Empfinden hat Namen: ausgepowert, ausgelaugt, ausgebrannt.

Natürlich ruft das Verantwortungsgefühl dazwischen: Ich muss an die Familie denken, an die Kinder, an die Menschen, die mir anvertraut sind; sie brauchen das Ihre und ich muss das Meine dazutun. Aber die Klage bleibt trotzdem. Sei es nun ein ungehörter innerer Schrei oder das laute Stöhnen über den täglichen Gang in den Betrieb, ins Büro, über die tägliche Arbeit im Haus.

Mich beeindruckt, wie die Psalmbeter und die vielen Menschen in der Bibel damit umgehen: „Gott sei's geklagt“. Sie trauen sich, Gott sogar scharf anzuklagen. Und manchmal frage ich mich: Vergreifen sie sich nicht ein wenig im Ton, wenn sie so zu Gott sprechen? Und doch – sie zögerten und zweifelten, klagten Gott an und stritten mit ihm; waren verunsichert und flohen sogar vor ihm. Sie waren von ihrem Empfinden her weit von Gott abgerückt und behalten ihn doch als Adresse und fordern ihn heraus. Ein Du, ein Gegenüber zu haben, wenn wir verzweifelt sind und nur noch klagen können, das ist etwas sehr Wertvolles. Zu spüren: Ich bin nicht mehr allein auf mich selbst zurückgeworfen. Ich stehe mit meiner Klage nicht mehr alleine da.

„Gott sei's geklagt!“ Warum? Gott lässt es sich gefallen. Er lässt es sich gefallen, dass wir klagen und anklagen. Dass wir Enttäuschungen laut aussprechen, ja herausschreien und ausweinen. Vor Gott und vor uns selbst können wir sein wie wir sind: auch verzweifelt, auch mit dem Gefühl, um unser Leben betrogen zu sein. Und warum kann Klage nicht auch eine andere Form von Gebet sein? Ein Gebet von denjenigen, die sich ausgenutzt vorkommen, die zu Opfern wurden und nun lieber verstummen und schweigen. Ein Gebet von denjenigen, die von anderen gemieden und verspottet werden und längst dabei sind, sich auch selber aufzugeben. „Gott sei's geklagt.“


Sag, was siehst du?

Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf Foto: pr

Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf Foto: pr

Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf Foto: pr


„Frau Luiking, wie alt bist du?“ fragt mich ein Kind in der Grundschule. „44“ sage ich. „Boahh, ist das alt!“, ruft das Mädchen.

Naja, denke ich. So ganz richtig alt bin ich ja noch gar nicht. Ich meine, aus meiner Perspektive. Aber klar, für die Sechsjährige ist 44 unfassbar alt. Und in vielem stehen tatsächlich Welten zwischen uns. „Kennst du die Sendung Beutolomäus?“ fragt sie mich weiter. Wieder merke ich, dass ich ganz schön weit weg bin von ihr. Noch nie davon gehört. Ich lerne nun, worum es dabei geht. Wir lachen zusammen, als sie die Geschichte erzählt. Und ich merke, dass sie darin mit ihren Themen als Scheidungskind vorkommt. Deshalb sind diese Filme für sie ganz wichtig.

Ich überlege: Was war für mich ein wichtiger Film als Kind? Jim Knopf fällt mir ein und Lukas, der Lokomotivführer. Keine Specialeffects, sondern Marionetten entführten mich in die ferne Welt auf Lummerland. Doch auch dabei wurden Themen der Zeit aufgegriffen: Der Postbote bringt ein Paket auf die Insel, in dem sich ein kleiner schwarzer Junge befindet. Dass ein schwarzer Junge mit uns Kindern lebt, wurde dadurch ein normaler Gedanke.

Was sind Filme, die Sie geprägt haben? Und was erzählen sie über die Zeit damals und ihre Themen?

In unserer Kirchengemeinde haben wir ein Leitbild: „… hier begegnen sich die Generationen in der Gegenwart Gottes“. Natürlich begegnen sich Generationen nicht nur bei uns. Aber wir als Kirche möchten miteinander einüben und ausprobieren, wie das achtsam geschehen kann. Voller Neugierde. Und in einer Haltung, die nachfragt, statt schon zu wissen. Deshalb machen wir ab Ende Januar eine Filmreihe zusammen mit der Gemeinde Ummendorf. „My generation“ heißt sie. Es geht um persönliche Geschichten mit einem Film und Fragen der anderen Generationen dazu.

In der Bibel gehört das zur Vision, wie Gottes Geist bei den Menschen ist: Die Generationen und Geschlechter leben nicht in völlig verschiedenen Welten. In ihrer unterschiedlichen Erfahrungswelt gibt es Verbindungen. „Sagt euren Kindern davon und lasst's eure Kinder ihren Kindern sagen und diese wiederum ihren Nachkommen.“ So beginnt der Prophet Joel seine Botschaft an sein Volk. (Joel Kapitel 1, Vers 2). Eine Erzählkette verbindet die Generationen und reicht weiter in die Zukunft. Und so wird von schlimmen Zeiten und Zeiten der Gnade erzählt. Die Verhältnisse werden sich verändern, darauf bereitet Joel die Menschen vor. Aber Gottes Versprechen geht mit den Generationen: Er ist in ihrer Mitte. „Und ihr sollt’s erfahren, dass ich mitten unter Israel bin und dass ich, der Herr, euer Gott bin.“

Übrigens war ich vor Kurzem bei einer Frau zu Besuch. Ich kannte ihr Alter. 90 Jahre. „Boahh, ist das alt!“ habe ich gedacht. Und musste dann innerlich lächeln. Es wurde ein spannendes Gespräch.


Von Pfarrerin Andrea Luiking, Versöhnungskirche Ummendorf


Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig

Hellger Koepff, evang. Dekan in Biberach

Hellger Koepff, evang. Dekan in Biberach

Hellger Koepff, evang. Dekan in Biberach

Ein unbeschriebenes Blatt? Das ist das neue Jahr heute an seinem fünften Tag nicht mehr. Und ehrlich, auch wenn wir das beim Aufhängen der neuen Kalender in einem Winkel unserer Sehnsucht erträumen, wir wissen es besser. Die Sorgen aus dem alten Jahr melden sich längst wieder. Der Leib schmerzt noch genauso, die Seele trägt schwer an dem, was ihr auferlegt wurde. Meine eigenen zuweilen nervigen Charakterzüge stellen mir weiter ein Bein. Wer arm war, ist es immer noch. Banken sind weiter in der Krise und Gerechtigkeit in vielen Teilen der Welt ein Fremdwort.


Alles beim Alten also? Nichts Neues unter der Sonne? Ich werde und kann mich damit nicht abfinden. Ich will mich nicht verbiegen lassen von den Stimmen, die mir einflüstern: Da kann man nichts machen. Schließlich erzählen die Geschichten des Glaubens doch immer neu vom Anfang. Wo Gott sich bei den Menschen zu Wort meldet, können diese Frauen und Männer neu anfangen. Manchmal ganz umwälzend wie Abraham, der seine Heimat verließ. Manchmal leise wie jene gekrümmte und vom Leben verbogene Frau, als Jesus ihr den aufrechten Gang zurück gab. Gott und Neuanfang, das ist für Christen eins – bis zum Ende aller Zeit.


Gott lässt uns neu beginnen – und gleichzeitig spüren wir, Vieles bleibt beim Alten. Wie brin-gen wir das nun zusammen in den verbleibenden 360 Tagen des Jahres? Mir hilft, was der Apostel Paulus von Jesus hört. Paulus stand in der Kritik: Was hast du denn zu bieten? Andere Missionare treten redegewandter auf, bei denen ist mehr los. Du bist schwächlich, krank, unbeholfen. Zu gern wäre Paulus – Schnipp – ein anderer geworden. Jesus macht aus ihm jedoch nicht über Nacht einen Strahlemann. Darauf, so Jesus, kommt es gar nicht an. „Meine Gnade genügt“, sagt er. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“


Wahrhaft Neues beginnt nicht durch eigene Stärke. Wahrhaft Neues schenkt die Gnade Gottes. Neue Aussichten gewinnen, neue Perspektiven erahnen und Neues schaffen, das ist nicht denen vorbehalten, die scheinbar alle Möglichkeiten haben. Es geschieht, mitten unter uns, in unserer Stadt, in den Dörfern. Mitten aus unserem Seufzen darüber, dass auch im neuen Jahr so viel beim Alten bleibt, wird Neues entstehen: neuer Trost, zaghaft wachsender Lebensmut und die Kraft, sich gegenseitig unter die Arme zu greifen. Gewiss werden auch 2012 Lasten zu tragen sein. Jesus aber nimmt all das auf seine Schultern, was uns zu schwer ist und uns zerbrechen lassen will.


„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, verspricht Jesus. So haben wir Kopf und Herz frei. Wir können den Schwachen unter uns zu ihrem Recht verhelfen und Verantwortliche bestärken, wenn sie sich für Gerechtigkeit einsetzen und dafür angegriffen werden. Zerstrittene können wir an einen Tisch holen und selbst im Streit die Brille unseres Gegners aufsetzen – so beginnt übrigens die viel zitierte Feindesliebe. Kopf und Herz frei – ich ermutige Sie, 2012 Ihre eigenen Spielräume zu finden.


„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, ich finde das ein starkes Motto für das neue Jahr.


Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach


Sonntagsläuten - In IHM sei's begonnen

In IHM sei‘s begonnen

von Pfarrer Stephan Günzler, Bad Saulgau

Noch ganz ohne Eselsohren und Tintenkleckse liegt sie vor einem:
Die erste Seite im neuen Heft. Dieses Mal will man sich mehr Mühe geben: Schöner soll alles werden, sauberer in der Gliederung, auch auf Linien und Rand will man künftig besser achten.


Vielleicht erinnern Sie sich noch an diese Momente in Ihrer Schulzeit.
Mit Sorgfalt, ja einer gewissen Ehrfurcht, schrieb man das erste Wort auf die noch jungfräuliche Seite im neuen Heft.


Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.


Wir kennen aber auch das andere: Die Angst vor dem weißen Papier.
Endlich habe ich mich mal hingesetzt, um dem Freund, dem´s nicht gut geht, einen Brief zu schreiben. Aber wie fange ich an? Wie finde ich die rechten Worte? Bringen sie zum Ausdruck, was ich sagen will? Klingen sie nicht allzu banal? Oder verletzen sie den anderen womöglich? Und doch will ich´s wagen, will die Leere auf dem Blatt füllen mit Worten. Es sind meine Worte. Ich kann nicht alles sagen. Ich muss mich entscheiden, was mir jetzt wichtig ist. Muss auch den angefangenen Satz, mit dem ich nicht zufrieden bin, irgendwie zu Ende führen.


Die meisten Texte schreiben wir heute am Bildschirm. Da kommt’s nicht sofort aufs Papier, was ich eintippe. Da kann ich´s beliebig oft überschreiben und korrigieren, bis ich’s ausdrucke.


Aber das Leben ist anders. Ich kann nicht erst einen Entwurf machen, bevor ich´s lebe. Es gibt kein Leben auf Probe. Die Worte, die ich sage, muss ich verantworten. Ich muss mich entscheiden, was ich tun will. Und das bedeutet zugleich auch den Verzicht auf manches was ich eben nicht tun kann oder will.


Ein neues Jahr liegt vor uns wie ein noch ungeschriebener Brief, wie ein neues Heft in der Schule. Und doch sind wir längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Wir bringen das Alte mit ins Neue. Wir können nicht aus unserer Haut schlüpfen. Wir müssen weiterschreiben an unserer Lebensgeschichte. Die besten Vorsätze lösen sich schnell in Luft auf, wenn sie eingeholt werden von den alten, lästigen Gewohnheiten. Und es wird auch im neuen Jahr manches auf uns zukommen, was uns einen Strich durch die Rechnung macht. Es wird nicht alles nach unseren Plänen laufen. Wir sind eben nicht der alleinige Autor unserer Lebensgeschichte. Da schreiben viele andere mit.


Von Null anfangen, kann im Grunde nur einer, nämlich Gott selbst.
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde!“ mit diesen Worten beginnt die Bibel.  Und lässt Gott es damit nicht genug sein. Auf jeder Seite lässt die Bibel uns teilhaben an Gottes erstaunlichen Anfängen. „Das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden!“ (2.Kor 5,17). Gott ist bereit, eine neue Seite im Buch des Lebens mit uns aufzuschlagen. Er nimmt unsere kleinen Anfänge mit in seinen großen Anfang hinein. Auch auf dem Beginn eines neuen Jahres liegt deshalb der Glanz des ersten Schöpfungstags, die Verheißung, dass Gott mit uns geht.


Gott segne unsere Anfänge im neuen Jahr!


In IHM sei’s begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!
(Eduard Mörike)

Auf ein Wort Dezember /Januar 2012

Auf ein Wort Dezember /Januar 2012


Jahresrückblicke - jetzt laufen sie wieder auf allen Kanälen.

Die großen und bedeutenden Ereignisse des Jahres 2011 werden nebeneinandergestellt:

Politische Großereignisse, extreme Wetterlagen, Katastrophen, sensationelle Sportergebnisse, Hochzeiten der Schönen und Reichen und Bilder von spektakulären Rettungsaktionen.

Wie die Szenen geschnitten sind, erscheint mir oft brutal: Luxus und Protz neben hungernden Kindern, schallendes Gelächter auf roten Teppichen neben Bildern von ertrinkenden Flüchtlingen, Bilder vom Staatsbankett neben Filmausschnitten mit zusammengeschlagenen Demonstranten. Nichts zeigt doch deutlicher die ungerechten Verhältnisse in unserer Welt.


Wie sollen wir das in uns zusammenbringen? Wie sollen wir das werten?

Die Jahreslosung, das Leitwort der Christen für 2012, nimmt dazu eindeutig Stellung, gerade indem sie Unversöhnliches nebeneinanderstellt:

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ (2.Kor12, 9).

Im Kind von Bethlehem hat Gott Schwäche gezeigt. Gott ist als schwaches Kind in einem erbärmlichen Stall zur Welt gekommen. Und so drehen sich die Verhältnisse um: Gott steigt nicht über die hinweg, die am Boden liegen. Und er zeichnet alle die mit Würde aus, die nur das Futter für die Kameras hergeben.


Was kommt auf uns zu im neuen Jahr?

Werden wir mit den Anforderungen umgehen können? Wird meine Kraft reichen für das, was von mir verlangt wird? Wird es aufregende Neuanfänge geben, persönliche Erfolge oder auch plötzliches Scheitern?

Gewiss ist nur: Gottes kraftvolle Gnade kommt auf uns zu, jeden Tag neu.

Seine Kraft hat noch kein Ende, wenn wir schwach werden.

In unserer Ohnmacht, können wir seine Macht erfahren.
Und wo wir an den Schalthebeln der Macht sitzen, da sind wir eindeutig aufgefordert, den Schwachen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Denn Jesus Christus verheißt:

„Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“


Bleiben Sie behütet!

Ihre Klinikseelsorgerin Annette Roser-Koepff



„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen“

Pfarrerin Birgit Oehme, Biberach. Foto: pr

Pfarrerin Birgit Oehme, Biberach. Foto: pr

Pfarrerin Birgit Oehme, Biberach. Foto: pr

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen“

Von Birgit Oehme

„Totensonntag“ oder „Ewigkeitssonntag“, so wird der letzte Sonntag im Kirchenjahr von den evangelischen Kirchen genannt. Wir gedenken an diesem Tag unserer Verstorbenen und unserer eigenen Endlichkeit. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, bittet der Beter in Psalm 90 seinen Gott. Ein merkwürdiges Anliegen. Wer lässt sich schon freiwillig an seine eigene Sterblichkeit und Endlichkeit, an Alter, Vergänglichkeit und Tod erinnern? Wenn man schon sterblich ist, dann will man doch sein bisschen Lebenszeit mit angenehmeren Dingen verbringen als mit dem Gedanken an den Tod. Und doch ist es der ureigenste Wunsch des Psalmbeters, von Gott die Endlichkeit des Lebens gelehrt zu bekommen.

Was könnte der Grund dafür sein? Manchmal bitten wir einen anderen Menschen, dass er uns helfen möge, an etwas zu denken, das wir auf keinen Fall vergessen dürfen. Vielleicht bitten wir ihn, weil uns die Sache, an die wir denken sollten, ein bisschen unangenehm ist und es in uns einen Widerstand gibt. Oder wir sind gerade tatsächlich mit so vielen Dingen beschäftigt, dass Zeit und Kraft nicht ausreichen, um an alles zu denken. Vielleicht verhält es sich auch so mit dem Psalmbeter. Es scheint, als müsse dieser sich selbst davor schützen, zu vergessen, dass er endlich und sterblich ist. Gott soll ihm darum helfen und ihn lehren, dass seine Tage gezählt sind. Vielleicht weiß der Psalmbeter, dass er die Hilfe Gottes braucht, um nicht gedankenlos in den Tag hineinzuleben, um nicht die wichtigen Dinge auf später zu verschieben, sondern um sich zu sagen: „Heute ist der Tag, an dem ich etwas angehen muss, nicht erst morgen“. Vielleicht wird im Denken an die Endlichkeit allen Lebens die eine oder andere Frage in meinem Leben noch dringlicher. Vielleicht hilft es mir auch, besonders wertzuschätzen, was ich habe: die Menschen, zu denen ich gehöre – und die zu mir gehören. Und dass ich merke: Wie gut, dass wir einander haben, auch wenn nicht alles ideal ist. Vielleicht müsste man die Bitte des Psalmbeters ergänzen: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden und unsere Lebenszeit nicht vertun, sondern unser Leben so gestalten, dass es gut ist für uns und andere.“


Wenn Schiffe Verbindungen aufzeigen

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, Warthausen

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, Warthausen

Pfarrer Hans-Dieter Bosch, Warthausen


Manchmal braucht es Zeichen. Denn Zeichen machen aufmerksam. Im Straßenverkehr weisen sie etwa auf gefährliche Kreuzungen oder enge Kurven hin, am Computer auf bestimmte Funktionen oder wichtige Anschlüsse und auf Landkarten zeigen sie bedeutende Gebäude an.


Wir leben in einer Welt voller Zeichen, die uns aufmerksam machen wollen.


Seit einigen Wochen sind in Warthausen Skulpturen des Künstlers Jürgen Knubben aufgestellt. Am Auffälligsten ist sicherlich das Objekt „Kreuzturm“, das derzeit unübersehbar im Kreisel in der Ortsmitte platziert ist. Die Vernissage zur Ausstellung ist für Sonntag (13. November) anberaumt; die öffentlich sichtbaren Kunststücke aus oxidiertem Metall werden bis Juli 2012 aufgestellt sein.


Nun sollen noch einige kleine Metallschiffe hinzu kommen. Als Ausstellungs-

orte sind das Rathaus, die katholische und die evangelische Kirche vorgesehen. Kleine Schiffe, die diese drei unterschiedlichen Orte miteinander in Verbindung bringen und die gleichzeitig fragen lassen, was diese Orte miteinander zu tun haben. Eine Antwort könnte sein: An diese drei Orte kommen Menschen mit ihren Fragen und Wünschen; sie erwarten Antworten, weiterführende Hilfe oder Klärung. Dies ist Erfahrung für viele, zugleich aber auch der Anspruch, der an die Kirchen wie das Rathaus gestellt werden darf.


Ein gern verwendetes Wort unserer Tage heißt „Vernetzung“. Schnell verkommt es zur leeren Floskel, wo es nur als Schlagwort gebraucht wird, aber ohne Inhalt und Folgen bleibt: Wenn zwar von gegenseitigem Respekt und guter Zusammenarbeit in Sonntagsreden gesprochen wird, im Alltag aber jeder (und jede Institution) letztlich doch isoliert vom anderen arbeitet. Es gibt aber auch das Gegenteil.


In den vergangenen Jahren habe ich in Warthausen, Schemmerhofen und Maselheim erlebt, wie engagiert und aktiv Menschen an Vernetzung arbeiten. Institutionen und Privatpersonen nehmen Kontakt zueinander auf, weil sie entdeckt haben, dass nur gemeinsam und in einem Miteinander sich die Dinge verändern lassen. „Runde Tische“ werden eingerichtet, um engagierte Bürger, bereits aktive Gruppen und Betroffene zusammen zu bringen. Dabei wird die vorhandene Infrastruktur von Rathaus und Kirche einbezogen und es wird nach neuen Möglichkeiten zur Unterstützung gesucht. Ich staune, wie dann freie Träger, Kommunen, Vereine und die Kirchen unbefangen und ganz am Menschen orientiert miteinander Neues zuwege bringen.


Bei aller Klage über zunehmende soziale Vereinsamung und Vereinzelung, die es unbestreitbar gibt, sehe ich doch mit Freude auch eine Gegenbewegung. Es braucht die Jugendarbeit, die bewährt in Vereinen geschieht ebenso wie die Jugendarbeit, die neue Wege gehen will, um den bisher Unerreichten Kontakt anzubieten. Auch für die älteren Menschen öffnet sich ein Spektrum von Angeboten. Sei es der Förderverein zum Pflegeheim, der Begegnung schafft und voranbringt; sei es die Selbsthilfegruppe „Pflegende Angehörige“, die sich im Rathaus oder Gemeindehaus trifft und sich von dort auch mitgetragen weiß. Die vielen noch anstehenden gravierenden Veränderungen in unserer Gesellschaft brauchen dringend solche Vernetzungen, mehr noch: Menschen, die miteinander diese Aufgaben angehen.


Die kleinen Metallschiffe, die ab diesem Wochenende im Rathaus und in den Kirchen stehen, sollen ein Zeichen sein, dass wir gemeinsam Verantwortung tragen.


Pfr. Hans-Dieter Bosch, Evangelische Kirchengemeinde Warthausen


Dadaab liegt gleich hinter meinem Gartenzaun

Pfarrer Edzard Albers

Pfarrer Edzard Albers

Pfarrer Edzard Albers

Dadaab liegt gleich hinter meinem Gartenzaun
Was mich die Hungersnot angeht
Ostafrika und Biberach


„Oje, diese Hitze! Einfach nicht mehr auszuhalten.“ – Gerade eine Woche ist es her, da haben wir sogar in Oberschwaben unter der Sommerhitze Tag und Nacht gelitten. Inmitten einer Landschaft grüner Wälder, sprudelnder Flussläufe, erntereifer Felder. Gott sei Dank regnet es wieder.


„Oje, diese Hitze! Einfach nicht mehr auszuhalten.“ – Wer einmal in den Steppen Afrikas zu Besuch war, der hat diesen täglichen Klageruf ganz sicher noch im Ohr. Jenseits des tropisch feuchten Hochlands mit seinen Kaffeeplantagen und Blumenfarmen für europäische Kundschaft sind weite Teile Afrikas ziemlich dürre Landstriche. In den Steppen und Halbwüsten leben Halbnomaden, nicht etwa weil sie das Abenteuer suchen: Wer sich hier durchschlägt, hat einfach keine andere Chance gehabt. Im falschen Land geboren, dem falschen Clan oder Stamm zugehörig, keine Verwandten im Hochland, keine Schwiegerleute im Regierungssitz.


Bleibt in der Steppe der Regen aus, verwandelt sich die Landschaft innerhalb weniger Monate in eine sandige Wüste. Ohne Rückhaltebecken für das Wasser fällt der Grundwasserspiegel bald tiefer als der nächste Brunnenboden. Weite Wege zu Fuß zu einer Wasserstelle stehen an, nicht selten zehn Kilometer. Das Weidevieh sucht sich die letzten grünen Blätter und zernagt die Büsche bis auf den letzten Ast. Die Familien machen sich auf den Weg. An den wenigen verbleibenden Wasserläufen gibt es Streit um die Wassernutzung, oft mit Waffengewalt.


In den Steppengebieten Ostafrikas bleibt der Regen – auch der kleinste Tropfen – nun schon seit Jahren aus. Die Verschärfung der Konflikte ist die unausweichliche Folge. Das meiste Vieh ist längst verhungert, an kleine Rücklagen für das Schulgeld der Kinder ist ohnehin nicht mehr zu denken.
Die in Politik und Medien allgegenwärtige Hungerkatastrophe kommt keineswegs überraschend. Millionen Menschen sind auf der Flucht – schlicht vor dem Tod durch Hunger. Besonders betroffen sind Menschen aus dem bürgerkriegsgeplagten Somalia genauso wie aus dem Norden und Nordosten Kenias.


Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Biberach hatte in den Jahren 2007 und 2009 jeweils kleine Delegationen aus der Nähe Stadt Embu im Osten Kenias zu Besuch. Schon damals haben uns die Gäste vom langen Ausbleiben des Regens berichtet. Der Leiter der Delegationen, der anglikanische Bischof Moses Masamba Nthukah aus der Mbeere Diözese bei Embu in Kenia, hat im Frühjahr 2011 darauf hingewiesen, dass angesichts der ausbleibenden Regenfälle Schlimmstes zu befürchten sei.


Dieser Fall ist nun eingetreten. Durch Embu führt eine der Versorgungsrouten zu den im Nordosten gelegenen Hungergebieten in Kenia. Die Not in Flüchtlingslager Dadaab ist auch eine Not unserer Freunde in Embu. Die Not in Ostafrika ist auch unsere Not in Biberach. Können wir da wegschauen?


Jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient. (Phil 2,4)


Dies schreibt der christliche Theologe Paulus vor bald 2000 Jahren an die Gemeinde in Philippi in der damaligen Provinz Makedonien. Die Tageslosungen aus der Bibel für den heutigen Samstag, 3. September 2011, stellen diesen Appell im Blick auf den andern in den Mittelpunkt. Ich lade Sie ein, diesen weiten Blick über den eigenen Kirchturm zu wagen. Gewiss haben wir alle unsere eigenen Probleme, auch unmittelbar vor unserer eigenen Haustüre. Angesichts der humanitären Katastrophe in Ostafrika ist es für uns eine Frage der Menschlichkeit, die uns unser eigener Glaube stellt. Finde ein jeder eigene Antworten auf diese Frage, wenn bei uns der Regen fällt.

Ihr
Pfarrer Edzard Albers

Evang. Bonhoefferkirche Biberach



Blick für Gottes Schönheit

Pfarrer Herbert Seichter

Pfarrer Herbert Seichter

Pfarrer Herbert Seichter

Die Urlaubs- und Ferienzeit hat begonnen. Viele sind schon in den Ferien, andere freuen sich auf die kommende freie Zeit. Die Ferien sind die Zeit des Jahres in der der Alltag mit all seinen Sorgen und Problemen etwas in den Hintergrund tritt. Das Leben fließt in ruhigeren Bahnen.


Wir können Menschen, die wir schon über einen längeren Zeitraum nicht gesehen haben, besuchen oder Einladungen aussprechen. Ein Buch, das wir schon seit längerer Zeit lesen wollten; jetzt haben wir die Zeit! Und dann selbstverständlich: Wir dürfen unserer Reiselust nachgeben. Eine Reise, sie führt uns heraus aus dem Altgewohnten. Wir entdecken Neues und können uns von neuen Eindrücken und Erlebnissen beflügeln lassen.


Das alles ist gut und schön. Doch eines sollten wir dabei nicht vergessen. Der Urlaub, die Ferienzeit ist der Zeitraum an dem wir neue Kräfte für den kommenden Alltag sammeln sollten. Man sollte sich für diese Zeit deshalb nicht zu viel vornehmen, damit der Urlaub nicht zum Urlaubsstress wird.


Wie der Urlaub zu einer Zeit des Kräftesammelns werden kann, dazu möchte ich einige kleine Anregungen geben: Nutzen sie diese ruhigere Zeit, um sich über ihre Sichtweise der Dinge klarer zu werden. Sensibilisieren sie sich für die kleinen Dinge des Lebens. Schärfen und trainieren sie ihren Blick für die Schönheit und den Reiz der kleinen Dinge. Versuchen sie einmal hinter dem Offensichtlichen die Macht und Kraft des Schöpfers zu erkennen. Wenn wir einen solchen Blick für Gottes Gegenwart und Macht in den Dingen entwickeln, so wird uns daraus auch Kraft zufließen.


Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen. An ganz bescheidenen Dingen können wir Gottes Schöpfermacht erkennen und daraus Kraft erlangen. So beschreibt ein Mann, wie er gelernt hat die Bäume mit ganz anderen Augen zu sehen: ,,Ich dachte, ich würde sie kennen, bis ich eines Tages das Wunder sah. Sie standen mit ihren Füßen auf demselben Boden, erhoben ihren Kopf in dieselbe Luft, in dieselbe Sonne und denselben Regen. Und der Apfelbaum machte Äpfel, und der Birnbaum, zehn Meter weiter, machte Birnen. Ganz normal, sagten die Menschen. Aber ich konnte meinen Augen nicht glauben Was sie aus demselben Boden holten, aus derselben Luft, aus derselben Sonne und demselben Regen, daraus machte der eine Baum Birnen und der andere, zehn Meter weiter, Äpfel. Und die sind ganz verschieden in Form, Farbe, Geruch, Geschmack. So ein Wunder hatte ich noch nie gesehen."


Die Urlaubs- und Ferienzeit lässt uns Zeit für viele Dinge, damit wir einen besseren Blick für Gottes Schönheit entwickeln können und Kraft daraus ziehen, dass wünsche ich uns Allen.


Pfarrer Herbert Seichter, Attenweiler


Umkehren. Umdenken.

Pfarrer Oliver Römisch

Pfarrer Oliver Römisch

Pfarrer Oliver Römisch

Eigentlich möchte ich schon gar nicht mehr Nachrichten sehen. Ständig geht es um irgendeine Krise: Zuerst war es die Finanzkrise; jetzt ist es die Schuldenkrise.


Wie war das noch? Hatten nicht zuerst die Staaten den Banken finanziell ausgeholfen und viele Banken gerettet? Und jetzt? Jetzt ist davon die Rede, dass viele Staaten Schulden haben, die sie nun nicht mehr allein zurückzahlen können. Schulden bei wem? Den Banken?


Mit meinem gesunden Menschenverstand komme ich bei diesen ganzen Krisen schon lange nicht mehr mit. Vielleicht bringe ich deshalb auch einiges durcheinander.


Eins ist mir jedenfalls dadurch klar geworden: So wie wir als Staaten, als Gesellschaft und als Einzelne wirtschaften, so kann es nicht weitergehen. Schulden müssen irgendwann bezahlt werden; seien es nun finanzielle oder ökologische. Und beständiges Wachstum, um Zinsen und Schulden in Zukunft zu bezahlen, ist auch nicht unbegrenzt möglich. Was also tun?


Martin Luthers erste von den 95. Thesen, die am Anfang einer Reform des christlichen Glaubens vor bald 500 Jahren stand, lautet so: Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: "Tut Buße" usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.
Das was Martin Luther und die Bibel Buße nennen, meint eigentlich nichts anderes als das man von einem falschen Weg umkehrt. So wie wenn man sich verfahren hat.


Umkehren. Umdenken.

Das ist im christlichen Glauben etwas ganz natürliches, was eigentlich täglich geschehen sollte. Es geschieht im Wissen um die eigene Verantwortung vor Gott und Mensch.


Das gilt auch für unseren Umgang mit Geld und für unser Wirtschaften. Meiner Meinung nach schreien die Finanzkrise und die Schuldenkrise geradezu nach einem Umdenken. Nicht nur bei den Großen in Politik und Wirtschaft, sondern auch bei jedem Einzelnen von uns.


Wie es auch anders gehen kann, dafür gibt es bereits heute viele Beispiele. Ich denke dabei etwa an den fairen Handel, Dritte Weltläden, Oikokredite, Umwelt-management, ethische Finanzprodukte, regionale Geldwährungen u. ä.
Bereits heute können wir sehen wie viel Einfluss wir als Verbraucher auf die großen Firmen haben. Können miterleben wie Verbraucherboykotte Firmen zu Änderungen zwingen können.


Wir können miterleben wie durch soziale Netzwerke oder moderne Kommunikation die Demokratie im Nahen Osten – etwa in Tunesien oder Ägypten - sich organisiert und durchgesetzt hat.


Wir haben miterlebt wie in Baden-Württemberg eine Wahl zu einem endgültigen Atomausstieg in Deutschland beigetragen hat.
Veränderungen sind durch jeden Einzelnen von uns möglich.


Pfarrer Oliver Römisch z.A.


Der Traum vom Fliegen

Pfarrerin Andrea Luiking

Pfarrerin Andrea Luiking

Pfarrerin Andrea Luiking

Es ist ein alter Menschheitstraum: das Fliegen. Was das bedeutet, können wir ahnen, wenn wir die ersten Flugpioniere ansehen. Ulm feiert in diesem Jahr  das Berblinger Jubiläumsjahr, den 200. Jahrestag des “Schneiders von Ulm“. Dessen Traum war es, die Schwerkraft zu überwinden. Aller Enge seiner Zeit zu entkommen.


Ich selbst habe als Kind oft geträumt, ich könnte fliegen. Einfach die Arme ausbreiten und abheben.


Frei werden.
Das ist der Kern  dessen, worum es den Reformatoren ging: Glauben in Freiheit. Der Herr ist Geist. Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit – so heißt es im 2. Korintherbrief, Kapitel 3, 17.


Nicht unsere Ängste sollen unser Leben bestimmen. Als freie Menschen können wir unserem Gott begegnen. Er eröffnet die echte Freiheit. Auch in Glaubensdingen. Der Himmel muss nicht ängstlich verdient sein. Christus hat ihn uns geöffnet.


Doch wenn ein Leben in Freiheit unerreichbar scheint? Weil wir in der Enge leben müssen durch eine berufliche Situation, die keine Spielräume zulässt? Oder durch andere Menschen? Manchmal stecken wir fest im Empfinden, dass es auch Gott nicht kümmert, was aus uns wird.


Die Bibel ist da offensichtlich anderer Meinung. Sie erzählt in vielen Geschichten von Gott, der Wege zeigt. So bekam das Volk Israel den Mut, auszubrechen aus der Sklaverei in Ägypten. Sich auf den mühsamen Weg durch die Wüste in die Freiheit  zu machen.


Oft brauchen wir dazu einen, der uns in Bewegung bringt. Eine, die uns sagt: „Daran musst du etwas verändern.“ Freiheit ist immer ein Wagnis. Deshalb braucht sie „gute Geister“, die uns den Mut dazu stärken. Deshalb brauch sie Gotte Geist.


Durch ihn entdecken wir Freiräume. Gestaltungsräume im Vorgegebenen. So erlebte ich es bei einer Freundin: Sie litt sehr unter ihrer Situation als junge Mutter. Meist allein durch einem berufstätigen Mann, der viel auf Reisen war. Bis sie sich entschied, sich mit der Situation zu arrangieren. Sie organisierte ihr Leben mit den Kindern wie eine Alleinerziehende. Und pflegte ihre Kontakte. Ohne sich weiter davon abhängig zu machen, ob ihr Mann dann noch Kraft hatte, mit zu Freunden zu gehen. So gelang es ihnen als Familie, das wahrzunehmen, was möglich war. Gemeinsame Zeit war möglich ohne den Erwartungsdruck, der sie vorher alle belastet hatte.


In anderen Situationen steht es an, die Weichen noch einmal umzustellen. Neu abzuwägen, statt ewig unzufrieden zu sein: was ist mir ein anderes Leben, eine andere Berufssituation wert?


Einfach davon fliegen ist meist keine mögliche Lösung. Und doch bietet jede Situation die Möglichkeit, Freiheit in Verantwortung zu entdecken. Dabei bleibt es ein Wagnis des Glaubens: Zur Freiheit hat euch Gott befreit!


Pfarrerin Andrea Luiking,

Evangelische Versöhnungskirche Ummendorf



1 + 1 + 1 = 1?

Pfarrer Peter Schmogro

Pfarrer Peter Schmogro

Pfarrer Peter Schmogro

Mutter versteht regelmäßig die Welt nicht mehr. Was muss sie sich oft mit ihren Kindern abplagen und sich ärgern: Die stinkenden Socken werden einfach in den Hausgang geworfen. Ruft sie, dass ihr mal jemand was aus dem Keller holt, dann kann sie darauf warten, bis sie schwarz wird. Und der Tisch wird auch nur dann abgeräumt, wenn man ausdrücklich dazu auffordert…
Aber, oh Wunder, kaum sind die Sprösslinge dann woanders auf Besuch, hört sie nur Lobeshymnen, wie anständig und hilfsbereit ihre Kinder doch seien. Kann das sein? Reden da alle von der gleichen Person?


Jawohl. Denn wir haben alle mehrere Gesichter. Nicht nur eins: Und die reichen von außerordentlich liebenswürdig bis total unausstehlich. Und doch sind wir nur die eine Person - aber mit zahlreichen Facetten. Und die erst machen den Reichtum unserer Persönlichkeit aus.


Schwierig wird’s erst dann, wenn wir jemanden auf ein Bild festlegen. Wenn die Eltern etwa in ihrem Kind nur noch den griesgrämigen Null-Bock-Teenie sehen und alle anderen – vielleicht auch momentan verborgenen - Eigenschaften ignorieren. Das engt ein. So kann sich eine Persönlichkeit nicht entfalten.


Der große Schweizer Schriftsteller Max Frisch, an dessen 100. Geburtstag vor einem Monat erinnert wurde, meinte demgegenüber: „Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach…. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis.“


Mit anderen Worten: Ein bisschen Liebe hilft, dass wir uns nicht gegenseitig auf einzelne Bilder und Rollen festlegen, sondern wir den ganzen Menschen in all seiner Facettenhaftigkeit stehen und gelten lassen.


Das hat nun auch etwas mit dem 19. Juni zu tun. Am Sonntag, den 19. Juni feiert die katholische und die evangelische Christenheit das Fest der Heiligen Dreieinigkeit. Äußerlich betrachtet ein sperriges Fest, das zudem nicht einmal so besonders alt ist. Es ist erst 1334 eingeführt worden. Ein sperriges Fest insofern, als hier die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes im Zentrum steht, also die Lehre, dass Gott Vater und Sohn und der Heilige Geist zwar drei unterschiedliche Personen seien aber substantiell doch nur eines Wesens. Da kommt jeder, der das rechnerisch verstehen möchte, an seine Grenzen: eins plus eins plus eins soll also nur eins ergeben? Was für eine Zumutung!


Aber, keine Sorge: Mit Rechnen hat das auch gar nichts zu tun. Vielmehr eher mit dieser Sache mit den Gesichtern und der Liebe: So wie für mich ein Mensch, den ich liebe, in seiner Facettenhaftigkeit immer dieser eine liebenswerte Mensch bleibt, so ist für den, der Gott liebt und vertraut, auch dieser immer der eine und derselbe, auch wenn wir ihn sehr unterschiedlich wahrnehmen: manchmal ganz nah und stark, manchmal ganz fern und fremd.


Das Dreieinigkeitsfest macht jetzt Mut und sagt: „Alles gehört zusammen. Es bleibt immer der eine Gott. Und der begleitet dich und hilft dir. Mal so und mal so.“


Pfarrer Peter Schmogro,

evangelische Friedenskirche Biberach


Kein schwacher Trost

Klinik- und Polizeiseelsorger Friedrich Lechner

Klinik- und Polizeiseelsorger Friedrich Lechner

Klinik- und Polizeiseelsorger Friedrich Lechner

Gerade erst haben wir den Himmelfahrtstag gefeiert. Aber jetzt ist Himmelfahrt vorbei!


Wie ist es wohl weitergegangen, nachdem Jesus in den Himmel aufgefahren war? Jesus, der immer um seine Jünger gewesen war, der sie ermutigt und getröstet hatte, hatte sie endgültig verlassen. Und man kann sich vorstellen, wie einer der Jünger seufzt: "Ach, wäre er doch noch da!" Himmelfahrt ist vorbei - auch für uns.


Unsere Frage ist die gleiche wie die der Jünger damals. Wie kann es weitergehen, nachdem Jesus in den Himmel aufgefahren ist? Wenn wir etwa auf die Welt um uns herum sehen, auf Kriege,  Katastrophen, Hunger und Elend, dann kann es schon sein, dass wir uns fragen: hat Jesus diese Erde gänzlich verlassen? Wenn uns ein schwerer Schicksalsschlag trifft, wenn wir einen geliebten Menschen verlieren oder selber schwer erkranken, dann kann es schon sein, dass wir glauben, Jesus hätte uns allein gelassen. Jesus weiß, wie oft wir uns alleine gelassen fühlen. Und so hat er seinen Jüngern und uns den Heiligen Geist als Tröster versprochen. "Der Heilige Geist!  Das ist ein schwacher Trost", denken manche vielleicht. Und in der Tat: Den Heiligen Geist können wir nicht sehen, wie Jesus als Mensch sichtbar war. Wir können den Heiligen Geist nicht berühren. Der Heilige Geist legt nicht spürbar die Hände auf die Kinder und segnet sie, wie Jesus es getan hat. Mit dem Heiligen Geist lassen sich keine Streitgespräche führen, wie Jesus sie mit den Pharisäern führte. Der Heilige Geist scheint tatsächlich ein schwacher Trost zu sein!


Vielleicht ist es darum auch kein Zufall, dass der Heilige Geist im Glaubensbekenntnis so seltsam farblos und blass bleibt. "Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche...". Der Heilige Geist selbst bleibt uns fremd. Der Heilige Geist - ein schwacher Trost!? Aber: Kann es sein, dass Jesus seine Jünger, uns alle, mit einem schwachen Trost zurücklässt? Sicher nicht! Und darum lohnt es sich, sich diesen "anderen Tröster" genauer anzusehen! Wir können ihn ansehen, auch wenn er unsichtbar ist: Denn er wird sichtbar und spürbar in dem, was er bewirkt.


Was in unserem Glaubensbekenntnis wie eine bloße Aufzählung erscheint, beschreibt in Wirklichkeit das, was der Heilige Geist vollbringt. Der Heilige Geist zeigt sich uns. Er zeigt sich uns zum Beispiel in der Kirche und in der Gemeinschaft der Heiligen, der Gemeinschaft aller Gläubigen. Kirche ist nicht nur das, was wir als evangelische, katholische oder orthodoxe Kirche kennen. Die Kirche ist nicht nur ein Werk von uns Menschen. Sie ist ein Werk des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist macht aus uns allen eine heilige christliche Kirche. Und das, was wir als die nach außen sichtbare Kirche kennen, die von Menschen geleitet wird, ist nur ein Teil der wahren Kirche Jesu Christi, die allein der Heilige Geist formt. In der heiligen christlichen Kirche und der Gemeinschaft der Heiligen lebt die Botschaft Jesu weiter.


Außerdem ist der Heilige Geist eine Kraft, die nicht aus uns selbst kommt. Gott schenkt uns seinen Geist. Wir können den Glauben nicht selber machen, er wird uns durch den Heiligen Geist gegeben. Und er wirkt in uns. Er verändert uns.


Der Heilige Geist - kein schwacher Trost, sondern unser wahrer Trost!


Friedrich Lechner

Klinik- und Polizeiseelsorger

Biberach



Was darf uns das Leben kosten?

Pfarrer z. A. Oliver Römisch

Pfarrer z. A. Oliver Römisch

Pfarrer z. A. Oliver Römisch

Feuerwehrleute fahren vor einer Reaktorruine auf und bringen ihren Löschzug in Stellung. Sie gehen so dich heran wie es erforderlich ist - trotz Strahlung - und kühlen den Reaktor in Fukushima mit ihrem Löschwasser. So lange wie nötig. Tagelang…


Eine ähnliche Szene flimmerte in den letzten Wochen durch unsere Wohnzimmer. Sie zeigte uns Menschen, die sich für etwas entschieden hatten. Sie hatten entschieden, wofür sie bereit sind ihr Leben einzusetzen. Vielleicht für ihr Pflichtgefühl, vielleicht für den Schutz ihrer Familien und der Menschen in ihrem Land.


Wir hier in Deutschland müssen uns nicht in der gleichen Intensität die Frage stellen, wofür wir bereit sind unser Leben einzusetzen. Doch auch wir stehen immer wieder vor der Frage: „Was darf uns das Leben kosten?“


Auch alltägliche, geradezu banale Entscheidungen - wie etwa wie viel der Strom kosten darf - erscheinen in diesen Tagen in einem ganz anderen Licht.
Auf der einen Seite werden die höheren Stromkosten für einen Atomausstieg in die Waagschale geworfen. Die kosten uns sofort ein Stück unseres Lebens. Für manchen sogar ein großes Stück. Die andere Seite hingegen verweist auf die hohen „versteckten Kosten“ der Atomkraft. Die kosten uns heute nichts. Kann sie uns aber vielleicht, nur vielleicht, in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren das Leben kosten?


„Was darf uns das Leben kosten?“


Als sich Jesus Christus auf den Weg machte, sein Kreuz trug und dem Tod am Karfreitag entgegenging, da hatte er für sich diese Frage geklärt. Er wusste wofür er lebte und was ihn sein Leben kosten darf.


Der Karfreitag war der Preis, den Jesus zu zahlen bereit war, um uns den Ostermorgen zu schenken. Und damit eine neue Sicht auf unser Leben. Einen Neuanfang für uns, unser Verhältnis zu Gott und unseren Mitmenschen. Eine Welt in der Versöhnung und Nächstenliebe immer wieder aufflackern werden. Hoffnung über den Tod hinaus.


Als Christen hören wir die Botschaft beider Tage – des Karfreitags wie des Ostersonntags – in unserer Zeit. In dieser Welt, in der wir nun mal leben. Mitten hinein in die Katastrophe von Fukushima, die Debatte um den Atomstrom in Deutschland und viele anderen Themen unseres Lebens.
Jede und jeder von uns ist dazu aufgerufen vor Gott und den Menschen daraus seine eigenen Schlüsse für sein Leben zu ziehen.


Mir wurde durch Karfreitag und Ostersonntag in diesem Jahr deutlich: Wer sich Leiden und Tod stellt, wer hinsieht, wer es sich zu Herzen nimmt, der wird verändert. Der weiß dann was das Leben kosten darf und was nicht. Der steht schon heute zu einem neuen Leben auf. 


Pfarrer z. A. Oliver Römisch



Hoffnung ohne Grenzen

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Szene in einer oberschwäbischen Rehaklinik: Die Pfarrerin lädt zum Gottesdienst ein. Die Angesprochene genießt gerade einen Wellness-Aufenthalt – und ist angesichts der Einladung entrüstet: „Der Gottesdienst ist doch nur für die Kranken“, entgegnet sie und blickt hinüber zu Patientinnen und Patienten, die sich von einer Operation erholen, „für mich doch nicht!“


Der Gottesdienst nur für die Kranken? Heute Nacht, morgen vor Sonnenaufgang und die beiden nächsten Tage über feiern Christen Ostern. In der Osternacht wird es Licht in unserem Dunkel, bei den Auferstehungsfeiern auf dem Friedhof singen wir die Hoffnung des Lebens über den Gräbern und klangvolle Festgottesdienste aller Konfessionen lassen uns eintauchen in die Hoffnung: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.


Auferstehungsbotschaft nur für die Kranken, Hoffung über den Tod hinaus nur für Sterbende und Menschen in Trauer? Wer trauert, sehnt sich vielleicht besonders nach guten Worten. Wer den Tod vor Augen hat, fragt, bin ich auch dann noch geborgen. Der Tod behält nicht das letzte Wort. Diese Hoffnung erhellt die Osternacht und leuchtet in das Dunkel unseres Lebens, sie tröstet und glaubt: Gott sieht unsere Tränen, sammelt sie wie in einem Krug und wischt sie behutsam ab.


„Nichts für mich, ich brauche das doch nicht“, sagt die Gesunde und sie scheint damit in bester Gesellschaft mit den meisten von uns. Wir meinen das Leben im Griff zu haben und Auferstehung können wir uns sowieso nicht vorstellen. Damit aber beschneiden wir unsere Hoffnung viel zu sehr. Der christliche Glaube sieht das Licht des Ostermorgen in den ungezählten Finsternissen des Lebens. Er sieht Licht für die Menschen, die nachts vor Lampedusa mit der hohen See und den europäischen Mauern kämpfen. Der Glaube sieht Licht für die Zivilbevölkerung, die in Libyen und den anderen Staaten auf Freiheit hofft. Der Glaube sieht Licht für alle, die von den unsichtbaren Strahlen in Fukushima ohne Hoffnung auf Wiederkehr vertrieben wurden.


„Aber da kann man doch nichts machen“, entgegnen wir resigniert. Das Licht des Ostermorgen entzieht genau diesem Satz seine Macht. Da kann man nichts machen? Österlicher Widerspruch. Wo der Tod überwunden ist, gewinnen wir Freiheit. Freiheit für das Leben einzustehen. Freiheit für das Leben zu ringen, in Nachbarschaft und Familie, am Arbeitsplatz und in politischem Engagement, wo immer wir hingestellt sind. Osterglaube ist Glaube an die Freiheit der Kinder Gottes. Freiheit neue Wege zu suchen, Freiheit Irrwege zu verlassen und falsche Weichenstellungen zu korrigieren. Nutzen wir sie, leben wir österlich. Dem Leben zugut.


Hellger Koepff,

evangelischer Dekan in Biberach


Der Palmesel

Pfarrer Hans-Dieter Bosch

Pfarrer Hans-Dieter Bosch

Pfarrer Hans-Dieter Bosch

Der Brauch ist schon alt: den Palmsonntag mit einer Prozession zu feiern. Als Besonderheit kam hier in Süddeutschland in der Zeit des Mittelalters die Tradition des Palmesels hinzu. Wie einst Jesus in Jerusalem auf dem Rücken eines Esels eingezogen war, so ritten anfangs einige Pfarrer auf einem geschmückten Esel der Prozession voran. Da sich die Esel aber als zu störrisch und unberechenbar erwiesen, wurden diese schon bald durch eine hölzerne Eselsgestalt mit einer lebensgroßen Jesusfigur ersetzt. Dieser Brauch ist auch für das mittelalterliche Biberach belegt; ein solcher Palmesel ist etwa im Museum in Bad Waldsee zu sehen.


Auf einem Holzbrett mit Rollen befestigt, wurde der Palmesel durch die Straßen über den Marktplatz zur Kirchentür gezogen, durch die Menschenmenge hindurch. Der auf einem jungen Esel dargestellte Christus kam so mit seiner zum Segen erhobenen Hand an den Leuten vorbei, die ihm Buchszweige oder Palmkätzchen zu Füßen legten. So erlebten und vergegenwärtigten sich die Menschen sehr eindrücklich die Bedeutung des Festtages: Jesus kommt nach Jerusalem. Auf einem jungen Esel reitend. Nicht wie die großen gewaltätigen Herren auf einem feurigen Schlachtross, dem Machtsymbol für Gewalt und Herrschaft; hoch oben über den Leuten sitzend, herablassend, Huldigung erheischend. Jesus kommt stattdessen auf einem Esel, dem Tier des Friedens. Und auf einem jungen Esel sitzend, ist der Reiter immer noch auf Augenhöhe zu den anderen.


So kam Jesus nach Jerusalem. So erinnerten sich die Menschen. Und gleichzeitig vergegenwärtigten sie sich das Geschehen; sie übersetzten es in ihre Zeit und an ihren Ort: Jesus ist heute an diesem Festtag in unserer Stadt. Er wird auch an mir vorüberziehen, wird mir seinen Segen spenden und ich darf mit Zweigen seinen Weg schmücken. Und bestimmt gingen dann die Gedanken weiter: Jesus ist in Jerusalem eingezogen, um dort zu sterben. Jesus zieht hier an mir vorüber, um sein Leben für uns zu geben. So entstand und entwickelte sich Nähe zum biblischen Geschehen, trat die biblische Botschaft sichtbar und spürbar, ja miterlebbar in das Leben des Einzelnen hinein.


Schade, dass diese Tradition (vor allem in der Aufklärungszeit) verloren gegangen ist. Nur noch an wenigen Orten ist sie bis heute erhalten geblieben oder wurde gar neu belebt. Dies ist vorwiegend in katholischen, aber auch in einigen evangelischen Gemeinden der Fall. Sollten Sie bei Gelegenheit in einem der umliegenden Museen einem solchen Palmesel begegnen, dann nehmen Sie sich kurz Zeit. Halten Sie ein wenig inne, stellen Sie sich vor, wie die Jesusfigur an Ihnen vorüberzieht und dass die segnende Hand Ihnen gilt ... Das mag dann vielleicht eine für einen Museumsbesuch ungewöhnliche Haltung sein, aus der Distanz zu einem Kunstwerk in die Begegnung mit ihm hineinzutreten - aber wohltuend wird diese Nähe auf jeden Fall sein.


Pfr. Hans-Dieter Bosch Warthausen


„Du Opfer ! :) ? “

Pfarrer Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

Mit diesen Worten klopft ein Siebtklässler seinem Mitschüler auf den Rücken, als sie auf den Schulhof zur großen Pause gehen. Hat dieser etwa eben die Strafarbeit bekommen, und damit den Zorn des Lehrers besänftigt, an dem doch die ganze Klasse Schuld war? Er das Opfer für ihre Schuld? Nein, er hat nur sein Pausenbrot vergessen.


Ich „opfere“ ein wenig meiner knappen Zeit für das Wort und die Schüler und erfahre außerdem, dass das „Opfer“ schon ein Allerweltswort im Jugendjargon geworden ist und ein sehr breites Bedeutungsspektrum aufweist. Es kann den bezeichnen, der eben der Dumme ist. Unfreiwillig, Opfer von Mobbing oder Gewalt, oder im Sinne von: „Selber Schuld, Idiot, was begibst du dich auch in diese Situation.“ Im Handumdrehen wird einem Opfer auch noch die Schuld zugeschoben für seine Misere. „Du Opfer“ hat aber auch mal einen bemitleidenden Unterton. Dann ist es Ausdruck freundschaftlicher Solidarität.

Tut hier Kindermund Wahrheit kund?


Würde jemand behaupten, Opferbereitschaft habe das Abendland tief geprägt, könnte er wohl hören: Das ist graue Vorzeit. Mittelalter. Das sollte doch spätestens mit den großen Kriegen des letzten Jahrhunderts Vergangenheit sein. Heute will doch keiner mehr Opfer sehen und schon gar nicht sein. Dennoch ist es auch bei uns keineswegs so, dass nicht „geopfert“ wird. Ich denke zB an Verkehrsopfer, 40000 pro Jahr nur in Europa. Oder, dass unser Land, zumindest wirtschaftlich gesehen, auf der Gewinnerseite der Welt steht, ist sicher einer übergroßen „Opfer“bereitschaft der Menschen hier für´s Arbeiten und Geldverdienen geschuldet.


Die „Opfer“ auf der Verliererseite der Weltwirtschaft sollte man dabei nicht übersehen. Oder, dass unser Bundesland mit seiner hohen Wirtschaftskraft auch einen sehr niedrigen Krankenstand aufweist, liegt sicher nicht nur daran, dass die Menschen hier viel gesünder sind. Was „opfern“ wir zuweilen nicht alles dem Geldverdienen: Familienleben, Kinderkriegen, Eheglück, Geselligkeit und Gelassenheit… Entspricht hier das Allerweltswort der Jungen nur einer heimlichen Allerweltstatsache unserer Gesellschaft?


Es lohnt sich jedenfalls genau zu sehen, wo Menschen zum „Opfer“ gemacht werden, wo sie sich selber auf„opfern“, wo Schuldverschiebungen einhergehen, wo bagatellisiert wird. „Opfer“bereitschaft darf nicht ohne die Frage „Für wen oder was?“ gesehen werden.


Gott hat durch seine Hingabe in der Passion Jesu Christi sich selbst für uns zum Opfer gemacht, um uns vom unseligen Zwang zum Opfern zu befreien. Dieses Ein-für-alle-mal seiner Passion möge uns sensibilisieren in unseren „Passionen“ genau zu sehen: Wer „opfert“ (sich für) wen oder was (auf) und warum? Wo wird echte Solidarität oder Liebe ausgedrückt, wo finden gefährliche Schuldverschiebungen statt?


Eine gesegnete Passions- und Osterzeit wünscht
Albrecht Schmieg,
Krankenhauspfarrer in Dietenbronn


„Ich war’s!“

Pfarrer Jörg Scheiring

Pfarrer Jörg Scheiring

Pfarrer Jörg Scheiring

„Jetzt halt doch kurz an und frag jemand!“ Sie sitzt auf dem Beifahrersitz, er hinterm Steuer. Doch er fährt weiter. Jede Möglichkeit, um nach dem Weg zu fragen, ignoriert er konsequent: „Ach das find ich schon – muss ja irgendwo hier sein…!“


Möglicherweise haben Sie selbst schon in diesem Wagen gesessen. Auf dem Fahrer- oder auf dem Beifahrersitz, je nachdem. Nach dem Weg fragen, das fällt manchmal schwer. Denn schließlich bedeutet das zum einen, sich eingestehen zu müssen, dass man sich seines Weges nicht ganz sicher ist. Und zum anderen kann es heißen, dass man sogar umkehren muss. Also: lieber nicht anhalten, einfach weiterfahren, weitermachen wie bisher: „Wäre doch gelacht…!“

Im Auto bedeutet das meist dicke Luft und eine viertel Stunde Verspätung. Und sonst? Fällt es uns sonst leichter anzuhalten und nach dem Weg zu fragen?


Die Zeit vor Ostern kann uns das Anhalten erleichtern. Passionszeit. Anhalten und nach dem Weg fragen. Auch auf die Gefahr hin, dass wir umkehren müssen.


Passionszeit. Es geht um unsere Art zu leben. Es geht um Verantwortung. Es geht um weitermachen wie bisher oder um die Richtung ändern. Leben wir verantwortungsvoll in der Gesellschaft? Soll es so weitergehen? Auch in meinem privaten Umfeld?


Und wem gegenüber sind wir eigentlich verantwortlich? Natürlich den Kindern und den Generationen nach uns. Und darüber hinaus? „Gerechtigkeit erhöht ein Volk; aber die Sünde ist der Leute Verderben.“ Dieser Vers aus dem biblischen Buch der Sprüche erinnert uns an unsere Verantwortung. Den Menschen und Gott gegenüber.


„Ich war’s!“ So lautet das Motto der diesjährigen Fastenaktion der  evangelischen Kirche. „Ich war’s!“ Sieben Wochen ohne Ausreden. Sieben Wochen ohne Bluffs, ohne Halbwahrheiten. Ein fernes Ziel!? Wohl kaum erreichbar ohne anzuhalten und zu fragen.


„Ich war’s!“ Warum eigentlich anstatt zu tricksen und zu schummeln nicht einmal ehrlich sein und zu seinen Fehlern und Schwächen stehen. Wer übernimmt diese Verantwortung? Wer getraut sich, die Hand zu heben und zu sagen: „Ich war’s!“? Sind wir eigentlich noch auf dem richtigen Weg, wenn der Ehrliche fast immer der Dumme ist? Sind wir auf dem Weg der Liebe, den Jesus uns weist?


Passionszeit – es geht um unsere Art zu leben. Passionszeit – eine Chance zur Richtungsänderung. Halten Sie doch einmal an und fragen Sie nach dem Weg.


Jörg Scheiring,

Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf


Gelassenheit – wer braucht und sucht sie nicht?

Pfarrerin Dorothee Sauer

Pfarrerin Dorothee Sauer

Pfarrerin Dorothee Sauer

Der hohe Arbeitsdruck und die alltäglichen Verpflichtungen beruflicher und privater Natur bringen viele Menschen zunehmend an die Grenze dessen, was überhaupt leistbar ist. Da ist zum Beispiel der Manager, der den Produktionsfehler in der Firma durch neue Verhandlungen ausgleichen muss und dabei unter hohem Druck steht, weil Millionen auf dem Spiel stehen. Da ist die junge Mutter, die in Stress gerät, weil sie ihr Kind schon im Kindergarten oder besser noch im Säuglingsalter durch verschiedenste Kurse und Angebote auf das Beste fördern soll. Oder da ist der Jugendliche, der jeden Nachmittag lernt und lernt und lernt, um gute Noten zu haben, da er sonst offenbar später keine Zukunftschancen haben wird. Oder da sind die Kirchen, die sich in den kommenden Jahren auf zurückgehende Kirchensteuern einstellen müssen und schmerzliche Einsparungsprozesse auf sich zukommen sehen.


Es gibt noch viel mehr Beispiele und Lebenssituationen, in denen statt Stress, Druck und Angst das nötige Maß an Ruhe und Gelassenheit vonnöten wäre. Doch lassen wir das und fragen lieber: Wie kommen wir zu Ruhe und Gelassenheit? Interessant ist, dass in Gelassenheit das Wort „lassen“ steckt. Um zu Gelassenheit zu gelangen, um gelassen zu werden, müssen wir also etwas „lassen“. Was könnte das sein? Ich denke zuerst daran, dass wir etwas „loslassen“ müssen, etwa die Angst oder die Kontrolle. Wer das Leben schon von den Kinderschuhen an planen und kontrollieren will, wird gewiss nicht glücklich werden. Denn unterwegs gibt es noch so viele unvorhersehbare Dinge, dass alle Sicherheit dabei nur vorgegaukelt ist. Besser ist es, sich immer wieder auf die Gegebenheiten „einzulassen“, sie anzunehmen und dann, wenn es an der Zeit ist, so gut wie möglich zu gestalten. Manchmal kann es auch wichtig sein, einen Irrweg zu „verlassen“ oder den Ausgang einer Geschichte oder einer Situation „offen zu lassen“. Nicht alles steht in unserer Macht und nicht alles muss von uns in der Hand behalten werden. Leicht ist das nicht. O nein. Loslassen kostet Kraft. Und die Ängste und Sorgen müssen trotzdem durchgestanden werden.


Doch vielleicht fällt das Loslassen leichter, wenn wir wissen, dass wir dabei nicht im freien Fall ins Nichts stürzen, sondern uns und unser Leben getrost Gott überlassen können. Wir lassen nicht einfach los, sondern geben ab an ihn. Bei ihm ist unser Leben in sicheren Händen. Ich glaube, das ist überhaupt der Schlüssel zur Gelassenheit, sich und sein ganzes Leben immer wieder an Gott rück zu binden und sich voll Vertrauen ihm zu überlassen - gegen die aufkeimende Angst und den Wunsch alles selbst in der Hand zu haben. Mit Gott und geborgen bei ihm geht das leichter als allein. Auch uns in den Kirchen tut das immer wieder gut, in allen Krisen und Finanznöten sich auf den zu besinnen, der Haupt, Grund und Ziel unseres Glaubens ist: Jesus Christus. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich wahre und echte Gelassenheit ausbreiten wird, wenn wir uns Gott überlassen. Ich wünsche uns allen darum immer wieder viel Mut und auch die Kraft, uns ganz Gott anzuvertrauen.


Pfarrerin Dorothee Sauer, evangelische Kirchengemeinde Erolzheim-Rot



Gott ist erschienen!

Pfarrer Herbert Seichter

Pfarrer Herbert Seichter

Pfarrer Herbert Seichter

Wir befinden uns dieser Tage in der sogenannten Epiphanias Zeit. Epiphanie, ein griechisches Wort, bedeutet „Erscheinung des Herrn“. Begonnen hat sie am 6. Januar mit dem Epiphanias Feiertag (Heilige Drei Könige). Christen feiern, dass Gott erschienen ist. Doch so mancher fragt sich auch: Wer hat Gott eigentlich schon einmal gesehen?


In den Predigttexten wird das mit thematisiert. Da bittet der Prophet Mose Gott ihn seine Herrlichkeit sehen zu lassen. Er will Gott so sehen, wie er ist. Aber das ist unmöglich. Sterbliche Menschen können es nicht ertragen, Gott zu sehen. Und so weist Gott den Propheten auch darauf hin, dass jeder sterben müsse, der Gott in seiner ganzen Herrlichkeit sieht. Erst viele Jahrtausende später wird Gott für Menschen erfassbar und erfahrbar. In Jesus Christus offenbart er sich, wird sichtbar. Erst in Jesus Christus kann der Mensch Gott sehen, erkennen. In der Person Jesu Christi hat Gott Gestalt angenommen. Doch er hat menschliche Gestalt angenommen und sich seiner göttlichen Herrlichkeit entledigt. Auch in Jesus bleibt Gottes Herrlichkeit eine verhüllte. Und so bleibt für manche Menschen die Frage bestehen:Wer hat Gott eigentlich schon einmal gesehen?


Immer wieder auch heute noch hört man in den Medien von Erscheinungen und wundersamen Begebenheiten. Wie aber geht unsere Gesellschaft damit um? Wie ergeht es uns selbst mit solchen Phänomenen? Tritt da nicht sofort unsere momentane gesellschaftliche Prägung in Kraft? Eine Prägung, die wundersames nicht mehr akzeptieren kann bzw. akzeptieren will. Eine Prägung, die den modernen Menschen denken lässt: Es kann doch gar nicht sein, was nicht sein darf!! Und traut sich doch einmal eine Person über solche Phänomene zu berichten, dann springen sehr schnell die gesellschaftlichen Schutzmechanismen in die Bresche. Boulevardblätter, die die Sache sehr schnell auf die profanste Ebene ziehen. Selbst ernannte Spezialisten, die den Eindruck erwecken auch vor Rufmord nicht zurück zu scheuen.


Gott ist erschienen! Für unsere Gesellschaft stellt sich immer neu die Frage. Können wir sein Erscheinen, seine Erscheinungen ertragen?Schon 1880 hat der russische Dichter Fjodor Dostojewskij (1821-1881) in seinem großartigen Romanfragment „Der Großinquisitor“ dies verneint. Im Nachwort zum Roman wird von Arthur Luther für unsere Zeit pointiert zusammengefasst: „ Nur für eine Art Seelen gibt es keine Gnade und keine Erlösung: für die flachen Verstandesmenschen, die alle Rätsel gelöst haben, die keine Zweifel und Seelennöte kennen…“


Pfarrer Herbert Seichter, Attenweiler


Gott kommt uns dazwischen

Klinikseelsorger Friedrich Lechner

Klinikseelsorger Friedrich Lechner

Klinikseelsorger Friedrich Lechner

Manchmal kommt etwas dazwischen. Wir hatten alles so gut geplant. Da wirft ein Telefonanruf alles über den Haufen. Oder: Da bringt die Sorge um einen Menschen, der mit einem Mal seine unbekannten Seiten zeigt, das Leben durcheinander. Die Ruhe ist dahin.


Dabei sehnen wir uns doch nach Harmonie und Frieden. Wir zünden vor Weihnachten Kerzen an. Wir genießen ihr Licht und die wohlige Wärme, die sie verbreiten. Unserem Advent soll nichts dazwischenkommen.
Dich bereits beim ersten Kommen Jesu in diese Welt  wird diese Erwartung in Frage gestellt.


Gott kommt uns Menschen dazwischen, so verkündet es die Adventsbotschaft. "Gott kommt uns Menschen dazwischen, unserem Denken und unserem Handeln. Denkt um! Besinnt euch auf Gott!", das ist die Adventsbotschaft damals wie heute.


Ist uns eigentlich bewusst,  in welch großem Spannungsbogen Gott sein Kommen in der Welt ansagen lässt? Da waren die politischen und religiösen Machthaber jener Tage. Der Kaiser in Rom, dann die Politiker in Palästina und schließlich die Hohenpriester von Jerusalem. An ihren klangvollen Namen vorbei kündigt Gott sein Kommen an. Nicht in der Welthauptstadt Rom und nicht in der Religionshochburg von Jerusalem lässt Gott seinen Advent ansagen. Nein, draußen am Jordan durch einen Prediger mit großer Ausstrahlung lässt er ausrichten, wer in Wahrheit die Welt regiert. Gott kommt den Mächtigen dazwischen - ihre Vorstellungen und Pläne wirft er über den Haufen. Sie haben keine Bedeutung mehr. Gott kommt durch Jesus uns Menschen damals wie heute dazwischen und wirft alles über den Haufen. 


Dieser Jesus entwickelt auch keine detaillierten Konzepte zur Rettung der Welt, wie wir uns das manchmal wünschten. Nein, die Rettung der Welt – so macht er deutlich – ist nicht nur Gottes Sache. Sie setzt bei uns Menschen ein. Als Christ darf ich nicht das Recht beugen zu meinem Vorteil. Korrektheit, Ehrlichkeit, Nächstenliebe und Verantwortung sind Tugenden, die von uns Christen erwartet werden dürfen. Tricks, um sich auf Kosten anderer Vorteile zu verschaffen, sind unter der Würde eines Christen.


Wir merken: Das Kommen Gottes kann sich unter uns mit unserem Zutun erfüllen in unserem Alltag. Gott wird kommen, wo immer wir ihn erwarten: In einer schwierigen Entscheidung. In der Sorge um einen Menschen. In der Suche nach einem Ausweg.


So wird Advent zu einer Erfahrung, die hinausreicht über vorweihnachtlichen Kerzenschein und die alljährliche Sehnsucht nach Ruhe.


Klinik- und Polizeiseelsorger,

Friedrich Lechner,

Biberach


Alle Jahre wieder...

Pfarrer z. A. Oliver Römisch

Pfarrer z. A. Oliver Römisch

Pfarrer z. A. Oliver Römisch

Schon bei den kleinen Kindern können wir erleben, wie ein fester Rhythmus gut tut.
Kinder die zum Schlafengehen ein festes Ritual haben – etwa ein Gebet sprechen oder eine Gute-Nacht-Geschichte hören – schlafen beruhigter ein und können dem Wandel des Tages besser begegnen. Sie erleben eine feste Grundstruktur in die sie Veränderungen einordnen können.


Beides braucht der Mensch: den Wechsel und den Bestand, die Veränderung und das Gleichbleibende.


Diese Erfahrung muss unsere Gesellschaft sich neu ins Gedächtnis rufen.

Besonders in der Arbeitswelt scheinen Wandel und Flexibilität zu alles bestimmenden Größen geworden zu sein. Eine schmerzliche Grenze ist erreicht. Mancher soll rund um die Uhr für die Arbeit bereit stehen. Ein anderer muss seine Arbeitszeiten über den Tag verteilen. Für einige ist Sonntagsarbeit inzwischen ganz normal geworden. Und die Zahl der besonders flexibel eingesetzten Leiharbeiter nimmt ständig zu.


In vielen Bereichen scheint mir der Grundrhythmus des Lebens von Wandel und Bestand in Ungleichgewicht zu geraten. Der Wandel dominiert.


Daher tut es uns besonders gut bewusst das Kirchenjahr zu begehen. Alle Jahre wieder beginnt es neu am 1. Advent. Alle Jahre wieder hören wir erneut vom Kommen Christi; vom Kind im Stall. Alle Jahre wieder erleben wir vom 1. Advent über Weihnachten, Ostern und Pfingsten bis hin zum Ewigkeitssonntag wie dasselbe wiederkehrt.


Das Erleben des Kirchenjahres und der regelmäßige Gang zum Sonntagsgottesdienst sind dabei keine religiöse Pflichtübung.
Sie sind eine heilsame Möglichkeit dem Wandel etwas Beständiges zu entgegnen. Sie schenken uns eine feste Struktur in die hinein wir gut mit den Veränderungen des Alltags umgehen können. Sie lassen uns immer wieder neu dieselben Worte Gottes hören, die trösten, hoffen lassen, Liebe schenken und befreien.


Alle Jahre wieder erleben wir dieselbe Advents- und Weihnachtszeit. Mit all den Bräuchen und Traditionen vom Adventskranz, dem Adventskalender, dem Weihnachtsbaum, dem Liedersingen bis hin zum Besuch des Gottesdienstes an Heilig Abend.


Doch es ist gerade diese Wiederkehr des Bekannten, die Rückkehr des Geliebten, die uns gefällt und die uns gut tut.
Sie verbindet uns mit unserer Kindheit und Jugend wie auch Kinder und Jugendliche mit Erwachsenen.
Sie bietet eine feste Grundstruktur die über alle Jahrhunderte und Lebensalter Bestand hat.


Und das „Alle Jahre wieder…“


Oliver Römisch, Pfarrer zur Dienstaushilfe beim Dekan


Darf man in einer Kirche essen?

Pfarrer Ulrich Heinzelmann

Pfarrer Ulrich Heinzelmann

Pfarrer Ulrich Heinzelmann

Darf man in einer Kirche essen? Normalerweise nicht.

Das wissen inzwischen nicht mehr alle Menschen.


In großen Kirchen mit vielen touristischen Besuchern ist es notwendig geworden Piktogramme an die Kirchentüre zu kleben: „Eis essen nicht erwünscht, „Hamburger müssen draußen bleiben“ – manchmal verbunden mit Hinweisen auf angemessene Kleidung und dem Verbot zu telefonieren oder zu photographieren. Die Mesner an der Biberacher Stadtpfarrkirche könnten da manches Beispiel erzählen, wie Besucher der Kirche kein Gespür mehr für das Besondere eines Kirchenraumes haben. 


Wie aber verträgt sich das mit Initiativen wie den Vesperkirchen, die im Winterhalbjahr landauf-landab in vielen Großstädten durchgeführt werden - in Biberach als Initiative des Ökumenischen Arbeitskreises bereits zum achten Mal? Dort wird argumentiert: Wenn es darum geht hilfsbedürftigen Menschen zu helfen, dann steht die „Diakonie“ über der „Liturgie. Zu deutsch: Die Nächstenliebe steht manchmal über den rein gottesdienstlichen Erfordernissen. Dann dürfen in einer Kirche auch Tische aufgestellt werden, dann darf auch gegessen und getrunken werden. Zumal, wenn daran erinnert wird, dass Jesus selbst gerne Gastfreundschaft angenommen hat. Etwa in der Geschichte vom Zöllner Zachäus, der aus Freude über die Beachtung, die er durch Jesus gefunden hatte, ein großes Festessen veranstaltet hat. Ein Essen mit Folgen: Die Bibel erzählt, dass Zachäus sein Steuerschurkenleben beendet und seine Betrügereien wieder gut gemacht hat. Über Jesus aber sagten die Missgünstigen nach solchen Anlässen: Er ist ein „Fresser und Säufer“ und verkehrt mit zwielichtigem Volk.


Für die Biberacher Vesperkirche gibt es noch ein weiteres Argument: Die Evangelische Spitalkirche ist ja ursprünglich kein Kirchenraum, sondern war im Mittelalter Krankenstube für bettlägerige Männer. Die kostbaren Deckenschlusssteine geben Auskunft darüber, was die Menschen damals veranlasst hat, den Biberacher Spital zu bauen und Diakonie zu üben – also sich um Kranke, Einsame, „Witwen und Waisen“, Pilger und sonst Hilfsbedürftige zu kümmern. Es sind die Sechs Werke der Barmherzigkeit abgebildet: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Kranke pflegen, Gefangene besuchen, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen. Nachzulesen im Matthäusevangelium, Kapitel 25.


Lassen Sie sich also kommende Woche einladen, in Gemeinschaft mit Fremden oder Freunden ein einfaches Mittagessen zu teilen. Sie dürfen in der Kirche essen. Gesegnete Mahlzeit!


Pfarrer Ulrich Heinzelmann,

Stadtpfarrkirche St. Martin


Glauben in den Wüsten des Lebens

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

Dekan Hellger Koepff

„Sind sie nicht der Dekan der Wüstgläubigen?“ So wurde ich nach ein paar Wochen als Biberacher Dekan in der Skigymnastik begrüßt. „Wüstgläubige“ – meist wird dieser Begriff liebevoll spöttisch verwendet, wenn die Rede auf die Evangelischen in Oberschwaben kommt.


Längst nehmen wir es mit Humor, wohl wissend, dass in anderen Landstrichen Spott in umgekehrter Richtung laut wird. Die konfessionellen Gräben, die einst in Oberschwaben zu der Zuschreibung „wüstgläubig“ für die evangelische Minderheit geführt haben, sind durch viele tragfähige Stege überbrückt. Evangelische und Katholische Christen erkennen den gemeinsamen Auftrag, das Evangelium von Jesus Christus in Wort und Tat zu verkündigen und in seiner Nachfolge zu leben.


Darum will ich heute zum 200-jährigen Bestehen des Evangelischen Kirchenbezirks den „Wüstgläubigen“ eine neue Bedeutung geben. Wüst, leer öde, so kommt menschliches Leben konfessions- und religionsübergreifend daher. Jede Frau, jeder Mann und selbst jedes Kind erlebt Wüstenstrecken, in denen sie mit dem eigenen Leben nicht zurecht kommen. Alles scheint sinnlos, Auswege sind nicht in Sicht. Was soll das alles, wer bin ich denn noch? Lebenswüsten, in denen kein Baum und Strauch und schon gar keine blühende Blume zu erkennen ist.


Mehr noch: Als ob wir in die Wüste schauen würden, so erscheint vielen der Blick in die Welt mit ihren Katastrophen. Die Gewalten der Natur und mehr noch die Gewalt menschlicher Ungerechtigkeit lässt große Landstriche dieser Erde zu Wüsten werden. Das hat der Dokumentarfilm „Hunger“ diese Woche eindrucksvoll gezeigt. Öde, leer und wüst geht der Blick angesichts ungezählter Probleme und Ausweglosigkeiten in ein Nichts.


„Wüstgläubig“, das könnte doch heißen: Wo das Leben zur Wüste zu werden droht, schöpfen wir Kraft aus der Quelle des Glaubens. Gott öffnet uns die Augen, damit wir wüst und ungerecht auch wirklich als ungerecht und wüst erkennen und benennen. Gott öffnet uns den Mund, damit wir Stellung beziehen für die, die in den Wüsten dieser Zeit unterzugehen drohen. Und Gott hilft uns selbst, die eigenen Wüstenstrecken unter die Füße zu nehmen, er gibt uns die nötige Kraft, Schritt für Schritt.


So entdecken wir ihn wieder, den Kern unseres Glaubens, wie ihn Martin Luther und seine Mitstreiter im 16. Jahrhundert unter dem Wüstensand damaliger Missstände ans Licht geholt haben. Der Mensch ist gerecht vor Gott, weil Gott ihn ins rechte Licht rückt. Die alten Menschenfragen: Wer bin ich? Was soll mein Leben? Was ist es wert? treiben uns in die Enge. Dabei hat Gott sie schon längst beantwortet. Seine Liebe macht uns zu wertvollen Geschöpfen, sein gutes Wort richtet uns auf. Vor ihm müssen wir uns nicht beweisen.


Wüstgläubig – gläubig in den Wüsten des Lebens – ist das nicht ein mutiger Ehrenname für Christen aller Konfessionen?


Hellger Koepff, evangelischer Dekan in Biberach


Über Werte muss man reden

Pfarrer Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

Pfarrer Albrecht Schmieg

Stuttgart ist weit weg vom oberschwäb´schen Biberach. Mit der Eisenbahn dauert die Fahrt 1 ½ bis 2 Stunden, wenn man den Anschluss in Ulm nicht verpasst. Was wäre es mir wert, wenn das etwas schneller ginge? Das ist, Bahn ins Unterland hin, Bahnhof im Untergrund her, ein kleiner Wert, verglichen mit den Werte-Fragen, die dort hinter dem Streit liegen: mehr Schiene, weniger Auto oder Flugzeug; Stadt- und Landschaftsschutz oder CO-2 Reduktion; elektrische Bahn oder elektrische Autos; Arbeitsplätze im Ländle oder sonst wo; politische Diskussionskultur. Und es geht um Milliardenbeträge.


Es fragt sich natürlich: Warum muss das auf der Straße ausgehandelt werden? Über Werte muss man reden, sonst verflüchtigen sie sich.


Wie Unsummen von Milliarden Euro und Dollar verdampft wurden, haben wir zwei Jahre lang mit ansehen müssen. Geld, mit dem man auch etwas anderes hätte machen können. Wurde über die dahinter liegenden Werte genug geredet?


Einen Ort, wo man effektiv gegen die Verflüchtigung des Geldes hätte demonstrieren können, sie gegebenen Falls hätte aufhalten können, gab es nicht. In Stuttgart gibt es genau lokalisierbare Orte, wo das viele Geld „eingepflanzt“ werden soll. Das ist ein Unterschied, vielleicht ein Grund warum der Unmut der Menschen erst jetzt „demonstrativ“ und „lokal“ wird. Jedenfalls sollte man reden über die Werte, die das Geld nur bewertet. Dafür ist klare und ehrliche Information sehr wichtig. Die Menschen wollen offensichtlich darüber reden, und das ist gut so, damit sich nicht die Werte, die hinter dem Bauvorhaben oder hinter den Alternativen stehen, verflüchtigen.


Über die Werte muss man reden, sonst verflüchtigen sie sich. Das gilt auch in anderen Bereichen. Z.B. bei den Werten, die hinter der Präimplantationsdiagnostik infrage stehen, wie sie auch in dieser Zeitung immer wieder und zuletzt am vergangenen Dienstag angesprochen wurden:  Dürfen Menschen die gentechnischen Möglichkeiten nutzen und durch hemmungslose Selektion der Embryonen zur künstlichen Befruchtung Kinder genetisch gestalten? Darf man Menschen, die wegen genetischer Vorbelastung keine gesunden Kinder bekommen könnten, durch diese Technik einen Kinderwunsch ermöglichen? Man muss darüber reden, sonst nehmen es Konzerne in die Hand, deren Sinn und Recht es ist, Geld zu verdienen.


Man muss über Werte reden. Was mir besonders am Herzen liegt und am wertvollsten ist, ist GOTT. Darum will ich von IHM reden. ER liebt seine Menschen und die (Um-) Welt. Darum wünsche ich für die Auseinandersetzung in Stuttgart wie auch für die anderen Wertediskussionen von Herzen Gottes Segen. Mit Ehrlichkeit und Respekt, nicht mit Knüppel und Zorn sollen sich darum die Menschen begegnen und ihre Argumente anhören und abwägen, damit die Werte wertvoll werden.


Ihr Albrecht Schmieg, Pfarrer und Krankenhausseelsorger


Tohuwabohu

Pfarrer Jörg Scheiring

Pfarrer Jörg Scheiring

Pfarrer Jörg Scheiring

Wo es drunter und drüber geht, sprechen wir von einem „Tohuwabohu“. Tohuwabohu bezeichnet ein Durcheinander, ein Wirrwarr. Ursprünglich kommt der Begriff aus dem Hebräischen und bedeutet schlicht „wüst und leer“. Gleich im zweiten Satz der Bibel wird der Urzustand der Welt mit diesem Begriff bezeichnet: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer“ – unordentlich, ein Tohuwabohu. Es bedurfte also zunächst einer ordnenden Hand.


Und so beschreibt die biblische Schöpfungsgeschichte, wie Gott das Tohuwabohu in Ordnung brachte und wie er dabei die unabdingbaren Grundlagen unseres Lebens schuf – unsere Lebensmittel: Erdboden, Wasser, Pflanzen, Tiere, Mitmenschen. Und auch Licht, ohne das Leben nicht möglich wäre. Aber damit aus einem Tohuwabohu eine gute Ordnung werden kann, gehört noch mehr dazu: Sonne, Mond und Sterne geben uns Zeiten, besondere Tage und Jahre an. Sie geben uns den Rhythmus vor.

Denn was bleibt von einem harten Arbeitstag, wenn er nicht einmündet in eine gemütliche Stunde am Feierabend? Was bleibt, wenn eine mit Terminen randvolle Woche nicht unterbrochen wird durch den Sonntag? Anspannung bedarf der Entspannung, sonst ist irgendwann der Bogen überspannt. Wer einatmet muss auch ausatmen. Arbeit ist nur dann erträglich, wenn sie unterbrochen wird durch Ruhe.


Das alles leuchtet uns ein. Und Sonne, Mond und Sterne erinnern uns daran, dass dieser Rhythmus lebenswichtig ist.


Aber leuchtet das wirklich ein? Sind wir nicht drauf und dran, den Rhythmus zu verlieren und in ein Durcheinander zurückzufallen? Die Fließbänder laufen Tag und Nacht und die Supermärkte werden wohl bald nachziehen. An verkaufsoffenen Sonntagen quellen die Innenstädte über und auf den Zufahrtsstraßen herrscht das Chaos. Arbeiten und Einkaufen rund um die Uhr.

Das Problem ist übrigens nicht, dass es zu wenig Freizeit gibt. Niemals zuvor hatten die Menschen so viel freie Zeit zur Verfügung wie heute. Das Problem ist, dass uns der Rhythmus abhandenkommt. Das Problem ist, dass wir immer weniger auf diese gute Ordnung achten, die uns gegeben ist.


Der Kreislauf der Gestirne erinnert uns an diese Ordnung. Eben daran, dass dieser Rhythmus der ganzen Schöpfung gemeinsam gegeben ist. Sonne, Mond und Sterne geben uns die gemeinsame Zeit an. Sie zeigen an, wenn ein Feiertag gekommen ist. Stellen Sie sich nur einmal vor, wir würden Weihnachten nicht gemeinsam feiern, sondern jeder dann, wann er will; die einen im Dezember, die anderen im Februar und die dritten im Juni.


Warum also sollte das beim Sonntag zum Beispiel anders sein? Der Sonntag ist mehr als ein arbeitsfreier Tag in der Woche. Er ist Teil unseres gemeinsamen Rhythmus, der uns seit der Schöpfung gegeben ist. Und damit ist er fester Bestandteil der wohltuenden Ordnung wider das Tohuwabohu. Also Vorsicht mit dem siebten Tag, wir haben keinen achten!


Jörg Scheiring, Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf


Ihr seid zur Freiheit geschaffen

Pfarrer Matthias Ströhle

Pfarrer Matthias Ströhle

Pfarrer Matthias Ströhle

Sag zu Dir selbst und zu Deinem Herzen:


„Gott liebt mich.“
Ich bin von unendlichem Wert für Gott.
Gott hat mich zur Freiheit geschaffen.
Meine Freiheit ist unverlierbar.
Meine Freiheit ist von Gott gegeben!
Desmond Tutu


Spüren Sie auch, wie gut diese Worte tun können? Sie stammen aus der Feder des anglikanischen  Erzbischofs Desmond Tutu.  1984 erhielt er für sein Engagement gegen die Apartheitspolitik Südafrikas den Friedensnobelpreis. Letzten Donnerstag ist er 79 Jahre alt geworden. Wie sein Vater wurde er zunächst Lehrer in Johannesburg. Schon bald musste er aber erkennen,dass schwarze Kinder nicht die gleichen Bildungschancen hatten wie Weise. Er beendete daraufhin seine Lehrtätigkeit und ließ sich zum anglikanischen Pfarrer ausbilden. Als Priester und anschließend als Bischof  machte er unermüdlich auf das Unrecht der Rassentrennung aufmerksam. Aber dabei blieb er nicht! Ebenso unermüdlich trat er nach dem Ende der Apartheid für Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß ein. Er wurde Vorsitzender der Wahrheits- und Versöhnungskommission Südafrikas. Diese arbeitete nach dem Prinzip, dass allen Angeklagten, selbst den Folterknechten Amnestie zugesagt wurde, wenn sie ihre Taten eingestanden. 


Desmond Tutu handelte damit nach dem Grundsatz, dass Gott jeden Menschen ohne Ansehen seiner Hautfarbe, aber auch ohne Ansehen  seiner Taten, liebt.  Angesichts der vielen Gräueltaten des Apartheidregimes, ist ihm dies sicherlich nicht immer leichtgefallen. Dennoch hat er mit seinem christlichen Grundsatz ernstgemacht. Denn er wusste:Versöhnung ist die Voraussetzung von Freiheit und Frieden. Der Kreislauf der Gewalt muss durchbrochen werden, denn wer Gewalt sät, wird auch Gewalt ernten.


Versöhnung gehört zu den Grundpfeilern unseres christlichen Glaubens. Jesus Christus hat uns dies vorgelebt. In seinem Tun, in seinem Reden und zum Schluss auch am Kreuz. Nur wer sich versöhnen lässt mit Gott, mit seinen Mitmenschen, aber auch mit sich selbst, kann Heilung erfahren.
Gilt dies auch für uns? Oberflächlich betrachtet geht es uns gut. Wenn wir aber etwas tiefer in unsere Seele blicken, können wir die vielen Unfreiheiten erkennen, unter denen wir alltäglich leben: Wie oft  erfahren wir uns als ungenügend? Mit wie vielen Menschen leben wir im Streit, sind neidisch, unzufrieden, lieblos? Überall dort werden wir uns selbst zum Gefängnis. Hass, Gewalt und Unheil haben also viele Facetten. Es muss nicht die Gewalt des afrikanischen Apartheitssystems sein, die Versöhnung braucht. Oft sind wir selbst uns Folterknecht genug. Deshalb gilt der Satz Desmond Tutus auch für uns: Gott liebt Dich, Du bist von unendlichem Wert für Gott. Er hat Dich zur Freiheit geschaffen.


Pfarrer Matthias Ströhle


Wieviel Liebe braucht ein Mensch?

Pfarrer Dr. Ulrich Mack

Pfarrer Dr. Ulrich Mack

Pfarrer Dr. Ulrich Mack

Wir alle kennen das Liebesgebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Und wir kennen die Frage: Wie kann das gelingen?


Gerade jetzt in der sogenannten schönsten Zeit des Jahres, der Urlaubszeit, träumen wir von Harmonie und glücklichen Tagen. Da lohnt es sich einmal über die Liebe sich selbst und dem Nächsten gegenüber nachzudenken. Gerade angesichts dessen, wie hoch die Sehnsucht nach erfüllender Liebe ist und die immer wiederkehrende Erfahrung, hierin zu scheitern.


In unserer Gesellschaft, in der häufig Konkurrenzdruck, Leistungsdruck und Erfolgsdruck das Leben der Menschen bestimmen, ist auch die Liebe entsprechend egoistisch motiviert. Ein Spiegel dieser gesellschaftlichen Situation sind Menschen, die seelisch krank geworden sind.
In der Psychiatrie berichten mir viele Patienten in der Seelsorge von einer Kindheit der Ungeborgenheit. Sie leiden an ihrer eigenen Beziehungsunfähigkeit, an ihrem Mangel an Selbstfürsorge und sind getrieben von einer Sehnsucht nach Liebe, die sie manchmal in eine Sucht treibt oder auch in einer Depression resignieren lässt.


Mein Vorschlag ist, sich der Frage zu stellen und darüber nachzudenken: Wie viel, wann und welche Liebe benötigt ein Mensch, um fähig zu werden, sowohl für sich selbst ein zufriedenes Leben zu gestalten, als auch genügend soziale Kompetenz im Sinne der Nächstenliebe zu besitzen, um mitverantwortlich in der Gesellschaft und in der Welt wirken zu können.


Wir sollten Antworten finden auf die Fragen: Wie viel Zeit, Zuwendung, Annahme, Wertschätzung, Regeln und Grenzen brauchen Kinder und Jugendliche? Aber auch die Erwachsenen? Wie können ethische Werte, soziale Anerkennung, Konfliktfähigkeit und Zukunftsperspektiven nachhaltig vermittelt werden? Wie können wir die im Glauben zugesagte Gegenwart Gottes selbst erleben?


Gegen unser intuitives Wissen, was hilfreich wäre – beispielsweise, sich Zeit für sich selbst und andere zu nehmen um, mehr Wertschätzung und Verständnis leben zu können – steht die menschliche Trägheit, die lieber die Sehnsucht nach romantischer Liebe thematisiert, als aktiv kleine Schritte unternimmt. Doch dieser Mühe, die für eine reife Liebe erforderlich ist, können wir uns langfristig nicht entziehen. Deshalb bleibt es für uns aus dem Glauben heraus eine Aufgabe uns einzuüben in die Selbstliebe und in die Nächstenliebe.


Sich vom Erlebnis- und Zeitdruck zu befreien ist ein erster Schritt im Urlaub, um sich für sich selbst Zeit zu nehmen, um Beziehungen pflegen zu können, sich die Zeit mit der Familie teilen zu können. Dann kann sich die Erfahrung von Liebe einstellen und eine Ahnung kann in uns aufleuchten, was mit der Geborgenheit des Menschen in der Liebe Gottes eigentlich gemeint ist.


Pfarrer Dr. Ulrich Mack




Wie heilig wird mir jede Stätte!

Pfarrer Edzard Albers

Pfarrer Edzard Albers

Pfarrer Edzard Albers

In allen deinen Kreaturen erblick ich, aller Vater, dich.

Aus dem Schützenlied - Justin Heinrich Knecht 1797


Es schützelt bei uns in Biberach. Die fünfte Jahreszeit erfüllt mit ihrer Vorfreude längst die Sommerwochen. Endlich darf wieder gefeiert werden!


Unsere Stadt lebt im Jahresrhythmus ihrer festlichen Mitte entgegen. Zu Schützen kommen alle Bewohner/innen aus Biberach zusammen. Viele tausend Schüler, Musikanten und Historiendarsteller in den Festumzügen, dazu am Straßenrand Eltern, Großeltern, Geschwister, Freunde, Nachbarn, Exil-Biberacher und sogar diejenigen, die im großen Miteinander auf Hilfen angewiesen sind: Vom Schwarzbachkindergarten bis zum Bürgerheim.


Unendlich viele schöne Facetten bringen die Generationen in einem Fest zusammen. Schützentheater, Nachtwächter, Jahrgänger-Gottesdienst, Heimatstunde, Schützentrommler schon früh am Morgen in den Stadtteilen, Scharwächter, Gaukler, Stadtsoldaten, Rummelplatz und Bierkeller, die Kleine Schützenmusik und zeitgenössische Bands auf dem Berg, Tanz durch die Jahr-hunderte, Zunfttänze und Tanz auf dem Marktplatz – und nicht zu vergessen die Räuber mit dem Schwarzen Veri an der Spitze.


Mitten drin in dieser Geschichte stehen die beiden christlichen Konfessionen. Die übers Jahr gelebte Ökumene findet zu Schützen einen glänzenden Höhepunkt. Nicht etwa nur, weil die großen Gottesdienste gemeinsam gefeiert werden. Das gottesdienstliche Feiern ist elementarer und lebendiger Bestandteil der gemeinsamen Festzeit. Die Gottesdienste sind keine Historienspiele, sondern Ausdruck des gegenwärtig gelebten Glaubens.


Eine besondere Rolle darin spielt die Biberacher Hymne, von Herzen gern und inbrünstig gesungen, selbst zu nachtschlafender Zeit vor dem Stecken mit der Rauchfleisch-Seele in der Hand. „Rund um mich her …“ besingt unser Staunen über den von Gott geschenkten Lebensraum. Zu jeder Zeit gelingen diese Worte öffentlich. Sie bekunden ein Moment unserer tiefsten Sehnsucht, welches wir sonst kaum aus zu sprechen wagen. Alles, was lebt, steht in Beziehung zu Gott. Alle, mit denen wir zusammen leben, genießen vor Gott die gleiche Würde. Jeder Fleck kann zu einem Ort der Gottesbegegnung werden. Gottes Segen fließt reichlich, fließt ohne unsere Vorleistung und fließt sogar trotz mancher Gleichgültigkeit, die wir gegen Gottes Zuwendung walten lassen.


In die Schützenhymne lassen sich sehr leicht pantheistische Züge hineinlesen. Naserümpfend entgegnen manche Festkritiker, Justin Heinrich Knecht habe in seinem Lied die Grenzen zwischen Gott und Welt zu sehr verwischt. Im Aufschwung zum Schützenfest 2010 möchte ich dagegen gerne die Chance dieses fröhlich herausposaunten Schöpfungslobes an die vorderste Stelle rücken. Die gesungene Festfreude des Schützenliedes kann ein Anfang werden, den eigenen Glauben neu zu entdecken. Vielleicht beginnt hier die Spurensuche, wie unser Bekenntnis auch nach Schützen neue Kraft gewinnt für unser Zutrauen zum eigenen Leben in der Hand Gottes. Denn nach Schützen ist schon wieder vor Schützen. Dir Gott sei Preis, Dir Dank und Ehre, der Du der ewig Gute bist!


Schöne Schützen wünscht

Edzard Albers


Edzard Albers ist Pfarrer an der Evangelischen Bonhoefferkirche Biberach.


Das große Finale

Pastor Donald Spiegeler-Castaneda

Pastor Donald Spiegeler-Castaneda

Pastor Donald Spiegeler-Castaneda

Millionen auf der ganzen Welt werden am Sonntag den 11.07. das WM-Endspiel miterleben. Die Mannschaften von Holland und Spanien werden ein letztes Mal aufs Spielfeld laufen und ihr Bestes geben. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, Nationen, sozialen Schichten und politischen Ansichten werden ein letztes Mal für ihren Favoriten zittern, hoffen und bangen. Ein Finale – egal um welche Sportart es geht – ist immer ein Ereignis der Superlative.


Woher kommt die Begeisterung und Leidenschaft für dieses Endspiel? Warum werden viele Jugendliche und Erwachsene, Männer und Frauen tief in ihrer Seele berührt? Eine Ursache liegt darin, dass dieses Event etwas Wesentliches von unserem menschlichen Dasein wiederspiegelt: Unser Leben ist zeitlich begrenzt, unsere Kräfte stehen uns nicht endlos zur Verfügung, unsere Kontrahenten möchten ebenso gewinnen und der Ball unterliegt auch seiner eigenen Dynamik. Jedoch wichtiger als all dies ist die Gewissheit, dass es irgendwann einen Schlusspfiff gibt.


So gesehen verläuft das Leben von jedem Menschen wie ein einmaliges Endspiel. Wir haben keine zweite Chance geboren zu werden. Nicht mal einen einzigen Tag kann man wiederholen. Jeder lebt und erlebt für sich selbst sein großes Finale. Die Frage, die offen bleibt ist: wie wird das Spiel ausgehen? Auch wenn es bei einer WM manche Überraschungen gibt, ist es faktisch so, dass ein Spiel, das in der 90. Minute 3:0 steht, nicht mehr umgedreht werden kann. Aufs Leben übertragen kommt es also auf jeden Tag und auf jede Stunde an.
„Gestalte dein Leben so, dass Du am Spielende ein positives Ergebnis hast“ – so kann man ein Wort von Paulus übertragen, das er vom Wettkampf seiner Zeit abgeleitet hat. Das bedeutet, die Ressourcen zu verwenden und die Chancen zu nutzen, die Gott jedem gibt. Mit seiner Hilfe gelingt es jedem, der ihm vertraut, ans Ziel zu kommen, denn im Unterschied zur WM gibt es bei ihm keine - oder besser gesagt sind alle Favoriten. Er will, dass jeder Person ihr Leben gelingt.


Aber ist es nicht so, dass es am Ende Gewinner und Verlierer gibt? Es kann, aber es muss sie nicht geben. Gott kann eine Niederlage in einen Sieg verwandeln – und umgekehrt. Bei ihm sind oft die Letzten die Ersten. Und er macht es auch möglich, dass jede Mannschaft bzw. jeder Spieler auf seine Weise gewinnen kann.


Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Wochenende und viel Freude beim großen Finale.


Pastor Donald Spiegeler-Castaneda,
Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde


Auf ein Wort

Pfarrerin A. Roser-Koepff

Pfarrerin A. Roser-Koepff

Pfarrerin A. Roser-Koepff

Wer verreisen will, muss vorher Abschied nehmen. An der Art des Abschieds entscheidet sich vieles. Zum Beispiel der Grad der Erholung. Ob wir uns den neuen Erfahrungen zuwenden, ob wir abschalten können. Vorsorge tut Not.


Habe ich meine Sachen so zurückgelassen, dass ich sie beruhigt ein paar Wochen aus der Hand geben kann? Schaut jemand nach der Post? Sind die wichtigsten Rechnungen bezahlt, die Wohnung in solch einem Zustand, dass ich später gerne dorthin zurückkehre?


Abschied heißt auch Abschied von meinen nächsten Mitmenschen. Wer in Wut und Streit auseinander geht, der muss noch eine ganze Weile mit dieser Belastung umgehen. Wenn ein wichtiges Gespräch unterblieben ist, kommt man oft gedanklich schwer los. Umgekehrt: Wenn es noch versöhnende Worte gab, gehen wir leichter auseinander. Wenn Konflikte noch zu einer Lösung führten, können wir uns beruhigt auf die neue Zeit einlassen.


Sicher: z. B. eine Reha mag genau dafür gut sein, sich klarzumachen, warum der Abschied verkorkst war und was wir vielleicht ändern müssten in unserem Zusammenleben. 


Ein guter Abschied jedenfalls, das ist wie ein Segen. Ein Segen aus Worten, aus guten Gedanken, ein Blick oder eine Umarmung, ein Händedruck, an den wir uns gern erinnern. Ein Segen geht mit, begleitet, macht offen und frei, damit es gut wird mit meinem Weg.


Gab Rief-Mohs hat dazu ein Gedicht in oberschwäbischem Dialekt geschrieben.


Abschied
Kend du gohscht
Du wit was sea
Ond was verleaba
Wit laufa ond wit fliega lerna.


Dascht emmer komma
Wenn da wit
Dohoim des bleibt
Au wenn da gohscht.


Wenn Sie mehr Geschichten und Gedichte von ihr hören wollen, besteht dazu am 13. August in der Schlossklinik die Gelegenheit.


Bleiben Sie behütet!
Ihre Klinikseelsorgerin Pfarrerin A. Roser-Koepff



Der Heilige Geist ist keine Zimmerlinde…

Pfarrer Jörg Scheiring

Pfarrer Jörg Scheiring

Pfarrer Jörg Scheiring

Der Mathelehrer fragt im Unterricht: „Was ist die Wurzel von neun?“ Eine Schülerin antwortet: „Ich glaube drei!“ Daraufhin der Lehrer: „Glauben heißt: nicht wissen.“ Wenn es um Fakten geht, ist Wissen mehr wert, als vage Vermutungen. Der Lehrer fragt danach, was man weiß und will darum nicht hören, was man glaubt.


Wenn mich jemand fragt: „Was glaubst du eigentlich?“, dann will er von mir nicht in erster Linie hören, was ich weiß oder was ich womöglich nur vermute. „Was glaubst du denn?“ Da geht es nicht um Fakten, sondern es geht darum, was mein Leben trägt. Es geht darum, worauf ich mich verlasse, was ich hoffe und wem ich vertraue. Es geht darum, worauf mein Leben gründet und woraus ich Hoffnung schöpfe und Zuversicht gewinne. Glauben heißt nicht: Einem Katalog von Lehrsätzen, die für Fakten gehalten werden zuzustimmen, sondern glauben bedeutet, mein Vertrauen ganz und gar auf etwas zu setzen, was außerhalb meiner selbst liegt.


In unserem Glaubensbekenntnis sagen wir: „Ich glaube an den Heiligen Geist.“ Das heißt: Ich vertraue darauf und baue darauf, dass dieser Geist in meinem Leben und in der Welt am Werk und wirksam ist. Ich glaube es, aber ich kann es nicht beweisen, so wie der Lehrer den mathematischen Beweis der Wurzelberechnung führt. Denn sehen kann man diesen Geist nicht – aber man spürt seine Auswirkungen.


Der Schweizer Dichter und Pfarrer Kurt Marti hat einmal gesagt: „Der Heilige Geist ist keine Zimmerlinde / vielmehr vergleicht die Schrift ihn mit dem Winde.“ Eine Zimmerlinde kann man sich anschauen, sie in die Ecke stellen. Den Wind aber muss man spüren.


Dass Gott bis heute im Leben von Menschen wirkt, kann man nicht beweisen, ich kann es nur für mich, in meinem Leben spüren: „Dich schickt der Himmel!“ sagen wir zum Beispiel, wenn uns jemand unverhofft zu Hilfe kommt. Tatsächlich kann Gottes Gegenwart in einer Begegnung mit einem anderen Menschen spürbar werden. Wenn ein unverhoffter Besuch die Einsamkeit durchbricht.


Wenn es nach einem jahrelangen bitteren Streit zwischen Geschwistern endlich zur Versöhnung kommt. Wenn einem urplötzlich ein Licht aufgeht und einem etwas einleuchtet, man etwas erkennt und begreift, was einem bisher verborgen blieb. Oder wenn die Gemeinschaft in einem Gottesdienst mich mit meinen Sorgen  und Ängsten trägt, dann spüre ich: Gottes Geist, Gottes Gegenwart und Liebe wirken in meinem Leben.


Klar, von außen betrachten oder beweisen kann ich das nicht. Ich vertraue darauf. Im Übrigen beruhen alle wichtigen Dinge, zum Beispiel Liebe, Freundschaft oder Frieden nicht auf Beweisen, sondern auf Vertrauen. Und man muss sie erleben, nicht betrachten. Wenn Gottes Heiliger Geist am Werk ist, gibt es möglicherweise nichts zu sehen, aber viel zu erleben. Das können Sie glauben.


Jörg Scheiring,

Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Kirchdorf


Glauben oder wissen – eine falsche Alternative

Pfarrer Reinhold Schuttkowski

Pfarrer Reinhold Schuttkowski

Pfarrer Reinhold Schuttkowski

"Ich glaube nur, was ich sehe“ – dieser Einstellung kann man immer wieder begegnen. Die Menschen, die so denken, wollen sich nur auf etwas verlassen, das ihnen auch wirklich sicher und zuverlässig erscheint. Und genau das ist das Problem: es scheint nur sicher und zuverlässig zu sein. Wenn wir nur glauben, was wir sehen, sind wir arm dran und werden unserer Wirklichkeit nicht gerecht.


Es sei nur an die Sonne am Himmel erinnert. Wir sehen, dass sie morgens im Osten aufgeht und abends im Westen untergeht. Also liegt doch der Schluss nahe, dass sie sich im Laufe eines Tages bewegt. Und mit dieser Meinung haben die Menschen Jahrtausende lang gelebt – bis sich herausgestellt hat, dass eben nicht immer alles so ist, wie unsere Augen es uns nahelegen. Wer hier nur glaubt, was er sieht, ist auf dem Holzweg.


Oder: im Physikunterricht haben viele das Experiment miterlebt, wie man eine Lampe so schnell aus- und einschalten kann, dass unsere Augen glauben, sie würde durchgehend leuchten, obwohl sie immer wieder ausgeschaltet wird. Auch hier führt uns das Vertrauen in unsere Augen in die Irre.


Die deutsche Sprache macht es uns aber auch nicht gerade leicht. „Ich glaube, dass es heute noch schneit“ meint ja, wir wissen es nicht genau, ob es heute noch schneit. So kommt auch der christliche Glaube in den Verdacht der Unzuverlässigkeit. „Glauben heißt nichts wissen“ ist ein Sprichwort, das durchaus verbreitet ist und oberflächlichen Kritikern des Glaubens zum Beweis ihrer Überlegenheit herhalten muss. Aber den christlichen Glauben trifft das nicht. Wenn Christen glauben, dann ist das nicht etwas Dummes, Uninformiertes, das irgendwelche unwahrscheinlichen Dinge zum Inhalt hat, die evtl. auch noch den Naturgesetzen widersprechen. Christlicher Glaube meint Vertrauen – Vertrauen in Gott und seine guten Absichten für die Menschen und seine ganze Welt. Das hat nichts mit Beweisen und Widerlegen zu tun, sondern mit der persönlichen Einstellung jedes Einzelnen. Allerdings ist der Glaube auch nicht etwas Beliebiges, wo sich jeder zusammenbasteln kann, was ihm gerade passt und interessant erscheint. Die Wirkung Gottes in dieser Welt kann man genauso wenig naturwissenschaftlich schlüssig beweisen wie z.B. die Liebe. Kein Mikroskop der Welt wird uns die Bestandteile und Wirkungen der Liebe zeigen können – das müssen wir schon selbst erfahren und erleben. So ist es auch mit unserem Glauben – eigene Erfahrungen machen, offen bleiben für Überraschungen, für Dinge, die unsere Augen nicht sehen, die aber doch real sind und wirken.


Mancher Kritiker ist sich auch sehr sicher, dass es keinen Gott geben könne, weil der Mensch ihn aus einem Wunschdenken heraus erfunden hätte. Auch das ist zu kurz gedacht: wenn ein Hungernder sich Brot wünscht, beweist das doch noch lange nicht, dass es kein Brot geben kann. Manche Ergebnisse der neueren Hirnforschung zeigen, welche Teile des Gehirns für Inhalte und Gefühle der Religion bzw. des Glaubens zuständig sind. Wer hier voreilige Schlüsse zieht, meint dann, es könne keinen Gott geben, weil religiöses Empfinden eben nur aus biologischen und chemischen Reaktionen bestehe und uns da was vortäusche, was in Wirklichkeit nicht existiere. Als ob es keine echte Umgebung geben könnte, nur weil das, was unsere Augen sehen, als optischer Reiz über unsere Netzhaut an einer bestimmten Stelle unseres Gehirns ausgewertet wird.

Christlicher Glaube kann aus voller Überzeugung Naturwissenschaft betreiben – und den Glauben an keiner Stelle gefährdet sehen, weil Glauben im biblischen Sinne „Vertrauen“ meint, Vertrauen in die Wege Gottes, die uns der Zimmermann Jesus von Nazareth eindrucksvoll und überzeugend erklärt und vorgelebt hat – bis zum vorläufigen bitteren Ende, auf das wir jetzt in der Passionszeit zugehen. Dass es damit nicht sein Bewenden hatte, sondern weiterging – und wie! -, ist wiederum eine Sache des Vertrauens. Eines Vertrauens, das aus gutem Grund glaubt, dass die Welt nicht aus Zufall existiert und sinnlos durch die Zeit treibt. Passion und Ostern bringen uns das jedes Jahr wieder nahe.



Reinhold Schuttkowski, Evangelisches Pfarramt Ummendorf



Reformationsjubiläum