© Schwäbische Zeitung 30.08.2016

Auf dem Marktplatz in Wittenberg läuft der Countdown: In der großen Kugel wird sekündlich die Zeit bis zum Start der „Weltausstellung Reformation – Tore der Freiheit“ am 20. Mai 2017 heruntergezählt. FOTO: BAWA

Der Lu­ther-Count­down läuft

2017 jährt sich der Thesenanschlag des Reformators zum 500. Mal - Die Mitte Deutschlands rüstet sich für den Ansturm

Wittenberg -
Wittenberg - In der Mitte Deutschlands luthert es schon gewaltig. Geschichtsträchtige Kirchenbauten sind renoviert, an den Gedenkstätten wird letzte Hand angelegt, und die Museen arbeiten unter Hochdruck für das nationale Ereignis schlechthin: Am 31. Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Zu Ehren des runden Datums dürfen sich die Bundesbürger sogar auf einen einmaligen nationalen Feiertag freuen. Denn auch die Bundesregierung macht sich stark für das Jubiläum. Zählt doch die Reformation für sie zu den geistigen Wurzeln unseres Gemeinwesens.

Der Festreigen beginnt bereits am Reformationstag 2016 in Berlin mit einem Gottesdienst in der Marienkirche sowie einem Festakt mit Bundespräsident Joachim Gauck. Und dann wird ein gewaltiger Besucher-ansturm einsetzen. Die Luther-Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erwarten Gäste aus aller Welt - vor allem aus Amerika als dem wichtigsten von der Reformation geprägten Land außerhalb Europas. Dort wird bereits vorgesorgt: Ab Oktober informieren drei Ausstellungen in New York, Minneapolis und Atlanta über Luther und die globalen Folgen für Politik, Gesellschaft und Kultur. Unter anderem kann eine Poster-Ausstellung "#here i stand" per Mausklick weltweit heruntergeladen werden.

Zurück nach Deutschland. Eine Szene hat sich tief in das kollektive Gedächtnis unserer Nation eingegraben: Am 31. Oktober 1517 nagelt der Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses an die Türe der Schlosskirche von Wittenberg und löst damit eine Bewegung aus, die weder der Papst mit der Bannbulle noch der Kaiser mit der Reichsacht zu stoppen vermögen. Zeugen von Luthers folgenreicher Aktion gab es nicht. Egal - Luther hämmert, so stellt man sich den streitbaren Mönch nun mal vor. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass ein Hammer als Logo für die drei nationalen Sonderausstellungen in Berlin, Eisenach und Wittenberg zum Reformationsjubiläum wirbt. Die volle Wucht der Reformation soll die Besucher treffen, wenn sie sich von Frühjahr bis Herbst 2017 dem Theologen und Konfessionsgründer, Bibelübersetzer und Wortschöpfer, Mönch und Familienvater nähern. Das verspricht zumindest Astrid Mühlmann, Geschäftsführerin der "Staatlichen Geschäftsstelle Luther 2017" in Wittenberg, die zur Pressereise zu den wichtigsten Lutherstätten eingeladen hat.

Das Reisen war mühsam

"Mit den eigenen Augen zu sehen, ist besser als mit fremden", so zitiert sie den Reformator, als sie die Ausstellungspläne vorstellt. Das passt auch gut heutzutage, da man problemlos reist. Zu Luthers Zeiten war es eher mühsam. Vor allem für den Reformator. Sein Lebensmittelpunkt lag im überschaubaren Kursachsen: Eisleben, Mansfeld, Eisenach, Erfurt, Wittenberg, Leipzig. Wenn er weiter weg musste, dann waren das keine Lust-reisen. 1510 pilgerte er nach Rom und kehrte enttäuscht über die Selbstgefälligkeit der Amtskirche zurück. In Augsburg wurde er 1518 von Kardinal Kajetan wegen seiner 95 Thesen in die Mangel genommen. Und der Besuch in Worms 1521 war für ihn gar lebensgefährlich. Auf dem Reichstag weigerte er sich, zu widerrufen und wurde für vogelfrei erklärt. Hätte sein Landesherr Kurfürst Friedrich der Weise ihn nicht auf die Wartburg entführen und dort abschirmen lassen, wäre sein Schicksal besiegelt gewesen. Seine letzte weitere Reise sollte ihn 1530 zum Reichstag nach Augsburg bringen. Aber auf der heute bayerischen Veste Coburg, die damals noch zu Kursachsen gehörte, war Endstation. Zu gefährlich, befand sein Landesherr. Stattdessen handelte Luthers treuer und kluger Freund Philipp Melanchthon mit dem Kaiser das "Augsburger Bekenntnis" der Protestanten aus.

Luthers Welt war also klein, aber dank des aufkommenden Buchdrucks verbreiteten sich seine Ideen in Windeseile. Bei der Ausstellung 2017 im Berliner Martin-Gropius-Bau (12. April bis 5. November) geht das Deutsche Historische Museum deshalb dem "Luthereffekt" nach und damit der Frage, wie 500 Jahre Protestantismus die Welt verändert haben. Im Lutherhaus in Wittenberg wiederum präsentiert die Stiftung Luthergedenkstätten die Doppelausstellung "Luther! 95 Menschen - 95 Schätze" (13. Mai bis 5. November). Sie erinnert an Menschen, die von Luther inspiriert, aber auch provoziert wurden. Es war wohl kein Problem, 95 von ihnen zu finden! Zum anderen will die Schau den historischen Luther fassbar machen. Wertvolle Leihgaben wie seine private Bibel von der Veste Coburg, sein Reiseschreibkasten und sein Testament sollen dabei helfen.

Luthers dunkle Seiten

Auf der Wartburg bei Eisenach, wo Luther als Junker Jörg im Schutz der dicken Mauern 1521 das Neue Testament in weniger als einem Jahr übersetzte, heißt es "Luther und die Deutschen" (4. Mai bis 5. November). Damit hat sich die Wartburg-Stiftung, die diese mit 350 000 Gästen jährlich weltweit meistbesuchte Luthergedenkstätte betreut, ein besonders heikles Thema ausgesucht. Darlegen will man, wie das Luthertum Deutschland verändert hat - durch die Kirchenspaltung, aber auch durch einen anderen Bildungsbegriff und eine neue bürgerliche Geistlichkeit. Luthers dunkle Seiten sollen dabei nicht ausgeblendet werden: sein noch dem Mittelalter verpflichtetes Obrigkeitsdenken im Bauernkrieg, vor allem aber sein Antisemitismus der späten Jahre. 1543 rät er in seiner Schrift "Von den Juden und ihren Lügen", man solle ihre Synagogen und Schulen verbrennen - bekanntlich eine Steilvorlage für die Nazis.

Aber nicht nur Deutschland und die Welt wurden durch Luther verändert, auch das Lutherbild selbst ist immer wieder dem Zeitgeist angepasst worden - allein schon rein äußerlich, von Lucas Cranach d. Ä. über Albrecht Dürer und Johann Gottfried Schadow bis Werner Tübke. Die Reformation und ihre Vertreter wurden zudem stets von der jeweiligen Politik vereinnahmt. So funktionierten die Preußen nach 1885 die Schlosskirche in Wittenberg zur Heldengedenkstätte für Reformatoren um und bauten - völlig unpassend - einen zweiten protzigen Turm mit Pickelhaube hinzu. Weit ins Land hinaus sollte er künden, dass hier jetzt nicht mehr die Kursachsen das Sagen hatten. Die neogotische Innenarchitektur erstrahlt zum Jubiläum frisch restauriert. Selbst die Glasfenster mit den Wappen der reformierten Städte sind wieder komplett. In DDR-Zeiten hatte ein Handwerker die westlichen Wappen entfernen müssen, sie allerdings nicht weggeworfen, sondern sorgsam verwahrt. Jetzt wurden sie - eine hübsche Marginalie - vom Sohn wieder eingebaut.

Reformation als Weltereignis

Heldenverehrung will man bei dieser 500-Jahr-Feier auf jeden Fall vermeiden. Deswegen haben manche sogar ein Problem mit dem Signet. Cranachs Luther-Porträt mit schwarzem Barett vor rotem Hintergrund, das seit Beginn der Lutherdekade 2008 für das Jubiläum wirbt, ist ihnen zu personenbezogen. Aber Luther ist nun mal der bekannteste Kopf der Reformation - und Köpfe ziehen bei heutiger PR. Dennoch: Im Mittelpunkt soll die Reformation als Weltereignis stehen und nicht der Mönch aus Wittenberg. Das betonen auch die heutigen Landesfürsten von Sachsen-Anhalt und Thüringen. Schließlich haben sie die Staatskassen weit geöffnet - allein Sachsen-Anhalt investierte rund 100 Millionen, wie Ministerpräsident Reiner Haseloff im Gespräch versichert. Und das in einem Bundesland, in dem nur noch elf Prozent der reformierten Kirche angehören und lediglich vier Prozent der katholischen. Da braucht es gute Gründe für diese Ausgaben. Haseloff, Wittenberger mit Familientradition, ist überzeugt, dass man die Bedeutung der Reformation auch nichtreligiösen Menschen erschließen kann. Außerdem setzt der CDU-Mann auf nachhaltigen Tourismus, selbst über 2017 hinaus. Auch eher säkular gesinnte Wittenberger lassen übrigens nichts über ihren Luther kommen. Auf dem Marktplatz steht derzeit neben den Denkmälern für Luther und Melanchthon eine riesige Weltkugel, die die Zeit bis zum Beginn der "Weltausstellung Reformation - Tore der Freiheit" am 20. Mai 2017 herunterzählt. Während der 16 Themenwochen können die unterschiedlichsten Gruppen teilnehmen. "Es wird konkretisiert und gelebt, was das Reformationsjubiläum 2017 im Vergleich zu bisherigen Lutherjubiläen ausmacht: ökumenisch, interreligiös, international, mit Frauen und Männern als Beteiligte sowie mit einem wissenschaftlich methodischen Umgang mit der Bibel", so wirbt die EKD als Veranstalter.

© Schwäbische Zeitung 27.08.2016

Foto: privat

Zum Es­sen er­klingt Mu­sik

Zum Sommerfest der Kulturen kommen nur Flüchtlinge

Schwendi - Zu einem Sommerfest der Kulturen hat die ökumenische Flüchtlingshilfe Schwendi eingeladen. Ziel sollte das gegenseitige Kennenlernen der Flüchtlinge und der Bevölkerung sein, um die Integration vorazubringen. "Leider ist das nicht ganz gelungen", sagt Heinrich Dubell, der Koordinator der Flüchtlingshilfe. "Grund waren sicher die vielen Feste, die gleichzeitig stattgefunden haben, deshalb sind keine Einheimischen gekommen."

Der Grillplatz beim Sägewerk Miller erwies sich dennoch als ideal. Die Eltern konnten ihre Kinder loslassen, da das Gelände umzäunt ist. Rutsche, Schaukel, Trampolin und Torwand waren vorhanden. Die Kinder konnten ausgelassen toben und nutzten das Spiel-Angebot.

Die Idee für das Fest entstand beim Besuch in Berkheim im Juni, erzählt Heinrich Dubell: "Der dortige Integrationskreis hat unter dem Motto kulinarisches Fest der Kulturen die Bevölkerung eingeladen. Die Asylbewerber haben Speisen aus ihrem Herkunftsland gekocht und den Besuchern zum Kauf angeboten. Die Flüchtlinge aus Schwendi waren auch dazu eingeladen. Am Ende der Veranstaltung verabredeten die Leiter aus Berkheim und Schwendi einen Gegenbesuch. Dieser fand nun statt."

Zu Fuß oder mit dem Rad kamen die Flüchtlinge aus Schwendi zu ihren Arbeitseinsatz. "Das Landratsamt Biberach war behilflich mit einem Bus", sagt Dubell. "Zwei Vertreter des Amts für Flüchtlinge brachten die sechsköpfige syrische Familie aus Biberach, die früher in Schwendi gewohnt haben, mit."

Die Hauptspeisen wurden frisch vor Ort zubereitet. Die Flüchtlinge kochten drei unterschiedliche Speisen. Eine davon war Geflügelbrust mit Reis und Malukie (Blattgemüse). Die Speisen waren Koran-konform, also halal, zubereitet. Der kleinere Teil war haram, mit Schweinefleisch, und war für die deutsche Bevölkerung gedacht. Es gab Bratwürstchen und Buletten im Angebot. Als Beilage gab es Kartoffelsalat.

Begleitet wurde das Essen mit Live-Musik des Duos "Six Strings'n You" aus Burgrieden. Ab 14 Uhr gab es Kaffee, Tee und Kuchen. Im Anschluss spielte Country-Günther (Gitarre und Gesang), er wurde begleitet von Hedwig (Gitarre und Gesang) und einem Ghanaer (Trommel).


© Schwäbische Zeitung 22.08.2016

Pfarrerin Anne Mielitz in Riedlingen

In­ter­es­san­ter Ein­blick in an­de­re Bran­che
Bekannte Riedlinger Gesichter sprechen über die Ferienjobs ihrer Jugend

von Deborah Springer 22. August 2016

Riedlingen - Ferienjobs, ein Thema mit dem die meisten schon einmal konfrontiert wurden. Zur Finanzierung des Studiums oder der Erfüllung von besonderen Wünschen war so mancher dazu gezwungen, sich in den Ferien einen Job zu suchen.

Anne Mielitz, Pfarrerin in der evangelischen Gemeinde Riedlingen, arbeitete nach ihrem Abitur vier Wochen in einer Scheibenwischermanufaktur. Damit konnte sie sich den Wunsch nach einer Interrail-Tour durch Frankreich erfüllen. "Es war ein interessanter Einblick in eine andere Branche", sagt Mielitz. Neben ihrem Studium arbeitete sie im Cateringservice einer Metzgerei. "Das Nette war ein Vesper, das uns die Senior-Chefin immer noch einpackte. Was unseren Studentenhaushalt natürlich auch etwas entlastet hat", erzählt Mielitz.

Josef Rief, Bundestagsabgeordneter der CDU für den Wahlkreis, hatte keine Wahl. Er musste in jeden Ferien im Landwirtschaftsbetrieb seiner Eltern arbeiten. "Die Arbeit in der Landwirtschaft hat mir aber natürlich Spaß gemacht, deswegen bin ich ja auch selber Landwirt geworden", erklärt Rief. Geld habe er bei der heimischen Arbeit immer bekommen, wenn er es dringend brauchte. Meistens habe er das Geld gespart. Das Beste, das er sich in seiner Jugend geleistet habe, war ein Moped. "Manchmal war das Arbeiten schon anstrengend, vor allem, wenn ich abends vom Fußball nach Hause kam. Aber ich habe dabei ja auch was gelernt. Zum Beispiel habe ich mir mit dem Führerschein leicht getan, weil ich als Kind sowieso immer Traktor gefahren bin", erzählt der Abgeordnete.

Wer sich im Sommer lieber entspannen will, sollte es machen wie Martin Gerster, Bundestagsabgeordneter der SPD. Er arbeitete als Jugendlicher nur während der Schulzeit, um im Sommer in den Urlaub gehen zu können. Wenn er in den Ferien arbeitete, dann nur in den Oster- und Herbstferien. Er putzte zweimal die Woche mit dem Hausmeister das Pestalozzi-Gymnasium, trug Kirchenblätter aus und fuhr Pizza für die "Goldene Taverne" aus. "Eklig war das Putzen schon manchmal, aber rückblickend hat die Arbeit mir immer gut getan", sagt Gerster.

Als Oberstufenschüler hat Heiko Schmid, Biberacher Landrat, in den Ferien in einem Supermarkt gearbeitet. Dort war er eigenständig für die Obst- und Gemüseabteilung verantwortlich. Hin und wieder arbeitete er auch in einer Tankstelle. "Als ich den Führerschein hatte, fuhr ich mit einem 7,5-Tonner Hausgeräte wie Waschmaschinen oder Spülmaschinen aus. Von dem verdienten Geld konnte ich mir dann einen Urlaub leisten", erzählt Heiko Schmid. Später als Student leitete er während der Semesterferien sogar eine kleine Bankfiliale. Die Ausbildung hatte er zuvor gemacht. Von diesem Geld finanzierte er sich das Studium. "Es war nicht immer einfach, doch die Zeit als Ferienarbeiter möchte ich nicht missen."

"Es war selbstverständlich in den Ferien oder auch während der Schulzeit im Handwerksbetrieb der Familie mitzuarbeiten", berichtet Kornelia Eisele, Vorsitzende der Handels- und Gewerbevereins sowie des City-Marketingvereins Riedlingen. Eisele, die in der DDR aufgewachsen ist, half vor allem im Büro des Familienunternehmens mit. Geld hat dabei keine Rolle gespielt, denn es war in der Familie üblich anzupacken, wenn die Kapazität dafür da war.

Der in Rumänien aufgewachsene Johann Suck arbeitete in der Erntezeit in der Landwirtschaft. "Man war eine Gruppe von Freunde, dadurch hat auch die Arbeit mehr Spaß gemacht", erzählt der heutige Leiter des Stadtbauamts in Riedlingen. Die Gruppe rund um Suck trieb auch manchen Unfug auf den Tomatenfeldern. Und ihre Eltern bekamen einmal eine saftige Rechnung über ein zerstörtes Bewässerungssystem. Die restlichen Ferien wurden sie zum Schleppen von Hundert-Kilo-Säcken verdonnert. Vom hart erarbeiteten Geld kaufte sich Suck im Alter von 13 Jahren eine Tischtennisplatte. Nach langem Sparen war auch der Kauf eines Fahrrads möglich. "Da war man dann schon wer", berichtete der Bauamtsleiter, "wenn man ein Fahrrad hatte".

© Schwäbische Zeitung 22.08.2016

Vom Kreuzgang aus wird die Bernhardsmesse im Münster Heiligkreuztal feierlich eröffnet. Foto: Kurt Zieger

Wulz: "Bern­hards­mes­se ist Zeug­nis der Ein­heit"
Landkreis und Kirche pflegen jahrzehntelange Tradition im Münster Heiligkreuztal

Von Kurt Zieger 22. August 2016

Heiligkreuztal - Seit 1977, als zum ersten Mal eine Bernhardsmesse im Münster Heiligkreuztal gefeiert wurde, verging kein Jahr ohne dieses für Kirche und Landkreis bedeutsame Ereignis. Nach Altlandrat Dr. Wilfried Steuer, dem Vater dieses Begegnungstags, pflegen Kirche und Landräte im ökumenischen Geist diese Tradition.

Gemeinsam mit Dekan Sigmund Schänzle und einem Vertreter der Kirche Afrikas feierte Prälatin Gabriele Wulz aus Ulm diesen von ökumenischer Grundhaltung geprägten Gottesdienst. "Seit 40 Jahren ist es eine gute Tradition, das Leben und Beispiel des heiligen Bernhard von Clairvaux zu betrachten", stellte Dekan Schänzle bei seiner Begrüßung fest. Dass an diesem "urkatholischen Gedenktag" eine evangelische Regionalbischöfin die Predigt hält, bezeichnete er als einen besonderen Aspekt im diesjährigen Martinusjahr, als dem Jahr der Barmherzigkeit.

Diesen Gedanken griff Prälatin Wulz in ihrer Predigt auf. "Von auswärts kommend bereits um 9 Uhr im Münster Heiligkreuztal zu sein, verdient Respekt", meinte sie schmunzelnd, doch die Einladung zu diesem besonderen Gottesdienst im Jahr vor dem Jubiläum der Reformation sehe sie als Zeichen der fortschreitenden Annäherung der beiden christlichen Konfessionen in Deutschland.

In der Deutung des Tagesevangeliums betonte die Prälatin besonders den Satz "Auf dass sie alle eins seien." Auch Heilige wie Bernhard von Clairvaux seien widersprüchliche Geschöpfe gewesen. In der Tatsache, dass er auf alle Ehren und Würdigungen verzichtete, leuchte sein Verständnis von Liebe auf als Band, das Gemeinschaft weckt und erhält, das über alle äußeren Strukturen hinausgeht. Nur durch Erfahrungen von Liebe heute in Verbindung mit der "charta caritatis" der Zisterzienser könne die Welt zum Glauben kommen. Viele Fragen der Rechthaberei könnten so überwunden werden. "Einheit vor Ort ist nicht Uniformität, sondern versöhnte Verschiedenheit", betonte die Predigerin. "Ich empfinde die Bernhardsmesse als Sternstunde voll Freude im Zeichen der Einheit."

Zum 40. Mal wurde dieses Jahr die Bernhardsmesse im Münster Heiligkreuztal gefeiert. Landrat Dr. Heiko Schmid dankte Dekan Sigmund Schänzle, dass er diese Tradition als Herzensanliegen pflegt und weiterführt. Sein Gast aus Uganda wie auch Prälatin Gabriele Wulz hätten so die Möglichkeit, auch "barocken Humor mit protestantischer Tradition vereint" zu erleben. "Martin Luther hat Bernhard von Clairvaux als gottesfürchtigen Mönch geschätzt, die Predigt einer Frau zur Bernhardsmesse ist für uns alle eine echte Bereicherung", betonte Schmid und überreichte Blumen. Auch die Tradition des Frühschoppens im "Roten Haus" in Andelfingen schätzte Schmid. Das sei ein Ort, wo aktive und pensionierte Kreisräte ihre Verbindungen pflegen könnten.

Für Altlandrat Dr. Steuer bildet die wertvolle Statue des heiligen Bernhard einen wichtigen Bestandteil seiner Lebensgeschichte. Die Krankenhauskapelle Riedlingen und das Münster Heiligkreuztal, aber auch der damalige Pfarrer Josef Aierstock von Andelfingen, der vor einer Versicherung der wertvollen Figur nichts wissen wollte, gehören ebenso dazu wie das Jahr 1977, in dem erstmals eine Bernhardsmesse gefeiert wurde. "Am Anfang waren nicht alle auf dem Amt, auch nicht alle Parteien, von diesem Vorhaben begeistert", erzählte Steuer, "doch heute schreitet alles voran."

Es sei unendlich wichtig, dass die großen christlichen Kirchen zusammenwachsen und zusammenstehen. Dazu könne die Bernhardsmesse in Heiligkreuztal auch ein Baustein sein. Schmunzelnd stellte Steuer fest, dass im Hause Aleker in Andelfingen jüngst ein kleiner Felix das Licht der Welt erblickt habe. "Damit ist auch der Fortbestand des Frühschoppens in seiner Tradition auf Jahre hinaus gesichert." Im kommenden Jahr soll das 40-jährige Bestehen der Bernhardsmesse in Heiligkreuztal offiziell gefeiert werden.

© Schwäbische Zeitung 20.08.2016

Pfarrer Michael Ogrzewalla ist im Alter von 54 Jahren am Dienstag plötzlich gestorben Foto: Archiv

Trau­er um Pfar­rer Mi­cha­el Ogrze­wal­la
Beliebter Geistlicher stirbt im Alter von 54 Jahren - Seit 2014 an den Hochschulen

Ulm - Die evangelische Kirche in Ulm trauert um Pfarrer Michael Ogrzewalla. Er ist im Alter von 54 Jahren am Dienstag plötzlich gestorben. Ogrzewalla war von 2001 bis 2014 Pfarrer in Erbach, danach Hochschulpfarrer in Ulm. "Wir sind alle geschockt", sagte Dekan Ernst-Wilhelm Gohl über den plötzlichen Tod des beliebten Seelsorgers. "Er war hoch gebildet, ein toller Pfarrer und für viele ein guter Freund." Er habe zu den Studenten und Dozenten an der Universität und an der Hochschule einen sehr guten Draht gehabt. Und auch an seiner früheren Wirkungsstätte habe er tolle Arbeit geleistet. Die Trauerfeier findet nächsten Montag um 14 Uhr in der Kirche St. Georg statt.

Geboren wurde Ogrzewalla in Tübingen, dort begann er ein Theologiestudium, das er in München und Rom fortsetzte. Es folgten vier Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kirchlichen Hochschule Berlin-Zehlendorf. Dort analysierte er mittelalterliche Schriften. Später sagte Ogrzewalla darüber: "Die Zeit an der Uni war wichtig für mich. Nach dem theologischen Examen konnte ich noch nicht in den Pfarrdienst, da wollte ich noch mehr wissen." Für ihn stand immer fest: "Intellekt verträgt sich mit großer Freude am Glauben." Sein Verständnis von Glauben formulierte er als "schön, fröhlich und tröstlich."

Vikariatsjahre in Bad Schussenried schlossen sich an, es folgten fünf Jahre als Pfarrer in Eriskirch/Bodensee. Im November 2014 trat Ogrzewalla eine neue Stelle an: die des evangelischen Hochschulpfarrers in Ulm. Er hatte sich auf die Stelle gefreut, weil er sich mit der akademischen Welt verbunden fühlte, weil sie Gelegenheit zur ökumenischen Kooperation mit der Katholischen Studierendengemeinde und Pfarrer Michael Zips bot. Gohl: "Ogrzewalla war in der religiösen Diskussion immer offen für die Ökumene."

Der Uni-Präsident Professor Michael Weber sagt über Ogrzewalla: "Er hatte stets ein offenes Ohr für Studierende und alle anderen. Die Nachricht von seinem plötzlichen und viel zu frühen Tod ist ein Schock für alle, die ihn kannten. Ein Anliegen des Theologen war es, eine Brücke zwischen Wissenschaft und Kirche zu schlagen - er hatte noch so viel vor. Wir sind sehr traurig."

Auch der katholische Studierendenpfarrer Michael Zips, den die Nachricht im Urlaub erreichte, ist zutiefst betroffen: ",Seid mutig und seid stark! Alles, was ihr tut, lasst in der Liebe geschehen' - diesen Paulus-Satz hat mein lieber Kollege Michael Ogrzewalla am Ende eines jeden Gottesdienstes den Menschen zugesprochen. Darin lässt sich für mich sein Wirken zusammenfassen."

© Schwäbische Zeitung 17.08.2016

In einem mobilen Holzbackofen wurden die Pizzen gebacken. Bei herrlichem Sommerwetter haben alle gemeinsam gegessen. Fotos: Manuel Mussotter

Schwä­bi­sche Din­ne­te trifft auf sy­ri­sche Piz­za
Der Arbeitskreis Flüchtlinge in Wain hat eine besondere Integrationsveranstaltung organisiert


Von Manuel Mussotter 17. August 2016

Wain - Ein besonderes Event hat der Arbeitskreis Flüchtlinge in Wain veranstaltet. Die Bürger, insbesondere die Nachbarn der Gemeinschaftsunterkunft der Flüchtlinge in der Rosenstraße, waren zum gemeinsamen Pizzaessen eingeladen.

Dabei wurden die Pizzen nicht im gewöhnlichen Elektroofen gebacken, sondern in einem mobilen Holzbackofen, der eigens für diese besondere Integrationsveranstaltung organisiert worden war. Zunächst haben ein paar "alteingesessene" Wainer Bürger die traditionell schwäbischen Dinnete zubereitet.

Die Besucher kamen jedoch ins Staunen, als zwei gelernte Bäcker aus dem Irak und aus Syrien das Regiment am Ofen übernahmen. So flog der Teig durch die Luft, ehe er geformt wurde, und der Ofen wurde noch einmal richtig befeuert, sodass die Flammen heraus züngelten. Schnell stellten jedoch die Festbesucher fest, dass auf diese Art und Weise auch ein besonderes Gebäck entstanden war, das vorzüglich schmeckte.

Sprachenmix aus Arabisch, Englisch und Schwäbisch

Bei herrlichem Sommerwetter wurde gemeinsam gegessen und für Erfrischung sorgten angenehm gekühlte Getränke. Manch ein Wainer bemühte zur besseren Verständigung sogar ein Wörterbuch und so war ein interessanter Sprachenmix aus Arabisch, Englisch, Hochdeutsch und Schwäbisch zu vernehmen.

Der Arbeitskreis Flüchtlinge Wain wollte mit dieser Veranstaltung allen die Möglichkeit geben, sich in einer lockeren Atmosphäre kennenzulernen, die Verständigung zu fördern und eventuelle Barrieren abzubauen. Das Team des Arbeitskreises um die Ansprechpartner Pfarrer Ernst Eyrich und Jens Rieso wollte mit dieser Idee eine weitere Grundlage für eine Integration der Flüchtlinge schaffen.

© Schwäbische Zeitung 17.08.2016

Die Bootsskulptur von Melina Braß und Joshua Glaser bildet das zentrale Element der Gedenkstätte für Menschen, die auf der Flucht ihr Leben verloren haben.

Die Bootsskulptur von Melina Braß und Joshua Glaser bildet das zentrale Element der Gedenkstätte für Menschen, die auf der Flucht ihr Leben verloren haben. Fotos: lucia braß

Flucht-Ge­denk­stät­te beim "Rus­sen­fried­hof"
Die Skulptur aus Attenweiler erhält an der Memminger Straße in Biberach ihren Platz

Von Markus Dreher 17. August 2016

Biberach/Attenweiler - Nach langer Suche ist ein Standort für die Gedenkstätte für Menschen, die auf der Flucht ums Leben gekommen sind, gefunden: Die von zwei jungen Künstlern geschaffene Bootsskulptur wird zwischen dem evangelischen Friedhof und dem russischen Friedhof an der Memminger Straße in Biberach aufgestellt und am 1. Oktober eingeweiht.

Entsprechende Angaben der Attenweiler Künstlerin Marlis Glaser und von Lucia Braß von der Ökumenischen Flüchtlingsarbeit im Kreis Biberach zum Standort bestätigt die Biberacher Stadtverwaltung. Es handelt sich um eine städtische Grünfläche zwischen beiden Friedhöfen. Ganz in der Nähe einer Gedenktafel des Denkstättenkuratoriums NS-Dokumentation Oberschwaben beim sogenannten "Russenfriedhof" soll die Bootsskulptur aufgestellt werden, sagt Siegfried Brugger. Der Leiter des Bauverwaltungsamts fügt hinzu: "Unsere Hilfe liegt darin, dass wir diesen Standort anbieten, und die Flüchtlingsarbeit fand den gut."

"Unbürokratische Unterstützung"

Der Anstoß für die Gedenkstätte ging von der Ökumenischen Flüchtlingsarbeit aus. Lucia Braß würdigt jedoch ausdrücklich die "unbürokratische Unterstützung" aus dem Biberacher Rathaus, auch bei organisatorischen Fragen wie der Verkehrssicherungspflicht.

Eigentlich hätte das Mahnmal bereits im September vergangenen Jahres seiner Bestimmung übergeben werden sollen. Als Standort war der alte katholische Friedhof in Biberach im Gespräch, nicht zuletzt wegen der Nähe zur Gemeinschaftsunterkunft in der Bleicherstraße. Doch wo ganz genau, darüber wurde keine Einigung erzielt. Andere Alternativen wurden geprüft und scheiterten am Denkmalschutz oder anderen Details.

Dass jetzt eine Lösung gefunden wurde, erfreut auch die jungen Künstler Melina Braß und Joshua Glaser. Die beiden hatten im vergangenen Jahr Zeit und viel Herzblut in eine Skulptur gesteckt: Die löchrige Barke, aus der eine gen Himmel gereckte Hand ragt, steht im Zentrum der Gedenkstätte. Jeder kennt die Bilder von überladenen, nicht seetauglichen Booten aus den Fernsehnachrichten. Dieses einprägsame Motiv griff Melina Braß in ihrem Entwurf auf, stellvertretend auch für die, die bei der Flucht auf dem Landweg umkamen oder in ihrem Leben bedroht wurden. Der Holzspezialist Joshua Glaser halft ihr im Attenweiler Atelier von Marlis Glaser, dies handwerklich umzusetzen. Musa Sonko, selbst Flüchtling, schrieb einen Text dazu: "Auf der Suche nach Geborgenheit, nach Freiheit und nach Frieden." Dieser Satz wird in mehreren Sprachen zu lesen sein.

Die Gedenkstätte soll ein Ort der Trauer sein für hier lebende Flüchtlinge, die Angehörige oder Freunde verloren haben. "Inzwischen gibt es immer mehr betroffene Familien bei uns", sagt Lucia Braß. Die Ökumenische Flüchtlingsarbeit hatte bei ihrer Initiative eine weitere Gruppe im Blick: Ehrenamtliche Helfer, die miterlebt haben, wie Flüchtlinge die Nachricht vom Tod ihrer Nächsten bekamen, äußerten ebenfalls den Wunsch nach einem solchen Ort. Darüber hinaus darf sich jeder angesprochen fühlen, der Anteil daran nimmt, dass in den vergangenen Jahren Abertausende auf der Flucht ihr Leben verloren haben - verhungert, auf dem Fußmarsch durch die Wüste verdurstet oder im Mittelmeer ertrunken.

Positive Resonanz von auswärts


Dass die Idee Anklang findet, zeigte sich übrigens im zurückliegenden Jahr: Die Zeit der Suche nach einem Standort ließ Lucia Braß nicht ungenutzt verstreichen. Sie stellte das Kunstwerk bei verschiedenen Mahnwachen, Benefizkonzerten und Gottesdiensten im Dekanat Saulgau zur Schau. "Die Resonanz war sehr positiv, im Kloster Sießen hätten sie es am liebsten behalten", berichtet sie. "Die Menschen konnten ihre Sorgen dort ablegen." Dank der Kontakte von Marlis Glaser kommt zur Einweihung der Kantor der liberalen jüdischen Gemeinde München.

Die Ökumenische Flüchtlingsarbeit lädt zur Einweihung ein: Die Feier beginnt am Samstag, 1. Oktober, um 17.30 Uhr. Melina Braß, Joshua Glaser und Musa Sonko erläutern ihre Gedanken. Weiter stehen christliche und muslimische Texte, jüdische Gesänge des Kantors Nikola David aus München und Musik von Gabriel Mbanda auf dem Programm. Im Anschluss sind alle Gäste zum Austausch eingeladen. Weitere Einzelheiten werden rechtzeitig vorher bekannt gegeben.

© Schwäbische Zeitung 16.08.2016

Fanden sich zum Netzwerken zusammen (v.l.): Barbara Widmann von der Stadtverwaltung, Bürgermeister Achim Deinet, Pfarrer Matthias Ströhle, Jugendbeauftragter Oliver Nessensohn, Sozialarbeiterin Katharina Saemrow, Moderatorin Ursula Schmid-Berghammer und Klaus Gretzinger. SZ-Foto: Katrin Bölstler

Netz­werk will ge­ziel­ter in­te­grie­ren
Bad Schussenrieder Aktionsbündnis erhält hierfür Fördergelder vom Land


Von Katrin Bölstler 16. August 2016

Bad Schussenried - Mit einer Million Euro will das Sozial- und Integrationsministerium Baden-Württemberg 2016 die Arbeit lokaler Initiativen in der Flüchtlingshilfe unterstützen. Die Diakonie Biberach hat stellvertretend für ein lokales Bündnis Bad Schussenrieder Akteure den Antrag gestellt und den Zuschlag erhalten. 14 500 Euro fließen nun aus dem Förderprogramm "Gemeinsam in Vielfalt" in die Region.

Schon im Vorfeld haben die Beteiligten sich viele Gedanken darüber gemacht, wie sie das Geld aus dem Förderprogramm "Gemeinsam in Vielfalt" einsetzen könnten. Im Rathaus kam es am Freitag zu einem weiteren Treffen aller Beteiligten. Sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen und sich zu vernetzen, ist ein wichtiger Bestandteil der Förderrichtlinien. "Wichtig ist uns, dass dies kein Projekt werden soll, bei dem paternalistisch über den Kopf der Flüchtlinge hinweg bestimmt werden soll", stellt Ursula Schmid-Berghammer fest, die das Ganze moderierend begleitet und zusammen mit der Diakonie Biberach den Projektantrag gestellt hat. "Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei den Flüchtlingen um Menschen handelt, die zwar aufgrund von Krieg, Gewalt oder anderen Gründen ihre Heimat verlassen mussten, die aber dennoch mündige Bürger sind", fügt Pfarrer Matthias Ströhle hinzu.

Bewusst soll daher ein Teil des Geldes von den Flüchtlingen selbst verwaltet werden. Rund 3000 Euro sollen, so ein Wunsch der Flüchtlinge, in die Renovierung des Gemeinschaftsraums der Gemeinschaftsunterkunft in der Konradstraße fließen. Alternativ könnte das Geld auch dafür verwendet werden, in der zweiten Unterkunft in der Pfarrer-Leube-Straße einen Gemeinschaftsraum einzurichten. Abhängig ist diese Entscheidung davon, wie es mit den beiden Unterkünften weitergeht.

Ursprünglich war geplant gewesen, in der Konradstraße sowohl Flüchtlinge als auch Obdachlose unterzubringen. Dazu ist es laut Bürgermeister Achim Deinet jedoch nicht gekommen. "Unsere Obdachlosen leben weiterhin in den für sie bereitgestellten städtischen Unterkünften", sagt er. Eine Zusammenlegung sei bisher nicht nötig gewesen. Als sinnvoll erachtet es jedoch die Kommune, die freien Plätze in der Konradstraße künftig eventuell für die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen zu nutzen. Auch in diesem Fall wäre die Einrichtung eines Gemeinschaftsraums sinnvoll.

Klar ist schon jetzt, dass das Team der Jugend- und Schulsozialarbeit die Teilnahme am Förderprogramm dazu nutzen will, ihre Angebote auszuweiten. Die bisherige Erfahrung zeigt: Von sich aus finden die jüngeren Flüchtlinge nicht den Weg ins Jugendzentrum. "Die Berührungsängste sind zu groß", glaubt Jugendbeauftragter Oliver Nessensohn. Geplant ist daher nun, auf die jungen Leute zuzugehen und sie persönlich einzuladen. "Da es in den Unterkünften kein Internet gibt, wollen wir ein Internetcafé anbieten - wir bieten ihnen das, was sie sich wünschen", sagt er. Nessensohn hofft, dass so erste Kontakte zustande kommen werden. Parallel dazu möchten die Bad Schussenrieder Jugendlichen Spielnachmittage veranstalten - in der Hoffnung, dass auch so Berührungsängste fallen. Los gehen soll es im Herbst.

Vereine beteiligen sich

Auch die Vereine wollen nun gezielter in den Integrationsprozess mit einsteigen. "Gerade beim Sport braucht es oft wenig Sprache, und sich zu bewegen, ist für die Jüngeren ein Ventil", sagt Klaus Gretzinger, Vorsitzender des Bad Schussenrieder Rad- und Motorsportvereins. Angedacht ist, interessierte Flüchtlinge noch stärker beim Fußball, Tischtennis und Radfahren zu integrieren. "Auch der neue Bikepark bietet sich an, da gibt es immer etwas zu tun und es ist ein hipper, spannender Sport."

Vonseiten der Schulen gibt es den Wunsch, Flüchtlinge und Schüler künftig häufiger zusammenzubringen. "Möglich wäre, dass die Schüler die Unterkünfte besuchen und dass Flüchtlinge im Unterricht von ihrem Weg berichten", fasst Ursula Schmid-Berghammer zusammen. Anstatt indirekt im Fernsehen und anderen Medien darüber zu lesen, sollen die Jugendlichen direkt erfahren, was es bedeutet, fern der Heimat zu sein. Weitere Ideen sind ein gemeinsamer Kochkurs und einen Kurs zum Fahrradfahren lernen. "Hinter dem Begriff Flüchtling stecken Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen und Fähigkeiten, sie stellen genauso wie wir einen Querschnitt ihrer Gesellschaft dar", sagt Pfarrer Matthias Ströhle. "Es geht nun darum herauszufinden, wo man sich begegnen und was daraus entstehen kann." Knackpunkt ist und bleibt, den Kontakt zu Mädchen und Frauen zu finden. "Aufgrund der kulturellen Unterschiede gestaltet sich das als sehr schwierig", so Ströhle. Hier brauche es geschützte Räume, wie etwa der Nähtreff für Frauen, den es in Ochsenhausen gibt.

Eine weitere Herausforderung ist, dass nie klar ist, wie lange die Flüchtlinge in Bad Schussenried bleiben. "Manche Syrer haben sehr schnell eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten und sind umgezogen, andere warten seit einem knappen Jahr auf eine Entscheidung", erklärt Kreissozialarbeiterin Katharina Saemrow. Umsonst seien die Bemühungen dennoch nicht. "Integration ist immer ein mühsamer, langer Weg. Doch er lohnt sich auf jeden Fall, denn viele dieser Menschen bleiben für immer bei uns", sagt Ströhle.

© Schwäbische Zeitung 15.08.2016

Evangelische Pfarrerin Cornelia Schmutz in der Seelsorgeeinheit Ertingen

Zehn Fra­gen an ...: "Ich lie­be die Frei­heit des Mee­res"
Cornelia Schmutz, evangelische Pfarrerin in der Seelsorgeeinheit Ertingen, stellt sich den Fragen der Schwäbischen Zeitung


Ertingen - Es gibt Menschen, die kennt man dem Namen nach. Weil sie ein Amt bekleiden, ehrenamtlich engagiert sind oder weil sie einfach in der Öffentlichkeit stehen. Und manche von ihnen würde man gerne ein bisschen näher kennenlernen. In der Sommerserie der Schwäbischen Zeitung Riedlingen stellen wir Menschen aus dem Verbreitungsgebiet Fragen, die nichts mit ihrem Beruf oder ihrer Tätigkeit zu tun haben. Heute antwortet Cornelia Schmutz. Sie ist 34 Jahre alt, wohnt in Ertingen und ist evangelische Pfarrerin in der Seelsorgeeinheit Ertingen.

Was war Ihr Berufswunsch als Kind?


Landwirtin, als Jugendliche dann Ärztin/Krankenschwester; also gar nicht ganz leicht zu sagen.

Welches Ereignis hat Sie am meisten beeindruckt?


Schwierig zu sagen, aber der Fall der Mauer war für mich spannend: Als ich mit meiner Familie kurz nach der Wende in den Osten gefahren bin, war das für mich sehr beeindruckend

In welcher Epoche würden Sie gerne leben?


Zeitalter des Barock: architektonisch spannend, künstlerisch interessant, tolle Gewänder, Gedanke von der Welt als Theaterbühne reizvoll

Wann haben Sie sich zum letzten Mal so richtig gefreut?


Als ich letztes Jahr am Hafen von Hamburg stand und auf das Wasser schaute.

Welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?

Sabine Bode, Die vergessene Generation

Welchen Film können Sie immer wieder anschauen?


Don Camillo und Peppone

Verraten Sie uns Ihren Lieblingsplatz? Warum sind Sie gerne dort?


Nordsee. Weil ich das Wasser und den Wind liebe und die Freiheit des Meeres.

Wem würden Sie gerne mal so richtig die Meinung sagen?

Mir selbst.

Was möchten Sie in Ihrem Leben unbedingt noch machen?


Im Ausland arbeiten.

Wenn Sie einen Tag lang jemand anders sein könnten, wären Sie …


Frida Kahlo.

© Schwäbische Zeitung 15.08.2016

Artikelbild Urlauberin Edith Gottschalk (vorne) mit Schwiegertochter Gabriele Gottschalk (rechts dahinter), ihren Enkeln, (dahinter von links) Steffen Bucher, Kathrin Hauseur, Anne-Bärbel Bast und Annette Ege. Foto: Annette Scherer

Men­schen er­le­ben "Ur­laub ohne Kof­fer" in Bi­berach
Pflegebedürftige Menschen erleben wie es ist, endlich einmal wieder in den Urlaub zu fahren


Biberach - Trotz Pflegebedürftigkeit endlich einmal wieder in den Urlaub fahren und den Alltag bewusst hinter sich lassen. Morgens abgeholt werden, abwechslungsreiche Programmpunkte erleben und abends wieder heimgebracht werden. Das wünschen sich viele pflegebedürftige Menschen. 22 von ihnen haben im Gemeindehaus Biberach fünf Urlaubstage ohne Koffer erlebt, die von der Diakonie-Sozialstation Biberach organisiert wurden.

Eine von ihnen war Edith Gottschalk, die seit einem Krankenhausaufenthalt auf Unterstützung angewiesen ist: "Mir gefällt es hier sehr gut. Ich finde es schön, abgeholt zu werden und mit einem gemeinsamen Frühstück zu starten. Auch das Programm gefällt mir gut und ist für mich eine schöne Abwechslung", erzählt sie. Weil sie ganzjährig die Betreuungstage bei der Diakonie-Sozialstation Biberach besucht, kennt sie schon einige Mit-Urlauber und freute sich auf die gemeinsamen Tage.

"Meine Schwiegermutter war letztes Jahr ganz begeistert von den Urlaubstagen ohne Koffer und wollte unbedingt wieder mit dabei sein", erzählt Gabriele Gottschalk. Besonders begeistert sei sie damals von der gemeinsamen Kutschfahrt gewesen.

"Wir haben auch in diesem Jahr wieder ein buntes Programm für unsere Urlaubsgäste zusammengestellt: Wir werden grillen, einen Schlagertag mit Plattenspieler erleben, bekommen Besuch von den Johanniter-Hunden und vieles mehr. Gleichzeitig ist es uns sehr wichtig, die Wünsche und Bedürfnisse unserer Urlaubsgäste zu respektieren: Wer will, der macht mit, wer nicht will, lässt es einfach", sagt Annette Ege, Leitung der Diakonie-Sozialstation Biberach, die zur Altenhilfe der Zieglerschen gehört.

"Urlaub ohne Koffer" wird teilweise über Teilnehmerbeiträge, größtenteils aber über Spenden finanziert. "Wenn es uns gelingt, insgesamt 17 500 Euro an Spenden zu sammeln, wird die Biberacher Bruno-Frey-Stiftung diesen Betrag verdoppeln. Damit wäre die Aktion ,Urlaub ohne Koffer' für die nächsten fünf Jahre gesichert", sagt Steffen Bucher, Regionalleiter Altenhilfe Süd bei den Zieglerschen. Aktuell seien 14 355 Euro auf dem Spendenkonto.

Spendenkonto der Zieglerschen:
IBAN DE9860120500000779560
BIC BFSWDE33STG
Stichwort: Urlaub ohne Koffer

© Schwäbische Zeitung 09.08.2016

(Foto: SZ-: Marielle Appenzeller)

82 Kinder haben bei der Ersinger Spielwoche viel Spaß


Die Woche war ganz an die Olympischen Spiele angelehnt

Ersingen sz Für 82 Kinder ist jetzt eine Woche voll spannender und erlebnisreicher Tage zu Ende gegangen. Die Spielwoche Ersingen hat im und um das evangelische Gemeindehaus in Ersingen wie jedes Jahr wieder allen Kindern von der zweiten bis zur sechsten Klasse ein abwechslungsreiches Ferienprogramm angeboten.

Das Motto „Höher, schneller, weiter – wir starten durch!“ wurde passend zu den Olympischen Spielen ausgewählt. Am Montagmorgen stand erst einmal das große Kennenlernen der Kinder und der 17 Betreuer an – dies wurde spielerisch umgesetzt. Auch die Großraumspiele am Nachmittag, wie etwa ein Hindernislauf, Papierfliegerweitwurf, Wassertransport mit einem Schwamm oder ein Quiz, kamen bei den Kindern gut an. Die Spiele sollten den Zusammenhalt innerhalb der acht Gruppen fördern, die an den Mützen in bunten Farben zu unterscheiden waren.

Die alljährliche Dorfrallye mit insgesamt acht Stationen stand am Dienstag auf dem Programm. Besonders lustig fanden die Kinder die Schätzfragen zum Baggersee, bei dem die Betreuer auch mal hüfthoch im Wasser standen. „Für die Kinder war das natürlich toll, die eigenen Betreuer so nass zu sehen“, sagte Vanessa Weishaupt, die zusammen mit Jennifer Ritlewski die organisatorische Leitung der Spielwoche übernommen hatte.

Der Ausflug am Mittwoch entsprach ganz dem sportlichen Motto der Spielwoche – das Ziel war der Kletterwald in Laichingen. Nach den drei Stunden Klettern in großer Höhe kamen alle Teilnehmer zufrieden und erschöpft wieder in Ersingen an. Der Donnerstag war für die Bastelaktionen passend zum olympischen Thema bestimmt. Neben dem Batiken von T-Shirts wurden Medaillen, Haarbänder, Massageklötze, Bumerangs und Wurfbälle gebastelt. Außerdem wurde bereits zum vierten Mal ein Spielwochenauto bemalt, dies sei nun schon eine Tradition geworden. Für Abkühlung an dem sehr heißen Tag sorgte die abschließende Wasserschlacht.

Am Freitagnachmittag wurden die Zelte im Garten des Gemeindehauses aufgebaut und die letzten Vorbereitungen für den Sandmännchengottesdienst am Abend getroffen. Jede Gruppe hatte einen Programmpunkt vorbereitet, von akrobatischem Tanz bis hin zur Umdichtung des Liedes „80 Millionen“ von Max Giesinger. So wurden die Besucher des Gottesdienstes auch gut unterhalten. Pfarrer Gunther Wruck bedankte sich bei allen Beteiligten und verglich die Spielwoche mit den Olympischen Spielen: „Aber eines ist bei der Spielwoche auf jeden Fall besser: Wir können uns jedes Jahr darauf freuen.“

© Schwäbische Zeitung 09.08.2016

Eine offene Kirche und Gemeinde, das ist Pfarrer Gebhardt Gauß in seiner Zeit als evangelischer Gemeindepfarrer stets ein Anliegen gewesen. (Foto: paulina Stumm

Aulendorfs Pfarrer Gauß geht in den Ruhestand

In 22 Jahren versuchte er stets, Stellung zu beziehen – Abschiedsgottesdienst am 25. September

Aulendorf sz
22 Jahre lang ist Pfarrer Gebhardt Gauß evangelischer Pfarrer in Aulendorf. Jetzt am Sonntag hält er seinen letzten Gottesdienst, bevor er sich erst in den Urlaub und dann in den Ruhestand verabschiedet. Der offizielle Abschiedsgottesdienst findet am 25. September statt. „Ich mache erstmal ein Jahr lang gar nichts“, sagt Gauß und so richtig mag man ihm das nicht glauben. Denn sich einzumischen, war doch stets seine Sache.

„Das Predigen wird mir sicher fehlen, Gottesdienste habe ich immer gerne gemacht“, gesteht Gauß, der in seinem Arbeitszimmer im Pfarrhaus zwischen schon recht leeren Regalen sitzt und von seiner Ankunft in Aulendorf 1994 berichtet. Damals kam er aus Sizilien, seiner zweiten Dienststelle, seine erste Pfarrstelle trat Gauß in Obereisesheim an. Dann also Aulendorf. „Das erste was passiert ist war, dass die Lokalpolizei kam und zu unserem Container, den wir auf der Straße abgestellt hatten, sagte: Das geht so nicht“, erinnert sich Gauß. Was ebenfalls nicht ging, war das Telefon. „Geholfen hat mir sicher, dass es in Sizilien noch schwieriger war.“

Start mit Hindernissen

Seither hat sich an der Ausstattung einiges geändert, der damalige 50er-Jahre-Schick ist in zahlreichen Renovierungsschritten gewichen. Die kaputte Glockenanlage wurde repariert, die Orgel Instand gesetzt, die Kirche von außen renoviert, das Gemeindehaus umgebaut, der Kirchenraum neugestaltet. Auch der Außenbereich wurde umgestaltet. Die Mauer, die sich einst vor der Kirche die Straße entlangzog, verschwand. Und Gauß blieb. Dabei hatte er durchaus einmal überlegt weiterzuziehen. Eine Stelle als Militärpfarrer reizte ihn. „Aber da haben sie die Altersgrenze eingeführt und die wurde wirksam.“

Die Kirche wuchs in Gauß’ Zeit nicht nur äußerlich. Rund 2500 Mitglieder zähle er heute, als er anfing seien es noch weniger als 1800 gewesen. Vor allem der Zuzug der Russlanddeutschen in den 1990er-Jahren brachte neue evangelische Christen nach Aulendorf und in die Kirche, die seit 2011 Thomaskirche heißt. Eine Namensgebung, die der Kirchengemeinderat festlegte. Dessen starke Rolle schätzt Gauß, gerade jetzt, wo dessen Vorsitzender Guido Winkhardt stark eingespannt wird. Wobei Gauß auch sagt: „Der Bruch ist nicht so groß, ich habe den Laienvositzenden immer als ersten Vorsitzenden gesehen.“ Vieles hat der Pfarrer noch vorbereitet, den Predigtplan noch bis September geschrieben zum Beispiel und Vertretungen organisiert.

Kirche als Diskussionsforum

Die Kirche, sagt Gauß, habe sich stark privatisiert, auch die Bedeutung des Pfarrers habe sich im Lauf der Zeit gewandelt. „In Oberschwaben ist das noch nicht so spürbar“, findet er, dort profitiere die evangelische Kirche von der starken katholischen Kirche. „Die Pfarrer werden noch zu allen Festen und Baueinweihungen eingeladen.“ Trotzdem beobachtet Gauß, dass die Kirche auf ihre „katechetische Dienstleistung reduziert“ werde. Eine gesellschaftspolitische Diskussion, wofür Kirche durchaus ein Forum sein könne, finde dort kaum noch statt. „Wie unsere Gesellschaft in 20 Jahren aussehen soll, darüber wird nicht genug diskutiert.“ Dass das den Pfarrer persönlich stört, liegt wohl auch in seiner eigenen Geschichte begründet. Gauß, der den Kalten Krieg und die Friedensbewegung der 70er miterlebte, und für den Diskussionen über Entwicklungspolitik während Studienzeiten in Tübingen dazu gehörten, fehlt diese politische Rolle der Kirche – gerade heute. „Dass Religionen unter sich immer konfliktträchtig sind, weil jede den Wahrheitsanspruch erhebt, darüber muss man reden. Ich würde mir einen ernsthaften Dialog mit dem Islam wünschen.“

Bereit, Kritik auszuhalten

Sich einmischen, sich eine Meinung bilden, sie an die christlichen Grundsätze zurückzubinden und öffentlich vertreten – das sei sein Verständnis von Kirche in der Welt. „Ich habe immer versucht, zu bestimmten Dingen Stellung zu beziehen, immer mit der Bereitschaft, auch Kritik auszuhalten“, sagt Gauß. So legte er regelmäßig Protest ein, wenn es um einen verkaufsoffenen Sonntag in Aulendorf ging, rief aber auch öffentlich zu Menschlichkeit, Toleranz und Barmherzigkeit auf, als etwa im vergangenen Jahr ein an Stimmungsmache gegen Flüchtlinge grenzender Brief in Aulendorf die Runde machte.

Menschen zum Nachdenken zu bringen, eine Sinndeutung zu geben, das ist Gauß auch in seinen Predigten wichtig. Ob er weiter Gottesdienste halten wird? Erstmal nicht. „Ich freue mich auf weniger Verpflichtungen.“ Aber auch als Pfarrer im Ruhestand darf Gauß weiter Gottesdienste halten, auch Trauungen und Taufen. In einer Nachbargemeinde kann er sich das auch vorstellen. In Aulendorf wolle er seinem Nachfolger „nicht ins Handwerk pfuschen.“

Nachfolger steht bereits fest

Der steht bereits fest: Pfarrer Jörg Weag aus Gomaringen kommt nächstes Jahr im Juni. Es sei gut, wenn zwischen altem und neuem Pfarrer etwas Abstand sei, findet Gauß, das beuge allzu starkem Vergleichen vor. Weag wird sich dann auch den Paaren annehmen, die sich in der Thomaskirche trauen lassen wollen. Dabei stellt Gauß mit einer gewissen Skepsis fest, dass die Paare heute viel mehr organisieren und planen wollten. „Das Leben ist aber anders. Glück lässt sich nicht inszenieren.“

Sein privates Glück im Ruhestand wird Gauß, der in Aulendorf wohnen bleibt, im Reisen suchen und auch im Fotografieren. Die Idee für ein Langzeitfotoprojekt hat er schon. Die erste spirituelle Reise, von denen er künftig etwa eine pro Jahr anbieten will, führt im kommenden Jahr nach Sizilien.

„Ich war gerne hier und habe es nicht bereut“, sagt Gauß über seine Zeit als Aulendorfer Gemeindepfarrer. Seiner Kirchengemeinde wünscht er für die Zukunft, „dass sie so offen bleibt, wie sie ist. Und dass die Zusammenarbeit mit dem neuen Pfarrer gut läuft.“

© Schwäbische Zeitung 09.08.2016

Viel Spaß hatten die Kinder bei einer Kissenschlacht. FOTO: PRIVAT

"Es ist hier al­les so fried­lich"

Laupheimer Flüchtlinge haben viel Spaß beim Ausflug an Bussen und Federsee

Laupheim/Bad Buchau -
(sz) - Der Arbeitskreis Christlicher Kirchen (ACK) hat die Laupheimer Flüchtlinge zu einem Ausflug eingeladen. Ermöglicht wurde dies unter anderem durch verschiedene Spenden.

Etwa 50 Flüchtlinge, die Hälfte waren Kinder, machten sich auf den Weg. Der Bus fuhr zum Bussen. Das Interesse an der Landschaft, der Landwirtschaft und den Ortschaften war groß. Immer wieder mussten Fragen beantwortet werden. "Es ist hier alles so schön und so friedlich", war ein Kommentar.

Der steile Aufstieg vom Parkplatz zum Bussen und zum Aussichtsturm bescherte einen herrlichen Weitblick. Die Alpen waren am Horizont zu erkennen. Erst nach einer Stunde waren die Gäste bereit, weiterzufahren.

Ein kurzer Weg führte zum nächsten Ziel, der Bachritterburg Kanzach. Dort trafen die Laupheimer auf zehn Flüchtlinge und Betreuer aus Bad Buchau, die bei der Planung des Ausflugs halfen. Das hilfsbereite Team dieses Freilichtmuseums begrüßte die Gäste in historischer Tracht. Ein "halal"-Eintopf, zubereitet mit Lammfleisch, Kichererbsen, Linsen, Bohnen, Kuskus und Kräutern, dazu Salat und als Nachtisch Wassermelone, schmeckte allen. Im Anschluss wurde eine Führung durch die Gebäude angeboten. Zwei junge Mädchen luden die Kinder und auch die Erwachsenen zu mittelalterlichen Spielen wie Stelzenlaufen, Kegeln, Seilhüpfen, Seilziehen und Kissenschlacht ein. Alle waren eifrig dabei. Mit viel Beifall bedankten sich die Gäste bei dem tollen Museumsteam.

Das letzte Ziel ist der Wackelwald

Eine kurze Fahrt brachte alle zum letzten Ziel, dem Wackelwald in Bad Buchau. Kinder und Erwachsene hüpften auf den weichen, nachgebenden Wegen und genossen die schöne Landschaft des Federsees. Auf der Rückfahrt waren alle müde und voller neuer Eindrücke, manche Kinder schliefen ein.

© Schwäbische Zeitung 08.08.2016

In­ter­view: "Wir pla­nen ei­nen Hoch­seil­gar­ten in der Ten­ne"

Dirk Baumeister, Geschäftsführer der Dobelmühle, spricht über rückläufige Übernachtungen und Bauprojekte

Blönried - Seit 36 Jahren gibt es die Dobelmühle bei Aulendorf als Ort der Jugendarbeit und Begegnung. 2002 übernahm die Dobelmühle gGmbH das Freizeit- und Erlebniszentrum in der Tradition evangelischer Jugendarbeit. Das erlebnispädagogische Angebot der Dobelmühle, etwa teambildende Aufgaben an der Kletterwand, nutzen Schulklassen und vor allem Gruppen aus dem christlichen Bereich, etwa Konfirmandencamps. Dazu bietet das Zentrum eigene Zeltlager an.

Dirk Baumeister ist einer von drei ehrenamtlichen Geschäftsführern der Dobelmühle und Vorsitzender des Fördervereins Dobelmühle in Personalunion. Paulina Stumm hat mit ihm über rückläufige Übernachtungszahlen, alternative Finanzierungsmöglichkeiten und einen Brückenbau mit Hindernissen gesprochen.

Herr Baumeister, im vergangenen Jahr gab es Unstimmigkeiten wegen der Fußgängerbrücke über die Ach am Rande des Geländes der Dobelmühle. Sie hatten angeboten, den gesperrten Steg zu erneuern, der Gemeinderat gab grünes Licht, passiert ist dann aber nichts.

Unser Angebot steht nach wie vor, wir haben immer wieder Gruppen da, die die Brücke als Fußgängersteg bauen würden. Aber das Brückenbauwerk, wie es die Stadtverwaltung vorschlägt, ist für uns kostenmäßig nicht zu machen. Deshalb ist unser letzter Stand, dass wir es dann eben lassen. Es ist immer noch eine Good-Will-Aktion. Man müsste sich halt mal an einen Tisch setzen und das auf dem kleinen Dienstweg regeln. Vielleicht klappt es dann im Herbst. Bürgermeister Burth hat hier Gesprächsbereitschaft signalisiert und es wird nach einem Termin gesucht.

Auf der Mühle gibt es zwei Häuser mit knapp 80 Betten sowie einen Zeltplatz. Wie viele Übernachtungen haben Sie jährlich?

Für eine schwarze Null brauchen wir 20 000 Übernachtungen, momentan erreichen wir das nicht. 2014 waren es zum Beispiel 16 500 Übernachtungen. Wir haben zwar mehr Gruppen als früher, aber die sind kleiner. Zwischen Pfingsten und Sommer sind wir aber auch ausgebucht, eine höhere Auslastung geht also nicht. Dazu kommt, dass ein Schullandheimaufenthalt früher über fünf Tage ging, heute sind es eher noch drei. Das bedeutet für uns einen Wechsel unter der Woche und doppelten Aufwand beim Reinigen, was die Fixkosten relativ hoch hält.

Wie wollen Sie die rückläufigen Übernachtungszahlen ausgleichen?

Wir versuchen mehr erlebnispädagogische Angebote zu machen. Das Problem ist aber, dass die Schulen, die solche zusätzlichen Bausteine dringend brauchen, meist keine zahlungskräftigen Eltern oder Fördervereine im Hintergrund haben. Wir überlegen zudem, ob wir in kleinem Umfang Firmenkunden für Tagesangebote akquirieren. Das Gelände gibt es her, aber es sollte den Normalbetrieb nicht stören. Unser Herzblut hängt an der Jugendarbeit, aber diese Arbeit muss auch kostendeckend sein.

Zur Dobelmühle gehören rund zehn Hektar Gelände, auf dem der Förderverein etwa einen Hochseilgarten gebaut hat. Welche neuen Baustellen planen Sie derzeit?

Der Sanitärtrakt für den Zeltplatz ist bald 30 Jahre alt, da fangen wir im Herbst an zu renovieren. Notwendig ist das auch, weil die Jugendlichen nicht mehr in Massenduschen duschen möchten. Künftig gibt es dann Einzelkabinen. Und dann planen wir einen kleinen Hochseilgarten in der Tenne, damit man auch bei schlechtem Wetter oder mit Jüngeren was machen kann.

Wo spiegeln sich die evangelischen Wurzeln der Dobelmühle heute?

Es geht in unserer Jugendarbeit um Wertevermittlung, auch christliche. Darum, sein Gegenüber als Mensch wahrzunehmen. Da helfen die erlebnispädagogischen Elemente. Ansonsten sind unsere eigenen Camps, die Sommerfreizeit Kids Camp und das Frog-Camp, christliche Freizeiten. Aber wir haben auch in unserem Programm für Schulen einen Baustein zu unseren drei Kernansätzen "Erleben, Glauben und Bilden".

© Schwäbische Zeitung 08.08.2016

Die Gruppe 2 des Hölzles bereitet sich mit Kriegsbemalung auf das Geländespiel vor. SZ-FOTO: SOPHIE BISCHOFF

Das Hölz­le mel­det Re­kord­zah­len

215 Mitarbeiter betreuen mehr als 1050 Kinder in den Sommerferien

Biberach -
Insgesamt mehr als 1050 Kinder und Jugendliche aus Biberach und Umgebung verbringen dieses Jahr einen Teil ihrer Sommerferien im Ferienwaldheim Hölzle. "Dieses Jahr haben wir absolute Rekordzahlen", sagt Waldheimleiter Steffen Mohr. Mit 215 Mitarbeitern stehen mehr Betreuer denn je bereit, um dafür zu sorgen, dass die Freizeit für die Kinder zu einem spannenden Erlebnis wird.

Die sechs Wochen Ferien werden in drei zweiwöchige Abschnitte gegliedert. Im ersten Abschnitt wurden die 410 angemeldeten Kinder nach Alter in 23 Gruppen aufgeteilt. "Dieses Jahr haben wir absolute Rekordzahlen", sagt der Waldheimleiter Steffen Mohr. "Das liegt aber auch daran, dass wir so viele ehrenamtliche Mitarbeiter haben wie noch nie. Ohne die wäre es nicht möglich so viele Kinder auf einmal zu betreuen." Von 8 Uhr in der Früh bis 18 Uhr werden die Kinder von den insgesamt 215 Mitarbeitern betreut. Von drei bis 14 Jahren kann man beim Ferienwaldheim teilnehmen. Wer danach weiterhin seine Ferien dort verbringen möchte, kann ab 15 Jahren zum Hilfsmitarbeiter, einem sogenannten Rookie, werden. Ab 16 ist man ein voller Mitarbeiter.
Steffen Mohrs arbeitet hauptberuflich im Hölzle. Zu seinen Aufgaben gehört es auch, die Jugendlichen zu begleiten und zu Jugendleitern auszubilden. Die künftigen Betreuer durchlaufen eine Woche Jugendleiterschulung , wo sie sich unter anderem mit Spiel- und Gruppenpädagogik auseinandersetzen. Außerdem werden an vielen weiteren Wochenenden die Vorbereitungen für das Programm getroffen.

Mitarbeiter sind begeistert

Doch die Mitarbeiter sind sich einig: Trotz des großen Aufwands lohnt es sich auf alle Fälle dabei zu sein. Vanessa Wolff ist dieses Jahr schon zum vierten Mal dabei: "Die Gemeinschaft unter den Mitarbeitern ist super. Da macht einem die Arbeit gar nichts aus." Derselben Meinung ist auch Vivienne Höfer: "Ich bin zwar dieses Jahr zum ersten Mal als Mitarbeiterin dabei, aber ich war schon als Kind oft im Hölzle. Nächstes Jahr möchte ich auch auf jeden Fall wieder dabei sein."

Alle Kinder im Alter von drei bis 14 Jahre sollen im Hölzle altersgerecht beschäftigt werden. So durften die Kleinsten einen Bauernhof besuchen, während die Älteren ein Geländespiel machten. Für die Zwölf- bis 14-Jährigen wartete am gleichen Tag ein Orientierungslauf mit GPS-Gerät. Das Geländespiel stand unter dem Motto "Die Tribute von Panem". Mit einem Einführungstheater mit Charakteren aus dem Film wurde den Kindern vorgeführt, was das Ziel des Spiels ist. Verkleidet als "Katniss" und "Peeta" baten zwei der Mitarbeiter die Kinder um Hilfe, ihr Essen wieder zu finden. Die Kinder mussten in der Gruppe Aufgaben erledigen, die sie zum verlorenen Essen brachte. Das Spiel endete auf dem Spielplatz in Winterreute, wo gemeinsam gegessen wurde.

Nachtwanderung gehört dazu


Das Geländespiel ist nur einer der vielen Hölzle-Höhepunkte neben dem Besuch im Freibad Biberach, dem Elternbesuchstag und der Nachtwanderung. Aber auch an einem "normalen" Tag wird den Kindern viel geboten. Nach dem Frühstück gibt es ein Gruppenprogramm, das sich die Betreuer überlegt haben. Je nach Alter der Kinder wird Pizza gebacken, gepaddelt, gebastelt oder gespielt. Nach dem Mittagessen können die Kinder beim Wahlgruppenprogramm selbst entscheiden, auf was sie Lust haben. Der Tag im Hölzle endet mit dem Abendessen. "Für die Mitarbeiter ist dann aber noch lange nicht Schluss", sagt Steffen Mohr. "Jeder wird in verschiedene Dienste eingeteilt, damit auch am nächsten Tag das Camp wieder schön aussieht."

Dazu haben die Mitarbeiter viele Ideen. Im Juli 2015 wurde ein riesiger Kletterturm für Geschicklichkeitsaufgaben errichtet. "Nächstes Jahr feiert das Hölzle 60-jähriges Bestehen und dafür wollen wir dann das Gelände um den Turm herum erneuern", erzählt Mohr. Außerdem soll der Aufenthaltsraum erneuert werden. "Das Camp besteht schon seit 1958 und da ist es wichtig, alles weiterzuentwickeln. Stillstand heißt in so einem Bereich Rückschritt."

© Schwäbische Zeitung 05.08.2016

Foto: Roland Ray

Laupheim - Die "Windstille des Sommers" nützt Pfarrer Hermann Müller, um die Alt-Registraturen der evangelischen Gemeinde Laupheim zu ordnen und zu archivieren. Ausreichend Platz dafür bieten die Kirchenbänke. Unterstützt von der Pfarramts-sekretärin Sabine Schilberg und Kirchenpfleger Gerald Wery, arbeitet Müller die Akten - Mitteilungen, Erlasse, Korrespondenzen, Bausachen - auf. Sie gehen zurück bis in die Amtszeit von Pfarrer Leopold Ganz, direkt nach dem Krieg, und reichen bis zur Jahrtausendwende. Ein Teil der Papiere wird aussortiert, ein paar Irrläufer kommen zum Vorschein. Die geordneten Bestände werden unter anderem auf dem Dach-boden aufbewahrt. Foto: Roland Ray