© Schwäbische Zeitung - 26.03.2016

Menschen mit den unterschiedlichsten Wurzeln sind gestern zur Mahnwache ins Gemeindehaus Sankt Martin gekommen.

Menschen mit den unterschiedlichsten Wurzeln sind gestern zur Mahnwache ins Gemeindehaus Sankt Martin gekommen. SZ-Foto: Annemaier

"Die Frie­dens­tau­be ver­gießt Trä­nen"
Mahnwache des Biberacher Friedensbündnisses im Gemeindehaus


Von Karen Annemaier 26. März 2016

Biberach - Über 100 Menschen sind gestern zur Karfreitagsmahnwache für den Frieden ins Gemeindehaus Sankt Martin gekommen. Christen und Muslime verdeutlichten die großen Krisen, in denen sich die Welt zurzeit befindet, und riefen dazu auf, vor Ort am Frieden zu arbeiten.

Das Biberacher Friedensbündnis konnte mit der Mahnwache viele ältere Menschen, Jugendliche und Familien ansprechen. Auch etliche Menschen, die nach der Flucht aus ihren Heimatländern in Biberach ein Zuhause gefunden haben, kamen ins Gemeindehaus.

Was der Verlust von Heimat bedeutet, berichtete Houzayfa Al Ramoun in einem Gedicht, das der Syrer in seiner Muttersprache vortrug und sang. Julia Hurtig übersetzte: "Es gibt kein Paradies außer dir. Die Krähen umkreisen dich und die Friedenstaube vergießt Tränen, während sie dich anblickt." Al Ramoun hat ein Theaterstück geschrieben, das ab Mitte April im Komödienhaus zu sehen sein wird. Der junge Kurde Omar Abdulgahfoor aus dem Irak fragte in seinen deutschen Zeilen: "Wer trocknet unsere Tränen?"

Pfarrer Paul Odoeme, Biberacher Pfarrer aus Nigeria, ist überzeugt, dass der Mensch gut und nicht schlecht sei. Er erinnerte daran, dass Gott dort sei, wo Menschen lieben, und dass Christus den Menschen den Auftrag gegeben habe, die Welt zu einem besseren, friedlicheren Ort zu machen. Allerding forderte er von "meinen muslimischen Mitbrüdern" ein Zeichen, dass sie Gewalt und Terror, die im Namen des Islam verübt werden, deutlich und klar ablehnen, indem sie ein Zeichen setzen, auf die Straße gehen.

Bülent Kasap, Vorsitzender des Biberacher Ditip-Vereins, betonte, dass die muslimischen Gemeinden in Deutschland viel in der Flüchtlingsarbeit leisteten. Durch Sachspenden und Angebote an die Menschen in den Flüchtlingsunterkünften etwa. Auch gab er zu bedenken, dass muslimische Staaten wie Türkei, Jordanien und Libanon das Gros der Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen. Für Menschen mit Migrationshintergrund seien die Ergebnisse der Landtagswahlen erschreckend, ebenso die Anschläge, die auf Moscheen in Deutschland verübt würden.

Roland Groner, evangelischer Theologe, veranschaulichte, dass der Westen Mitverantwortung an den Fluchtbewegungen und Kriegen habe. "Wer Waffen säht, wird Flüchtlinge ernten", sagte er. Er forderte unter anderem fairen Handel, mehr Klimaschutz, das Verbot von Waffenexporten, die Abschaffung von Atomwaffen und vor allem Fantasie und Ausdauer in der Friedensarbeit.

Ana Bienek begleitete die Mahnwache mit englischen und deutschen Friedensliedern.

© Schwäbische Zeitung - 26.03.2016

Menschen mit den unterschiedlichsten Wurzeln sind gestern zur Mahnwache ins Gemeindehaus Sankt Martin gekommen.

Menschen mit den unterschiedlichsten Wurzeln sind gestern zur Mahnwache ins Gemeindehaus Sankt Martin gekommen. SZ-Foto: Annemaier

"Die Frie­dens­tau­be ver­gießt Trä­nen"
Mahnwache des Biberacher Friedensbündnisses im Gemeindehaus


Von Karen Annemaier 26. März 2016

Biberach - Über 100 Menschen sind gestern zur Karfreitagsmahnwache für den Frieden ins Gemeindehaus Sankt Martin gekommen. Christen und Muslime verdeutlichten die großen Krisen, in denen sich die Welt zurzeit befindet, und riefen dazu auf, vor Ort am Frieden zu arbeiten.

Das Biberacher Friedensbündnis konnte mit der Mahnwache viele ältere Menschen, Jugendliche und Familien ansprechen. Auch etliche Menschen, die nach der Flucht aus ihren Heimatländern in Biberach ein Zuhause gefunden haben, kamen ins Gemeindehaus.

Was der Verlust von Heimat bedeutet, berichtete Houzayfa Al Ramoun in einem Gedicht, das der Syrer in seiner Muttersprache vortrug und sang. Julia Hurtig übersetzte: "Es gibt kein Paradies außer dir. Die Krähen umkreisen dich und die Friedenstaube vergießt Tränen, während sie dich anblickt." Al Ramoun hat ein Theaterstück geschrieben, das ab Mitte April im Komödienhaus zu sehen sein wird. Der junge Kurde Omar Abdulgahfoor aus dem Irak fragte in seinen deutschen Zeilen: "Wer trocknet unsere Tränen?"

Pfarrer Paul Odoeme, Biberacher Pfarrer aus Nigeria, ist überzeugt, dass der Mensch gut und nicht schlecht sei. Er erinnerte daran, dass Gott dort sei, wo Menschen lieben, und dass Christus den Menschen den Auftrag gegeben habe, die Welt zu einem besseren, friedlicheren Ort zu machen. Allerding forderte er von "meinen muslimischen Mitbrüdern" ein Zeichen, dass sie Gewalt und Terror, die im Namen des Islam verübt werden, deutlich und klar ablehnen, indem sie ein Zeichen setzen, auf die Straße gehen.

Bülent Kasap, Vorsitzender des Biberacher Ditip-Vereins, betonte, dass die muslimischen Gemeinden in Deutschland viel in der Flüchtlingsarbeit leisteten. Durch Sachspenden und Angebote an die Menschen in den Flüchtlingsunterkünften etwa. Auch gab er zu bedenken, dass muslimische Staaten wie Türkei, Jordanien und Libanon das Gros der Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen. Für Menschen mit Migrationshintergrund seien die Ergebnisse der Landtagswahlen erschreckend, ebenso die Anschläge, die auf Moscheen in Deutschland verübt würden.

Roland Groner, evangelischer Theologe, veranschaulichte, dass der Westen Mitverantwortung an den Fluchtbewegungen und Kriegen habe. "Wer Waffen säht, wird Flüchtlinge ernten", sagte er. Er forderte unter anderem fairen Handel, mehr Klimaschutz, das Verbot von Waffenexporten, die Abschaffung von Atomwaffen und vor allem Fantasie und Ausdauer in der Friedensarbeit.

Ana Bienek begleitete die Mahnwache mit englischen und deutschen Friedensliedern.

© Schwäbische Zeitung - 24.03.2016

Prälatin Gabriele Wulz. FOTO: KONI

Gast­bei­trag: "Stol­per­stein" in der Zeit

Seit einiger Zeit - so scheint es mir - gibt es an Karfreitag mit großer Regelmäßigkeit immer wieder einen "Aufreger". Gefragt wird: Ist das strikte Tanzverbot an diesem Tag noch gerechtfertigt oder nicht. Je nach persönlicher Einstellung gibt es dann unterschiedliche Reaktionen, auch ziemlich heftige.

Während die einen mit der sinkenden Zahl der Christen hierzulande argumentieren, fühlten sich andere im Innersten durch diese Angriffe verletzt und provoziert. Ziemlich überrascht hat mich in der Debatte ein Ulmer Clubbesitzer, der meinte, ein Tag Unterbrechung im Feiern wäre wichtig und täte gut. Sind die "Kinder der Welt" vielleicht manchmal doch klüger als man zuweilen meint?

Aber ganz abgesehen von dieser Diskussion tun wir uns - unabhängig von Tradition und persönlicher Wertevorstellung - mit diesem Tag nicht leicht. Auch ich nicht. Auch ich will lieber Geschichten, die gut ausgehen, und das Elend und die Not dieser Welt überfordern mich. Was in den Kriegsgebieten dieser Welt geschieht, kann ich im Grunde nicht fassen und nicht ermessen. Was Menschen einander antun, will ich im Grunde meines Herzens nicht glauben. Was Menschen erleiden müssen, ist unerträglich. Meine Ohnmacht klagt mich an, und in vieles bin ich verstrickt, ohne es zu wollen.

Und da bin ich nun schon wieder bei diesem besonderen Tag, diesem "Stolperstein in der Zeit".

An diesem einen Tag erinnern wir uns, was geschehen ist und wovor wir uns sonst lieber abwenden.

An diesem einen Tag ist ein Ort, im Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth der "permanenten Passion" zu gedenken und zugleich Hoffnungsspuren zu entdecken.

Die Evangelien erzählen die Geschichte von Jesu Tod auf ganz unterschiedliche Weise. Und in jedem ihrer Berichte finde ich neben dem Schrecken auch Hilfe und Trost zum Leben.
Im Schrei des Gekreuzigten "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen" kann ich meine eigene Gottverlassenheit erkennen und bekennen. In der Bitte "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" verwandeln sich meine Wünsche nach Rache und Vergeltung. Das Gebet "In deine Hände befehle ich meinen Geist" lässt aufatmen und schafft Ruhe. Und schließlich das "Es ist vollbracht", das das Ende der Not, aber auch die Vollendung des irdischen Lebens anzeigt.

Alle diese Worte sagen uns: Gott ist nicht nur da, wo wir von Lebendigkeit und Freude erfüllt sind, sondern auch da, wo Ohnmacht, Tod und Entsetzen uns lähmen. Ich bin fest davon überzeugt, dass in dieser Zuversicht, in dieser Hoffnung das Gegengift gegen die Todesverfallenheit unserer Zeit und unserer Welt steckt.

Gegen eine Haltung der Selbstoptimierung, gegen die Einschätzung, man müsse sein Leben selbst in der Hand haben und für das gute Ende selbst sorgen, steht Jesus, der den Weg der Liebe geht. Souverän. Nicht todessüchtig. Sondern dem Leben verpflichtet und darin immer ganz bei Gott. Darum geht es an diesem Tag und das ist es wert, bedacht zu werden. Auch öffentlich.

© Schwäbische Zeitung - 22.03.2016

Michael Winterhoff FOTO: PRIVAT

Evan­ge­li­sche Lan­des­kir­che: Mi­cha­el Win­ter­hoff über kind­li­che Ent­wick­lung

Biberach - "Bildung braucht Beziehung" - zu diesem Thema hatte die Evangelische Landeskirche in Württemberg in die Stadthalle Biberach kürzlich eingeladen.

Nach der Begrüßung durch Oberkirchenrat Werner Baur und biblischer Orientierung zum Thema von Prälatin Gabriele Wulz aus Ulm, reihte Oberbürgermeister Norbert Zeidler die Bildungsprojekte der Stadt Biberach wie an einer Perlenschnur auf.

Der Hauptreferent, Kinderpsychiater und Bestsellerautor Dr. Michael Winterhoff aus Bonn, machte den rund 350 Gästen aus Kindergärten, Schulen und Kirche aber auch Eltern deutlich, wie sich aus seiner Sicht als Arzt die Situation von Kindern seit den 1990er- Jahren verändert habe. Zunehmend seien Kinder aus seiner Sicht entwicklungsgestört. Er erlebe sie als beziehungsunfähig und damit nicht arbeitsfähig. Kinder würden immer mehr als kleine Erwachsene gesehen, denen damit die Kindheit genommen werde. In der reizüberfluteten, digitalen Orientierungslosigkeit müssen Kinder immer mehr den Erwachsenen als "Partner" Liebe und Halt schenken. So komme es oft zu symbiotischen Eltern-Kind-Beziehungen. Nur durch Selbstbesinnung der Erwachsenen könne es wieder zu klaren und verlässlichen Strukturen kommen. Das gilt auch für Kindergarten und Schule.

Am Nachmittag wurde in 14 Arbeitsgruppen das am Vormittag Gehörte vertieft, um konkrete Beziehungsfragen in Schule, Kindergarten und Elternhaus zu behandeln.

© Schwäbische Zeitung - 17.03.2016

Es geht um die "Grund­fra­gen des Glau­bens"

Evangelische Kirchengemeinde Laupheim bietet im April einen Kurs an

Laupheim -
Die Evangelische Kirchengemeinde Laupheim bietet im April einen Kurs zu "Grundfragen des Glaubens" an. An drei Abenden ist Gelegenheit, mit anderen zusammen nachzudenken über wesentliche Inhalte des christlichen Glaubens.

"Was ich schon immer mal fragen wollte", Anregung und Gespräch, Information und Diskussion haben Raum.

Wie ist die Bibel entstanden, und wie kann man sie verstehen? Warum lässt Gott das Leid zu? Woran zeigt sich der Glaube im Leben? Wie kann man bestimmte Aussagen des Glaubens verstehen? Was muss man nicht glauben?

Alle, die im Blick auf solche Fragen einen Schritt weiter kommen möchten, sind eingeladen zum Kurs "Grundfragen des Glaubens II".

Die Abende werden von einem Team vorbereitet (Martina und Wolfgang Wittekind, Ulrich Höchsmann, Martina Servatius). Sie finden in ungezwungener Atmosphäre statt. Es werden keine besonderen Vorkenntnisse erwartet.

Dienstag, 5. April, 20 Uhr: Wie darf ich das verstehen? - Die Bibel; Dienstag, 19. April, 20 Uhr: Warum lässt Gott das Leid zu?; Dienstag, 26. April, 20 Uhr: Im Glauben leben - das Leben gestalten.

Die Kursabende finden im Evangelischen Gemeindehaus (Haupteingang, Erdgeschoss) statt und sind kostenlos.

© Schwäbische Zeitung - 17.03.2016

In der Lutherstadt Wittenberg steht dieses Denkmal Martin Luthers, in seiner Hand hält er ein Neues Testament. Im Oktober 2017 feiert die

Je­dem sei­nen Lu­ther

Im Vorfeld des 500. Jahrestags der Reformation erscheinen zahlreiche Bücher über den Reformator

Bonn - (KNA) - Es luthert wieder. Der Buchmarkt in Deutschland bereitet sich mit zahlreichen Neuveröffentlichungen auf den 500. Jahrestag der Reformation im Oktober 2017 vor. Die Spannbreite der Veröffentlichungen zu Leben und Werk Martin Luthers (1483-1546) reicht vom Abreißkalender 2017 "Tritt frisch auf! Tu's Maul auf! Hör bald auf! - Luther herzhaft" über historische Biografien bis hin zu theologischen Deutungen und Neuausgaben der Schriften.

Grundbedürfnisse will Martin Thull erfüllen: Sein Buch "Luther für Einsteiger" soll im April im Bonifatius-Buchverlag erscheinen. In 95 Stichworten - in freier Anlehnung an die 95 Thesen - erfahren Leser mehr über die Reformation von Abendmahl bis Zwingli.

Literaturexperten werden eher zum Titel "Ein Nachtigall die waget" von Matthias Luserke-Jaqui greifen. Das in diesen Tagen im Verlag Narr Francke Attempto erscheinende Buch verfolgt den Wandel des Luther-Bildes in der Literatur, das sich zwischen Monumentalisierung, Sakralisierung, Trivialisierung und Verkitschung bis hin zur völligen Ablehnung bewegt.

Einen medizinhistorischen Beitrag liefert der Berliner Medizinprofessor Hans-Joachim Neumann. Seine im Wichernverlag veröffentlichte Neuauflage von "Luthers Leiden - Die Krankheitsgeschichte des Reformators" räumt mit dem Vorurteil auf, Luther sei ein vor Kraft strotzender Mann gewesen. Die Quellen berichten über Magen- und Gallenbeschwerden, heftige Verstopfungen, Nierenkoliken, Herzschmerzen, hohen Blutdruck und Schwermut. "Die meisten Gefahren für Luthers Gesundheit liegen für mich in seinem langjährigen Klosteraufenthalt, der irreparable Schäden haben sollte", schreibt Neumann. "Im Kloster Erfurt wurden viele Krankheiten programmiert."

Aus katholischer Sicht bewertet Kurienkardinal Walter Kasper den Reformator. Sein Buch "Martin Luther - Eine ökumenische Perspektive" betont, dass Luthers Reformen der katholischen Kirche galten und keine neue Kirche zum Ziel hatten. "Sein Ziel war die Erneuerung der gesamten Christenheit vom Evangelium her."

Eine neue Interpretation Luthers unternimmt auch der evangelische Kirchenhistoriker Volker Leppin. In seinem im Beck-Verlag erscheinenden Buch "Die fremde Reformation - Luthers mystische Wurzeln" argumentiert er, dass der Urheber der Reformation tief im mittelalterlichen Denken zu Hause war, in der Mystik einer tiefen Frömmigkeit. Luthers Rechtfertigungslehre und "Priestertum aller Gläubigen", Papstkritik und landesherrliches Kirchenregiment - all dies habe es auch jenseits von Luther gegeben. Neu war allerdings laut Autor die Art, wie Luther diese Elemente miteinander verband und von Interessengruppen zum Vordenker erhoben wurde.

Die römische Sicht der Dinge

In "Luther, der Ketzer: Rom und die Reformation" spiegelt der in der Schweiz lehrende Historiker Volker Reinhardt Luthers Perspektive mit der römischen Sichtweise auf die Ereignisse. Die wahren Gründe für die Kirchenspaltung lägen jenseits der Glaubensfragen, argumentiert der Renaissance-Experte. Sie seien im Hass und Unverständnis zwischen "kultivierten Italienern" und "barbarischen Deutschen" verankert. Luther hegte einen flammenden Hass auf "des Teufels Sau, den Bapst". Die römischen Theologen wiederum verstanden nicht, was "der grobschlächtige, unendlich eitle Mönch anderes wollte, als das Papsttum zu zerstören".

Die Bedeutung Luthers für die heutige Zeit analysiert Klaus-Rüdiger Mai in seinem im April bei Herder erscheinenden Buch "Gehört Luther zu Deutschland?". Für ihn ist das Denken des Reformators weiter hoch aktuell. Wie in der Reformation stehe Europa an einer Zeitenwende. Konzepte wie die Vorstellungen vom Individuum, vom Fortschritt oder vom christlich geprägten Europa gerieten ins Wanken. Der Blick auf Luther könne helfen, sich über neue Ziele zu verständigen.

"Tritt frisch auf! Tu's Maul auf! Hör bald auf!: Luther herzhaft". Abreißkalender, Kösel, 736 Seiten, 10,95 Euro.

Martin Thull: Luther für Einsteiger: Die Reformation in 95 Stichworten. Bonifatius, 108 Seiten, 9,90 Euro.

Matthias Luserke-Jaqui: Ein Nachtigall die waget. Narr Francke Attempto, 220 Seiten, 32,80 Euro.

Hans-Joachim Neumann: Luthers Leiden - Die Krankheitsgeschichte des Reformators. Wichern, 200 Seiten, 19,80 Euro.

Walter Kasper: Martin Luther - Eine ökumenische Perspektive. Patmos, 96 Seiten, 8 Euro.

Volker Leppin: Die fremde Reformation - Luthers mystische Wurzeln. C.H. Beck, 247 Seiten, 21,95 Euro.

Volker Reinhardt: Luther, der Ketzer: Rom und die Reformation. C.H. Beck, 352 Seiten, 19,99 Euro.

Klaus-Rüdiger Mai: Gehört Luther zu Deutschland? Herder, 224 Seiten, 19,99 Euro.

© Schwäbische Zeitung - 16.03.2016

Ich will dich segnen und du sollst Segen sein“ lautete das Thema der Konfirmation in Wain mit Pfarrer Ernst Eyrich (li.). FOTO: PRIVAT

Wai­ner Kon­fir­man­den zei­gen die Se­gens-Card in Gold

Mit der Karte sagen die 15 gesegneten Töchter und Söhne der Gemeinde: Jeder Mensch ist von Gott geliebt

Wain -
Die Konfirmation am vergangenen Sonntag in der Wainer Michaelskirche stand unter dem Thema "Gott spricht: Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein".

Das hebräische Wort für Segen hat zwei Bedeutungen. Es kann übersetzt werden mit "Gott schenkt dir seine Kraft" und "Ich lobe Gott". Pfarrer Ernst Eyrich wies in seiner Predigt darauf hin, dass auch ein Leben mit Schwierigkeiten und Krankheiten ein gesegnetes Leben sei. Denn Segen bedeute nicht, dass im Leben alles super gut funktioniere. Segen sei Gottes Kraft für den Alltag, der schön und schwer sein könne. Deswegen sei der wöchentliche Segen so wichtig. Als Antwort auf den Segen lobe der Mensch Gott. Mit Liedern, aber auch mit einem anderen Verhalten.

Der Segen habe ein Gesicht, zum Beispiel das der Konfirmandinnen und Konfirmanden. Wer Gottes Kraft weitergebe und verschenke, sei selbst ein Segen. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden bastelten für den Festgottesdienst eine Segens-Card in Gold. Sie soll symbolisieren: Christen zeigen dem Nächsten nicht die rote Karte, sondern die Segens-Card, denn jeder Mensch ist von Gott geliebt. So verändere sich die Welt mit Gottes Kraft, die es weiterzugeben gelte.

Das Segensthema hat sich von selbst ergeben. Der Konfirmandenunterricht wurde von Pfarrer Ernst Eyrich immer mit einer kleinen Liturgie im Kreis stehend beschlossen. Eines Tages erhoben alle Konfirmandinnen und Konfirmanden die Hände und sprachen sich gegenseitig den Segen zu. Ein sehr bewegender Moment. So wurde der Konfirmationsgottesdienst auch beschlossen. Der Festgottesdienst wurde vom Wainer Posaunenchor unter der Leitung von Markus Schließer und von Organist Michael Frey musikalisch flott und klassisch begleiten.

Folgende 15 Töchter und Söhne der Kirchengemeinde wurden unter der Fürbitte der Gemeinde gesegnet: Ronja Engelmeyer, Liv Euler, Marie Frey, Jule Fromm, Hanna Gietl, Laura Liedtke, Vroni Maunz, Evelyn Ruge, Emely Springer, Leonie Stetter, Vanessa Unterweger, Josia Frey, Adrian Kriegl, Dimitri Peschenewski und Alexander Stahl.

© Schwäbische Zeitung - 16.03.2016

Als ein lichtbringendes Symbol entzünden Besucherinnen des Gottesdienstes auf dem Altar Kerzenlichter. FOTO: ANITA METZLER-MIKUTEIT

Ge­misch­te Bi­lanz der Frau­en­wo­che: We­ni­ger Be­such beim Got­tes­dienst

Das Thema Verzeihen stand im Zentrum des ökumenischen Frauengottesdienstes

Bad Saulgau - Mit einem stark nachgefragten Trommelworkshop ist die 22. Bad Saulgauer Frauenwoche in Bad Saulgauu zu Ende gegangen. Dagegen war der Gottesdienst der Frauenwoche weniger gut besucht als die Jahre zuvor. Der diesjährige Spitzenreiter in puncto Teilnahme war jedoch der Vortrag von Dr. Beate Weingardt, die im Rahmen der Frauenwoche schon mehrmals zu unterschiedlichen Themen eingeladen wurde.

150 Besucher sind zu diesem Vortrag in die Fachklinik Höchsten gekommen, um sich gemeinsam mit der Theologin und Psychologin mit der "Kunst des Vergebens" auseinanderzusetzen. Dicht gefolgt vom Kabarettabend mit Jutta Klawuhn und Sabine Essich, an dem rund 100 Besucher im Foyer der Stadthalle einen rundweg heiter-beschwinglichen Abend erlebten.

Sonne wider den Zorn

Eine Atmosphäre der Stille und Einkehr prägte den ökumenischen Frauengottesdienst am Freitagabend in der Christuskirche, der mit knapp 30 Besuchern weniger Resonanz erfuhr hat als in den Jahren zuvor. Texte rund um das Thema "Verzeihen", warmes Kerzenlicht, dazu eine einfühlsame Begleitung von Olga Balzer auf dem Klavier prägten den schlicht gehaltenen Gottesdienst, der genügend Raum gab, um nachzuspüren und zur Ruhe zu kommen. "Lasst die Sonne nicht untergehen über eurem Zorn", zitierte die evangelische Pfarrerin Stefanie Zerfaß Paulus aus seinem Brief an die Menschen in Ephesus. "Zorn zerstört uns von innen heraus, nagt und frisst und zermürbt", fuhr sie in ihrer Predigt fort. Menschen seien fähig, einander unsägliches Leid zuzufügen.

Schwerwiegende Vergehen zu verzeihen sei mit eigenen Kräften kaum möglich, sondern sei wohl nur mit der Hilfe Gottes zu bewältigen. "Vielleicht schaffen wir es, Gott die Sache in die Hände zu legen und ihn um Wiederherstellung unseres zerbrochenen Herzens und Wesens zu bitten", sagte die Pfarrerin. Zu verzeihen bedeute, darauf zu verzichten, zornig, gekränkt und bitter zu sein und sein Verletztsein zu zelebrieren. "Wenn ich verzichte, macht das das Unrecht, das mir getan wurde, nicht harmlos oder gar ungeschehen, es bedeutet keine Versöhnung, denn eine Versöhnung braucht die Einsicht und Reue der anderen Person", so Zerfaß, die abschließend allen viel Kraft wünschte im Umgang mit Menschen, die "an uns schuldig geworden sind", aber auch Kraft dafür, einen Schritt hin zur Versöhnung zu tun und nicht zuletzt die Bereitschaft, sich selbst zu verzeihen.

© Schwäbische Zeitung - 15.03.2016

Strahlende Gesichter: Pfarrer Wolfgang Raiser (links), Gerlinde Blickle-Hummel vom evangelischen Kirchengemeinderat (daneben, v.l.), Lädele-Mitarbeiterinnen Anita Klawitter und Magda Emminger sowie Wirtschaftsförderer

Das Dia­ko­nie­lä­de­le ist in­zwi­schen ein Vor­bild

Seit dem Wochenende hat der Laden in der Mittleren Straße in Mengen wieder geöffnet

Mengen - Seit dem Wochenende hat das Diakonielädele wieder geöffnet. Ein Brand hatte vor einem Jahr das Haus in der Mittleren Straße, in dem das Lädele untergebracht ist, unbewohnbar gemacht. Nun ist das Lädele frisch renoviert und hat seinen Betrieb wieder aufgenommen. Mit einer Feier wurde es am Freitag offiziell wieder eröffnet.

"Schöner, heller, praktischer" - der evangelische Pfarrer Wolfgang Raiser, der mit Anita Klawitter das Lädele leitet, war sehr zufrieden über das Ergebnis der Renovierungsarbeiten. Die Inneneinrichtung hat Gerhard Rothmund geplant und dann zusammen mit Martin Klawitter, dem Ehemann von Anita Klawitter, aufgebaut. "Das ist unglaublich, dass Sie uns das gemacht haben", lobte er das Engagement der beiden. "Was daraus geworden ist, übertrifft unsere Erwartungen." Auch die Lädele-Mitarbeiterinnen halfen beim Umzug mit - die Waren mussten vom evangelischen Pfarrhaus wieder in den renovierten Standort gebracht werden. Dies sei noch einmal ein Kraftakt gewesen, stellte Raiser fest.
Die Wiedereröffnung hatte sich verzögert. Während der einjährigen Zwangspause hatte das Lädele zwei Sonderverkäufe abgehalten. "Natürlich hätten wir gehofft, früher wieder zu öffnen", so Raiser. Ein Grund war jedoch, dass es einige Zeit dauerte, bis eine kostengünstige Inneneinrichtung gefunden werden konnte.

Ruf reicht über Stadt hinaus

"Der gute Ruf des Lädele hat sich weit über Mengen hinaus verbreitet", bemerkte der Pfarrer. Bis aus dem Stuttgarter Umkreis kämen die Kleiderspenden für das Lädele. Die Einrichtung ist für alle Kunden offen, die Käufer kommen aus verschiedenen Schichten der Bevölkerung. "Das ist eines der Erfolgsrezepte des Lädeles: Dass alle willkommen sind", betonte Raiser. Das Diakonielädele wurde 1997 von Martha Lichtenberger und Gerda Knoch gegründet. Seit knapp zehn Jahren ist es nun laut Raiser am jetzigen Standort in der Mittleren Straße untergebracht.

Bürgermeister Stefan Bubeck bezeichnete das Lädele als einen wesentlichen Bestandteil des sozialen Netzes der Stadt, zusammen mit dem Martinslädle, dem Fairkaufhaus, der Nachbarschaftshilfe und den Alten Füchsen. Bubeck hob hervor, dass es unter diesen Organisationen keine Konkurrenz gebe und sie miteinander vernetzt seien. "Allen geht es darum, sozial schwachen Menschen das Leben zu erleichtern", sagte er und lobte auch das Engagement der Mitarbeiterinnen. "Ohne sie würde es nicht funktionieren."

Erster Tag verläuft erfolgreich

"Ich habe sehr viele Berührungspunkte zum Diakonielädele", stellte Joachim Freitag fest. Und gleich auf doppelte Weise: Zum einen als Leiter der AGJ-Wohnungslosenhilfe Sigmaringen - sie bekommt regelmäßig vom Diakonielädele Spenden - und andererseits als Fairkaufhaus-Vertreter. Auch Joachim Freitag bemerkte, dass das Lädele inzwischen über Mengen hinaus einen guten Ruf habe: Für den Aufbau des Sozialladens in Aulendorf diente es als Vorbild.

Auch die ehemalige Lädele-Leiterin Gerda Knoch war mit ihrem Ehemann Wolfgang bei der Wiedereröffnung dabei. Wolfgang Knoch, der sich jahrelang auch für das Lädele engagiert hatte, verlas ein humorvolles, selbst verfasstes Gedicht. Gerda Knoch wünschte dem neuen Team viel Erfolg.

Der erste Verkaufstag am Samstag nach der Wiedereröffnung verlief unterdessen ausgezeichnet: Anita Klawitter konnte von einer großen Resonanz berichten, zahlreiche Kunden seien ins Lädele gekommen.

© Schwäbische Zeitung - 14.03.2016

Spaß in den Sommerferien verspricht

Or­ga­ni­sa­to­ren bie­ten Bo­nus für Schnell­ent­schlos­se­ne

Anmeldung der Kinder für die Ferienfreizeit "Hölzel" sind am 16. März oder von dem Tag an online möglich

Biberach - Eltern können ihre Kinder für die Ferienfreizeit "Hölzle" in den Sommerferien am Mittwoch, 16. März, von 16 bis 19 Uhr im Martin-Luther-Gemeindehaus in Biberach anmelden. Zudem ist die Online-Anmeldung im Internet von diesem Tag an möglich.

In diesem Jahr gibt es einen Bonus für Schnellentschlossene: Bei den ersten Anmeldungen ist der Elternbeitrag für die Teilnahme der Kinder im "Hölzle" um einen "Frühbucherrabatt" reduziert. Wie gewohnt, werden für die Kinder während der Sommerferien im August und September morgens und abends hölzleeigene Buslinien eingerichtet. Die Linienführung hat sich gegenüber den Vorjahren leicht verändert; dies betrifft die Linien 1 und 4 zwischen Gaisental und Mittelberg.

Verschiedene Programme

Das "Hölzle" und das "Hölzle"-Camp bieten Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen drei und 15 Jahren erlebnisreiche Sommerferien am Biberacher Stadtrand. Für Kinder von drei bis 14 Jahren gibt es ein zweiwöchiges ganztägiges Programm. Neben den regulären Gruppen für Sechs- bis Dreizehnjährige bietet das "Hölzle" bewährte und gezielt auf die jeweilige Altersgruppe abgestimmte Programme: zum einen die Kleinkindgruppe für die Jüngsten bis fünf Jahre und zum anderen die Actiongruppe für die Ältesten. Für Teenager zwischen 13 und 15 Jahren gibt es das Erlebnis eines Zeltcamps mit Übernachtung: das "Hölzle"-Camp auf dem Zeltplatz Winterreute. Dort erwarten die Teens elf Tage Erlebnis und Teamgeist mit abendlicher Lagerfeuer-Stimmung. Das besondere Angebot für Kinder mit Behinderung ist die integrative Stadtranderholung in Kooperation mit der Lebenshilfe Biberach (www.lebenshilfe-bc.de).

Die Organisatoren des "Hölzle" freuen sich über Sachspenden aller Art, auch über alte Zeitungen, die am Anmeldetag im Martin-Luther-Gemeindehaus abgegeben werden können. Der Hölzleverein bietet finanzielle Hilfe für Familien, die sich die Teilnahme ihrer Kinder am "Hölzle" sonst nicht leisten könnten. Am Anmeldetag ist der Hölzleverein vor Ort und steht für anonyme Beratungsgespräche zur Verfügung.

Termine fürs "Hölzle" 2016: Erster Abschnitt vom 1. bis 13. August, zweiter Abschnitt vom 15. bis 27. August, dritter Abschnitt vom 29. August bis 10. September. Termin fürs "Hölzle"-Camp: 29. August bis 8. September.

Nähere Informationen über die Kinderferienfreizeit, Preise und Anmeldung im Internet auf der Seite www.hoelzle-online.de.

© Schwäbische Zeitung - 12.03.2016

Beleuchteten das Thema Flucht aus verschiedenen Perspektiven: (von links) Sabur Gilani aus Afghanistan, Werner Tissen, ein Heimatvertriebener aus Westpreußen, Pfarrerin Andrea Luiking als Moderatorin des Podiumsgesprächs und der einstige DDR-Flüchtling Ulrich Busch. SZ-FOTOS: MARKUS DREHER

Vier Flücht­lin­ge, vier Schick­sa­le

Podiumsgespräch in der Versöhnungskirche Ummendorf weitet Blick auf die aktuelle Lage

Ummendorf -
Dass die derzeitige Flüchtlingsbewegung in der Geschichte nicht einzigartig ist, hat ein Podiumsgespräch in der Versöhnungskirche Ummendorf deutlich gemacht. So unterschiedlich die Geschichten des Flüchtlings aus Afghanistan, des Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg und des DDR-Flüchtlings sind - hinter jeder steckt ein Schicksal. Pfarrerin Andrea Luiking lenkte den Blick darauf, was Flüchtlinge aus ihrer ersten Heimat mitbringen und was ihnen hilft, in der zweiten Heimat Fuß zu fassen.

Außer drei Flüchtlingen unterschiedlicher Epochen auf dem Podium kam bei dieser Begleitveranstaltung zu der Kunstausstellung über Flucht Gabriel Mbanda zu Wort. Nicht nur in seinen Liedvorträgen, die die Gesprächsblöcke über das ernste Thema heiter umrahmten und die teilweise in seine Heimat Kamerun führten.

Sehnsucht nach der Mama

Mbanda erzählte, dass es "ein großer Schock für mich war", dass er "alles zurücklassen" musste: seine Arbeit als technischer Dienstleister und mobiler Büroservice mit Laptop und Bachelorabschluss in Informatik, "mein superschönes Motorrad", den eigenen Gospelchor und vor allem seine Familie. Am meisten vermisse er seine Mutter, mit der er nur sonntags telefonieren könne, wenn sein Bruder ins Dorf der Eltern fährt.

Wie sehr Ghulam Sabur Gilani seine Familie vermissen muss, war ihm beim Zuhören anzumerken. Luiking sollte sich später "beeindruckt" darüber äußern, wie offen alle Gesprächspartner vor Publikum ihren Schmerz spüren ließen. Gilani musste vor drei Jahren zwei kleine Kinder und seine schwangere Frau zurücklassen, sein drittes Kind hat er nie von Angesicht zu Angesicht gesehen. "Wir haben in Afghanistan alles, nur keine Sicherheit", sagte Gilani und erzählte, dass er in Taliban-Gefängnissen eingesessen habe und bei der von einer Mine verursachten Explosion eines Autos verletzt worden sei. Immerhin konnte er, anders als viele, 23 000 Dollar für einen Flug nach Deutschland hinblättern, um der Lebensgefahr zu entrinnen.

Die erste Zeit hierzulande, mit Ein-Euro-Jobs und Beschäftigung in einer Putzfirma, sei schwierig gewesen. Schlimmer als die körperlichen Wunden waren wohl die seelischen, die sich bemerkbar machten. Doch Gilani kniete sich rein, büffelte auch außerhalb der amtlichen Sprachkurse Deutsch und ist heute beim Landratsamt als Übersetzer und Begleiter später angekommener Flüchtlinge engagiert. "Ich habe viel Hilfe gekriegt und jetzt helfe ich anderen." Unterstützung bekam Gilani unter anderem von Ehrenamtlichen und unterstrich, wie wertvoll die Hilfe von Paten und den Asyl-Freundeskreisen sei. Ähnlich wie der Christ Mbanda: "Ich bin überzeugt, das waren Engel von Gott für mich."
Werner Tissen entfloh einer vergleichbar unmittelbaren Gefahr wie Gilani: Als Bub verließ er mit seiner Familie 1945 überstürzt ein Dorf in Westpreußen, nachdem sowjetische Soldaten den Nachbarort eingenommen hatten. Sicher hatte er eine geringere kulturelle Distanz zu überwinden, und doch war selbst einem Binnenflüchtling wie ihm eine Art Patin ungemein hilfreich: Als der Heimatvertriebene von der Insel Fehmarn 1949 nach Ummendorf umgesiedelt wurde, verstand er das Schwäbische nicht und fühlte sich nicht gleich heimisch: "Evangelisch und Flüchtling - das war ein bisschen viel" für viele Einheimische damals. So war Tissen froh, dass sich "eine sehr gute Religionslehrerin" seiner annahm.

Noch heute glänzen die Augen

Luiking registrierte die "glänzenden Augen", mit denen Tissen vom Empfang mit Posaunenchor und Wurstbroten erzählte, und folgerte für heute, dass solche "kleinen Zeichen" hülfen. Doch dies heißt nicht, dass Heimatvertriebene auf Anhieb integriert gewesen wären - und Luiking fragte, ob es so lange dauern müsse: Tissen war im Musikverein Ummendorf aktiv und als er Jahrzehnte später Vorstand werden sollte, hatten Altvordere Bedenken. Dank Fürsprechern wurde er es doch.

Ulrich Busch erinnerte sich, wie Anfang der 60er-Jahre täglich 300 Leute von Ost- nach West-Berlin kamen "und zum Schluss 3000". Das war ganz anders als heute und ist doch eine interessante Zahl. Busch verließ die DDR erst nach dem Mauerbau und er schilderte auf dem Podium am Donnerstag lebhaft die Flucht, versteckt in einem umgebauten Auto. Der damals 19-Jährige sah nach dem Abitur in der DDR keine Perspektive und vermisste denn auch später "nichts" an seiner ersten Heimat. Im Westen studierte er zuerst Veterinärmedizin, dann Chemie und kam zum Pharmabetrieb Thomae.

Busch wünscht sich, dass die deutsche Gesellschaft offen bleibt; Tissen, dass jeder für den anderen ein freundliches Wort hat; Gilani, dass die wirklich Verfolgten Bleiberecht erhalten; Mbanda zitierte seinen Vater: In der Krise baue der Dummkopf Dämme, der Weise aber Brücken.

Die Ausstellung "Aspekte von Flucht in gegenwärtiger Kunst" ist bis 25. März in der Versöhnungskirche Ummendorf (Riedweg 12) zu sehen, und zwar sonntags von 11.30 bis 12.30 Uhr sowie auf Anfrage unter Telefon 07351/21617.

© Schwäbische Zeitung - 05.03.2016

Brunhilde Raiser (links) und Andrea Luiking haben die Kunstwerke für die Ausstellung zum Thema Flucht in der Ummendorfer Versöhnungskirche ausgewählt.

Brunhilde Raiser (links) und Andrea Luiking haben die Kunstwerke für die Ausstellung zum Thema Flucht in der Ummendorfer Versöhnungskirche ausgewählt. Symbolträchtig ist ihre Entscheidung, Reinhard Sigles Objekt "Überwindungshilfe (Himmelsleiter)" ans Auferstehungskreuz hinter dem Altar zu lehnen. sz-foto: markus dreher

Flucht als The­ma in der Kunst und in der Kir­che
In Ummendorf wird am Sonntag eine Ausstellung zu dem hochaktuellen Thema eröffnet


Von Markus Dreher 5. März 2016

Ummendorf - Es ist eine hochaktuelle Ausstellung in der Ummendorfer Versöhnungskirche: Die vom Evangelischen Bildungswerk Oberschwaben (EBO) konzipierte Schau "Aspekte von Flucht in gegenwärtiger Kunst" greift das derzeit beherrschende politische Thema auf. Die Skulpturen und Bilder sollen zum Nachdenken über die vielfältigen Ursachen von Flucht und die individuellen Schicksale anregen. Von Sonntag, 6. März, bis Karfreitag, 25. März, wird die Schau von vielen Veranstaltungen begleitet und in Gottesdiensten thematisiert.

EBO-Geschäftsführerin Brunhilde Raiser hat aus den Beständen namhafter Künstler 40 Werke zusammengetragen. Die Wanderausstellung ist an jedem von fünf Orten ganz anders, wegen der jeweiligen Auswahl an Werken und weil diese im Museum anders wirken als in einer Kirche.

Das wird augenfällig, wenn man Raiser und der EBO-Vorsitzenden und Ummendorfer Pfarrerin Andrea Luiking beim Aufbauen zusieht. Unter den 14 hier gezeigten Objekten ist die "Überwindungshilfe" von Reinhard Sigle: eine aus Treibholz mit Klebeband zusammengeschusterte Leiter, wie sie Flüchtlinge zum Überklettern des Zauns um die spanischen Exklaven in Nordafrika benutzen. Die "Himmelsleiter", so der Untertitel, lehnen Raiser und Luiking nicht etwa an eine Wand - nein, ans Kreuz hinter dem Altar.

Kunst im Kirchenraum soll Diskussionen anstoßen

"Ich nehme an, dass das Diskussionen gibt", sagt Luiking, "und das ist gut." Genau das will die Pfarrerin: zum Gespräch anregen. "Es soll keine Galerie sein, es bleibt ein Kirchenraum und es geht um den Dialog mit den Texten, der Bibel." Wie immer bei Kunst gebe es nicht die eine richtige Interpretation. So ist es als Einladung zum Austausch zu verstehen, wenn Luiking die scheinbare Widersprüchlichkeit für sich auflöst: "Die Kreuzigung Jesu war auch kein ästhetischer Akt." Die "Überwindungshilfe" stehe für den Leidensweg der Flüchtlinge, zugleich verbindet Luiking mit der Positionierung der "Himmelsleiter" unter dem Auferstehungskreuz die Frage: Gibt es Erlösung, einen Weg über das Leiden hinaus? Sie selbst jedenfalls saugt daraus Inspiration für ihre Predigten in der Passions- und Osterzeit.

Sieben der acht vertretenen Künstler stammen aus Oberschwaben oder sind lange hier ansässig. Ausgesucht haben die beiden Theologinnen aber auch Bilder von Waleed Nizami. "Ich finde es wichtig, eine Stimme drin zu haben von jemandem, der das selbst erlebt hat", sagt Luiking. Der Künstler hat in seiner Heimat Syrien noch quietschbunt gemalt - heute, nach seiner Flucht, sind seine Bilder düster.

Die Schau will nicht gefällig sein, vielmehr Denkanstöße geben: Jörg Bachs Boot "Seelenverkäufer" etwa könnte zum Nachdenken anregen, wer hier wessen Seele verkauft: die Flüchtlinge die eigene, um ihre Haut zu retten? Die Schleuser die der Flüchtlinge? Oder ihre eigene für Geld?

Vertreten sind ganz unterschiedliche Techniken, darunter ein Tondokument und das Medium Fotografie: Zu den Aufnahmen von Claudio Hils mit militärischen Motiven fragt Brunhilde Raiser: "Wer schickt Soldaten mit welchem Ziel? Das finde ich hochbrisant, auch den Waffenhandel."

Überhaupt haben die beiden den Eindruck, dass die Ausstellung eine ungeahnte Aktualität gewonnen hat: Denn inzwischen, findet Luiking, "wird wenig über Syrien und den Krieg geredet, nur noch über unsere Überlastung". Mögen es zahlenmäßig viele Flüchtlinge sein, meint auch Raiser, "es sind lauter Individuen: einer und einer und einer ..."

Es gibt Zeichen der Hoffnung und gute Beispiele


So interpretiert sie die Schichten in den Bildern "Begegnung III + IV" von Ulla Mross denn auch als Appell: "Jede Begegnung schreibt sich ins Leben ein. Deshalb sollten wir auch denen, die nicht bleiben dürfen, gut begegnen - weil sie die Spuren der Begegnung mitnehmen." Für Luiking ist gerade dieses Werk "ein Zeichen großer Hoffnung: Es stellt für mich eine Brücke dar zu dem, was hier geschieht". Gemeint sind die Arbeit des Ummendorfer Unterstützerkreises und das Begegnungscafé.Einige Ehrenamtliche wirken bei der Ausstellungseröffnung am Sonntag mit. Für Besucher liegt während der Laufzeit ein Gästebuch aus.

An einer Hörstation ist ein vertonter Facebook-Dialog zwischen einer Journalistin und einem Flüchtling zu verfolgen. Das Tondokument vermittelt einen Eindruck vom Erleben eines Flüchtlings.

© Schwäbische Zeitung - 02.03.2016

Bild aus einer Flüchtlingsklasse: „Farbe füllt Form...“ war die Vorgabe. Spracherwerb und Bildende Kunst fielen in der Vorbereitungsklasse des Gymnasiums auf fruchtbaren Boden Bild: privat

Im Mittelpunkt steht das Thema Flucht
„Schaufenster Flucht“ ist am Freiag, 4. März, im Bibliothekssaal in Ochsenhausen

Der Ökumenische Arbeitskreis Asyl Ochsenhausen lädt am Freitag, 4. März, um 20 Uhr zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Schaufenster Flucht“ in den Bibliotheksaal in Ochsenhausen ein und verspricht einen informativen und nachdenklich-unterhaltsamen Abend mit Musik und Kabarett. Organisiert und unter Mitwirkung von Künstlern aus und um Ochsenhausen, ehrenamtlichen Helfern und auch Flüchtlingen. Bereits ab 19 Uhr werden Arbeiten aus zwei Flüchtlingsklassen in Ochsenhausen und Reinstetten gezeigt. Der Eintritt ist frei. Es wird um Spenden gebeten.

Im Mittelpunkt des Abends steht das Thema „Flucht“ und die ehrenamtliche Arbeit in und um Ochsenhausen für Flüchtlinge, mit Flüchtlingen und auch von Flüchtlingen. Pfarrer Matthias Ströhle, Beauftragter für die ehrenamtliche ökumenische Flüchtlingshilfe im Landkreis Biberach und gleichzeitig Sprecher des Ökumenischen Arbeitskreises Asyl Ochsenhausen: „Mit diesem Benefizabend möchte der Arbeitskreis sich und seine Aktivitäten vorstellen. Insbesondere soll sichtbar werden, wie wichtig die direkte Hilfe ist, um die große Herausforderung der Integration zu bewältigen. Um die große politische Diskussion, die ihre eigene Zielsetzung hat, soll es an diesem Abend nicht gehen.“

Auch zwei Flüchtlinge werden an dem Abend von ihren Erfahrungen berichten. Ein Flüchtling wird etwas zur Situation in Afghanistan sagen, ein anderer Flüchtling aus Syrien wird über seine Flucht und seine Ankunft in Deutschland erzählen.

Neben klassischer Musik, vorgetragen von dem Ochsenhauser Cellisten Alexej Grauberger sowie einer Präsentation von Projekten der Flüchtlingshilfe in Ochsenhausen ist der Schwerpunkt des Abends nachdenklich-unterhaltsames Kabarett mit der Ochsenhauser „OXi“-Truppe. Hinter der „OXi-family“ stecken Kabarettist Franz Baur und die Flötenspielerin Kerstin Högerle. Auf Hochdeutsch, versuchtem Hochdeutsch und auch im breitestem Schwäbisch versucht „OXi“ der Weisheit letzten Schluss zu kleinen und großen Fragen lyrisch zu verpacken – nachdenklich und unterhaltsam zugleich – und auch überraschend, denn mit einer „OXi-Überraschung“ ist immer zu rechnen.