Wittenberg

Auf dem Marktplatz in Wittenberg läuft der Countdown: In der großen Kugel wird sekündlich die Zeit bis zum Start der „Weltausstellung Reformation – Tore der Freiheit“ am 20. Mai 2017 heruntergezählt. FOTO: BAWA

In der Mitte Deutschlands luthert es schon gewaltig. Geschichtsträchtige Kirchenbauten sind renoviert, an den Gedenkstätten wird letzte Hand angelegt, und die Museen arbeiten unter Hochdruck für das nationale Ereignis schlechthin: Am 31. Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg. Zu Ehren des runden Datums dürfen sich die Bundesbürger sogar auf einen einmaligen nationalen Feiertag freuen. Denn auch die Bundesregierung macht sich stark für das Jubiläum. Zählt doch die Reformation für sie zu den geistigen Wurzeln unseres Gemeinwesens.

Der Festreigen beginnt bereits am Reformationstag 2016 in Berlin mit einem Gottesdienst in der Marienkirche sowie einem Festakt mit Bundespräsident Joachim Gauck. Und dann wird ein gewaltiger Besucher-ansturm einsetzen. Die Luther-Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen erwarten Gäste aus aller Welt - vor allem aus Amerika als dem wichtigsten von der Reformation geprägten Land außerhalb Europas. Dort wird bereits vorgesorgt: Ab Oktober informieren drei Ausstellungen in New York, Minneapolis und Atlanta über Luther und die globalen Folgen für Politik, Gesellschaft und Kultur. Unter anderem kann eine Poster-Ausstellung "#here i stand" per Mausklick weltweit heruntergeladen werden.

Zurück nach Deutschland. Eine Szene hat sich tief in das kollektive Gedächtnis unserer Nation eingegraben: Am 31. Oktober 1517 nagelt der Augustinermönch Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Missbrauch des Ablasses an die Türe der Schlosskirche von Wittenberg und löst damit eine Bewegung aus, die weder der Papst mit der Bannbulle noch der Kaiser mit der Reichsacht zu stoppen vermögen. Zeugen von Luthers folgenreicher Aktion gab es nicht. Egal - Luther hämmert, so stellt man sich den streitbaren Mönch nun mal vor. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass ein Hammer als Logo für die drei nationalen Sonderausstellungen in Berlin, Eisenach und Wittenberg zum Reformationsjubiläum wirbt. Die volle Wucht der Reformation soll die Besucher treffen, wenn sie sich von Frühjahr bis Herbst 2017 dem Theologen und Konfessionsgründer, Bibelübersetzer und Wortschöpfer, Mönch und Familienvater nähern. Das verspricht zumindest Astrid Mühlmann, Geschäftsführerin der "Staatlichen Geschäftsstelle Luther 2017" in Wittenberg, die zur Pressereise zu den wichtigsten Lutherstätten eingeladen hat.

Das Reisen war mühsam

"Mit den eigenen Augen zu sehen, ist besser als mit fremden", so zitiert sie den Reformator, als sie die Ausstellungspläne vorstellt. Das passt auch gut heutzutage, da man problemlos reist. Zu Luthers Zeiten war es eher mühsam. Vor allem für den Reformator. Sein Lebensmittelpunkt lag im überschaubaren Kursachsen: Eisleben, Mansfeld, Eisenach, Erfurt, Wittenberg, Leipzig. Wenn er weiter weg musste, dann waren das keine Lust-reisen. 1510 pilgerte er nach Rom und kehrte enttäuscht über die Selbstgefälligkeit der Amtskirche zurück. In Augsburg wurde er 1518 von Kardinal Kajetan wegen seiner 95 Thesen in die Mangel genommen. Und der Besuch in Worms 1521 war für ihn gar lebensgefährlich. Auf dem Reichstag weigerte er sich, zu widerrufen und wurde für vogelfrei erklärt. Hätte sein Landesherr Kurfürst Friedrich der Weise ihn nicht auf die Wartburg entführen und dort abschirmen lassen, wäre sein Schicksal besiegelt gewesen. Seine letzte weitere Reise sollte ihn 1530 zum Reichstag nach Augsburg bringen. Aber auf der heute bayerischen Veste Coburg, die damals noch zu Kursachsen gehörte, war Endstation. Zu gefährlich, befand sein Landesherr. Stattdessen handelte Luthers treuer und kluger Freund Philipp Melanchthon mit dem Kaiser das "Augsburger Bekenntnis" der Protestanten aus.

Luthers Welt war also klein, aber dank des aufkommenden Buchdrucks verbreiteten sich seine Ideen in Windeseile. Bei der Ausstellung 2017 im Berliner Martin-Gropius-Bau (12. April bis 5. November) geht das Deutsche Historische Museum deshalb dem "Luthereffekt" nach und damit der Frage, wie 500 Jahre Protestantismus die Welt verändert haben. Im Lutherhaus in Wittenberg wiederum präsentiert die Stiftung Luthergedenkstätten die Doppelausstellung "Luther! 95 Menschen - 95 Schätze" (13. Mai bis 5. November). Sie erinnert an Menschen, die von Luther inspiriert, aber auch provoziert wurden. Es war wohl kein Problem, 95 von ihnen zu finden! Zum anderen will die Schau den historischen Luther fassbar machen. Wertvolle Leihgaben wie seine private Bibel von der Veste Coburg, sein Reiseschreibkasten und sein Testament sollen dabei helfen.

Luthers dunkle Seiten

Auf der Wartburg bei Eisenach, wo Luther als Junker Jörg im Schutz der dicken Mauern 1521 das Neue Testament in weniger als einem Jahr übersetzte, heißt es "Luther und die Deutschen" (4. Mai bis 5. November). Damit hat sich die Wartburg-Stiftung, die diese mit 350 000 Gästen jährlich weltweit meistbesuchte Luthergedenkstätte betreut, ein besonders heikles Thema ausgesucht. Darlegen will man, wie das Luthertum Deutschland verändert hat - durch die Kirchenspaltung, aber auch durch einen anderen Bildungsbegriff und eine neue bürgerliche Geistlichkeit. Luthers dunkle Seiten sollen dabei nicht ausgeblendet werden: sein noch dem Mittelalter verpflichtetes Obrigkeitsdenken im Bauernkrieg, vor allem aber sein Antisemitismus der späten Jahre. 1543 rät er in seiner Schrift "Von den Juden und ihren Lügen", man solle ihre Synagogen und Schulen verbrennen - bekanntlich eine Steilvorlage für die Nazis.

Aber nicht nur Deutschland und die Welt wurden durch Luther verändert, auch das Lutherbild selbst ist immer wieder dem Zeitgeist angepasst worden - allein schon rein äußerlich, von Lucas Cranach d. Ä. über Albrecht Dürer und Johann Gottfried Schadow bis Werner Tübke. Die Reformation und ihre Vertreter wurden zudem stets von der jeweiligen Politik vereinnahmt. So funktionierten die Preußen nach 1885 die Schlosskirche in Wittenberg zur Heldengedenkstätte für Reformatoren um und bauten - völlig unpassend - einen zweiten protzigen Turm mit Pickelhaube hinzu. Weit ins Land hinaus sollte er künden, dass hier jetzt nicht mehr die Kursachsen das Sagen hatten. Die neogotische Innenarchitektur erstrahlt zum Jubiläum frisch restauriert. Selbst die Glasfenster mit den Wappen der reformierten Städte sind wieder komplett. In DDR-Zeiten hatte ein Handwerker die westlichen Wappen entfernen müssen, sie allerdings nicht weggeworfen, sondern sorgsam verwahrt. Jetzt wurden sie - eine hübsche Marginalie - vom Sohn wieder eingebaut.

Reformation als Weltereignis

Heldenverehrung will man bei dieser 500-Jahr-Feier auf jeden Fall vermeiden. Deswegen haben manche sogar ein Problem mit dem Signet. Cranachs Luther-Porträt mit schwarzem Barett vor rotem Hintergrund, das seit Beginn der Lutherdekade 2008 für das Jubiläum wirbt, ist ihnen zu personenbezogen. Aber Luther ist nun mal der bekannteste Kopf der Reformation - und Köpfe ziehen bei heutiger PR. Dennoch: Im Mittelpunkt soll die Reformation als Weltereignis stehen und nicht der Mönch aus Wittenberg. Das betonen auch die heutigen Landesfürsten von Sachsen-Anhalt und Thüringen. Schließlich haben sie die Staatskassen weit geöffnet - allein Sachsen-Anhalt investierte rund 100 Millionen, wie Ministerpräsident Reiner Haseloff im Gespräch versichert. Und das in einem Bundesland, in dem nur noch elf Prozent der reformierten Kirche angehören und lediglich vier Prozent der katholischen. Da braucht es gute Gründe für diese Ausgaben. Haseloff, Wittenberger mit Familientradition, ist überzeugt, dass man die Bedeutung der Reformation auch nichtreligiösen Menschen erschließen kann. Außerdem setzt der CDU-Mann auf nachhaltigen Tourismus, selbst über 2017 hinaus. Auch eher säkular gesinnte Wittenberger lassen übrigens nichts über ihren Luther kommen. Auf dem Marktplatz steht derzeit neben den Denkmälern für Luther und Melanchthon eine riesige Weltkugel, die die Zeit bis zum Beginn der "Weltausstellung Reformation - Tore der Freiheit" am 20. Mai 2017 herunterzählt. Während der 16 Themenwochen können die unterschiedlichsten Gruppen teilnehmen. "Es wird konkretisiert und gelebt, was das Reformationsjubiläum 2017 im Vergleich zu bisherigen Lutherjubiläen ausmacht: ökumenisch, interreligiös, international, mit Frauen und Männern als Beteiligte sowie mit einem wissenschaftlich methodischen Umgang mit der Bibel", so wirbt die EKD als Veranstalter. 

Der Lu­ther-Count­down läuft

Auf dem Marktplatz in Wittenberg läuft der Countdown: In der großen Kugel wird sekündlich die Zeit bis zum Start der „Weltausstellung Reformation – Tore der Freiheit“ am 20. Mai 2017 heruntergezählt. FOTO: BAWA

2017 jährt sich der Thesenanschlag des Reformators zum 500. Mal - Die Mitte Deutschlands rüstet sich für den Ansturm