"Kin­der, die das Le­ben strei­fen"

Ein außergewöhnliche Ausstellung widmet sich in der Versöhnungskirche Ummendorf der Trauer um "Kinder, die das Leben streifen". Ein Thema, dass nicht nur Frauen und Paare anspricht, die ein Kind in der Schwangerschaft verloren haben.

Vielmehr ermutigen die Versöhnungskirche, die Biberacher Familienbildungsstätte (FBS), das Evangelische Bildungswerk Oberschwaben, die Caritas und die Gesamtkirchengemeinde Biberach auch Leute, die ein solches Schicksal nicht persönlich erlebt haben, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Nicht nur, weil "jeder Verluste hat und es immer an eigene Erfahrungen rührt", wie Pfarrerin Andrea Luiking sagt, und gerade in der Passionszeit mit Fragen an jeden Christen verknüpft ist.

Hinzu kommt eine gesellschaftliche Dimension: Die Ausstellungsmacherinnen wissen aus eigener Erfahrung oder aus Gesprächen mit Betroffenen, dass den Eltern totgeborener Kinder häufig mit einer gewissen Hilflosigkeit begegnet werde. Ruth Seethaler und Petra Read von der eigens diesem Thema gewidmeten Trauergruppe der Caritas Schwangerschaftsberatung berichten, dass Betroffene schon mal sinngemäß die Frage zu hören bekommen: Was stellst du dich so an, das Kind hat doch gar nicht gelebt?

Über ein Tabu sprechen

Dabei säßen die damit verbundenen Gefühle und Ängste ganz tief. Und betroffen sei immer die ganze Familie, ergänzt Karin Burgmaier-Laengerer, die Leiterin der FBS. "Auch die Geschwisterkinder, die oft ganz selbstverständlich sagen: ,Ich habe zwei Brüder'"- auch wenn sie mit einem davon nie im Leben gespielt hätten. Ist der Verlust eines geliebten Menschen immer traurig, so sei es besonders "unstimmig", wenn die Kinder vor den Eltern gehen - und gerade deshalb ein Stück weit ein Tabu. Viele Betroffene redeten nicht offen, aber ihre Zahl sei größer, als man gemeinhin denkt. Diese Einschätzung wagen Seethaler und Read nicht zuletzt aufgrund der Reaktionen, die sie auf die Trauermappe der Caritas-Trauergruppe bekommen haben.

Diese Broschüre enthält in der Trauergruppe entstandene Texte von Frauen und Paaren, die ein Kind in der Schwangerschaft verloren haben. Dazu haben die Macherinnen beim VHS-Fotokreis nach Bildern gefragt; Claudia Albrecht-Ries, Friedrich Jäck und Herbert Köppen sind nicht vor dem heiklen Thema zurückgeschreckt und haben Fotos teils gezielt angefertigt, teils aus ihrem Fundus beigesteuert. Da nicht alles Material in der Trauermappe Platz fand, wurde eine Ausstellung konzipiert, die bereits an verschiedenen Orten gezeigt wurde.

So wie in der Ummendorfer Versöhnungskirche war die Schau indes noch nicht zu sehen, weshalb Pfarrerin Luiking sagt: "Es lohnt sich selbst für die, die sie schon gesehen haben." Denn hinzugekommen sind lichtweiße Objekte aus federleichtem Papier von Tina Menner-Zint. Luiking ist zufällig darauf gestoßen und sie habe sofort gedacht, dass diese ideal passten: Die Figuren seien "nicht so körperlich" und hinterlassen durch ihren Schatten doch eine Spur - wie die "Kinder, die das Leben leben streifen". Obwohl Menner-Zint im Schaffensprozess etwas ganz anderes, nämlich die erst beim zweiten Hinsehen erkennbare Einzigartigkeit jeder Figur ("Wir und die anderen") im Kopf hatte, stimmt sie Luiking zu: Die fast durchsichtigen Figuren schweben, muten "nicht ganz von dieser Welt" an.

Das ist nicht das einzige Neue. Die Texte werden durch eine größere Darstellung stärker in den Blickpunkt gerückt und nicht zuletzt findet es Luiking "immer spannend, wie solche Werke mit dem Kirchenraum, dem Auferstehungskreuz und anderen Objekten korrespondieren". Kunstausstellungen in der Kirche haben hier schon Tradition, gerade in der Passionszeit. Wer sonst sollte einem solchen Thema Raum bieten?, fragt Luiking: Wo leiden Menschen heute? Und wem das schwer verdauliche Kost scheint, den ermuntert die Pfarrerin und zeigt auf Werke, die Trost spenden sollen, ohne die Trauer einfach beseite zu wischen: "Das zieht einen nicht runter. Das hat eine Kraft."