Kirchen in BW sammeln Althandys – 100.000 in zwei Jahren sind das Ziel

Gebrauchte Handys sind zu schade zum Wegwerfen und enthalten wertvolle Rohstoffe, die nicht verloren gehen sollten. Vielen Handynutzer sind die globalen Zusammenhänge in der Handyproduktion und deren Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft jedoch wenig bewusst. Daher haben sich erstmalig Kirchen und Organisationen aus der Zivilgesellschaft in Baden-Württemberg zusammengeschlossen, um in der so genannten „Handy-Aktion“ gemeinsam gebrauchte Mobiltelefone zu sammeln und über die ökologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen des Herstellungsprozesses zu informieren.

Dazu wird am Mittwoch, den 18. Oktober um 19.30 Uhr im Stadtteilhaus, Banatstraße 43, Pfarrer Ralf Häußler vom Zentrum für Entwicklungsbezogene Bildung (ZEB) einen Vortrag halten mit dem Titel „Digital, mobil – und fair? - Auf dem Weg zu mehr Gerechtigkeit für Smartphones und Co.“

Häußler begleitet die „Handy-Aktion“ als Beauftragter der Evangelischen Landeskirche. In seinem Vortrag wird er die Hintergründe der Handy-Produktion rund um den Globus aufzeigen. Auch wird er Alternativen wie das Fairphone vorstellen sowie konkrete Handlungsmöglichkeiten, die dazu beitragen, dass die menschenrechtlichen und ökologischen Probleme angegangen werden.

In den nächsten zwei Jahren sollen 100.000 Althandys zusammenkommen, die entweder weiterverwendet oder umweltgerecht recycelt werden. Die Telekom Deutschland unterstützt die Aktion mit dem neu entwickelten Handysammelcenter. Die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Biberach beteiligt sich an der Sammelaktion. Gebrauchte Mobiltelefone können in Biberach jederzeit im Weltladen, Schadenhofstraße 11 oder im „trag’s weiter“, Bürgerturmstraße 3/5 abgegeben werden. Dort sind Sammelboxen aufgestellt.

Schirmherr der Handy-Aktion ist Franz Untersteller, Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft in Baden-Württemberg.

Schätze schlummern in Schubladen

Nach Angaben der Deutschen Umwelthilfe werden in Deutschland jährlich 35 Millionen Mobiltelefone neu gekauft. Jedes dieser Handys wird im Schnitt nur 18 Monate genutzt. Die Folgen sind 5.000 Tonnen Elektronikschrott pro Jahr. „In Deutschlands Schubladen schlummern über 100 Millionen ungenutzte Handys und Smartphones – daraus ließen sich mehr als zwei Tonnen Gold, zwanzig Tonnen Silber und 720 Tonnen Kupfer zurückgewinnen. Diesen Schatz gilt es zu heben, und in den Kreislauf zurück zu führen“, erklärt Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH.

Gewalt und Armut bei Rohstoff-Gewinnung und Produktion

Bis das Handy jedoch in Deutschland ist, hat es viele Produktionsstufen in vielen Ländern durchlaufen. „Der Konsum bei uns hat weltweite Auswirkungen“, sagt Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg – Landesstelle Brot für die Welt. Weil Gott die Menschen zur weltweiten Solidarität aufrufe, helfe Brot für die Welt den Menschen im Kampf gegen Ungerechtigkeit. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)

„Gewalt und Armut dominieren den Abbau der Rohstoffe in den Minen im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Und die Produktion der Geräte geschieht immer wieder ohne Einhaltung menschen- und arbeitsrechtlicher Standards“, sagt die Kongolesin Cathy Plato vom Entwicklungspädagogischen Informationszentrum (EPiZ) in Reutlingen. Alle Nutzerinnen und Nutzer von Mobiltelefonen trügen Verantwortung für ihr Konsumverhalten.

Dr. med. Gisela Schneider, Direktorin des Difäm – Deutsches Institut für Ärztliche Mission e.V., unterstützt und begleitet Gesundheitsprojekte im Ost-Kongo und berichtet: „Viele Menschen sind traumatisiert. Vor allem Frauen und Mädchen leiden unter der Gewalt: Tausende werden Opfer von systematischen Vergewaltigungen.“ Vor allem die Kinder seien mangel- oder unterernährt und litten unter armutsbedingten Krankheiten. Der Zugang zu einer guten Gesundheitsversorgung sei oft nicht möglich.

„Das Handy ist für Jugendliche ein unverzichtbarer Teil des Lebens. Deshalb freue ich mich über die Handy-Aktion, weil Jugendliche hier entdecken können, unter welchen Bedingungen ein Mobiltelefon hergestellt wird, welche Rohstoffe gebraucht werden und was das mit ihnen zu tun hat“, so erläutert Gottfried Heinzmann, der Leiter des Evangelischen Jugendwerks in Württemberg (EJW) die Relevanz der Aktion besonders für Jugendliche. Daher sind Kirchengemeinden, Schulklassen, Kommunen, außerschulische Bildungsträger sowie Einzelne oder Gruppen angesprochen.

Im Trägerkreis der Handy-Aktion haben sich verschiedene Organisationen aus Baden-Württemberg zusammengeschlossen, die gemeinsam aktiv werden wollen. Sie kommen aus der Jugendarbeit, aus Kirche und Zivilgesellschaft, Aktionsgruppen, Fachdiensten und Eine Weltorganisationen.

Dabei sind: Evangelische Landeskirchen in Baden und Württemberg, Diakonisches Werk Württemberg – Landesstelle Brot für die Welt, Difäm - Deutsches Institut für Ärztliche Mission e.V., Evangelische Jugendwerk in Württemberg (EJW), Aktion Hoffnung Rottenburg-Stuttgart, EPiZ - Entwicklungspädagogisches Informationszentrum Reutlingen und der Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg (DEAB).

Weitere Informationen unter:

www.handy-aktion.de