© Schwäbische Zeitung 29.11.2018

Es war ein steiniger Weg, aber seit 2016 sind sie glücklich verheiratet: Christine Lauenstein (links) und Sigrid Eicken. Foto: Christoph Dierking

"Es geht uns dar­um, Her­zen zu öff­nen"

Lesbisches Ehepaar erzählt seine Geschichte bei der Evangelischen Kirchengemeinde

Laupheim - Laupheim - Im Juli hat die Evangelische Kirchengemeinde Laupheim beschlossen, der "Initiative Regenbogen" beizutreten. Das bedeutet: Die Gemeinde heißt lesbische und schwule Menschen ausdrücklich willkommen und setzt sich dafür ein, dass Pfarrer auch gleichgeschlechtliche Ehepaare in einem öffentlichen Gottesdienst segnen dürfen. Zu diesem Thema hat am Dienstag im Gemeindehaus ein Informationsabend stattgefunden. Bei der anschließenden Diskussion kamen auch Vorbehalte zur Sprache.

Es ist das vierte Mal, dass Sigrid Eicken und Christine Lauenstein ihre Geschichte in der Öffentlichkeit erzählen. Die Zuhörer an diesem Abend: Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde in Laupheim. Eicken und Lauenstein sind seit 2002 ein Paar. Sie haben viele glückliche Momente erlebt, mussten sich aber auch einigen Schicksalsschlägen stellen: Eicken hatte Krebs, bei Lauenstein diagnostozierten die Ärzte eine Augenkrankheit, unter deren Folgen sie noch heute leidet. In diesen schwierigen Zeiten standen die Frauen füreinander ein, sie unterschrieben Vollmachten, übernahmen Verantwortung. "Wie in einer Ehe", sagt Lauenstein. "Damals haben wir beschlossen zu heiraten, und dafür wollten wir auch Gottes Segen."

Nur inoffizielle Segnungen

Eicken und Lauenstein haben mit Problemen gerechnet. Denn die Evangelische Landeskirche in Württemberg verbietet die öffentliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare - unter den Evangelischen Landeskirchen deutschlandweit eine Ausnahme. Kirchlich heiraten, das geht nur inoffiziell, wenn sich Pfarrer bereiterklären, den Segen zu erteilen. Sie verstoßen damit gegen Kirchenrecht und riskieren ein Disziplinarverfahren. "Wir hätten einfach nach Baden gehen können", erzählt Eicken. Trotzdem wollten es die beiden Frauen in Esslingen, ihrer Heimatstadt, zumindest versuchen. Und sie hatten Erfolg: "Der Pfarrer hat sofort ja gesagt."

Die Hochzeitsplanung lief schon auf Hochtouren, als Lauenstein ein eigenartiges Gefühl beschlich. "Mein Eindruck war, dass der Pfarrer mir aus dem Weg geht", erinnert sie sich. Die Nachricht kam schließlich an einem Dienstagmorgen. Es werde keine öffentliche Segnung geben, teilte der Pfarrer in einer E-Mail mit. Der zuständige Dekan habe eine entsprechende Weisung erteilt. "Das war für mich schlimmer als meine beiden Krebsdiagnosen zusammen", sagt Eicken. "Wir haben uns wie Christen zweiter Klasse gefühlt."

Das sagt die Bibel

Matthias Hestermann ist Prälaturbeauftragter für Homosexualität in der Landeskirche und nach Laupheim gekommen, um der Gemeinde theologische Fragen zu erörtern. Für den Pfarrer steht fest: "Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ist eine theologische Notwendigkeit." Gewiss gehe aus der Schöpfungsgeschichte hervor, dass Gott zwei Geschlechter geschaffen und Männer und Frauen einander zugeordnet habe. "Allerdings wussten die Verfasser der Schöpfungsgeschichte nichts von sexueller Vielfalt", erklärt Hestermann. Das müsse man bei der Interpretation berücksichtigen.

"Heute ist wissenschaftlich belegt, dass es nicht nur zwei Geschlechter gibt", sagt der Theologe. Bei Intersexuellen lasse sich das Geschlecht nicht eindeutig bestimmen. Und ebenfalls belegt sei, dass es schon immer Männer und Frauen gegeben habe, die sich zum eigenen Geschlecht hingezogen fühlen. Das treffe auf fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung zu. "Homosexualität ist ein Wesensmerkmal, ebenso wie die Haarfarbe, das die Betroffenen nicht einfach ändern können." Für die Bibel sei vollkommen klar, dass Sexualität zum Menschen dazugehört. Im Sinne Gottes gehe sie mit Verantwortung einher. "Diese Verantwortung spiegelt sich in der Ehe wider", sagt Hestermann. "Auch Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, übernehmen Verantwortung. Daher müssen wir ihnen den Segen Gottes ermöglichen."

Jawort im Juli

Dieser Ansicht war auch der Pfarrer aus Stuttgart-Zuffenhausen, mit dem Eicken und Lauenstein nach der abgesagten Segnung Kontakt aufgenommen hatten. "Er hat garantiert, dass wir unsere Segnung bekommen", erzählt Lauenstein. Und so kam es dann auch. Die beiden Frauen gaben sich im Juli 2016 das Jawort. "Das hat mein Verhältnis zur Kirche gerettet", sagt Eicken. Nun gehe sie mit ihrer Ehefrau in die Öffentlichkeit, um in Kirchenkreisen für Akzeptanz zu werben. "Es geht uns darum, Herzen zu öffnen."

Für die abgesagte Segnung haben Eicken und Lauenstein von Kirchenvertretern übrigens eine offizielle Entschuldigung erhalten. Und offenbar hat ihr Fall bei dem damals zuständigen Dekan ein Umdenken bewirkt: Im vergangenen Jahr hat er ein Papier unterzeichnet, in dem Stuttgarter Dekane den Oberkirchenrat auffordern, die kirchliche Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren zu ermöglichen.

© Schwäbische Zeitung 10.11.2018

Besiegelten unter dem Regenbogen der Jugendwoche die Zusammenarbeit: (von links) Simone Zell von der Johanniter-Regional-Jugendleitung, Pfarrer Georg Maile und der Leiter der Johanniter-Jugendgruppe Daniel Gretz. Foto: johanniter/hans klein

Jo­han­ni­ter-Ju­gend und Chris­tus­kir­che ko­ope­rie­ren
Evangelischer Pfarrer von Bad Schussenried spricht von bisher einmaligem Projekt in der Landeskirche



Bad Schussenried - Die evangelische Kirchengemeinde Bad Schussenried und die Johanniter-Jugend kooperieren in der Jugendarbeit. "Was lange währt, kommt an sein Ziel", schreibt der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde, Georg Maile, in seinem Begleitschreiben zur unterschriebenen Kooperationsvereinbarung für eine gemeinsame Jugendarbeit.

Die Kirchengemeinde freue sich über die gute und konstruktive Zusammenarbeit, betont Pfarrer Maile, und hebt auch gleich hervor, dass die Vereinbarung "in dieser Form einmalig ist in unserer Landeskirche". Dabei unterstützt die Gemeinde der Christuskirche schon seit Jahren sehr erfolgreich die gemeinsame Jugendarbeit.

Überhaupt wird in der gemeinsamen Kooperationsvereinbarung deutlich, wie sehr sich die Ziele und Werte zusammenfügen. Laut Mitteilung stehen der Dienst am Nächsten, gesellschaftliche Mitverantwortung und sinnstiftende Orientierung ebenso wie Glaubensfragen und soziales Verhalten im vereinbarten Text. "Natürlich auch Spielen, biblische Geschichte und Erste Hilfe kennenlernen", betont Simone Zell von der Johanniter-Regional-Jugendleitung, "soweit die Kinder und Jugendlichen das Angebot annehmen." Die Johanniter sind in der Tradition des evangelischen Ordens im Rettungs- und Sanitätsdienst, Katastrophenschutz und der Erste-Hilfe-Ausbildung sowie in der karitativen und sozialen Arbeit von der Jugend bis Altenpflege vielfältig aktiv.