© Schwäbische Zeitung 30.08.2019

Joshua und Marlis Glaser vor ihren Werken im Atelier. (Foto: Judith Ezerex)

Innovationen, die das Judentum geprägt haben
Der Europäische Tag der Jüdischen Kultur steht dieses Jahr im Zeichen der Innovationen

Zum Europäischen Tag der Jüdischen Kultur (ETJK) am Sonntag, 1. September, öffnet Marlis Glaser um 15 Uhr die Ausstellungshalle in ihrem Atelier für Bildende Künste. Die Künstlerin lädt ein, diesen Tag mit Vorträgen, Musik und Bildender Kunst zu genießen, sich inspirieren zu lassen und sich auszutauschen.

In Kooperation mit dem Evangelischen Bildungswerk Oberschwaben (EBO) und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Ulm/Neu-Ulm, hat Marlis Glaser Künstler und Referenten eingeladen, sich mit dem diesjährigen Motto auseinanderzusetzen: „Innovationen in Wissenschaft, Philosophie, Ethik, Geschichte und Kultur im Judentum, insbesondere aus Texten der Tora und des Talmuds“.

Kunst und Gesang

Neben ihren beiden Söhnen Joshua Glaser und Samuel Fischer-Glaser ergänzt Marlies Poss, eine befreundete Künstlerin aus München, die Ausstellung. Nikola David, Tenor und Kantor, singt neue und traditionelle hebräische Lieder. Rabbiner Dr. Tom Kucera, promovierter Biochemiker, wird sowohl aus naturwissenschaftlicher Sicht Innovationen im Judentum als auch neue Erkenntnisse und Werte für die Menschheit aus der Tora darstellen und vertiefen.

Marlis Glaser hat sich dem Thema Innovationen auf zweifache Weise genähert. Einmal über den Aspekt der Gerechtigkeit, der biblisch bei Abraham zuerst auftauche. So habe sich die „Blutrache“ weiterentwickelt zu einem „Auge für Auge“ im Sinne von Verhältnismäßigkeit, um die soziale Balance zu erhalten. Zum zweiten über couragierte Menschen mit herausragenden Charaktereigenschaften und Ideen.

An der hohen weißen Wand hängen im Atelier die Porträts von Carl Lämmle, Filmpionier aus Laupheim, der den Starkult einführte, von Regina Jonas, erste Rabbinerin weltweit sowie der Frauenrechtlerin und Gründerin des jüdischen Frauenbunds, Bertha Pappenheim. Um die Ecke hängt eine Porträtzeichnung des gebürtigen Ulmers Albert Einstein. Der Naturwissenschaftler ergänzt die kleine Auswahl an starken Charakteren, die für neue Ideen, für fortschrittliches Denken stehen und exemplarisch das Motto des ETJK abbilden. Für ein Porträt hat Glaser noch Platz gelassen. Es ist noch im Werden. „Das Aufwendigste ist, sich mit den Personen auseinanderzusetzen, zu forschen und zu lesen“, sagt die Künstlerin, „und dann die Farben zu finden, die die Persönlichkeit am Besten treffen.“

In ihren Bildern stehen Wort und Form (Malerei und Linoldruck) manchmal fast gleichwertig nebeneinander. Was willkürlich wirken mag, sei komplett durchdacht, sagt sie. Die schriftlichen Elemente bilden mit der Form das große Ganze und doch ergeben die Worte alleine schon Sinn. Bibelzitate aus den Büchern Mose hätten schon vor dreieinhalbtausend Jahren auf das Gebot hingewiesen, die Tiere zu schützen. Aus dem Verbot, Tiere zu quälen, sei es für sie nur konsequent, vegan zu leben. Denn wie heute Fleisch produziert werde, sei Tierquälerei.

Thema Tierschutz im Fokus

Das Thema Umweltschutz und Tierschutz hat auch Joshua Glaser aufgegriffen und eine Holzskulptur mit dem Titel „Vegan“ geschaffen. Samuel Fischer-Glaser, Künstler aus München, hat sich mit dem ungarisch-amerikanischen Milliardär und Philanthropen George Soros beschäftigt, der zwanzig Kulturzentren für zeitgenössische Kunst in Osteuropa und auf dem Balkan eröffnete. Und Marlies Poss interpretiert die Thematik „Innovationen“ im Hinblick auf Mutationen, die das Ökosystem zerstören können.

Der Europäische Tag der Jüdischen Kultur 2019 mit dem Motto „Innovationen“ beginnt in Attenweiler in der Ausstellungshalle von Marlis Glaser, Biberacher Straße 19, am Sonntag, 1. September, um 15 Uhr mit Vortrag - Musik - Bildende Kunst, Eintritt 8 Euro. Die Kunstwerke sind ausgestellt vom 1. bis 15. September. donnerstags, freitags und sonntags, jeweils 15 bis 19 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung, Telefon 07357/2438, www.marlis-glaser.de


© Schwäbische Zeitung 30.08.2019

Bodo Rüdenburg (v. l.) und Johannes Angele hoffen bei der Aufarbeitung der Opferbiografien auf die Unterstützung der Bürger. (Foto: Gerd Mägerle)

Den Opfern ihre Würde zurückgeben

IG Heimatforschung startet neues Projekt zur NS-Euthanasie im Landkreis und hofft auf Unterstützung der Bürger

Von Gerd Mägerle, Biberach

Hunderte Menschen aus dem Gebiet des heutigen Landkreises Biberach sind zwischen Januar und Dezember 1940 von den Nazis in die damalige Tötungsanstalt Grafeneck auf der Schwäbischen Alb deportiert und dort vergast worden; so die Schätzung von Johannes Angele, dem Leiter der Interessengemeinschaft (IG) Heimatforschung im Landkreis Biberach. In einem neuen Projekt will die IG nicht nur eine möglichst vollständige Namensliste aller Opfer aus dem Kreisgebiet erstellen, sondern auch die Biografien dieser Menschen nacherzählen. Dabei hofft die IG auch auf Unterstützung der Bürger.

Bei den Menschen handelte es sich um Patienten, die bis 1940 in den Heil- und Pflegeanstalten in Schussenried, Zwiefalten, Heggbach oder Ingerkingen wegen ihrer zum Teil mehrfachen körperlichen oder psychischen Behinderungen oder chronischen Erkrankungen gepflegt wurden.

1940 ordneten die Nazis die systematische Ermordung von Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen an. Diese im Zusammenhang mit den NS-Erbgesundheitsgesetzen „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ wurde später auch als „Aktion T4“ bekannt, die auf die dafür zuständige Zentraldienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4 Bezug nimmt. Die Umkehrung des griechischen Begriffs „Euthanasie“ im Sinne von Sterbehilfe stellt mit Blick auf das systematische Töten der Nazis einen Euphemismus dar. Er wird erst infolge der Strafprozesse nach 1945 in diesem Zusammenhang verwendet.

Um ihre Pläne im Südwesten in die Tat umzusetzen, beschlagnahmten die Nazis im Oktober 1939 - also vor genau 80 Jahren - Schloss Grafeneck und machten daraus in der Folge die erste Tötungsanstalt in Deutschland. Mehr als 10 600 Menschen kamen dort im Jahr 1940 in der in einer als Garage getarnten Gaskammer zu Tode. Ein Zweck der Tötungen sei gewesen, dadurch ausreichend freie Lazarettplätze für die Folgen des Frankreichfeldzugs zu schaffen, sagt Angele.

Mit Postbussen abgeholt

„Die Menschen wurden mit Reichspost-Bussen aus den Pflegeanstalten abgeholt und nach Grafeneck gebracht“, schildert Bodo Rüdenburg von der IG Heimatforschung. Er hat als Mitarbeiter der Bibliothek des damaligen Psychiatrischen Landeskrankenhauses (PLK) Zwiefalten bereits ab den 1980er-Jahren Forschungen über die „Euthanasie“ in Zwiefalten und Schussenried betrieben und publiziert. Dass in den Erinnerungen von Zeitzeugen immer wieder von „grauen oder grünen Bussen“ die Rede sei, obwohl die Busse der Reichspost eigentlich rot lackiert waren, führt Rüdenburg auf die Zeitumstände zurück. Zum einen habe man die Busse in Kriegszeiten aus Gründen der Tarnung umlackiert. Des Weiteren seien später die Scheiben geweißelt worden, damit man nicht mehr ins Innere blicken konnte.

Die Tötungen blieben nicht völlig verborgen, in der Bevölkerung kursierten schon bald Gerüchte. Der evangelische Pfarrer Leube aus Schussenried sprach sich in einem Brief an das Reichsinnenministerium gegen die Tötungen aus, erhielt aber nie eine Antwort. In Schussenried erfuhr man erst nach dem Krieg von Leubes Brief.

Das Thema NS-Euthanasie gelte auch heute vielfach noch als Tabu, sagt Angele. Verschämt sei nach dem Krieg darüber gesprochen worden, „dass dieser oder jener in Grafeneck durch den Kamin geschickt“ worden sei. Seine Hoffnung sei, so Angele, dass durch die zeitliche Distanz zum Geschehen inzwischen ein offenerer Umgang damit möglich sein müsse. Aufgrund einer perfiden deutschen Gründlichkeit gebe es namentliche Transportlisten der Deportierten. Nach der Wende seien in einem Stasi-Archiv in Berlin auch die Krankenakten vieler der Getöteten entdeckt worden, sagt Rüdenburg. „Die sind zwischenzeitlich restauriert und enthalten Krankengeschichten, aber zum Teil auch Fotos und Briefe. Das ist für uns sehr hilfreich.“

Möglichst viele Lebensläufe

Die IG Heimatforschung möchte die Biografien der Getöteten aber über die Akten hinaus nachzeichnen und hofft deshalb auf die Mithilfe von Angehörigen oder anderen Menschen, die etwas über die Opfer wissen. Ziel ist, so Angele, bis Ende des Jahres eine vollständige Namensliste aller Getöteten aus dem Kreis Biberach, geordnet nach Kommunen, zu haben und danach möglichst viele ihrer Lebensläufe zu rekonstruieren. Hier baut er auch auf Unterstützung der Gedenkstätte Grafeneck. Auch die Kreisarchive der Region befassten sich mit dem Thema NS-Euthanasie, sagt Angele. „Wir wollen nicht, dass die Erinnerung an diese Menschen einfach verschwindet, sondern wollen ihnen ihre Würde zurückgeben.“

Veröffentlicht werden sollen die Forschungsergebnisse am Ende in einem Buch. „Wir werden dafür Sorge tragen, dass das in würdiger Form und Sprache geschieht“, verspricht Angele. Denn die Sprache in den Krankenakten sei menschenverachtend.

Wer Informationen zur NS-Euthanasie im Biberacher Kreisgebiet hat oder dessen Angehörige selbst davon betroffen waren, darf sich bei Johannes Angele melden, Telefon 07352/922615 oder johannes@angele.de


Geheuchelte Anteilnahme: In Briefen wie dem abgebildeten, der an eine Familie in Laupheim ging, wurde den Angehörigen der Deportierten deren Tod in einer der sogenannten Pflegeanstalt mitgeteilt. Die Todesursachen entsprachen dabei nicht der Realität, in Wirklichkeit wurden die Menschen von den Nazis vergast. (Repro: Johannes Angele/SZ)

© Schwäbische Zeitung 22.08.2019

Pfarrein Daniela Bleher packt die Umzugskisten. Nächste Woche verlässt sie Biberach in Richtung Münsingen. (Foto: Gerd Mägerle)

Tschüss, Biberach: Daniela Bleher packt die Umzugskisten

Die evangelische Pfarrerin der Heilig-Geist-Gemeinde wechselt als Reha-Seelsorgerin nach Bad Urach

Daniela Bleher, evangelische Pfarrerin der Heilig-Geist-Gemeinde in Biberach, sitzt auf gepackten Koffern. Nächste Woche kommt der Möbelwagen, denn die 46-Jährige tritt Mitte September eine neue Stelle als Reha-Seelsorgerin in Bad Urach an. Fast sechs Jahre war die gebürtige Münsingerin nun Pfarrerin in Biberach.

Im Dezember 2013 hatte Daniela Bleher die Nachfolge von Pfarrer Ulrich Weber angetreten. Zuvor war sie Gemeindepfarrerin in Kirchheim unter Teck gewesen. Biberach sei für sie deshalb eine große Veränderung gewesen. „Im katholischen Oberschwaben war ich in der Diaspora tätig“, sagt sie. Auch die dezentrale Struktur der Heilig-Geist-Gemeinde, zu der auch Bergerhausen und Mettenberg gehören, sei für sie anfangs ungewohnt gewesen. Auch dass die Heilig-Geist-Kirche nicht mehr für regelmäßige Gottesdienste genutzt werde, finde sie schade. „Das ist schon auch ein Verlust für die Gemeinde“, sagt Daniela Bleher.

In die Zeit ihrer Pfarrtätigkeit fiel auch der Beschluss zur Fusion der bislang eigenständigen evangelischen Kirchengemeinden Stadtpfarrkirche, Heilig-Geist-Kirche und Bonhoefferkirche zu einer einzigen Gemeinde. „Die Zeit der Fusion war schon anstrengend und hat Kraft gekostet“, sagt Daniela Bleher. Strukturen mussten neu gedacht, die Kirchengemeinderäte mitgenommen und Ängste und Befürchtungen abgebaut werden.

Überdies hat sich für Daniela Bleher in ihrer Biberacher Zeit auch ihr Privatleben entscheidend verändert. Kurz vor ihrem Amtsantritt 2013 hatte sie ihren Mann geheiratet und in Biberach kam Sohn Johann auf die Welt, der inzwischen drei Jahre alt ist und den Kindergarten besucht. Die junge Mutter ging zunächst in Elternzeit und reduzierte ihre Tätigkeit fortan auf 50 Prozent.

Das Familienleben sei für sie auch der Grund gewesen, sich beruflich zu verändern. Auch die neue Stelle in der Reha-Seelsorge in Bad Urach ist eine 50-Prozent-Stelle. Daniela Blehers Mann wird auch künftig als Berufsschullehrer in Ehingen arbeiten. Wohnen wird die Familie in Blehers Heimatort Münsingen. Nach rund 25 Jahren ist das für die Pfarrerin eine Rückkehr in die alte Heimat. „Das war so nicht geplant, aber auch in Bad Urach ist der Wohnungsmarkt ziemlich angespannt, ähnlich wie in Biberach“, sagt sie. Ein Vorteil sei, dass auch ihre Geschwister am Ort leben.

An Biberach vermissen werde sie vor allem das große Angebot an Aktivitäten für Familien und Kinder. „Beeindruckt hat mich hier die integrative Kraft des Schützenfests“, sagt Daniela Bleher. Das sei in einer Weise gemeinschaftsstiftend, wie sie es nicht erwartet hätte. Auch die Kombination aus Stadt und Land habe sie in Biberach als reizvoll empfunden.

Ans Herz gewachsen ist ihr in ihrer Biberacher Zeit als Pfarrerin auch die Begleitung des Winterhölzles. „Da haben wir ein tolles Team aus Ehrenamtlichen.“ Und auch die Konzertgottesdienste in der Heilig-Geist-Kirche werde sie vermissen. „Das waren schöne Begegnungen mit Musikern.“

Daniela Blehers Nachfolge wird ab September Pfarrer Johannes Köhnlein antreten, der bereits zu 50 Prozent in der Heilig-Geist-Gemeinde tätig ist.

Offiziell verabschiedet wird Pfarrerin Daniela Bleher beim Gemeindefest im Grünen am Sonntag, 22. September, ab 10.30 Uhr im Hölzle.

© Schwäbische Zeitung 08.08.2019

Ehrenamtliche Unterstützung für Flüchtlinge in Wain: Kerstin Kriegl (l.) und Jens Rieso vom Arbeitskreis. Julia Blessing von der ökumenischen Flüchtlingsarbeit hilft hauptberuflich. FOTO: AXEL PRIES

Integration: der Erfolg am Ende des langen Weges

Nach fünf Jahren zieht der Arbeitskreis Flüchtlinge in Wain eine positive Bilanz: alle Schützlinge integriert und in Arbeit


Wain

Fünf Jahre ist es her, dass die Initiative startete, und heute schauen Mitbegründer des Arbeitskreises Flüchtlinge in Wain mit gewisser Befriedigung auf ihr Werk: Alle Flüchtlinge, die sie in ihrer Betreuung hatten, gehen heute einer Ausbildung nach oder haben eine Arbeitstelle. Aber bis zu dieser positiven Bilanz mussten die rührigen Wainer viele Hürden überwinden und selbst viel lernen, um helfen zu können. „Zum Glück haben wir von so vielen Schwierigkeiten damals nichts geahnt“, erzählt Jens Rieso vom „harten Kern“.

Die Geschichte der Wainer Flüchtlingsbetreuung hat bereits ein Jahr vor jener sogenannten Flüchtlingswelle begonnen, die im Herbst 2015 Deutschland ereichte und zur Einrichtung von Container-Dörfern und zur Beschlagnahme von Sporthallen führte. „Container und Sporthallen kamen für uns nicht in Frage“, sagt Jens Rieso. Zusammen mit fast 20 Mitstreiterinnen und Mitstreitern hatte er da bereits unter Mitwirkung von Pfarrer Ernst Eyrich Grundstrukturen für eine Betreuung Geflüchteter in der kleinen Gemeinde aufgebaut. Auch Bürgermeister Stephan Mantz zeigte sich hilfsbereit bei der Suche nach Unterkünften, so dass schon 2014 zwei Familien aufgenommen werden konnten. Gute Kontakte zur Kreisverwaltung ließen die Wainer ahnen, was noch kommen könnte: „Wir sind nicht überrascht worden“, stellt Kerstin Kriegl fest, die ebenfalls heute zum harten Kern der Aktiven zählt. Mit zwei Häusern und einer Wohnung war man in Wain bei der Unterkunft gewappnet - allerdings nicht für die kulturellen und sprachlichen Probleme, die auf sie zukommen sollten.

Ein bisschen blauäugig, so räumt Rieso ein, habe er seinerzeit die Idee verfolgt, die Flüchtlinge über das Jobcenter schnell in Arbeitsstellen vermitteln zu können. Schnell habe sich nämlich herausgestellt, dass in Deutschland gewünschte Ausbildungsabschlüsse wie Schlosser oder Friseur in Syrien oder dem Irak unbekannt waren, dass die sprachliche Hürde höher war als erwartet - letztlich: „Es gab große kulturelle Unterschiede und Vorstellungen von Berufszielen.“ Man erkannte: Vor einer Integration durch Arbeit musste erst einmal eine Integration durch Sprachkenntnisse und kulturelle Integation stehen. „Die Idee mit der Arbeit zerschlug sich, weil die Flüchtlinge hier erst einmal ankommen mussten“, fasst Jens Rieso zusammen.


Verständigungsprobleme

Man verstand einander am Anfang einfach nicht - nicht nur der Sprache wegen. Immerhin: Zwei syrische Männer, die über Englischkenntnisse verfügten, dienten als Dolmetscher. „Da habe ich mein altes Schulenglisch wieder aufgefrischt“, lacht Kerstin Kriegl. Dennoch: Es gab viele Missverständnisse - insbesondere über den Wert von Ausbildung und die Rolle der Frau in der deutschen Gesellschaft. In Räumen, die die Gemeinde bereitstellte, erhielten die Ankömmlinge Sprachunterricht, und in den Sprachkursen traten Unterschiede schnell zutage. Die Jungs und die Männer ließen sich von Frauen nichts sagen - syrische Frauen wiederum äußerten sich nur nach Blickkontakt mit den Männern am Tisch. Man trennte die Geschlechter - und das gefiel den Männern nicht, weil die Frauen sich darauf schnell als besser entpuppten. „Die Frauen waren viel lernwilliger, haben viel besser gelernt.“ Den Unterricht gestalteten die Ehrenamtlichen nach dem Thannhauser Modell: die Vermittlung von alltagstauglichem Grunddeutsch. Wirklich pädagogische Erfahrungen hatte kaum jemand im Arbeitskreis - der mittlerweile auch geschrumpft war. Um einen richtigen Integrationskurs anzubieten, brauchte man professionelle Unterstützung, damit der anerkannt wird. „Ich habe die Gelben Seiten abgeklappert und Klinken geputzt“, sagt Kerstin Kriegl. Claudia Werner vom Profilcolleg in Dietenheim ließ sich für diesen Unterricht verpflichten.

Beraten ließen die Wainer sich zugleich von der Ökumenischen Flüchtlingsarbeit im Kreis, einem Zusammenschluss von Diakonie und Caritas, die Dutzenden Arbeitskreisen eine Art Supervision bei der Flüchtlingsbetreuung anbietet. „Die Wainer sind sehr rührig“, stellt Julia Blessing fest, die für Wain zuständige Ehrenamtskoordinatorin der Diakonie. „Da sieht man, wie wichtig das Ehrenamt ist.

Insgesamt 33 Flüchtlinge wurden seit 2014 in Wain betreut, rechnen die Aktiven zusammen - zehn sind allerdings bereits wieder weg, freiwillig ausgereist oder abgeschoben worden. Bei der Betreuung der anderen versuchte der Arbeitskreis zunächst eine thematische Arbeitsteilung. Mitglieder waren zuständig für die Wohnungsvermittlung oder Behördengänge. Später schwenkte man um auf die persönliche Zuständigkeit: Paten waren für alle Bereiche zuständig - da bestand der Wainer Arbeitskreis noch aus einem harten Kern von sieben Aktiven.

Mancher Flüchtling wurde wohl auch vom Integrationseifer der Wainer überfordert, räumt Kerstin Kriegl im Rückblick ein. „Die haben doch alle ihr Päckchen mitgeschleppt.“ Päckchen, das heißt in diesem Fall: der Verlust der Heimat, aller vertrauten Werte, traumatisierende Kriegs- und Fluchterlebnisse. Aber der Erfolg stellte sich ein. aus Flüchtlingen wurden Auszubildende: in einer Banklehre, als Elektriker, in der Pflege oder als Zahnarzthelfer. Andere fanden Arbeit in der Produktion oder einer Küche.

Gerne erzählen die Helfer von Rania Mustafa, die aus dem syrischen Homs geflohen war. Die heute 41-Jährige hatte in Syrien Abitur gemacht, aber aufs Studium verzichtet, weil sie ihre kranken Eltern pflegen musste. In Wain lernte sie das Rüstzeug für ein Leben in Deutschland - und war dabei sehr ehrgeizig. In Illertissen fand sie eine Ausbildungsstelle zur Altenpflegerin, lernte zusätzlich intensiv die deutsche Sprache - und absolvierte das erste Ausbildungsjahr, das für Flüchtlinge auf zwei Jahre verlängert ist, mit der Note 1,6 als Beste im Jahrgang. Damit ist sie schon staatlich anerkannte Pflegehelferin.

Eine begehrte Kraft

Und in dem Haus Sebastian ist sie schon eine begehrte Kraft. Grundsätzlich werden Pflegekräfte dort gesucht, erklärt der Heimleiter Egon Leuthner. Generell könnten Fachkräfte aus dem Ausland in deutschen Pflegeheimen Lücken schließen - und Menschen wie Rania Mustafa besonders, weil sie aus einem Kulturkreis kommt, in dem familiäre Unterstützung höher bewertet wird. „Diese Leute bringen große Empathie im Umgang mit den alten Menschen mit.“ Das zähle - „ob dunkelhäutig oder nicht, spielt keine große Rolle mehr.“ Rania Mustafa fällt in dem Haus auf: „Sie ist außergewöhnlich. Sie verfolgt ihre Ziele sehr konsequent“, erzählt die Pflegedienstleiterin Irene Richter.

Eines der Sternchen der Wainer Integrationsarbeit ist Housin Issa, der in Syrien bereits Maschinenbau studiert hatte. Sein Bachelore wurde nach der Flucht 2015 in Deutschland auch anerkannt, doch bis zu einer entsprechenden Anstellung hatte er einen weiten Weg vor sich. Über Biberach kam er nach Wain, erinnert sich an die freundliche Unterstützung dort ebenso wie an eine schlechte Verkehrsanbindung.

Mit geringen Sprachkenntnissen bekam er in Laupheim einen Job als Automechaniker, besuchte nebenher einen Sprachkurs, den er ebenso erfolgreich abschloss wie den Integratioskurs. Er holte seine Familie nach - Ehefrau und zwei Kinder - und lernte Speicherprogrammierbare Steuerungssysteme zu bedienen. Damit fand er eine Anstellung in einem Mannheimer Maschinenbau-Betrieb. Als Außendienstmitarbeiter ist er heute im In- und Ausland beruflich viel unterwegs. Er ist zufrieden und schaut dankbar zurück: „Ich habe tolle Hilfe in Wain bekommen.“

© Schwäbische Zeitung 02.08.2019

© Foto privat

Blockhütte im Hölzle

Hölzle startet mit einer neuen Blockhütte
Ferienwaldheim verbessert Angebot für Menschen mit Einschränkungen

Im Biberacher Ferienwaldheim Hölzle gibt es 2019 vielfältige Erweiterungen. Das größte Projekt ist der Bau einer weiteren Blockhütte in Eigenleistung. Die Blockhütte verbessert die Bedingungen für Teilnehmer mit Behinderung.

Um den in den vergangenen Jahren gestiegenen Teilnehmerzahlen gerecht zu werden, musste der Raumbedarf im Hölzle angepasst werden. Die Planung für eine weitere Blockhütte dauerten über ein Jahr an. Seit den Pfingstferien wurde sie mit vielen ehrenamtlichen Helfern des Hölzle in unzähligen Arbeitsstunden aufgebaut. Am Sonntag, 4. Juli, wird die Blockhütte fertig sein, damit das Hölzle in seine 62. Saison starten kann. Seit vielen Jahren nehmen Kinder mit Behinderung im Hölzle teil, 2018 wurde die Teilnahme in allen drei Abschnitten erweitert. Die Hütte beinhaltet einen Aufenthaltsraum, einen Lagerraum und die Möglichkeit zur Entspannung. Neben einer Liegefläche werden verschiedene Sinne durch eine Wassersäule, Musik und einem Leuchthimmel angeregt.

Im Zuge dessen wurde vor den Blockhütten eine weitere Ebene für Europaletten-Sofas geschaffen. Das Hauptgebäude wurde durch die evangelische Gesamtkirchengemeinde saniert. Der Sanitärtrakt ist nun auf dem neusten Stand der Technik und die Großküche mit einem neuen Boden und weiteren Großküchengeräten ausgestattet.

Die Teilnehmenden erwarten neben einer neuen Betontischtennisplatte weitere vielfältige Angebote wie zum Beispiel Bubble-Soccer. Transparente, aufgeblasene Kugeln werden über den Oberkörper gezogen und Fußball gespielt.

Der Eröffnungssonntag beginnt um 10.30 Uhr mit einem Familiengottesdienst mit Dekan Hellger Koepff und dem neuen Hölzle-Pfarrer Johannes Köhnlein. Im Anschluss locken Verpflegungsstände und ein Familienprogramm. Die neue Blockhütte kann besichtigt werden.