© Schwäbische Zeitung 30.01.2019

Manchmal schreibt sie ihre Trauerreden von Hand: Martina Servatius ist seit zehn Jahren Pfarrerin in Laupheim.

Ein Menschenleben in Worte fassen

Martina Servatius will beschreiben, nicht urteilen, und macht sich Gedanken zur Bestattungskultur

Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten - Martina Servatius ist oft dabei, wenn Menschen glücklich sind. Doch auch bei traurigen Anlässen ist sie zur Stelle: etwa, wenn es darum geht, Verstorbene würdevoll zu bestatten. Martina Servatius ist Pfarrerin in der Evangelischen Kirchengemeinde Laupheim. Im Jahr ist sie in der Regel an bis zu 40 Beerdigungen beteiligt.

Die Bibel auf dem Schreibtisch, daneben eine Tasse mit schwarzem Tee. Meistens verfasst Martina Servatius ihre Trauerreden am Computer. Aber manchmal, wenn ihr danach ist, schreibt sie auch von Hand. Wort für Wort, Zeile für Zeile entsteht ein Text über einen verstorbenen Menschen. Wenn die Pfarrerin überlegt, setzt sie den Kugelschreiber ab und schaut aus dem Fenster in die Ferne. Oft fliegen Vögel vorbei; manchmal lässt sich ein Rotkehlchen blicken.

Grundlage für die Trauerrede ist das Trauergespräch mit den Angehörigen. "Einige sind erstarrt und können noch keine Emotionen zeigen", erzählt Servatius. "Andere trauern sehr expressiv und weinen." Besonders schwierig ist die Situation, wenn der Tod ohne Vorwarnung eingetreten ist - etwa nach einem Unfall, einem Herzinfarkt oder nach einem Suizid. "Dann sind die Menschen oft traumatisiert." Doch ganz gleich, was dem Verstorbenen widerfahren ist: Sein Leben ins Licht von Gottes Liebe zu rücken, das ist das Ziel der Pfarrerin. Sie möchte ein Bild davon vermitteln, was den Verstorbenen zu Lebzeiten ausgemacht hat.

Bestattungskultur im Wandel

Thema im Trauergespräch ist auch der Ablauf der Bestattung. Einige Tendenzen, die sich in der Bestattungskultur abzeichnen, sieht Servatius kritisch. Beispielsweise würden sich immer mehr Menschen für eine Trauerfeier im engsten Familienkreis entscheiden. "Aber ich werbe dafür, die Trauerfeier als öffentliches Ritual zu betrachten." Denn niemand wisse genau, wer sich dem Verstorbenen verbunden fühlt. Es sei unglücklich, wenn jemandem die Möglichkeit genommen wird, Abschied zu nehmen. "Die Angehörigen besitzen den Verstorbenen nicht. Er ist ein Glied in der Gesellschaft."

Auch in Traueranzeigen nimmt Servatius eine Veränderung wahr: "Von Beileidsbekundungen am Grab bitten wir abzusehen" - diesen Satz liest sie immer häufiger. "Dabei ist die Trauerfeier doch gerade der richtige Ort, um seine Solidarität mit den Angehörigen zu zeigen", findet die 58-Jährige. "Viele Menschen sind verun-sichert, wenn sie Angehörige ein paar Tage nach der Trauerfeier zufällig treffen." Sie wüssten dann gar nicht, wie sie sich verhalten sollen. "Die Straße oder der Supermarkt sind keine geeigneten Orte, um jemandem sein Mitgefühl auszusprechen." Anderseits: "Es gibt immer gute Gründe, die eine bestimmte Vorgehensweise rechtfertigen", räumt Servatius ein.

Empathie und Distanz

Ihre Worte beschreiben das Leben des Verstorbenen - Martina Servatius fühlt sich nicht dazu berufen, darüber zu urteilen. Viele weinen, wenn sie vor der Trauergemeinde steht und die Rede vorträgt. Manchmal ist es schwierig, nicht selbst emotional zu werden. "Ich erinnere mich an zwei, drei Situationen, in denen ich die Beherrschung verloren habe", erzählt sie. "Aber ich habe mich schnell wieder gefangen." Vor jeder Trauerfeier vergegenwärtigt sie sich ihre Rolle: dafür zu sorgen, dass der Verstorbene würdevoll bestattet wird. Sie muss emphatisch sein, aber innerlich trotzdem eine gewisse Distanz wahren. "Das ist eine große Hilfe."

Wann kann die Verwandtschaft anreisen? Wer bekommt wann frei? Diese Fragen rücken immer mehr in den Fokus, sagt Servatius, die auf knapp 30 Jahre Berufserfahrung zurückblicken kann. Viele würden den Zeitpunkt der Bestattung dem Berufsleben unterordnen. Früher habe sie spätestens eine Woche nach dem Sterbefall stattgefunden. "Dabei ist es menschlich, die Trauer zeitnah mit einem Ritual zu bewältigen." Und dieses Ritual sei die Trauerfeier. "Wir müssen dem Tod wieder seine Autorität einräumen."

Es gibt Pfarrer, die für ihre eigenen Angehörigen die Trauerfeiern ausrichten. Doch wenn ein Familienmitglied stirbt, möchte Martina Servatius sich nicht an ihren Schreibtisch setzen und die Trauerrede schreiben, nicht vor der Trauergemeinde stehen und nicht über das Leben des Verstorbenen berichten. "Dann ist meine Rolle eine andere", sagt sie. "Dann bin ich die Trauernde."

© Schwäbische Zeitung 14.01.2019

"Gelebte Ökumene" demonstrierten der katholische Pfarrer Dr. Peter Häring mit seiner evangelischen Amtskollegin Cornelia Schmutz bei deren Abschied. Foto: Wolfgang Lutz

"Licht und Wär­me ver­brei­tet"
Pfarrerin Cornelia Schmutz nach drei Jahren im Kirchenbezirk verabschiedet

Von Wolfgang Lutz 14. Januar 2019

Ertingen - Genauso herzlich wie Pfarrerin Cornelia Schmutz vor drei Jahren von den evangelischen Christen willkommen geheißen wurde, genau so dankbar wurde sie beim Abendmahlsgottesdienst im Gerhard-Berner-Haus in Ertingen am Sonntag verabschiedet. Vertreter der Kirchen, Gemeinden und Schule würdigten ihr Wirken im Kirchenbereich Riedlingen-Ertingen-Dürmentingen. Sie habe in den drei Jahren viel bewegt und Spuren hinterlassen, war aus vielen Reden herauszuhören. Am Schluss der Feier flossen auch ein paar Tränen. Allerdings gab es auch eine positive Nachricht: Die Chancen, dass die Stelle bald wieder besetzt werden kann, stehen gut.

In ihrer Abschiedspredigt stellte Pfarrerin Cornelia Schmutz die Worte aus dem Matthäus-Evangelium in den Mittelpunkt: "Siehe ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" - Worte, die Jesus den Seinen zuruft. Worte, die auch heute noch gelten: Sie habe in all den Jahren oft erleben dürfen, wie er mit auf dem Weg war, Menschen zusammenführte, wie er an der Seite von Menschen war, die Abschied nehmen mussten, "wenn wir zusammen viel unternommen und wie wir Akzente in der Ökumene gesetzt haben", so die Pfarrerin.

Überall, wo Menschen vor schwierigen Aufgaben, Situationen und Herausforderungen standen, sage Gott zu ihnen: "Ich bin da". Um Gottes Spuren aber zu entdecken, brauche es immer wieder Zeiten der Stille und der Einkehr, des Innehaltens. Mit Blick auf ihren neuen Wirkungskreis zitierte sie die Worte einer Kollegin, die diese ihr beim Amtsantritt in Ertingen mit auf den Weg gab: "Denk daran, wo immer du dich niederlässt, er ist schon da". Mit diesem Zuspruch im Rücken gehe sie gestärkt an ihre neue Aufgabe.

Mit zwei Gedanken und dem letzten Segen verabschiedete sich Dekan Hellger Koepff im Abendmahlsgottesdienst von Pfarrerin Cornelia Schmutz. Ohne den Geist Gottes käme man nicht aus, er locke und treibe uns an. "Sie haben dadurch auch viel Kreativität und Initiativen entwickelt, haben es sich dabei nicht immer einfach gemacht", attestierte er der scheidenden Pfarrerin. "Gottes Geist soll Sie in den Dienst nehmen, damit Sie eine frohe Pfarrerin bleiben", wünschte der Dekan. Aber der Geist Gottes brauche auch uns und er traue uns viel mehr zu als wir uns selbst trauen. "Vertrauen Sie in Gottes Geist, der uns auffängt", gab er der Pfarrerin auf den Weg.

Stellvertretend für die Gemeinden Ertingen und Dürmentingen sprach Bürgermeister Jürgen Köhler der scheidenden Pfarrerin Dank und Anerkennung aus. "Sie sind eine Seelsorgerin, die auf Menschen zugeht, die stets bereit ist, sich der Tagesprobleme der Menschen anzunehmen. Das hat Sie in unserer Seelsorgeeinheit so beliebt gemacht", attestierte er Cornelia Schmutz. Zudem habe sie einen großen Anteil an einem guten ökumenischen Miteinander in der Pfarrgemeinde. "Sie haben sich um Ihre Kirche, um unsere Kirchengemeinde gekümmert, zum Teil auch das Gemeinschaftsleben der beiden Gemeinden mitgeprägt und gestaltet. Daher wissen wir, welchen Verlust die Seelsorgeeinheit und die Gemeinden erleiden, wenn Sie uns verlassen".

"Pastoraler Paukenschlag"


Ende 2018 habe die katholische Kirchengemeinde den Abschied von Pfarrer Häring verkündet und nun setzten die Evangelischen mit dem Weggang von Cornelia Schmutz noch einen drauf, so Schulleiter Markus Geiselhart, der den Abschied von Pfarrerin Schmutz bedauerte. "Danke für ihr Wirken an unseren Kindern", so Geiselhart. Sein Geschenk war ein Bildnis einer Schlüsselblume, im Schwäbischen "Bagenga". Diese sollen Pfarrerin Schmutz in ihrer neuen Heimat an den Dialekt an alter Wirkungsstätte erinnern.

Pfarrer Dr. Peter Häring bescheinigte Cornelia Schmutz, dass sie viel für die Ökumene in den Gemeinde getan und er sich immer bestens mit ihr verstanden habe. Dabei, so Häring, habe sich die evangelische Pfarrerin gut ins Gemeindeleben integriert, mit den Menschen des Ortes gelebt und war Ansprechpartner für alle. "Ertingen wird im doppelten Sinne nun pfarrerlos" und was komme danach?, fragte sich Peter Häring. "Auf jeden Fall wollen wir auch dort ankommen, segensreich wirken und uns zur Ehre Gottes entfalten", wünschte er sich für sich und auch für Cornelia Schmutz mit Blick auf ihre Arbeit an neuer Wirkungsstätte.

Die Christen hätten in den drei Jahren von Cornelia Schutz profitiert durch ihre positive, aufgeschlossene und engagierte Art, attestierte der Kirchengemeinderatsvorsitzende Jürgen Riedler aus Riedlingen. Dabei rage die ökumenische Zusammenarbeit besonders heraus. Die Pfarrerin habe viel mit den Gläubigen, ob Jung oder Alt, unternommen und initiiert. "Du hast tiefe Spuren hinterlassen. Du wirst fehlen, nicht nur in Riedlingen", so Riedler. "Du hast das in Ertingen ausgeführt, was die Menschen brauchen", bescheinigte Silke Renz vom Kirchengemeinderat Ertingen der Pfarrerin. Sie habe Licht und Wärme in den Gemeinden Ertingen und Dürmentingen verbreitet und ihr sei vor allem die ökumenische Arbeit am Herzen gelegen. Cornelia Schmutz habe immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Menschen gezeigt: "Möge Dich eine schützende Hand begleiten", so Silke Renz zum Abschied.

Das Pfarrer-Ehepaar Anne und Theo Mielitz aus Riedlingen dankte Cornelia Schmutz auch stellvertretend für ihre Kollegen aus den umliegenden Pfarreien. Man habe immer ein gutes Miteinander gepflegt. Linsen und Spätzle sollen sie an die alte Wirkungsstätte erinnern. Und noch einen Wunsch hatten sie an Cornelia Schmutz: "Wir hoffen, dass du in der neuen Gemeinde das findest, was du dir erhoffst".

Nach einem gemeinsamen Lied, das von der Band "Fresh" und dem Bläserkreis unter Kantor Jürgen Berron angestimmt wurde, lud Jürgen Rieder die Anwesenden noch zu einem Stehempfamg ein. Hier konnte man sich noch persönlich von Cornelia Schmutz verabschieden und dabei floss so manche Träne, auch bei der beliebten Pfarrerin.

Am Schluss der Feierlichkeiten hatte Dekan Hellger Koepff aber noch ein Bonbon für die versammelte Gemeinde parat: Im Mai schon soll die Stelle mit einer jungen Kollegin wieder besetzt werden, "die Aussichten stehen gut".