© Schwäbische Zeitung 07.11.2019

Hellger Koepff im Garten des Pfarrhauses im Maliweg. Nach mehr als 16 Jahren endet nun seine Zeit als Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Biberach. (Foto: Gerd Mägerle)

Wurzeln geschlagen in der oberschwäbischen Diaspora
Nach mehr als 16 Jahren endet für Hellger Koepff seine Zeit als evangelischer Dekan im Kirchenbezirk Biberach

„Ich habe hier Wurzeln geschlagen“, sagt Hellger Koepff. Seit 2003 war er in Biberach als evangelischer Dekan tätig. Die Amtszeit endet offiziell zwar erst am 30. November, aber bereits am kommenden Sonntag wird er verabschiedet. „Ich habe das Amt des Dekans gerne ausgeübt, ich bin aber auch froh, dass ich künftig nicht mehr jeden Abend einen Termin habe“, gibt der 65-Jährige ehrlich zu, der in den vergangenen gut 16 Jahren im evangelischen Kirchenbezirk Biberach viel bewegt hat.

Aus Bad Boll kam Hellger Koepff zusammen mit seiner Frau Annette Roser-Koepff im Mai 2003 nach Biberach. Aus einer starken evangelischen Stadtgemeinde ging es in die oberschwäbische Diaspora - in den flächenmäßig größten Kirchenbezirk der Landeskirche mit der geringsten Dichte an evangelischen Christen. Für Hellger Koepff eine neue Erfahrung: „Die Gemeindeglieder treffen sich im Alltag nicht, weil sie nicht in direkter Nachbarschaft wohnen. Das ist anders als in den katholischen Gemeinden und macht manches sehr viel schwieriger. In meiner Anfangszeit als Dekan habe ich viele Visitationen in den Gemeinden gemacht, da habe ich viel über das Christsein in der Diaspora gelernt.“

Die Diaspora bringe auch mehr Freiheiten mit sich, um Neues auszuprobieren, findet Koepff. „Da ist eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit dem Glauben vorhanden. Der Pietismus spielt da eine eher untergeordnete Rolle.“ Manches sei dabei - auch auf evangelischer Seite - geprägt von der katholischen, barocken Lebensart, die man in Oberschwaben findet. Dazu gehöre auch das Bild des Priesters.

Biberach gleich lieb gewonnen

Biberach habe er vor seiner Dekanzeit nur vom Durchfahren in die Berge gekannt, sagt Hellger Koepff. „Als ich das erste Mal in der Altstadt war, da hatte es für mich etwas Österreichisches - die vielen Fensterläden, die barocken Figuren an den Hausfassaden. Ich habe das gleich lieb gewonnen.“ Ebenso auch einige Biberacher Besonderheiten. „Ich konnte mir nicht vorstellen, was das Schützenfest bedeutet. Das habe ich kennengelernt als riesigen identitätsstiftenden Faktor und als gigantisches Ehrenamtsprojekt.“

Auf kirchlicher Seite war für ihn auch das Simultaneum etwas Besonderes. „Ich habe das schätzen gelernt, gerade bei ökumenischen Gottesdiensten. Da geht jeder in seine eigene Kirche, die aber dieselbe ist.“ Auch die Verbundenheit der Pfarrer auf evangelischer und katholischer Seite sei sehr hoch. „Das bedeutet aber auch ein hohes Maß an gemeinsamer Verantwortung“, sagt Hellger Koepff.

In mehr als 16 Jahren hat er allerdings auch Veränderungen erlebt, die es zu meistern galt. „Auch bei uns geht die Zahl der Gemeindeglieder zurück, allerdings am geringsten von allen Kirchenbezirken in der Landeskirche.“ Hinzu kommt darüber hinaus auch der Rückgang der Pfarrer und der Kirchensteuer. Zwei Pfarrstellen sind in den vergangenen Jahren im Kirchenbezirk weggefallen. „Die Kürzung war bei uns im Vergleich zu anderen Kirchenbezirken gering, trotzdem greift man in ein gewachsenes Gefüge ein“, sagt der Dekan. Die Herausforderung sei, auch mit weniger Ressourcen so aufgestellt zu sein, dass der Kirchenbezirk zukunftsfähig sei.

Noch nicht abgeschlossen ist der Prozess, den Bestand an kirchlichen Immobilien zu reduzieren und verschiedene Dienste und Angebote am Standort des Martin-Luther-Gemeindehauses in der Waldseer Straße zu bündeln. Dort soll ein Neubau entstehen. Über das Stadium der Vorplanung ist das Projekt jedoch noch nicht hinaus. „Ich hatte ursprünglich die Hoffnung, das neue Gebäude selbst einweihen zu können.“ Nun wird Koepff dieses Aufgabenpaket an seinen Nachfolger Matthias Krack übergeben, der sein Amt im Frühjahr 2020 antritt.

Fusion war der richtige Schritt

Wachsen muss aus Koepffs Sicht auch noch das Zusammenwirken der Biberacher Kirchengemeinden Stadtpfarrkirche, Heilig-Geist-Kirche und Bonhoefferkirche, die im September 2018 zu einer einzigen Gemeinde fusionierten. „Das ist ein bisweilen schwieriger Prozess, weil wir nun die Dezentralisierung wieder umkehren, die vor rund 30 Jahren eingeführt wurde.“ Mit Blick auf die anstehenden Aufgaben sei die Fusion aber der richtige Schritt gewesen.

Der evangelischen Kirche will Hellger Koepff auch nach seinem Abschied aus dem Dekanamt erhalten bleiben. „Ich kandidiere wieder für die Landessynode, die am 1. Dezember gewählt wird.“ Er wolle in diesem Kirchenparlament gerne weiter seine Erfahrungen einbringen, „künftig mit etwas mehr Zeit“. Auch der Wohnort von Hellger Koepff und seiner Frau, die als Gefängnisseelsorgerin in Ulm tätig ist, wird Biberach bleiben. Aus der Pfarrwohnung im Maliweg sind sie bereits ins Talfeld umgezogen. „Wir fühlen uns hier wohl“, sagt er. Für die Zeit des Ruhestands wünscht sich Hellger Koepff, mehr Zeit zu haben, um die oberschwäbische Landschaft und das Gebirge zu genießen. „Ich möchte mehr Rad fahren und mir auch mal spontan Zeit für Dinge nehmen, beispielsweise für eine schöne Ausstellung.“ Und ein großes Ziel steht auch noch an: „Ich möchte endlich Italienisch lernen.“

Dekan Hellger Koepff wird am Sonntag, 10. November, ab 16 Uhr mit einem Gottesdienst in der Stadtpfarrkirche St. Martin durch Prälatin Gabriele Wulz verabschiedet, anschließend gibt es einen Empfang mit Grußworten im Martin-Luther-Gemeindehaus.

Von Gerd Mägerle, Schwäbische Zeitung Biberach

© Schwäbische Zeitung 08.11.2019

Sieben Tage servieren christliche Kirchen Mittagessen im Martin-Luther-Gemeindehaus Gemeinsam essen, Gemeinschaft pflegen, soziale Grenzen einreißen - ab Montag ist Vesperkirche. (Foto: privat)

Gemeinschaft erleben in der Vesperkirche

Die Biberacher Vesperkirche öffnet heuer von Montag 11., bis Sonntag 17. November. Im Martin-Luther-Gemeindehaus wird dann wieder täglich ab 12 Uhr ein leckeres Essen serviert. Für Sonntag ist ein Familientag geplant.

Ursprünglich war das Gemeindehaus nur als Ausweichquartier während der Bauphase in der Stadtpfarrkirche gedacht, inzwischen ist man sich einig: Der Raum bietet mehr Platz, die Abläufe sind vereinfacht, die Barrierefreiheit ist gewährleistet und es gibt Toiletten. Es hat sich gezeigt, dass deswegen viele Menschen nach dem Essen noch länger sitzen bleiben und Gemeinschaft pflegen - ein wesentlicher Aspekt aller Vesperkirchen. Wie in den bisherigen Vesperkirchen wird täglich ein warmes Mittagessen (auch ein vegetarisches Gericht) angeboten.

Was die Vesperkirchen auch auszeichnet ist, dass hier Wohlhabende und Wohnungslose an einem Tisch sitzen, Lebensgeschichte und Religion spielen keine Rolle. Alt und Jung, Arm und Reich, Alleinstehende und Familien kommen zusammen, um ein Stück ihres Alltags beim Mittagstisch miteinander zu teilen. Ältere Besucher dürfen sich freuen, denn Mitglieder der Stadtspitze werden in diesem Jahr das Essen an die Tische bringen. Durch gute Gespräche werden alle zugleich Gebende und Nehmende.

Der Mittagstisch wird ökumenisch von Ehrenamtlichen der Biberacher Kirchengemeinden vorbereitet und inhaltlich von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Biberach getragen. Zu Beginn des gemeinschaftlichen Essens genießen die Gäste um 12 Uhr ein Musikstück sowie eine kurze Besinnung. Das Essen kommt wieder aus der Klosterküche Untermarchtal und wird zum Preis von nur einem Euro ausgegeben. Durch Spenden ist es möglich, auch in diesem Jahr wieder einen Nachtisch anzubieten. Die angebotenen Säfte und Wasser sind im Essenspreis enthalten. Wer kann, darf auch gerne einen Solidaritätsbeitrag zur Deckung der Selbstkosten (etwa fünf Euro) geben.

Kaffee und Gebäck wird nach dem Essen für einen Euro angeboten.

Nach der positiven Resonanz im vergangenen Jahr geht die Vesperkirche bis einschließlich Sonntag, der speziell als Familientag gestaltet wird. Um 11 Uhr findet ein ökumenischer Familiengottesdienst statt, der von den Kinderkirchenteams der evangelischen und katholischen Kirchengemeinde gestaltet wird. Im Anschluss wird kostenlos ein einfaches Essen angeboten.

Gemeinsame Mahlfeiern sind im christlichen Glauben seit jeher Kennzeichen für Gemeinschaft. Eine solche Gemeinschaft soll auch in Biberach ermöglicht werden. Die Einsamkeit alleinstehender Menschen ist eine andere Form wachsender Armut. Alleinstehende können also gerne Bekannte oder Nachbarn zur Vesperkirche mitbringen.

Neu: Übrig gebliebene Speisen können am Ende gerne in selbst mitgebrachten Behältern gegen Entgelt mitgenommen werden.

© Schwäbische Zeitung 06.11.2019

Kandidaten für die Landessynode stellen sich vor
Bewerber sind am Donnerstag im Martin-Luther-Gemeindehaus in Biberach zu Gast


Die Bewerber des Wahlkreises der Kirchenbezirke Ravensburg und Biberach für die Landessynode stellen sich am Donnerstag, 7. November, um 19.30 Uhr im evangelischen Martin-Luther-Gemeindehaus Biberach vor. Am 1. Dezember werden in den württembergischen Gemeinden neben den Kirchengemeinderäten auch die Mitglieder der 16. Württembergischen Landessynode gewählt. Wer am 1. Dezember 14 Jahre alt und älter ist, darf wählen. Es werden Briefwahlunterlagen an alle Haushalte versandt.

Die Landessynode ist das Kirchenparlament und tagt als gesetzgebende Versammlung der Kirchenleitung dreimal jährlich in Stuttgart. Derzeit hat sie 98 Mitglieder. Die wichtigsten Aufgaben der Landessynode sind die kirchliche Gesetzgebung, der Beschluss über den landeskirchlichen Haushalt und die Kirchensteuer, das Recht, Anträge, Wünsche und Beschwerden an den Landesbischof und den Oberkirchenrat zu richten und Auskünfte von ihm zu erbitten (Anfragen), den Landesbischof zu wählen. Ihre Mitglieder, die Synodalen, werden für je sechs Jahre in Wahlkreisen gewählt.

Unter den Mitgliedskirchen der EKD ist die Württembergische Landeskirche die einzige, in der die Kirchenmitglieder ihre „Abgeordneten“ nach Stuttgart direkt und selbst wählen können (Urwahl). Entsprechend ihrer kirchenpolitischen Orientierung, gehören die Mitglieder verschiedenen Gesprächskreisen an. Es gibt auch Synodale ohne Gesprächskreise. Die Gesprächskreise vertreten unterschiedliche Richtungen. Das zeigte sich zum Beispiel bei der Frage „der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare“, bei der Gewichtung von diakonischem und missionarischem Engagement der Kirche, bei der Finanzierung von Personalgemeinden oder dem Schwerpunkt kirchlicher Arbeit in der Fläche. Die Gesprächskreise in der Landessynode sind: Evangelium und Kirche, Kirche für morgen, Lebendige Gemeinde und Offene Kirche.

Weitere Informationen zur Wahl der Landessynode und zu den Gesprächskreisen gibt es online auf www.kirchenwahl.de sowie www.evangelium-und-kirche.de, www.kirchefuermorgen.de, www.lebendige-gemeinde.de und www.offene-kirche.de

© Schwäbische Zeitung 04.11.2019

Lebensfreude und Offenheit zeigten Maria Wiegand (links) und Katja Lüke beim Begegnungsnachmittag Inklusion. (Foto: Mechtild Kniele)

Von der Fürsorge hin zur Teilhabe
Evangelische Kirchengemeinde lädt zu „Begegnung auf Augenhöhe“ ein


Eingeladen haben die evangelische Kirchengemeinde Riedlingen/Ertingen sowie Martin und Maria Wiegand, und gekommen sind viele Menschen mit und ohne Einschränkungen, um sich auf Augenhöhe zu begegnen.

Nach der Begrüßung von Pfarrerin Anne Mielitz stimmte Dorothee Mohr, begleitet von ihrem Vater Bernard, mit einem Klavierstück auf den Begegnungsnachmittag ein. Prälatin Gabriele Wulz aus Ulm betonte in ihrem Grußwort, wie wichtig es sei, die UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2008 in Kraft ist und der Deutschland 2009 beigetreten ist, umzusetzen. „Wir haben alle unsere Grenzen“, betonte Wulz, aber dennoch sollte allen Menschen alles möglich gemacht werden können, „auch wenn nicht alles gemacht werden muss“.

Referentin Katja Lüke, die aus Frankfurt angereist ist, brennt für das Thema Inklusion. Seit ein paar Jahren ist sie Referentin für Inklusion im und durch Sport im Deutschen Olympischen Sportbund und dort so engagiert, dass sie laut eigener Aussage kaum mehr Zeit hat, selbst aktiv Sport zu treiben. Doch die 50-Jährige ist zweimalige Deutsche Meisterin im Säbelfechten gewesen und hat an einem Handbike-Rennen in Alaska teilgenommen. Seit über 20 Jahren hat sie eine Lähmung „erworben“ und sitzt im Rollstuhl, den sie als ihren besten Freund bezeichnet.

Ihrer Meinung nach wird Laufen überbewertet, sie vermisst lediglich ab und zu das Rascheln von Laub unter den Füßen im Herbst. Da sie Venedig sehen wollte und die zahlreichen Treppen und Brücken für sie ein großes Hindernis sind, hat sie die Stadt gemeinsam mit einer Gruppe im Kanu erkundet.

Katja Lüke hat sich mit dem Deutschen Knigge-Rat getroffen und danach eine Broschüre verfasst, die zehn wertvolle Tipps enthält, wie Nichtbehinderte mit behinderten Menschen umgehen sollen. Hier zeigte sich auch die große Unsicherheit vieler Anwesenden: Da man selbst unsicher ist im Umgang mit Behinderungen und Behinderten, schaut man lieber weg und vermeidet direkte Konfrontation. Wichtig ist, einen Weg zu finden, der weg von der Fürsorge hin zur Teilhabe führt.

Katja Lüke bat Maria Wiegand auf die Bühne, die in Riedlingen lebt und arbeitet und durch eine MS-Erkrankung ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen ist. In einem sehr offenen Austausch der beiden Frauen untereinander und mit den Anwesenden gab es ganz wichtige Ratschläge und Informationen. Viele Betroffene schämen sich, dass sie für die Gesellschaft „teuer“ seien, da Hilfsmittel viel Geld kosten. Maria Wiegand fällt es manchmal noch schwer, den Rollstuhl zu akzeptieren, doch sie möchte nie aufgeben, denn dazu ist das Leben zu wichtig und dazu gehört für sie auch, arbeiten zu können.

Wie begegnet man einem Menschen im Rollstuhl auf Augenhöhe? Dafür muss man sich nicht nach unten beugen, es genügt, ein wenig Distanz zu halten, damit der im Rollstuhl Sitzende sich nicht den Hals verrenken muss. Soll man helfen und wie sieht Hilfe aus? Hilfe darf gerne angeboten werden, jedoch sollte man auch ein höfliches „Nein“ akzeptieren - nicht jeder will beispielsweise geschoben werden.

Die Frage nach der Behinderung als Einstieg in einen „Small-Talk“ ist tabu und ganz wichtig ist der Knigge-Tipp, dass man „mit den Menschen reden solle und nicht über sie hinweg“, etwa mit der Begleitperson. Barrierefreiheit ist ein ganz großes Thema, denn diese ermöglicht erst Teilhabe und ganz schlimm ist es, wenn die wenigen Parkplätze für Behinderte zugeparkt sind und es bei öffentlichen Veranstaltungen keine Behindertentoiletten gibt. Davon kann Martin Wiegand, der als Angehöriger das Wort ergriff, ein Lied singen.

Nach über einer Stunde gab es viel Beifall für die große Offenheit und die Herzlichkeit von Katja Lüke und Maria Wiegand und im anschließenden regen Austausch sollte erreicht werden, dass in Riedlingen ein Arbeitskreis „Inklusion“ entstehen kann, der mit seinen Wünschen und Forderungen auch an die Politik herantreten sollte. Leider waren von der „politischen Prominenz“ trotz Einladung nur Marin Gerster (MdB) anwesend und Franz-Martin Fiesel als Riedlinger Bürgermeister-Stellvertreter.

© Schwäbische Zeitung 04.11.2019

Angenehm: Samuel Harfst beim Konzert. (Foto: Heike Bleher)

Vielfältig angenehm
Samuel Harfst in der „Alten Fabrik“ in Wain


Von Manuel Mussotter,Wain

Ein besonderes Konzert hat am Donnerstagabend in Wain stattgefunden: In einer stillgelegten Fabrikhalle hat der Songwriter Samuel Harfst mit seiner Band ein Konzert gegeben. Veranstalter waren die Kirchengemeinde Wain und das Evangelische Jugendwerk Biberach.

Einst wurden in der Wainer Traditionsfabrik Präzisionswerkzeuge gefertigt, am Abend des Reformationstages wurde das Gebäude in der Poststraße zum Konzertsaal umfunktioniert. Die Location und Samuel Harfsts dreiköpfige Band kamen sehr gut an: Die Veranstalter konnten ein volles Haus verbuchen. Abgerundet wurde der schöne Abend durch ein tolles Angebot an Speisen und Getränken und ein großes Lagerfeuer im Hof der alten Industrieanlage.

Samuel Harfsts Livemusik ist äußerst angenehm zu hören. Seine facettenreiche Baritonstimme und seine Moderation zwischen den Songs nimmt den Zuhörer mit auf eine musikalische Lebensreise. Er berichtet, wie seine Songs entstehen, was ihn bewegt. Die Texte handeln unter anderem von Alltagssorgen, dem Abschied nehmen, dem Alleinsein, aber eben auch von Hoffnung und Zuversicht. Der Pianist der Band, Dirk Menger, präsentierte zwischendurch ein eigens komponiertes Klavierstück, das vom Publikum mit großem Applaus gefeiert wurde.

© Schwäbische Zeitung 02.11.2019.

Eugen Haas engagiert sich bereits seit 2011 bei der Notfallseelsorge, Barbara Kammerer absolviert derzeit ihre Ausbildung. Das Motiv der beiden: anderen Menschen in Krisensituationen zu helfen. (Foto: CDI)

Interview: „Für die richtigen Worte gibt es kein Standardrezept“
Notfallseelsorger Eugen Haas über den Umgang mit Menschen in Krisensituationen



Plötzliche Todesfälle, die Überbringung von Todesnachrichten mit der Polizei, Suizide und Unfälle, das sind die Einsätze, zu denen die Notfallseelsorger im Landkreis Biberach am häufigsten gerufen werden. Aber auch Brände und Gewaltverbrechen sind Szenarien, auf die sie vorbereitet sind. Diese kommen im Verhältnis jedoch eher selten vor. Eugen Haas aus Bußmannshausen engagiert sich schon viele Jahre bei der Notfallseelsorge, Barbara Kammerer aus Mietingen macht derzeit ihre Ausbildung. Christoph Dierking hat die beiden im Evangelischen Gemeindehaus in Wain getroffen und mit ihnen über ihre Erfahrungen und Erwartungen gesprochen.

Herr Haas, was haben Sie griffbereit, wenn Sie Bereitschaft haben?


Zum einen natürlich den Melder, damit uns die Leitstelle verständigen kann. Und zum anderen den Rucksack mit der Ausstattung. Da ist alles drin: Ein Dachschild fürs Auto, damit uns andere Verkehrsteilnehmer erkennen können. Broschüren für Selbsthilfegruppen, Spielzeuge und ein Teddy für Kinder. Taschentücher, eine Kerze und ein Holzkreuz, das man Trauernden überreichen kann. Eben alles, was für unsere Arbeit wichtig ist.

Sie sind seit 2011 im Dienst, eine lange Zeit. Können Sie sich noch an Ihren ersten Einsatz erinnern?

Den habe ich noch vor Augen, das ist wohl bei den meisten Notfallseelsorgern so. Der Melder piepte, als ich gerade mit einem vollen Einkaufswagen im Supermarkt stand. Zum Glück war meine Nachbarin dabei, der habe ich schnell 50 Euro in die Hand gedrückt, damit sie den Einkauf bezahlen kann. Dann bin ich sehr angespannt und nervös zum Einsatz gefahren. Es war ein Verkehrsunfall: Zwei Autos waren frontal zusammengestoßen, Kindersitze lagen in der Wiese. Es waren unheimlich viele Rettungskräfte vor Ort, auch zwei Hubschrauber. Ich meldete mich bei der Feuerwehr an und habe im Anschluss die Ersthelfer betreut.

Was sagen Sie Menschen, die gerade mit einer so schockierenden Situation konfrontiert waren?

Tote gab es zum Glück keine, aber das wussten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Es ist immer gut, wenn man sich erklären lässt, was passiert ist. So baut man eine Beziehung auf. Aber für die richtigen Worte gibt es kein Standardrezept. Ich mache das immer intuitiv.

Frau Kammerer, Sie haben solche Situationen noch nicht erlebt, aber in der Ausbildung mehrfach durchgesprochen. Wie muss man sich das vorstellen?

Wir bekommen sehr viele Information zu den möglichen Szenarien, die wir in Rollenspielen nachstellen. Das war für mich zunächst sehr befremdlich. Aber ich habe mich daran gewöhnt und erkannt, dass es extrem wichtig ist, um sich in die Situationen einzufühlen, mit denen man dann später konfrontiert ist.

Was ist denn Ihre Motivation, sich als Notfallseelsorgerin zu engagieren?


Ich war Lehrerin, seit Juli bin ich im Ruhestand. Mir war immer klar, dass mir der Abschied schwerfallen würde und dass ich eine neue Aufgabe brauche, die mich ausfüllt. Ich habe mit einer Bekannten gesprochen, die Notfallseelsorgerin ist, und Berichte in der Presse gelesen. Nach und nach reifte der Gedanke, dass die Notfallseelsorge meine neue Aufgabe sein könnte. Zum Glück bin ich in meinem Leben noch nicht in eine Extremsituation geraten. Dafür bin ich dankbar, nun möchte ich etwas zurückgeben und helfen.

Herr Haas, wie sind Sie zur Notfallseelsorge gekommen? Was ist Ihre Motivation?


Mir war ein Ehrenamt immer wichtig. Früher war ich mal Bewährungshelfer, aber ganz glücklich war ich damit nicht. Ich wollte mich noch einmal neu orientieren. Letztlich waren es zwei Gespräche, die den Anstoß gegeben haben. Eine gute Freundin, die bei der Kripo war, sagte mir: „Eugen, das ist doch was für dich!“ Und dann ist noch der damaligen Leiter der Notfallseelsorge in Ulm auf mich zugekommen, der meinte, dass er mich gerne rekrutieren würde. Das hat zwar nicht geklappt, weil ich im Biberacher Bezirk wohne, aber es hat mich bestärkt, mal bei den Biberachern anzuklopfen. Bereut habe ich das keinen Tag. Ich bin sehr glücklich, das ist genau mein Ehrenamt.

Gab es Situationen, in denen Sie persönlich an Ihre Grenzen gestoßen sind?

Grenzen habe ich zum Glück nicht erfahren. Aber ich habe erfahren, dass es Einsätze gibt, die einen mehr beschäftigen. Vor allem, wenn sie gewisse Parallelen zu meiner Lebenswelt haben. Wenn es genauso gut mich hätte treffen können. Einmal war ich nachts unterwegs, um meinen Sohn abzuholen. Er stand am Straßenrand, wie wir es ausgemacht hatten. Wir sind nach Hause gefahren, kurz danach piepte mein Melder und ich bin gleich wieder los. Ein Jugendlicher war nach einem Gewaltverbrechen gestorben. Sein Vater wollte ihn auch abholen. Ich durfte meinen Buben heimfahren, er durfte es nicht. Da waren extrem viele Parallelen. Es war hart, aber eine Grenzerfahrung? Das würde ich nicht sagen.

Wie verarbeiten Sie so ein Erlebnis?


Im Gespräch mit Familien und Kollegen muss man auf die Schweigepflicht achten, das ist ganz klar. Vor allem bei Einsätzen, die in der Berichterstattung präsent waren, muss man sehr vorsichtig sein. Sonst weiß sofort jeder Bescheid. Hauptsächlich spreche ich mit meinen Kollegen von der Notfallseelsorge. Es gibt auch professionelle Hilfsangebote, für den Fall, dass Notfallseelsorger selbst einmal Hilfe brauchen.

Frau Kammerer, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie eine solche Schreckensgeschichte mithören?

Ich denke, dass ich in bestimmten Situationen auf mich achten muss. In meinem Beruf als Lehrerin habe ich gelernt, Dinge nicht zu nah an mich heranzulassen. Das ist natürlich nicht immer einfach. Aber die Ausbildung zur Notfallseelsorgerin gibt mir Sicherheit. Ich weiß, wie Menschen, die Schreckliches erleben, reagieren können. Mir ist klar geworden, dass alles möglich ist: Der Erste schreit, der Zweite weint, der Dritte schweigt.

Wie denken Sie über Einsätze mit Kindern?

Kammerer: Ich hatte im Beruf viel mit Kindern zu tun. Wenn zum Beispiel ein Haustier stirbt, dann kann das schon etwas sehr Dramatisches sein. Ich habe Kinder erlebt, die morgens weinend in die Schule gekommen sind. Ich bin überzeugt davon, dass Ehrlichkeit dem Kind gegenüber wichtig ist. Kinder haben noch eine ganz andere Fantasie als Erwachsene. Es besteht die Gefahr, dass sich Bilder festsetzten, die gar nicht nötig wären.

Haas: Kinder haben ein Recht auf Wahrheit. Meistens ist es so, dass sie mehr verstehen und ertragen, als man denkt. Wenn ich in eine Familie komme, wo ein Leid passiert ist, werbe ich dafür, dass die ganze Familie da ist. Natürlich respektiere ich es, wenn Eltern das Kind schützen und erst einmal nicht dabeihaben wollen. Aber ich halte es für falsch. Das Kind gehört dazu, man kann das Leid nicht bis zum Erwachsenenalter zurückhalten.

Abgesehen von der Schweigepflicht: An welche rechtlichen Vorgaben sind Sie noch gebunden?

Kammerer: Zum Beispiel an das Hausrecht. Ich muss fragen, bevor ich ein Haus betrete. Die Notfallseelsorge ist ein freiwilliges Hilfsangebot. Wir müssten uns zurückziehen, wenn die Betroffenen es nicht annehmen wollen. Wir dürfen uns nicht aufdrängen.

Sehen Sie Menschen, die Sie vor Ort begleiten, mehrmals?


Kammerer: Nein, so ist es nicht gedacht. Wir sind die seelischen Ersthelfer, die gegebenenfalls an professionelle Einrichtungen weitervermitteln.

Herr Haas, wann ist ein Einsatz für Sie geglückt? Wann haben Sie das Gefühl, geholfen zu haben?


Es ist tatsächlich oft so, dass ich das nicht eindeutig definieren kann. Manchmal fordern mich Menschen auf, noch ein bisschen zu bleiben. Das ist für mich ein Beleg dafür, dass meine Hilfe ankommt. Einmal habe ich ein paar Tage nach einem Einsatz einen Brief mit Dankesworten bekommen. Das hat mir viel bedeutet.

© Schwäbische Zeitung 02.11.2019

Iris Espenlaub (Foto: cdi)

So ist die Notfallseelsorge organisiert

2018 sind die Notfallseelsorger im Landkreis Biberach 110 Mal ausgerückt. Die aktuell 29 Ehrenamtlichen teilen sich die Bereitschaften, die meistens - abhängig von der beruflichen Situation - bis zu einer Woche andauern. Wer eingeteilt ist, steht in einem der beiden Stützpunktbereiche für Einsätze zur Verfügung. Der eine Bereich umfasst Bad Schussenried, Bad Buchau, Riedlingen und Biberach, der andere Laupheim, Ochsenhausen und das Illertal. Für jeden Bezirk ist grundsätzlich eine Person abgestellt. Bei Bedarf können jedoch weitere Notfallseelsorger angefordert werden.

„Viele denken, dass wir meistens mit Opfern von Unfällen zu tun haben“, erklärt Iris Espenlaub, Leiterin der Notfallseelsorge. „Aber das entspricht nicht der Realität. Wir sind überwiegend in geschütztem Rahmen, sozusagen im stillen Kämmerlein unterwegs. Zum Beispiel, wenn in Privathaushalten plötzliche Todesfälle auftreten.“

Die Ausbildung zum Notfallseelsorger dauert mindestens elf Monate und umfasst auch Hospitanzen bei der Polizei und beim Rettungsdienst. Der nächste Ausbildungsstart ist im Januar 2020. Wer sich für das Ehrenamt interessiert, erhält weitere Informationen bei der Notfallseelsorge unter Telefon 07352/ 9223997 oder online unter


www.notfallseelsorge-bc.de