© Schwäbische Zeitung 31.12.2020

„Jesus lebt! Deshalb bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe“

Pfarrer Ernst Eyrich schöpft Mut aus dem Zusammenhalt der Menschen. (Foto: Christian Reichl)

„Wir halten zusammen!“ - Dieser Aufruf in der Corona-Krise macht Mut. Wir lesen ihn vor Geschäften, vor Kirchen und Kindergärten, vor Schulen und auf der Fahrt über Land. „Wir halten zusammen!“ Das ist eine gute Botschaft! Ich bin nicht allein! Du auch nicht! Dieses Wort verbindet Menschen, die sonst vielleicht nicht unbedingt zusammengehören. Wir sind ein Team. Wir sitzen miteinander im selben Boot.

Wie lange wird das Virus, dieses Gift, unser Denken und Verhalten noch bestimmen? Was müssen wir noch alles ertragen und aushalten? Wir sind mehr als nur verunsichert. Dass ein Virus die große weite und die kleine persönliche Welt in Atem hält und teilweise lahmlegt, hätten wir nie gedacht. Diese Welt ist an einer unvermuteten Stelle verwundbar.

Der Machbarkeitswahn ist schwer in der Krise, das ist per se nicht schlecht. Allmachtsfantasien verlieren ihre Anziehungskraft. Schutzmaßnahmen sind notwendig und gleichzeitig eine große Gefahr für die Wirtschaft und damit für unseren Wohlstand und unseren Sozialstaat. Wir haben wieder Angst um unsere Arbeitsplätze. Selbst die Demokratie wiegt sich nicht mehr in Sicherheit. Verschwörungstheorien machen die Runde und werden teilweise gehört und geglaubt.

Wie geht es der Kirche? Zuletzt sind Präsenzgottesdienste in Wain zu Pestzeiten ausgefallen. Besuche in Alten- und Pflegeheimen wurden teilweise ausgesetzt. Hat die Kirche hier versagt? Die Brüchigkeit von Selbstverständlichem wird uns vor Augen geführt. Nähe muss neu gedacht werden. Wir sind uns dann am nächsten, wenn wir Abstand halten und „@twas“ digital unterwegs sind!

Hat Gott etwas mit Corona zu tun? Ein Fingerzeig Gottes, ein Stoppzeichen, das er uns Menschen vor Augen hält? Das menschliche Leben ist nicht erst seit Corona verwundbar. Paulus schreibt in Römer 8,22: „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet!“ - In genau so eine Welt schickt Gott seinen Sohn Jesus Christus. Gott begibt sich in die Umstände und die Abhängigkeit dieser Welt. Er gibt sich der Verwundbarkeit hin. Weil er gerade diese Welt liebt.

Der Ulmer Prälat Helmut Aichelin predigte in den frühen 1980er- Jahren: „Das Leid gehört wesensmäßig zum Leben!“ - Ja, das Leid gehört auch wesensmäßig zu Jesus. Jesus fasst seine Botschaft in einem Satz zusammen: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium“ (Markus 1, 15). Dafür hat man den Sohn Gottes aufs Kreuz gelegt. Aber Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Jesus lebt! Deshalb bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe.

Befinden wir uns als Kirche und als ganze Weltgemeinschaft in der Babylonischen Gefangenschaft? Oder auf einer Wüstenwanderung? Begegnet uns eine der biblischen Plagen? Läutet Corona eine weltweite Bußzeit ein? Politik und Wissenschaft mahnen seit Jahren eine Veränderung des Lebensstils an! Jona wurde von Gott nach Ninive geschickt, um eine gepfefferte Gerichts- und Bußpredigt zu halten. Seine Predigt führt zur Buße. Beim Volk und beim König. Gott reagiert mit seiner Barmherzigkeit. Gott lässt Ninive nicht untergehen.

Gott erweist sich als der Barmherzige, gerade in der Predigt von Gericht und Buße. Gott bindet sich an den Menschen. Gott hält uns auch zusammen. Im Gottvertrauen, in Glaube, Hoffnung und Liebe gehen wir getrost ins neue Jahr 2021.

© Schwäbische Zeitung 28.12.2020

Blick in den Dachstuhl über dem Kirchenschiff: Ein Großteil davon stammt aus der Gotik, ehe im Zuge der Barockisierung ab 1744 Veränderungen vorgenommen wurden. Weitere Einbauten geschahen in den 1960er-Jahren. Die Lüftungsschächte stammen von der Sanierung 1999/2000. (Fotos: Gerd Mägerle)

Der Schatz unterm Dach von St. Martin
Welche Herausforderungen die Sanierung in den nächsten Jahren mit sich bringt - Ein Rundgang

Von Gerd Mägerleiberach

Als einen „absoluten Schatz“ bezeichnet Bernd Otto, Biberacher Zimmermeister und Restaurator im Zimmerhandwerk, den Dachstuhl der Stadtpfarrkirche St. Martin. Um diesen Schatz zu bewahren sind allerdings in den nächsten Jahren umfassende Sanierungsarbeiten notwendig, die rund 2,4 Millionen Euro kosten werden. Die Bauhütte Simultaneum bittet nach der erfolgten Innensanierung der Kirche nun um Spenden der Biberacher für die Dachstuhlsanierung des Wahrzeichens der Stadt.

Wer in den Dachstuhl von St. Martin will, steigt zunächst dieselben Treppen hinauf, die auch in den Turm führen. Nach unzähligen Stufen steht man vor einer braunen Metalltür. Öffnet man diese, stellt man fest, dass man eigentlich schon auf Firsthöhe des Kirchendachs steht und über eine schmale, steile Holztreppe in den Dachstuhl hinuntersteigen muss. Dort ist der Laie zunächst beeindruckt von dem Gewirr an Balken.

Wissen muss man dazu, dass der Dachstuhl, so wie man ihn heute sieht, nicht in einem Zug erbaut wurde. „Der ursprüngliche Dachstuhl über dem Kirchenschiff stammt aus der Zeit um 1365/66, also aus der Gotik“, erklärt Bernd Otto. Der Kirchenraum reichte damals bis unter das Dachgebälk, wodurch der Charakter eines Gewölbes entstand. „Zu erkennen ist das heute noch an der Chorbogenwand, die im Dachstuhl die Grenze zwischen Langschiff und Chorraum bildet“, sagt Otto. Dass diese Wand zum ursprünglichen Kirchenraum gehörte, zeigt sich daran, dass sie verputzt und mit einem Gemälde verziert war, dass das Jüngste Gericht darstellt und das noch in Fragmenten erhalten ist. So ist beispielsweise eine Jesusdarstellung zu erkennen. „Diese Wand muss denkmalgerecht gesichert werden, was rund 50 000 Euro kosten wird“, sagt Hans Beck, Vorsitzender der Bauhütte Simultaneum. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, Spenden für die Kirchensanierung zu sammeln.

Doch zurück in die Historie: Zwischen 1744 und 1748 erfolgte ein massiver Eingriff in den Dachstuhl. Die Kirche wurde barockisiert, weil der gotische Baustil nicht mehr zeitgemäß erschien. Dabei wurde eine Decke eingezogen, deren kunstvolle Gestaltung die Kirchenbesucher von unten bis heute bestaunen können. Der Maler Johann Zick schuf ab 1746 eines der größten Deckengemälde Deutschlands. Wer auf dieser Decke steht und in den Dachstuhl blickt, sieht, dass die Baumeister des Barock Unglaubliches geleistet haben. „Sie haben, ohne das bestehende Dach abzunehmen, die Last dieser neu eingezogenen Decke im Dachstuhl verteilt“, sagt Bernd Otto. Salopp ausgedrückt, haben sie die neue Decke mit ihrem ganzen Gewicht an den bestehenden Dachstuhl „drangehängt“.

„Dabei sind sie allerdings nicht besonders zimperlich vorgegangen“, sagt der Restaurator. Durch das Jesusfresko an der Chorbogenwand wurde ziemlich brachial ein großer Balken getrieben. In den Dachstuhl wurden sogenannte Hängewerke eingebaut, die die Last der neuen Decke zunächst nach oben und über Streben dann in die Außenmauern der Kirche ableiteten. Bei einer Sanierung in den 1960er-Jahren schien man der Statik allerdings nicht mehr zu vertrauen und fügte weitere Holzbalken ein, die verschraubt wurden. Sie sollten der Konstruktion mehr Sicherheit verleihen. Als „Angsthölzer“ bezeichnet Bernd Otto diese Balken, von denen er allerdings vermutet, dass sie ihren Zweck im Ernstfall nicht erfüllen würden.

Die Sanierung aus den 1960er-Jahren sorgt aber auch im Bereich der Barockdecke für Kopfzerbrechen. „Diese Decke wurde im 18. Jahrhundert mit sehr hohem Konstruktionsaufwand eingebaut“, sagt Hans Beck. „Sie ist als sehr dünne Gipskonstruktion in die Balken eingehängt. In den 60er-Jahren wurde versucht, diese Konstruktion durch das Einbringen einer durchgängigen Gipsverstärkung zu stabilisieren.“ Das sei jedoch mit dem Nebeneffekt verbunden, dass die Decke versteift wurde. „Seither haben Bewegungen in der Balkenkonstruktion unmittelbare Auswirkungen auf die Barockdecke“, so Beck. Die Sanierung der Balken müsse daher behutsam und mit größter Sorgfalt ausgeführt werden, bei gleichzeitiger Sicherung der Decke.

Spannende Aufgaben warten auf die Restauratoren auch über dem Chorraum. Dort ist das Gebälk aus den Jahren 1337/38 fast vollständig erhalten. Es könnte viel erzählen: vom Stadtbrand 1516, von den Wirren der Reformation, von der simultanen Nutzung der Kirche durch beide Konfessionen seit 1548, vom Kirchturmbrand 1584, von den Franzosenkriegen um 1800, dem Ende der Reichsstadt Biberach 1802, dem Zweiten Weltkrieg und dem anschließenden Beginn des Wohlstands der Stadt.

„Die Deckenbalken über dem Chor sind riesig und man fragt sich wirklich, wie die Zimmerer des 14. Jahrhunderts die damals bis hier herauf bekommen haben“, sagt Bernd Otto. Bemerkenswert findet er auch, dass dort Pappelholz verwendet wurde. „Das ist normalerweise als Bauholz nicht bekannt.“ Dass es in St. Martin doch verbaut wurde, wie in anderen Gebäuden des Mittelalters, könne an der damaligen Holzknappheit gelegen haben, vermutet Hans Beck, jahrzehntelang Forstamtsleiter in Biberach. „Die Hölzer sind inzwischen fast 700 Jahre alt und halten noch sehr lange, wenn sie trocken bleiben“, sagt er.

Dass das aber auch schiefgehen kann, zeigt sich in der Spitze des Walms, der das Ende des Dachstuhls über dem Chorraum bildet. „Dort hat es vermutlich über einen längeren Zeitraum unbemerkt hineingeregnet, woraufhin das Holz zu faulen begann“, erläutert Otto. Mitte des 19. Jahrhunderts sei versucht worden, das mit einem Flickwerk zu reparieren. Allerdings nicht wirklich professionell. An den Fußpunkten sind die Balken zum Teil so verfault, dass sie innen hohl sind. Zum Teil kann man mit den Fingern hineingreifen.

Sorgen macht auch ein gerissener Balken in der Kuppel des Chorraums. Er sei selbst schon einmal in den Zwischenraum hinuntergestiegen, um sich den Schaden anzusehen, sagt Bernd Otto. Seine Vermutung ist, dass der Balken am 12. April 1945 beim Bombenangriff auf Biberach gerissen ist, als die Druckwelle wohl auch in der Kirche zu spüren gewesen sei. Sollte der gerissene Balken ausgetauscht werden müssen, sei dies mit erheblichem Aufwand verbunden, schätzt der Restaurator.

Dass man es bei der Sanierung in den 1960er-Jahren offenbar mit dem Aufräumen der Baustelle nicht so genau genommen hat, zeigt der Schutt, der bei der jetzigen Schadensaufnahme zu Tage trat, als man die Verschalung des Fußbodens im Dachstuhl öffnete; darunter auch alte Bierflaschen.

Die Schadenskartierung bildet die Grundlage für eine exakte Kostenrechnung. Der nächste Schritt ist nun die Reparatur der tragenden Verbindungen im Gebälk, die Schäden aufweisen. Zu klären ist, ob die Dämmung aus Steinwolle, die in den 1960er-Jahren in die Barockdecke eingebaut wurde, entfernt werden kann oder ob man damit die Decke selbst beschädigt. Neben der Sanierung des Dachstuhls müssen die Grundleitungen und die Dachabläufe erneuert werden, um die Fundamente trockenzulegen. Dachhaut und -hülle hingegen sind in einem sehr guten Zustand.

„Wir möchten, dass die Maßnahmen bis zu den Heimattagen Baden-Württemberg 2023 in Biberach abgeschlossen sind“, sagt Hans Beck. Damit der Schatz St. Martin wieder neu erstrahlt, hofft er auf viele Spenden an die Bauhütte Simultaneum.

Weitere Infos und die Kontodaten für Spenden gibt es unter www.simultaneum.de

Mit einer besonderen Aktion unterstützt Galerist Thomas Knoll aus Oberhöfen die Bauhütte Simultaneum. Der Kölner Künstler SAXA hat mit seiner ungewöhnlichen Malweise zwei Bildmotive (Kirche und Salzstadel) mit Biberach-Bezug geschaffen, die in limitierter Auflage verkauft werden, um die Sanierung der Stadtpfarrkirche St. Martin voranzubringen. Weitere Arbeiten des Künstlers sind bis zum 7. Februar 2021 in der Galerie Knoll.art zu sehen. Weitere Infos bei Thomas Knoll unter Telefon 0160/7081795 oder per E-Mail an thomas.knoll@t-online.de

© Schwäbische Zeitung 24.12.2020

Foto von Tobias Rehm

Heiligabend im Parkhaus

Dort, wo sonst Autos parken, finden in Kirchdorf Gottesdienste statt - das ist der Grund

Auf der Ebene 14 im Liebherr-Parkhaus in Kirchdorf wird die evangelische Kirchengemeinde an Heiligabend zwei Gottesdienste feiern. (Foto: Tobias Rehm)

Kirchdorf

Wegen der Corona-Pandemie wird Weihnachten in diesem Jahr anders gefeiert als in den Jahren zuvor. Statt großer Familienzusammenkünfte gibt es Feiern im kleinen Kreis, statt live auf dem Biberacher Marktplatz kann man das „Christkindle ralassa“ im Internet verfolgen. Auch die evangelische Kirchengemeinde Kirchdorf geht neue Wege. Sie feiert die Heiligabend-Gottesdienste zum ersten Mal an einem recht ungewöhnlichen Ort: im Parkhaus der Firma Liebherr in Kirchdorf.

„Die evangelische Kirche in Kirchdorf bietet mit den coronabedingten Abstandsregeln nur circa 40 Menschen Platz für den Gottesdienst“, sagt Pfarrerin Ulrike Ebisch. „Das ist für Weihnachten natürlich zu wenig.“ Wie Ebisch schildert, habe sich daher der Kirchengemeinderat schon im Advent Gedanken gemacht, an welchem anderen Ort sie ihre Weihnachtsgottesdienste feiern kann. „Die Idee mit dem Parkhaus kam mir, als ich überlegte, ob es einen Ort gibt, wo man im Freien feiern könnte und damit das Infektionsrisiko gering hält und dennoch ein Dach über dem Kopf hat“, sagt Ebisch.

Die Kirchengemeinde fragte daraufhin bei der Firma Liebherr an, ob es möglich wäre, die Gottesdienste im Parkhaus abzuhalten. Mit Erfolg. „Die Geschäftsführung von Liebherr stimmte der Anfrage freundlich zu“, sagt Ebisch. „Und die Firma unterstützte die Kirchengemeinde bei der Umsetzung mit der Schaffung der technischen Voraussetzungen im Parkhaus.“ Auch bei der Gemeindeverwaltung Kirchdorf habe man keine Hinderungsgründe gesehen, nachdem die Kirchengemeinde ihr Hygienekonzept vorlegt hatte, so Ebisch. Die Gottesdienste werden im obersten Stockwerk des Parkhauses, der Ebene 14, gefeiert. Das Parkdeck ist überdacht. „Von dort geht der Blick über das Kirchdorfer Stadion weit ins Land. Bei gutem Wetter ist die ganze Alpenkette zu sehen“, sagt Ebisch. An Heiligabend werden zwei Gottesdienste dort stattfinden: ein Familiengottesdienst um 15 Uhr und ein Christvespergottesdienst um 17 Uhr. Wer an einem der Gottesdienste teilnehmen wollte, musste sich zuvor bei der Kirchengemeinde anmelden. „80 bis 100 Personen haben sich pro Gottesdienst angemeldet“, sagt Ebisch. Die Möglichkeit sich anzumelden gibt es mittlerweile nicht mehr. „Wir nehmen keine Anmeldungen für die Heiligabend-Gottesdienste mehr an“, sagt Ebisch.

So ungewöhnlich der Ort für die Gottesdienste ist, so ungewöhnlich ist auch der Ablauf. „Wir fordern die Besucher auf, mit dem Auto zum Gottesdienst zu kommen“, sagt Ebisch. Der Grund dafür: „Auf diese Weise werden Kontakte bei der Anreise vermieden“, erklärt die Pfarrerin. Parken können die Gottesdienstbesucher im Parkhaus auf der Ebene 13. „Dort ziehen sie dann die Maske auf, und gehen über eine Zugangsrampe zur Ebene 14“, erläutert Ulrike Ebisch.

Die Mund-Nasen-Bedeckung müssen die Besucher auch während des Gottesdienstes aufbehalten. Sie sitzen dabei auf Bierbänken, die zu diesem Zweck im nötigen Abstand aufgestellt wurden. „Von Haushaltsgruppe zu Haushaltsgruppe sind es zwei Meter Abstand“, sagt Ebisch. Sie informierte die Gottesdienstbesucher vorab per E-Mail über den Ablauf und das Hygienekonzept. „Wir haben von jedem angemeldeten Teilnehmer eine E-Mail-Adresse“, sagt sie. Die Daten der Besucher würden nach vier Wochen automatisch gelöscht.

Ursprünglich plante die Kirchengemeinde noch weitere Gottesdienste an den Weihnachtsfeiertagen. So sollte am 25. Dezember ein Gottesdienst in der Kirche stattfinden und am 26. ein Gottesdienst im Freien zusammen mit der Kirchengemeinde Erolzheim-Rot. Doch die Planungen wurden kurzfristig am Dienstagabend geändert. „Der Kirchengemeinderat hat am Dienstagabend in einer aktuellen Videokonferenz noch einmal über die Gottesdienste beraten. Angesichts der hohen Infektionszahlen haben wir entschieden, dass bis zum 10. Januar nur die Gottesdienste stattfinden, die im Freien geplant sind, da an der frischen Luft das Infektionsrisiko bei Einhaltung der Abstände minimal ist“, sagt Ebisch.

Wie sie berichtet, schätzte die Mehrheit des Gremiums die Lage als ernst ein, insbesondere diejenigen, die im Gesundheitswesen arbeiten. „Der Kirchengemeinderat hält es nicht für verantwortlich, in unserer kleinen Kirche weiter zum Gottesdienst einzuladen“, sagt die Pfarrerin. Daher wird es an den Weihnachtsfeiertagen nur noch einen weiteren Gottesdienst geben, und zwar am 26. Dezember um 11 Uhr auf der Wiese am evangelischen Gemeindehaus. Für diesen Gottesdienst können sich Besucher noch über das Buchungsportal der Kirchengemeinde anmelden.

Darüber hinaus bietet die Kirchengemeinde gemeinsam mit der Nachbargemeinde Erolzheim-Rot einen Online-Videogottesdienst an, der in den evangelischen Kirchen in Kirchdorf und Erolzheim aufgenommen wurde. Die Pfarrerinnen Ulrike Ebisch und Margit Bleher sowie der Posaunen- und Kirchenchor haben den Gottesdienst gestaltet.

Für den Gottesdienst am 26. Dezember kann man sich unter ekkirchdorf.church-events.de anmelden. Der Online-Weihnachtsgottesdienst ist unter www.evkirche-kirchdorf.de ab dem Morgen des 24. Dezember abrufbar.

© Schwäbische Zeitung 21.12.2020

Im Gegensatz zu Ostern dürfen an Weihnachten 2020 Gottesdienste stattfinden. Darüber freuen sich die Biberacher Stadtpfarrer Ulrich Heinzelmann (l.) und Stefan Ruf. (Foto: Gerd Mägerle)

"Wir bestärken uns gegenseitig“
Wie die Biberacher Stadtpfarrer das Weihnachtsfest unter schwierigen Bedingungen erleben

Als die Ostergottesdienste wegen Corona ausfallen mussten, hatten beide darauf gehofft, mit den Gläubigen wenigstens Weihnachten 2020 wieder „normal“ feiern zu können. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen wird. „Immerhin sind wir froh, dass im Gegensatz zu Ostern überhaupt Gottesdienste stattfinden dürfen. Dafür sind wir dankbar“, sagt Ruf. Die Kirchen hätten in den vergangenen Monaten ein gutes Hygienekonzept entwickelt. „Die Menschen sitzen hier mit zwei Metern Abstand und alle haben sich bisher verantwortungsbewusst an die Regeln gehalten. Es gab keine Zwischenfälle“, meint Heinzelmann. Auch die Arbeit der Ordner beim Einlass in die Kirche und bei der Kommunion sei zu loben, ergänzt Ruf.

Trotzdem räumen beide Pfarrer ein, dass sich bei ihnen angesichts der ständigen Änderungen eine gewisse Müdigkeit und Gereiztheit breitmache. „Dieses ständige Hin und Her macht eine längerfristige Planung unmöglich“, sagt Ruf. Traurig sei er darüber, dass kaum Kontakte möglich seien. „Die Kirche ist aktuell eine Art Hochsicherheitstrakt und dazwischen steht der Mensch, der eigentlich etwas anderes braucht“, beschreibt es Heinzelmann. Er vermisse auch die ganzen Kirchenkonzerte in der Adventszeit. „Darauf freue ich mich eigentlich immer besonders.“

Als tröstlich empfinde er es, dass er sich mit seinem katholischen Amtsbruder austauschen könne, den er regelmäßig sehe. „Wir bestärken uns gegenseitig in dieser schweren Zeit und geben uns Tipps“, sagt Stefan Ruf.

Dabei betrachten es beide als Vorteil, mit der Stadtpfarrkirche St. Martin ein sehr großes Gotteshaus zur Verfügung zu haben. Viele Pfarrer in den Dorfkirchen seien an Weihnachten noch stärker gefordert. „Ich weiß von einem Kollegen, der hält an Heiligabend sechs kurze Gottesdienste hintereinander“, sagt Heinzelmann.

Aber auch in Biberach versuchen beide Konfessionen ein möglichst großes Angebot zu machen. An Heiligabend gibt es in allen katholischen Kirchen der Stadt zwei Gottesdienste. „Der erste findet überall um 16 Uhr als Familiengottesdienst statt, der zweite zu verschiedenen Uhrzeiten abends“, sagt Ruf. Um 23 Uhr gibt es in St. Martin die Christmette mit einem kleinen Ensemble der Chorknaben. Die Ausgangssperre gilt für Gottesdienstbesucher in diesem Fall nicht. Für alle Gottesdienste muss man sich bei den Pfarrbüros anmelden. Teilweise gebe es noch freie Plätze, so Ruf. Alle katholischen Abendgottesdienste ab dem 25. Dezember beginnen statt um 19 Uhr bereits um 18.30 Uhr, damit die Besucher rechtzeitig zur Ausgangssperre zu Hause sind.

Auf evangelischer Seite gibt es zweimal eine Christvesper mit Musik in St. Martin (18 und 21 Uhr), vier Gottesdienste in der Friedenskirche. „Auf dem Mittelberg dürfen wir um 18 Uhr die größere, katholische Dreifaltigkeitskirche für einen Gottesdienst nutzen“, sagt Heinzelmann. Für alle evangelischen Gottesdienste an Heiligabend ist ebenfalls eine Anmeldung bei den Pfarrbüros erforderlich. Im Hölzle werden an Heiligabend zwei Open-Air-Gottesdienste angeboten, die allerdings bereits ausgebucht sind, so Heinzelmann. Für die Gottesdienste an den weiteren Weihnachtstagen ist auf evangelischer Seite keine Anmeldung erforderlich. „Man sollte allerdings etwas zeitiger da sein“, empfiehlt Heinzelmann.

Auch digital gibt es Angebote: So hat die evangelische Kirchengemeinde einen Online-Gottesdienst für Heiligabend aufgezeichnet, der im Internet abrufbar ist. Von katholischer Seite wurde ein Krippenspiel aufgezeichnet, das online zu sehen ist. Katholische Gottesdienste aus Biberach werde es als digitale Variante aber nicht geben. „Ich bin kein Freund dieser Lösungen“, sagt Ruf. Er wie auch Heinzelmann empfehlen auch das gute Angebot an Fernsehgottesdiensten an den Weihnachtsfeiertagen. Für Menschen, die nicht in die Gottesdienste wollen oder können und die über keinen Internetanschluss verfügen, liegen zum Beispiel in St. Martin Faltblätter beider Konfessionen aus, wie man das Weihnachtsfest zu Hause allein oder mit der Familie würdig begehen kann.

Und wie geht es nach Corona in den Kirchen weiter? Die beiden Pfarrer sehen das etwas zwiespältig. „Es ist in der Corona-Zeit sicher auch Positives entstanden“, sagt Ruf. Die Kirche sei allerdings auch instrumentalisiert worden, meint er mit Blick auf einen vermeintlichen Martinsumzug von Corona-Skeptikern in Biberach. „Davon distanzieren wir uns“, so Ruf. Er wünsche sich, dass die Kirche nach Corona nicht in blinden Aktionismus verfalle, sondern dass aus der jetzt verordneten Ruhe neue Ideen erwachsen.

„Ich bin da eher ein bisschen pessimistisch“, sagt Heinzelmann. „Ich glaube, dass wir nach Corona sehr schnell wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen.“ Positiv stimme ihn allerdings, „dass wir in der Corona-Zeit die Menschlichkeit und die Mitmenschlichkeit neu entdeckt haben. Und das ist ja gerade die Weihnachtsbotschaft: Gott wird Mensch“.

Informationen zu den Gottesdiensten in Biberach und den Anmeldemöglichkeiten gibt es unter www.se-biberach.drs.de (katholisch) und unter www.evangelisch-in-biberach.de (evangelisch). Eine Übersicht über die in der Region stattfindenden Weihnachtsgottesdienste veröffentlicht die SZ in der Mittwochsausgabe.

© Schwäbische Zeitung 09.12.2020

Pfarrer Georg Maile (l.) und Dekan Matthias Krack hielten den Gottesdienst gemeinsam. (Foto: Gerhard Rundel)

Besonderes Jubiläum in besonderen Zeiten

Schussenrieder Christusgemeinde feiert das 50-jährige Bestehen ihres Gotteshauses


Bad Schussenried

50 Jahre ist es her, dass die Christuskirche am ersten Advent 1970 in Bad Schussenried eingeweiht wurde. In einem Festgottesdienst mit anschließenden Grußworten wurde die Geschichte der Christuskirche zum goldenen Jubiläum Die Festpredigt hielt der Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Biberach, Matthias Krack.

Mit einem Orgelvorspiel und dem von Charles Schlicker gesungenen „Largo“ von Georg Friedrich Händel begann der Festgottesdienst mit rund 65 Besuchern. Unter Einhaltung der Corona-Vorschriften und des Hygienekonzeptes waren bis zu 100 Besucher zugelassen. Pfarrer Georg Maile und Dekan Matthias Krack wechselten sich beim Zelebrieren der Feier, den Psalmen und den Gebeten ab.

Die musikalische Begleitung mit Liedern wie „Macht hoch die Tür“, „Tochter Zion“ und „Verleih uns Frieden“ übernahm Organist Peter Doubeck. Charles Schlicker berührte die Besucher nach der Predigt mit dem unbegleiteten Sologesang „Panis Angelikus“. Die Lesung aus Jakobus 5,7-11 trug der stellvertretende Vorsitzende des Kirchengemeinderats, Ernst-Ulrich Schmitz, vor. Bei seiner Begrüßung sagte Pfarrer Maile: „In Gedanken sind wir mit den vielen Gemeindemitgliedern verbunden, die heute nicht mit uns feiern können. Diese Kirche ist nicht nur ein normaler Ort, sondern ein Ort der geistlichen und kulturellen Begegnung.“

Das Thema in der Predigt von Dekan Krack war Geduld. „Aus dem Seir ruft man mir zu. Wächter, wie lange dauert die Nacht“, heiße es bei Jesaja. „Wie lange noch dauert die Nacht, fragen auch wir uns in diesem Advent dieses außergewöhnlichen Jahres“, sagte Dekan Krack. Auch der Festtag zum 50-jährigen Bestehen der Christuskirche falle in dunkle Nacht und man feiere ganz anders, als es geplant gewesen sei. Die Corona-Pandemie habe viele Selbstverständlichkeiten zum Platzen gebracht. Das immer Höher, immer Weiter sei jäh unterbrochen worden. Geduld und Beharrlichkeit seien nicht nur in der heutigen Zeit gefragt, sondern seien auch beim Bau dieser Christuskirche notwendig gewesen.

Seit Ende der 50er-Jahre hätten die damals Verantwortlichen mutig und visionär für eine eigene Kirche gekämpft, bis es 1970 endlich so weit gewesen sei. Am Ende seiner Predigt zitierte Krack ein Gebet von Friedrich Oetinger mit den Worten: „Herr, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Den Reigen der Grußworte eröffnete Gemeindereferentin Elvira Schlichting von der Seelsorgeeinheit Bad Schussenried. Im Auftrag von Pfarrer Nicki Schaepen überbrachte sie die Glückwünsche und betonte das gute Miteinander. Die katholische Kirchengemeinde denke besonders dankbar an die große Gastfreundschaft zurück, die ihr während der dreijährigen Renovierungszeit der Sankt-Magnuskirche hier zuteil geworden ist. In diesen Jahren seien sich die beiden Gemeinden sehr nahegekommen. Diese gute Zusammenarbeit sei ein wichtiges Zeichen für die Menschen.

Peter Kiess sprach das Grußwort für die Vorsitzende der Stiftung Christuskirche, Beate Walaschek-Leube. Ernst-Ulrich Schmitz verlas das Grußwort von Wilhelm Binder, der langjähriger Organist und Kirchengemeinderat war und ein absoluter Kenner der Schussenrieder Kirchengeschichte ist. Bürgermeister Achim Deinet sagte: „So große Projekte wie die Christuskirche brauchten damals wie auch heute Menschen, die solche Projekte mit Mut und Hartnäckigkeit vorantreiben.“ Das damals entstandene multifunktionelle Gebäude sei weitblickend und weitreichend für die gesamte Gemeinde.

„Es ist vor allem Heimat als Kirche, aber genauso für Begegnungen mit Nichtchristen der bürgerlichen Gemeinde. Sie sind immer offen, wenn es an Räumlichkeiten klemmt“, so Deinet. „Die politische Gemeinde will sich gerne weiterhin an der Unterhaltung dieses Gebäudes beteiligen.“ Dazu übergab er im Auftrag des Gemeinderats ein Kuvert.

Pfarrer Georg Maile sagte am Ende des Gottesdienstes gegenüber der SZ: „Es ist sehr schade, dass wir kein großes Fest feiern konnten. Aber es ist gut, unser Leben - in der Vergangenheit, in der Gegenwart und in der Zukunft - unter Gottes Segen zu stellen.“

© Schwäbische Zeitung 05.12.2020

Bildunterschrift: Am 1. Advent 1970 wurde die Christuskirche in Bad Schussenried eingeweiht. 50 Jahre später denken Pfarrer Georg Maile und Ernst-Ulrich Schmitz, der stellvertretende Vorsitzende des Kirchengemeinderates, an die Bauzeit zurück. (Foto: Angela Körner-Armbruster)

Wie die Protestanten in Schussenried eine Heimat fanden
Erst 50 Jahre ist es her, dass die Christuskirche in Bad Schussenried gebaut wurde

Am ersten Advent 1970 wurde die evangelische Christuskirche in Bad Schussenried eingeweiht. Anlässlich dieses besonderen Jubiläums wird es am kommenden Sonntag einen Festgottesdienst in der Christuskirche geben, um all dem zu gedenken, was seitdem in der kleinen Gemeinde geschehen ist und erreicht wurde.

Das Jubiläum wäre nicht denkbar ohne das Wirken des Königreichs Württemberg, denn dieses schrieb 1806 die Glaubensfreiheit fest. Als aus dem Unterland evangelische Beamte und Arbeiter ins katholische Oberschwaben kamen und in Forst und Torfwerk, in Postämtern und Notariaten arbeiteten, war in Glaubensfragen eine neue Toleranz gefordert. Die evangelischen Christen lebten anfangs weit verstreut. Ihr Tun und ihre Geschichte ist in einer Chronik festgehalten, die 2001 anlässlich des 150-jährigen Bestehens der evangelischen Gemeinde in Bad Schussenried herausgegeben wurde.

Demzufolge fanden noch 1840 die Betstunden in Bad Schussenried mit einem Lehrer aus Weingarten in der Forstwartwohnung statt. Ab 1844 kam der Biberacher Dekan alle sechs Wochen zum Gottesdienst in den Bibliothekssaal des früheren Klosters. 1851 gab es schließlich die erste Pfarrstelle in Bad Schussenried, der Ort der Begegnung blieb jedoch bis 1970 der Bibliothekssaal.

Bis ins 20. Jahrhundert stand die Glaubensverkündung an erster Stelle. Erst Pfarrer Karl Leube lud 1921 zu Familienfeiern in den Löwensaal ein. Sein Vorgänger Pfarrer Wolfgang Zeller hatte es nicht gewagt, Dienstboten und Akademiker zusammenzuführen. 1970 bekam Schussenried als letzte Gemeinde im Pfarrbezirk eine eigene Kirche - und eine bauliche Besonderheit. Damit ist jedoch nicht die Lage vor den Toren der Stadt oder die moderne Architektur gemeint. Es geht um den Kirchturm, der sich aus manchen Blickwinkeln so harmonisch mit dem Turm der katholischen Magnuskirche verbindet.

Heutzutage ist es schwer vorstellbar, dass sein Bau einst wegen Sparmaßnahmen abgelehnt worden war. Schmunzelnd erzählt Pfarrer Georg Maile, wie Pfarrer Ruprecht Stoffel, Dekan Georg Ottmar und der Apotheker Ekkehard Dochtermann zweimal zum Oberkirchenrat reisten.

Einer, der sich stellvertretend für alle anderen engagierten Gemeindeglieder gut an die Geschichte der evangelische Gemeinde in Bad Schussenried erinnert, ist Wilhelm Binder. „Ja, beim Turm haben die Herren Ellenbogen gezeigt und auch ein bisschen die verwandtschaftlichen Beziehungen genutzt. Wir waren angehalten, ein Gemeindehaus zu planen, - aber wollten eben eine richtige Kirche mit einem richtigen Turm. Wir wollten kein Langschiff, wir wollten Platz um den Altar herum und hell sollte es sein, mit einem Atrium für Begegnungen. Und eine Empore für den Posaunenchor musste auch dabei sein, daran hatte ich natürlich großes Interesse!“

Der Donauschwabe Wilhelm Binder, der 1961 nach einer langen Odyssee nach Bad Schussenried kam, arbeitete nicht nur als Lehrer in der evangelischen Bekenntnisschule, er war auch Organist und Chorleiter. Der heute 84-Jährige erzählt rückblickend lebhaft von Gottesdiensten mit Patienten. „Frauen und Männer waren getrennt und mittendrin saß die Gemeinde.“ Er beteuert, dass bereits damals im Bibelkreis muntere Gespräche das stumme Zuhören abgelöst hatten. „Ab 1980 gab es einen Klinikpfarrer, aber davor haben die Patienten aus Nah und Fern mit ihren Beiträgen die Gemeindeglieder angeregt.“

50 Jahre Christuskirche sieht Wilhelm Binder dankbar als eine arbeitsreiche, lohnende Zeit. Was Pfarrer Zeller nicht gelang, sei heute eine geschätzte Selbstverständlichkeit. „Jeder Pfarrer setzte andere Akzente und viele Menschen konnten ihre Gaben einbringen“, freut sich Binder und nennt die Christusgemeinde sein „Ein und Alles“. Er sei sehr froh, dass es die Stiftung gebe, die zur Erhaltung der Kirche beitrage, und er hat einen Wunsch an die Zukunft: „Jammern gilt nicht, aber falls die Pandemie jemals endet, wünsche ich mir, dass das Gemeinschaftsgefühl wieder aufblüht und wir die mittlere Generation wieder mehr einbinden können.“

Reges Gemeindeleben bedeute Lobpreis zur Ehre Gottes in Wort und Klang, mit Referenten und Kultur. Zu diesem „Mittendrin“ gehören nicht nur die „genialen Gemeindefeste“, von denen Pfarrer Maile schwärmt, sondern auch die Hospizgruppe und die Kinderwoche, ebenso wie der Freundeskreis Asyl oder ein ökumenischer Kanzeltausch. Das Motto der Schussenrieder Ökumene gilt auch für die gesamte Gemeindearbeit: „Denke weltweit und handle vor Ort.“

Auch Pfarrer Georg Maile empfindet tiefe Dankbarkeit. „Wir schauen mit Hochachtung auf die mutigen Leute, die vor 50 Jahren den Bau den Kirche begonnen haben. Zur Erinnerung und zum Dank an all die Verantwortlichen wollten wir nun feiern.“ Im Januar habe man begonnen, einen rundum festlichen Tag mit schönen Akzenten zu planen. „Wir sehen die Kirche als Ort der Begegnung. Wir wollten ins Erzählen kommen“. Durch die Pandemie ist alles anders. Der Gottesdienst wird dennoch festlich und es wird auch vier Grußworte geben - aber die meisten Gläubigen werden den Gottesdienst, den wir filmen, im Nachhinein auf Youtube anschauen.

„Jetzt sind wir froh, dass damals alles so großzügig geplant worden ist und wir ein gutes Hygienekonzept erstellen konnten. Und sobald als möglich wird das große Fest der Begegnung nachgeholt“, verspricht Georg Maile. Und Ernst-Ulrich Schmitz, der stellvertretende Vorsitzende des Kirchengemeinderats, ergänzt: „Dann kann auch die jüngere Generation die vielen Bilder aus der Chronik anschauen und hören, wie das früher war.“ Die Fotos vom Entstehen der Kirche und den emsigen ehrenamtlichen Bauhelfern dürfen allerdings jetzt schon bestaunt werden.

Aktuell zählt die Christusgemeinde 1367 Gemeindemitglieder und umfasst neben Bad Schussenried 17 weitere Orte und kleine Gehöfte ringsherum. Von Groth, Muttensweiler, Hervertsweiler, Hagnaufurt über Ingoldingen, Winterstettenstadt, Winterstettendorf, Steinhausen, Torfwerk, Roppertsweiler bis hin nach Reichenbach, Laimbach und Hopferbach.

Der Gottesdienst anlässlich des Jubiläums findet am Sonntag, 6. Dezember, um 10 Uhr statt. 100 Besucher sind zulässig. Allerdings ist eine Mund- und Nasen-Maske zu tragen.

© Schwäbische Zeitung 01.12.2020

Seit fast 17 Jahren ist der 55-jährige Gunther Wruck Pfarrer in der Franziskuskirche in Ersingen. Jetzt sieht er die Zeit für etwas Neues gekommen. (Foto: Schick)

Der 55-Jährige schildert die Gründe für seinen Wechsel von Ersingen nach Biberach

Pfarrer Gunther Wruck verlässt im Frühjahr die Evangelische Kirchengemeinde Ersingen Richtung Biberach (die SZ berichtete). Nach dann 17-jährigem Wirken sieht er die Zeit für sich gekommen, etwas Neues zu machen. Aber auch der Gemeinde tue „ein neues Gesicht und neue Impulse gut“, ist der 55-Jährige überzeugt.

Aus den genannten Gründen habe er einen Wechsel schon länger ins Auge gefasst, sagt Wruck. Zwar gelte die frühere Festlegung nicht mehr, wonach ein Pfarrer nach zehn Jahren seinen Wirkungskreis verändern soll, aber Gunther Wruck sieht darin durchaus einen Sinn. „Da ich seit 2017 Dekansvertreter im Kirchenbezirk bin, habe ich meine Suche eingestellt und erst wieder aufgenommen, nachdem ein neuer Dekan gefunden wurde“, erklärt er. Dabei sei er auf die freie Stelle der Bonhoefferkirche in der Evangelischen Stadtkirchengemeinde Biberach gestoßen. „Ich habe gemerkt: Das ist was, was mich reizt.“ Sie biete eine Verbindung zu seinen Wurzeln, die in der Jugendarbeit und dem Wirken in der Diakonie, also dem Dienst am Menschen, liegen.

Denn von 1984 bis 1986 leistete der aus Lorch-Waldhausen im Remstal stammende Pfarrer seinen Zivildienst in einer Werkstatt für behinderte Menschen, einer großen diakonischen Einrichtung. Danach startete Wruck sein Engagement für die Gedenkstättenarbeit in Grafeneck, einer ehemaligen Tötungsanstalt der Nationalsozialisten. Viele Jahre war er Vorsitzender des Arbeitskreises, auch heute noch pflegt er mit seiner Frau Gerlinde den zur Erinnerung an die Opfer angelegten „Alphabet-Garten“. „Die Würde des Menschen“, sagt Gunther Wruck, „ist bis heute mein Kernthema geblieben.“ Zur Bonhoefferkirche in Biberach zählt auch ein Inklusionsprojekt der Diakonieeinrichtung Mariaberg, bei dem junge Menschen mit Behinderung in einem Wohnheim betreut werden. „Damit würde sich ein Kreis für mich schließen, wenn ich dort in zwölf Jahren hoffentlich auch in den Ruhestand gehen kann“, meint Wruck.

In seiner 17-jährigen Zeit in Ersingen habe ihn und die Gemeinde vor allem das Thema Ökumene geprägt, mit dem er schon früher vertraut gewesen war. „Ich war in der katholisch geprägten Gemeinde Westerheim Ausbildungsvikar für die evangelische Doppelgemeinde Donnstetten-Westerheim. Mit dem katholischen Kollegen war es ein Miteinander auf Augenhöhe“, erinnert sich Wruck. Als er im Jahr 2003 ins evangelisch geprägte Ersingen kam, gab es dort schon seit fast 20 Jahren auch katholische Messfeiern in der Franziskuskirche. „Diesen Impuls haben wir seither stetig verstärkt.“

So feiere man mittlerweile einmal im Monat einen ökumenischen Gottesdienst, bei dem mal Pfarrer Wruck, mal der katholische Wortgottesdienstleiter die Predigt hält. „Seit mehr als zehn Jahren begehen wir auch gemeinsam das Gedenken zum Volkstrauertag, auch die Aussendung der Sternsinger geschieht ökumenisch.“

Weiteres zentrales Thema seiner Zeit in Ersingen seien Bauangelegenheiten gewesen. „Es verging kaum ein Jahr ohne Vorbereitung oder Durchführung einer Maßnahme“, sagt der Pfarrer und nennt als Schwerpunkt die Franziskuskirche mit dem Austausch der Heizungs- und Lüftungsanlage und der Sanierung von Turm und Dach. „Als nächstes wird die Kirchhofmauer saniert, der erste Bauabschnitt ist im kommenden Jahr geplant.“

Aktuell treibt ihn natürlich auch die Corona-Pandemie und deren Folgen um. Für ihn selbst bringe die Umsetzung der Hygienevorschriften ein Vielfaches an organisatorischem Aufwand mit sich, für die Gemeindeglieder eine mittlerweile auch psychische Belastung. Die Stimmung sei zunehmend depressiver, das habe auch mit der dunkleren Jahreszeit zu tun. „Die Menschen drücken ihre Sorge aus: Wie komme ich durch den Winter?“ Umso wichtiger sei die Möglichkeit des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs. Vor allem mit Blick auf die Advents- und Weihnachtszeit sei es eine große Aufgabe, die Verbindung zu den Gläubigen herzustellen, damit sie in der Gemeinschaft und im Glauben Halt finden.

Natürlich geht sein Blick auch schon auf seine künftige Aufgabe in der Stadtkirchengemeinde in Biberach, die nach der formal vollzogenen Fusion dreier evangelischer Gemeinden nun mit Inhalten zu füllen sei. Dazu gehöre auch, auf den Schwund an Mitgliedern und Gottesdienstbesuchern durch ein Auftreten an neuen, öffentlichen Orten und Veranstaltungen zu reagieren. In Ersingen sei ein solcher Ort der evangelische Kindergarten, an dem Kontakte zu Eltern und Kindern entstünden und gepflegt würden. So etwas wolle er nach Biberach mitnehmen, zumal die Bevölkerung rund um die Bonhoefferkirche auf dem Mittelberg einen Wandel von der überwiegend älteren Generation hin zu wieder mehr jungen Familien erlebe. „Und die müssen wir in den Blick nehmen.“

Und wie geht's in Ersingen nach dem Weggang von Pfarrer Wruck weiter? „Es beginnt jetzt der ganz normale Wiederbesetzungsprozess. Ich hoffe, dass die Stelle spätestens Anfang nächsten Jahres ausgeschrieben wird.“ Dann müsse man mindestens mit einer Vakanz bis in den Herbst rechnen. „Die starken Pfarrers-Jahrgänge stehen vor dem Ruhestand, und die Wechselfreudigkeit scheint in Corona-Zeiten nicht besonders groß zu sein“, urteilt Gunther Wruck. Die Investitur in Biberach ist für Palmsonntag, 28. März, geplant.

Text/Foto von Reiner Schick, Schwäbische Zeitung Laupheim