© Schwäbische Zeitung 25.03.2020

Ein Blick in den Dachstuhl der Wainer Michaelskirche. FOTOS: CHRISTIAN REICHL

„Die Glocken sprechen eine Sprache, der nur noch die wenigsten mächtig sind“

Der Glockenturm der Wainer Michaelskirche hat den Jahrhunderten getrotzt –

Die Kirche St. Michael in Wain gilt im Volksmund als die schönste evangelische Dorfkirche Oberschwabens. Teile des Bauwerks stammen aus der Zeit des Mittelalters und haben mehr als sieben Jahrhunderten getrotzt. Was das Bauwerk über die Wainer Geschichte verrät.

Eine massive Holztür schützt den Zugang zum Glockenturm der Michaelskirche. „Ich vermute, die stammt noch aus dem Mittelalter“, sagt Pfarrer Ernst Eyrich. In späteren Zeiten seien zwar noch äußerliche Verschönerungsarbeiten vorgenommen worden, der Holzkern dürfte allerdings weit in die Geschichte des Kirchenbauwerks zurückreichen. Im 11. Jahrhundert wurden Türme zum dominierenden Element von Kirchenbauten: „Die Glocken in den Türmen sind von Weitem hörbar und sollen den Mensch auf den Glauben und den Himmel aufmerksam machen.“

Im Inneren des Kirchturms angekommen, zeigt der Geistliche mit dem Finger an die gewölbte Decke – künstlerische Verzierungen sind zu sehen: „Ein Überbleibsel aus der Gotik.“ Den Ursprung des Wainer Kirchturms datiert Eyrich in die Zeit des zwölften Jahrhunderts. „Die ältesten Zeugnisse stammen von einer früheren katholischen Kirche“, erklärt der Pfarrer. Bereits 1275 wird der Ort als Sitz einer eigenen Pfarrei erwähnt.

Die Gemeinde Wain und ihre Michaelskirche haben eine besondere Geschichte: Nach dem Dreißigjährigen Krieg flohen Protestanten aus den habsburgisch-katholischen Dörfern in Kärtnen und der Steiermark. Als Erblanden des Kaiserreichs waren die beiden Herzogtümer von den im Westfälischen Frieden von 1648 vereinbarten Bestimmungen zur Religionsfreiheit ausgenommen. Rund 300 Glaubensflüchtlinge fanden in Wain – 1573 durch die Reichsstadt Ulm protestantisch geworden – eine neue Heimat und prägten fortan das Gemeindeleben.

In den Jahren 1687 und 1688 wurde ein Großteil der früheren Chorturmkirche abgerissen, da laut Angaben der Ortschronik die „Änge der alten Kirchen die Menge der immer sich mehrenden Gemein fast nicht mehr fassen wollte.“ Von dem einstigen Bauwerk zeugen heute nur noch Überbleibsel: „Außer dem Turm blieben Teile von der aus Wackersteinen gemauerten Nordwand des Kirchenschiffs erhalten“, erklärt Pfarrer Eyrich. „Die Steine stammen vermutlich aus der Iller.“ Durch den Anbau an die alten Gemäuer habe die Michaelskirche ihr heutiges architektonisches Erscheinungsbild erhalten.

Schließlich geht es die zahllosen Treppenstufen des Turms hinauf – immer wieder sind Zwischenböden eingelassen. Im Geschoss unterhalb des Daches ist die Mechanik der Turmuhr angebracht. „Ein Ziffernblatt zeigt nach Osten, das andere nach Westen“, sagt Eyrich. Das alte Uhrwerk sei mittlerweile moderner Technik gewichen – heutzutage wird die Uhr digital gesteuert. „Walter Wipfler hat die alte mechanische Wainer Kirchturmuhr in vielen Stunden ehrenamtlicher Arbeit mit Herzliebe restauriert“, sagt der Geistliche und fügt hinzu: „Sie ist im evangelischen Gemeindehaus ausgestellt.“

Der Weg in den Dachstuhl führt über eine hölzerne Leiter: Der Blick durch den Schacht bringt vier Glocken zum Vorschein. „Der eiserne Dachstuhl wurde nachträglich um 1910 errichtet“, erklärt Eyrich. Drei Glocken, allesamt aus Bronze gefertigt, stammen aus der Nachkriegszeit. „Im Zweiten Weltkrieg mussten die Kirchengemeinden ihre Glocken abgeben.“ Die Nationalsozialisten fertigten aus ihnen Kriegsgerät an. Nur die vermutlich aus der Oberbucher Kirche stammende Tauf- und Schiedglocke aus dem 14. Jahrhundert, die zur Taufe oder nach dem Tod eines Gemeindemitglieds geläutet wird, überdauerte diese Zeit, sagt der Pfarrer. „Die Schiedglocke soll eine Mahnung an die eigene Sterbestunde sein – sie ist die Einzige, die auch heute noch von Hand geläutet wird.“

„Die Glocken sprechen eine Sprache, der nur noch die wenigsten mächtig sind. Jede Glocke hat ihre eigene Funktion“, resümiert Eyrich. Die fast eine Tonne schwere Betglocke, die zu den drei Tageszeiten und während des Gottesdienstes geläutet wird, hat mehrere Aufgaben: „Das Morgenläuten erinnert an die Auferstehung Christi, das Mittagsläuten symbolisiert den Widerstand gegen den Antichristen und die Nachtglocke erinnert an die Todesstunde und den Jüngsten Tag.“ Unterscheiden ließen sich die Glocken anhand der Tonhöhe und ihrer Inschrift – die Betglocke beispielsweise ist in B gestimmt und mit den Lettern geziert: „Ehre sei Gott in der Höhe“.

Die mehrmals am Tag geläutete Kreuzglocke soll die Gemeinde an Christus am Kreuz erinnern: „Um neun Uhr gedenken wir der Stunde der Kreuzigung, um 11 Uhr der einbrechenden Finsternis und um 15 Uhr der Todesstunde Jesu“, erklärt Eyrich. Das abendliche Läuten verweise auf das Begräbnis Jesu. Die Zeichenglocke ruft unter Gottes Wort und erinnert die Gemeindemitglieder an den Gottesdienst.

Und in früheren Zeiten wurden Glocken auch als Warnsignale eingesetzt: „Wenn ein Brand im Dorf ausgebrochen ist, war es das Zeichen für die Feuerwehr.“