Erster Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 10.1.2021, 9 Uhr Wain, 10.15 Uhr

Erster Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 10.1.2021, 9 Uhr Wain, 10.15 Uhr

Wochenspruch: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Römer 8, 14

 

Predigttext aus Römer 12, 1-3        3. Reihe neu

Das Leben als Gottesdienst

1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

 

Schriftlesung aus Matthäus 3, 13-17

Jesu Taufe

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. 14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? 15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's ihm zu. 16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

 

Liebe Gemeinde,

im heutigen Gottesdienst geht es um den Gottesdienst, liebe Gottesdienstgemeinde. Es geht zuerst einmal um unseren gemeinsamen Gottesdienst heute Morgen um 9 Uhr in Wain. Manchmal werde ich angerufen und gefragt, wann in unserer Gemeinde denn der Gottesdienst stattfindet. Und dann antworte ich, wie das eben in unserer Gemeinde üblich ist und freue mich über die Anfrage und freue mich noch mehr, wenn der Anrufer dann auch tatsächlich im Sonntagsgottesdienst erscheint und mit uns Gottesdienst feiert. Ich sehe den Gottesdienst als die wichtigste Veranstaltung unserer Gemeinde an. Als die Veranstaltung, die uns zusammenbringt und zusammenführt und die Einheit unserer Gemeinde auch nach außen zeigt.

 

An den Ortseingängen vieler Städte und Gemeinden werden die Gottesdienstzeiten auf einem eigenen Schild angezeigt. Gelbe Kirchen auf den Schildern zeigen katholische Gottesdienste an, lila Kirchen evangelische Gottesdienste. Drei bis vier Gottesdienste und damit drei bis vier Stunden Gottesdienst werden damit genannt. Werner Küstenmacher, evangelischer Pfarrer und Karikaturist aus München, nimmt diese Schilder aufs Korn und malt ein weiteres Schild daneben. Hier zeigt er einen Teufel, der seinen 24-Stunden-Service anbietet und immer für die Menschen da ist. Er hat immer Zeit und ist allzeit bereit. Wir schmunzeln über diese Karikatur, weil wir entdecken: da steckt nicht nur etwas, sondern viel Wahres dahinter. Wir schmunzeln, weil wir es merken: Eine Stunde Gottesdienst in der Woche ist viel zu wenig. 168 Stunden dauert eine Woche, ein Gottesdienst nimmt in der Regle etwa eine Stunde in Anspruch. Wir sehen, wie groß die Diskrepanz ist. Ob jeden Tag den ganzen Tag lang Gottesdienst sein sollte? 24 Stunden am Tag, an jedem Tag der Woche und am Wochenende sowieso? Sollten wir als Kirche auch einen 24-Stunden-Service – was Gottesdienst anbelangt – anbieten?

 

Der Apostel Paulus möchte uns genau das heute Morgen empfehlen, liebe Gottesdienstgemeinde: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das ist euer vernünftiger (logikos) Gottesdienst!“ (Röm 12, 1). Oder einfacher formuliert: „Euer ganzes Leben sei ein Gottesdienst, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, 12 Monate im Jahr! Euer ganzes Leben sei ein Gottesdienst! Und Gottesdienst heißt so viel wie: Gott dienen! Als Christen dienen wir Gott nicht nur eine Stunde in der Woche, sondern dieser Dienst soll mit jedem Herzschlag unseres Lebens stattfinden! Der Gottesdienst geht also nach dem Gottesdienst weiter, liebe Gottesdienstgemeinde. Nach dem Segen fängt der Gottesdienst draußen vor der Kirche wieder von Neuem an.

 

Wieso feiern wir eigentlich Gottesdienst am Sonntagmorgen, liebe Gottesdienstgemeinde? Ganz einfach, weil das zur Heiligung des Sonntages gehört. Christen versammeln sich und zeigen dadurch ihre Zusammengehörigkeit. Christen hören gemeinsam auf Gottes Wort. Christen loben mit ihren Liedern gemeinsam ihren Schöpfer. Christen feiern gemeinsam das Heilige Abendmahl und freuen sich gemeinsam an der Heiligen Taufe. Christen sind gemeinsam der eine Leib Jesu Christi. Christen sind gemeinsam der Tempel des Heiligen Geistes und in diesem Tempel soll immer und ewig Gottesdienst gefeiert werden. Der Dreieinige Gott will keine Spaltung der Christenheit! Der Sonntag bewährt sich im Werktag. Der Werktagsgottesdienst schöpft seine Kraft aus dem Sonntagsgottesdienst. So ist jeder Tag ein Sonntag, ein Gottesdiensttag, liebe Gottesdienstgemeinde.

 

Ein Christ kann nicht ohne Gottesdienst leben, liebe Gottesdienstgemeinde. Der Sonntagsgottesdienst ist die Erfüllung unseres Daseins und damit auch die Erfüllung unseres Alltages. Durch den Gemeindegottesdienst hat der Sonntag nicht nur eine Struktur, sondern er nähert und ernährt die Seele und damit unseren Leib. Denn Leib und Seele sind und bleiben eine Einheit.

 

Wenn wir im Sonntagsgottesdienst beieinander sind rauscht nicht nur etwas bedeutungslos an uns vorbei. Da ereignet sich etwas. Da bin ich unter dem Wort Gottes. Da bin ich unter dem Segen Gottes. Der Enkel fragt seine Großmutter, die gerade aus der Kirche kommt: „Oma, worüber hat der Pfarrer gepredigt?“ – Die Großmutter antwortet. „Ich weiß es nicht mehr!“ – Daraufhin der Enkel: „Warum gehst Du dann in die Kirche?“ – Da zeigt die Großmutter auf einen Weidenkorb, der dreckig in der Ecke steht und sagt: „Wenn ich den Korb nehme und unter den Wasserhahn halte, dann bleibt kein Wasser darin. Aber der Korb ist danach sauber.“

 

Die Wirkung des Gottesdienstes ist ähnlich wie die des Weidekorbes unter dem Wasserhahnen, liebe Gottesdienstgemeinde. Es kommt nicht so sehr darauf an, was darin bleibt, sondern es kommt darauf an, dass sich bei mir etwas ändert. Als unser Land noch etwas bäuerlicher geprägt war, gab es ein Sprichwort: „Der erste, der es merkt, dass sich der Bauer bekehrt hat, ist das Vieh im Stall.“ So hat auch der echte Gottesdienst Auswirkungen bis in die alltäglichste Arbeit und wird zum Gottesdienst des Lebens.

 

Paulus braucht in seinem Römerbrief 11 lange Kapitel um den Christen in Rom zu demonstrieren, wie Gott dem Menschen gedient hat. Unserm Gottesdienst geht immer der Dienst Gottes an uns Menschen voraus, liebe Gottesdienstgemeinde:  Jesus starb für unsere Sünden. Wir sind mit dem Glauben begabt. In der Heiligen Taufe hat uns Gott angenommen und uns in das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesus mit hineingenommen, also in das Heil. In der Verbundenheit mit Christus haben wir das Leben, wir sind frei vom Fluch des Gesetzes. So hat Gott uns gedient, liebe Gemeinde.

 

So ist unser Gottesdienst nichts anderes als die Antwort auf Gottes Dienst an uns Menschen. Bevor wir Gott dienen können, steht also das, was Gott für uns getan hat: Sein Erbarmen, seine Gnade, sein Heil. Jeder Gottesdienst ist immer zuerst Gottes Dienst an uns. Da lädt uns der ein, der uns liebt. Der sich freut, wenn wir zusammenkommen, der traurig ist, wenn wir getrennte Wege gehen.

 

In einer alten Geschichte wird vom Klosterleben erzählt. Zu einem der Mönchsväter kam ein Bruder und erzählt ihm, er werde von Trauer und Melancholie gepeinigt. Außerdem, so gestand er, könne er nicht einmal mehr beten. Der Ältere sagte zu ihm: „Wenn Du schon nicht beten kannst, dann geh in den Gottesdienst und höre zu, wie die anderen beten.“

 

Der Sonntagsgottesdienst ist kein Anhängsel an unser Leben, nicht ein Relikt aus alten Zeiten, schon gar nichts Unwichtiges oder gar Überflüssiges. Das Gegenteil ist der Fall, liebe Gottesdienstgemeinde. Gottesdienst an uns und für uns macht uns stark für den Alltag, damit unser ganzes Leben ein Gottesdienst, ein Dienst für Gott sein kann.

 

Die Kanzel unseres Lebens-Gottesdienstes ist der Alltag, in dem wir leben. Das Vieh merkt es zuerst, wenn sich der Bauer bekehrt hat. Unsere Umwelt soll es zu allererst und immer wieder

neu erfahren, dass wir von Gott erneuert worden sind. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ 2. Korinther 5, 17. Der Glanz von Weihnachten darf sich in unserem Angesicht spiegeln, liebe Gemeinde.

 

Das kann auch bedeuten, dass wir Opfer zu bringen haben. Unser Leben soll ein lebendiges Opfer sein. Kein totes und kein zu tötendes: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das ist euer vernünftiger Gottesdienst!“

 

Opfer heißt ja immer so viel wir tot! Ich gebe nicht nur etwas ab, was mir gehört, sondern alles. Opfer hat immer auch in der Konsequenz mit Versöhnung, mit Sühne und damit mit Frieden zu tun. Dazu sind wir im Alltag aufgerufen, liebe Gemeinde. Immer sind wir dazu aufgerufen. Die Alltagskanzel predigt ohne Worte. Sie predigt mit Taten.

 

So hat der Gottesdienst eben nicht nur etwas mit Innerlichkeit und Andacht zu tun – damit sicherlich auch – sondern eben auch mit der realen Welt und dem leibhaftigen Leben. Erlösung hat damit nicht nur etwas mit der Seele zu tun, sondern auch mit dem Leib. Der Gottesdienst geht im Alltag nach dem Segen weiter und weiter und weiter und freut sich nach dem Alltag wieder auf den Sonntag.

 

Der Gottesdienst geht nach dem Gottesdienst weiter, so dass aus der Nahtstelle zwischen dem Gottesdienst in der Kirche (im sakralen Raum) und dem Gottesdienst im weltlichen Bereich keine Bruchstelle entsteht. Jede Nahtstelle ist besonders gefährdet, das wissen Schweißer und Näherinnen. Jede Nahtstelle kann zur Schwachstelle und damit zur Bruchstelle werden – aber das sei ferne.

 

Ändern sollen wir unseren Sinn. Für diese Veränderung begegnet uns im griech. Text das Wort Metamorphose. Metamorphose ist nicht nur eine Veränderung durch eine Maske. Metamorphose ist eine Veränderung des ganzen Wesens. Metamorphose ist, wenn aus einem Stückchen Holz Heizöl wird. Metamorphose ist, wenn aus einer Raupe ein wunderbarer Schmetterling wird. Wenn wir es nicht wüssten könnten wir es uns auch mit der allergrößten Fantasie nicht vorstellen, dass ein bunter, fliegender, tagträumender Schmetterling einmal eine hässliche, plumpe, blätterfressende Raupe war. Die Metamorphose macht`s möglich. Metamorphose ist mehr als nur das Aufsetzen einer Maske, mehr als nur „Kleider machen Leute“. Metamorphose ist ein neues Wesen. Wie kommen wir nun zu diesem notwendigen neuen Wesen?

Über Martin Luther gibt es eine interessante Anekdote. Der Teufel sei einmal in Wittenberg vor das Haus Luthers gekommen und habe drohend zum Fenster empor gerufen, aus dem der Reformator gerade heraus schaute: „Wohnt der Doktor Luther hier?“ – Darauf kam aus Luthers Mund die Antwort: „Nein, der ist schon lange tot. Hier wohnt jetzt der Herr Jesus Christus!“

 

Diese Anekdote will deutlich machen, dass bei Martin Luther eine grundsätzliche Entscheidung gefallen war. Er gehörte nicht mehr sich selbst. Er schrieb und redete auch

nicht, um sich selbst zu verwirklichen oder seinen eigenen Ruhm auszubreiten. Sondern er glaubte, was er glaubte. Er lebte, was er verkündigte. „Ich gehöre meinem Herrn!“

 

So stellen wir uns nicht dieser Welt gleich. Christen widersprechen den Meinungen, die es in dieser Welt gibt. Martin Luther King predigt einmal: „Viele Stimmen und Kräfte drängen uns, den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen. Aber wir sollen überzeugte Menschen sein, nicht Mitläufer. Menschen des moralischen Adels. Uns ist aufgetragen, anders und nach höheren Maßstäben zu leben (Zehn Gebote). Oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen: Als Christen sind wir Thermometer. Sie zeigen die Temperatur der Mehrheitsmeinung an. Wir müssen die Glut des Evangeliums der ersten Christen wiederfinden, die sich weigerten, ihr Zeugnis den Gewohnheiten ihrer Umwelt anzupassen. Willig opferten sie Ruf, Reichtum und Leben für eine Sache, die sie als richtig erkannt hatten. An Zahl gering, waren sie Riesen an Wirkung.“

 

„Stellt (griech. Schema!) euch dieser Welt nicht gleich“ ruft uns Paulus zu, liebe Gottesdienstgemeinde. Paulus will uns damit sagen, dass wir uns dieser Welt nicht ständig anzupassen haben. Christlicher Glaube und christliche Ethik haben ein eigenes Profil, das diese Welt braucht. Wir wollen es mit unseren Leibern vorleben – nach dem Gottesdienst ist vor dem Gottesdienst! Sonntag und Alltag dürfen einander nicht widersprechen, sonst sind er Chamäleonchristen, die nicht wissen, wem und wohin sie gehören. Die Alltagskanzel kann dann nicht mehr predigen. „Der Herr Jesus Christus wohnt doch in uns, am Sonntag und am Werktag, im Gottesdienst und im Alltag. Das ist unser vernünftiger (logikos – Christus ist logos – das Wort – also ein „wortgemäßer Gottesdienst) Gottesdienst. Dann wird unser Leben zum Segen für andere. Die Barmherzigkeit Gottes will an unserem Leben ablesbar sein. Der Geist Gottes treibt uns doch! Nicht wahr?

 

AMEN

 

Lieder (EG) und Neue Lieder plus

390, 1-3                      Erneure mich, o ewigs Licht

+ 912                          Psalm 89

441, 1-5+8                  Du höchstes Licht (Melodie EG 440)

73, 1+5-7                    Auf, Seele, auf und säume nicht

410, 1-4                      Christus, das Licht der Welt

535                             Gloria sei dir gesungen

 

 

 

 

Erscheinungsfest, 6.1.2021

Erscheinungsfest, 6.1.2021, 9 Uhr Wain

Thema: Die Herrlichkeit Christi

Wochenspruch: Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint schon. 1. Joh 2, 8b

 

Predigttext: Jesaja 60, 1-6   3. Reihe neu

Zions künftige Herrlichkeit

1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. 3 Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. 4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. 5 Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. 6 Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.

 

Schriftlesung aus Matthäus 2, 1-12

Die Weisen aus dem Morgenland

1 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. 3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): 6 »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« 7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, dass auch ich komme und es anbete. 9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. 10 Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 11 und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. 12 Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

 

Liebe Gemeinde,

es ist eine eindrucksvolle Geschichte, die uns im Zusammenhang mit diesem Prophetenwort begegnet: Da waren Menschen nach langen Jahren der Verbannung zurückgekehrt in das Land der Väter. Selbst in der Fremde geboren, hatten sie weder das Land noch seine Hauptstadt Jerusalem mit dem Tempel je zu sehen bekommen. Aber die Erzählungen der Väter und die große Liebe und Sehnsucht, die sich darin ausdrückten, hatten auch bei ihnen die Sehnsucht geweckt nach den Stätten, wo Gott seinem Volk begegnet war, und nach dem Tempel, dem sichtbaren Wahrzeichen seiner Gegenwart. Aber was sie nach langer, mühevoller Reise empfing, war ein Trümmerfeld. Trotzdem versuchten sie Fuß zu fassen. Doch ihre Lage blieb erst einmal trostlos.

 

Die politischen Verhältnisse waren verwirrend, Jerusalem lag in Trümmern, die Wirtschaft lag darnieder, die Ernte war der Dürre zum Opfer gefallen und was das Schlimmste war: Der Tempel, Gottes Wohnstätte war seit Jahrzehnten zerstört.

 

Enttäuschung und Resignation machten sich breit: Hatte Gott sein Volk verstoßen, ihm für immer den Rücken zugekehrt? Wie eine schwarze, undurchdringliche Mauer stand die Zukunft vor ihnen, ohne Lichtblick, ohne Hoffnungsschimmer. Bewegend sind die Klageworte, die uns ein Kapitel vorher begegnen: „Wir harren auf Licht, so ist`´ s finster, auf Helligkeit, siehe, so wandeln wir im Dunkeln. Wir tasten an der Wand entlang wie die Blinden und tappen wie die, die keine Augen haben. Wir stoßen uns am Mittag wie in der Dämmerung, wir sind im Düstern wie die Toten.“ Jesaja 59.9b.10

 

Wie ein Blitz, der mit einem Schlag eine ganze, düstere Landschaft erhellt, so muss das Prophetenwort auf die Hörer gewirkt haben. „Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreicht und Dunkel die Völker; a b e r über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Licht ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.“

 

Wie wunderbar ist diese Botschaft und wie ermutigend muss sie in den Ohren der verstörten Menschen geklungen haben!? Gott bekennt sich zu seinem Volk, trotz seines Ungehorsams und seiner Untreue. Er hat es nicht verstoßen, sondern er vertraut ihm eine große Aufgabe an und gibt ihm eine neue Würde: Israel soll Lichtträger für alle Völker sein. Gott will ihm einen Glanz verleihen, der die Völker und ihre Könige unwiderstehlich anzieht, so dass sie sich auf den Weg machen, um den Ursprung dieses wunderbaren Lichtes zu suchen.

 

Aber das ist noch nicht alles: „Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.“ Jes 60, 4-6

 

Wir wissen nicht, wie die Menschen damals auf die Zukunftsvision des Propheten reagiert haben. Vielleicht konnten sie sich inmitten der Trümmer noch nicht vorstellen, wie das alles Wirklichkeit werden sollte. Aber eins ist ihnen mit Sicherheit klargeworden: Wenn Gott mit uns nicht am Ende ist, wenn sein Weg mit uns weitergeht, dann können wir nicht so leben, als bleibe weiterhin alles dunkel. Dann lohnt es sich wieder, auszuharren, Opfer zu bringen und sich einzusetzen für sein Ziel. Vielleicht haben die Menschen schon etwas verspürt vom aufgehenden Licht und vom Weit-Werden des Herzens.

 

„Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“

 

Liebe Gemeinde,

wenn dieses Prophetenwort heute zu uns gesagt ist, dann können wir es noch ganz anders hören als die Menschen damals. Denn das Licht ist ja gekommen, sonst wären wir heute nicht beieinander, um das Fest seiner Erscheinung zu feiern. Dieses Licht hat für uns einen Namen und ein menschliches Antlitz, den Namen und das Antlitz unseres Herrn Jesus Christus.

 

Er ist das Licht Gottes in Person, der Ursprung des Glanzes, den der Prophet seinem Volk verheißen hat. Er ist das Licht, zu dem sich die Weisen aus fernem Land aufmachen, um ihre Gaben zu bringen, und von dem sie einen hellen Schein in ihren Herzen mit in ihre Heimat nehmen. Er ist das Licht, von dem Simeon sagt: „Meinen Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden.“ Lukas 2, 30-32a

 

All die Lichter, die wir in den letzten Wochen angezündet haben, die vier Lichter am Adventskranz und die vielen Lichter am Christ(us)baum, sie alle haben ja nur einen Aufgabe: Sie weisen uns hin auf dieses göttliche Licht, auf Jesus Christus, der in die Welt gekommen ist, um Menschen, die in der Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, herauszureißen in sein unvergängliches Licht. Jüdischer und christlicher Glaube strahlen Hoffnung aus. Hoffnung im Dunkel:

 

„Nicht in der Finsternis versinken

und in der Schwärze der Nacht,

sondern hoffen

auf den Morgenstern, der in der Ferne glüht.

 

Den Stimmen wehren,

die aus der Tiefe hervorbrechen,

und lauschen lernen

auf das Wort, das dich treffen wird.

 

Nicht das Herz verhärten

unter der Bedrohung dunkler Mächte,

sondern es öffnen

der Verheißung, die sich erfüllen wird.“-  Barbara Cratzius (Auf den Morgenstern hoffen)

 

„Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“

 

Manchmal haben wir den Eindruck, dass über uns nichts Gutes schwebt. Man sagt dann zwar: Alles Gute kommt von oben – aber dann erwischt uns doch nur das, was ein kleiner oder ein großer Vogel fallen lässt. Pech gehabt. Shit happens!

 

Manchmal fühlen wir, dass wir erdrückt werden. Da ist eine Last über uns, die uns – zumindest unsere Seele  - zu  zerquetschen vermag. Da gibt es das berühmte Damokles-schwert. Damokles wird als ein Höfling beschrieben, der mit seinem Leben unzufrieden war. Er beneidete den Tyrannen Dionysios (4. Jh v Chr) um dessen Macht und Reichtum und hob in seinen Schmeicheleien stets dessen Vorzüge hervor. Dionysios beschloss daher, Damokles anhand des Damoklesschwerts die Vergänglichkeit, vor allem die seiner Position, zu verdeutlichen. Der Herrscher lud Damokles zu einem Festmahl ein und bot ihm an, an der königlichen Tafel zu sitzen. Zuvor ließ er jedoch über Damokles’ Platz ein großes Schwert aufhängen, das lediglich von einem Rosshaar gehalten wurde.

 

Als Damokles das Schwert über seinem Kopf bemerkte, war es ihm unmöglich, den dargebotenen Luxus zu genießen, und schließlich bat er darum, auf die Annehmlichkeiten (und die damit verbundene Bedrohung) verzichten zu dürfen. Damokles hatte seine Lektion erhalten, dass Reichtum und Macht keinen Schutz vor Gefahren bieten, sondern diese verursachen.

 

Das Damoklesschwert wird auch heute noch als Metapher der bestehenden Gefahr in einer scheinbar komfortablen Situation gebraucht. Heute gibt es nach wie vor viele Damoklesschwerter, die über unserem Leben hängen: Klimawandel, Corona-Virus, Altersarmut, Energiekrise, Überbevölkerung der Welt, Welthunger. Weltuntergangs-stimmungen und Weltuntergangsszenarien machen gerade die Runde. Allerdings werden sie nicht von den Christen verbreitet. Wir als Christen verbreiten etwas anderes. Wir wollen Gott „verbreiten“ und Jesus, seinen Sohn. Jesus predigt vom Reich Gottes. Das Reich Gottes kommt. Das hängt über uns und nicht das Damoklesschwert.

 

Wir sollen nicht nur eine Kerze anzünden. Nein, wir sollen selbst hell scheinen. Wie kann das sein? Weil Gottes Herrschaft anbricht. So verheißungsvoll wie ein neuer Tag anbricht, wird Gottes Herrlichkeit und Glanz sein. Finsternisse werden überwunden. Jesus ist gekommen, es hell in unserer Welt und in unseren Herzen zu machen. Dazu müssen wir uns diesem Licht aussetzen. Wenn wir uns Zeit nehmen, um auf ihn zu hören und mit ihm zu reden, werden wir uns verändern, wird sich die Welt verändern.

 

Es war die ideale Nacht, um in 2000 Meter Höhe im Freien zu übernachten: Stabiles Hochdruckwetter, spätsommerliche Wärme, Urlaubszeit. Allerdings: Die Nacht wurde länger und länger, der Felsboden härter und die Temperaturen niedriger. Dunkle Gedanken bevölkerten mein Hirn: Was ist, wenn ich krank werde, wenn ich mich beim Abstieg verletze, wenn Nebel einbricht, wenn ich neben einer Schlangengrube liege und ich den Weg nicht mehr finde? Mich fröstelte. Endlich begann es zu dämmern. Schattenhaft konnte ich die Umrisse der Bergzüge ringsum erkennen. Schließlich ging die Sonne auf! Was sie anstrahlte, wirkte seltsam nahe. Kräftige Farben! Unten in den Tälern und in der Ebene war es noch dunkel. Ich aber wusste schon, wie es sich anfühlt, wenn Gott über einem aufgeht: Hell, warm und stark! Der Blick wandert hinüber zum Horizont – und darüber hinaus bis in die Ewigkeit!

„Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“

 

Der HERR geht über uns auf, liebe Gemeinde. Im Segen erleben wir das: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir!“ -  Jeder Regenbogen erinnert uns daran. Der steht über uns, gerade nach einem Unwetter – auch im übertragenen Sinn! „Über dir geht auf der Herr“, das ist noch nicht alles:“ … sondern seine Herrlichkeit erscheint über dir!“ - Über uns steht nicht die Bedrohung, sondern der Herr und seine Herrlichkeit. Großartig, hoffnungsvoll und hoffnungsfroh. Das ist unser Standort, das ist unsere Position. Das ist etwas Positives.

 

AMEN

 

Lieder (EG) und NLplus

540, 1-4          Stern über Bethlehem

+ 906              Psalm 72

70, 1+4           Wie schön leuchtet der Morgenstern

592, 1-4          Licht, das in die Welt gekommen

70, 7                Wie bin ich doch

535                  Gloria sei dir gesungen

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Ernst.Eyrichdontospamme@gowaway.elkw.de

 

 

 

 

 

 

 

Neujahr - Predigttext

Neujahr, 01.01.2021, 9.30 Uhr Wain

2. Sonntag nach dem Christfest, 3.1.2021, 10.15 Uhr Dietenheim

Predigttext = Jahreslosung 2021 aus Lukas 6, 36

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Schriftlesung: Lukas 10 Der barmherzige Samariter (Beispielgeschichte)

Die Frage nach dem ewigen Leben. Der barmherzige Samariter

25 Und siehe, da stand ein Gesetzeslehrer auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. 29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? 30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? 37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

 

Liebe Gemeinde,

ein neues Jahr ist etwas Besonderes, auch wenn manche unter uns das schon 60 oder 70 Mal oder noch öfters erlebt haben. Die kommende Zeit liegt vor uns wie ein neues Land, wie ein neuer Kontinent. Es gilt in die neue Zeit zu gehen. Sie ist uns geschenkt. Es gilt sie zu gestalten, sie auszuhalten, sie zu durchschreiten. Früher sagte man noch Anno Domini – Jahr des Herrn! Ja, das ist es heute auch noch. Jede Zeit, jedes Jahr ist Gottes Zeit, ist ein Jahr des Herrn. „Meine Zeit steht in deinen Händen, nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir“ (EG  628). Das schenkt uns Mut und Kraft, Zuversicht und Hoffnung.

 

Die Jahreslosung hat zwei Teile: Sie stellt erstens einen Anspruch an unser Leben: Seid barmherzig! Dieser Anspruch steht allerdings nicht leer im Raum, sondern beruft sich auf die Barmherzigkeit Gottes, die wir empfangen haben. Gott ist barmherzig. Das ist der zweite teil. Er ist der Vater der Barmherzigkeit (2. Kor 1, 3). Seine Barmherzigkeit erkennen wir an seiner Liebe. Diese Liebe wird sichtbar an Kreuz und Auferstehung. Gott ist für uns! Gott ist barmherzig. Er rechnet nicht mit uns ab. Er weiß, wie wir sind und wie wir manchmal sein können  – aber er vergilt nicht, er vergibt.

 

Weil Gott dem Menschen gegenüber barmherzig ist – gerade auch mir - soll der Mensch, soll ich dem Nächsten gegenüber barmherzig sein. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wir sind doch Gottes Kinder? Es geht darum: Barmherzigkeit zu üben! Wie Gott mir, so ich dir!

 

Das ist nicht immer einfach. Das ist schon ein hoher Anspruch. In der Bergpredigt lesen wir: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ - Auf dem Anspruch, Barmherzigkeit zu leben, liegt eine Verheißung. Barmherzigkeit heißt: Seine Feinde zu lieben, diejenigen zu segnen, die uns verfluchen, für die zu beten, die uns beleidigen und Gutes zu tun, wo wir nichts erwarten können. „Wenn ihr einem Feind begegnet: denkt zuerst an eure Feindschaft gegen Gott und an Gottes Barmherzigkeit gegen euch!“ Dieterich Bonhoeffer
 

Barmherzigkeit heißt wörtlich: Das Herz beim Armen haben! Werden wir unser Herz beim anderen haben oder nur bei uns selbst? Und: Haben wir es wirklich bei uns? Werden wir barmherzig mit uns selbst und unseren Fehlern sein?

 

Erbarmungslos - Text aus ejw-Heft 2021zur Jahreslosung

ICH (mit Großbuchstaben geschrieben)

Kalt.

Verschlossen.

Verkrampft sich mein Herz

In mir.

Dreht sich meine Welt um mich.

 

DU (Mit Großbuchstaben geschrieben)

Hart. Unnachgiebig.

Bleibt dein Herz bei dir.

Dreht sich deine Welt um dich.

 

So will ich nicht ins neue Jahr starten und Sie auch nicht. Das ist keine Lösung, dann wird das neue Jahr kein Jahr der Barmherzigkeit, das es ja werden soll.

 

In der Bibel finden wir sehr viele Worte zum Thema Barmherzigkeit. Viele sind uns vertraut, wie zum Beispiel die Geschichte vom Barmherzigen Samariter oder vom Verlorenen Sohn.

 

Eher unbekannt ist uns ein Wort aus den Sprüchen 11, 17 wo es heißt:

„Ein barmherziger Mann nützt auch sich selber; aber ein herzloser schneidet sich ins eigene Fleisch.“

 

„Die Weisheit aber von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei.“ Jakobus 3, 17

 

Barmherzigkeit heißt wörtlich:  Beim Armen sein Herz haben – Der Gegensatz ist Hartherzigkeit. Im Hebräischen ist die Barmherzigkeit auch die Gebärmutter. In ihr nistet sich das befruchtete Leben ein und kann wachsen, heranreifen und schließlich geboren werden. Barmherzigkeit heißt Leben zu ermöglichen.

 

Friedrich von Bodelschwingh erzählt aus seiner Kindheit: Als er Früchte von einem Baum gestohlen hatte, zerriss er sich die Hose. Er kniete sich am Abend vor sein Bett und betete: „Lieber Gott, ich bin heute ungehorsam gewesen. Vergib mir und mach, dass die Hose morgen wieder heil ist!“ Seine Mutter hörte beim Vorbeigehen das Gebet ihres Sohnes und reparierte in der Nacht heimlich die zerrissene Hose. Welch ein großes Wunder, dass die Hose über Nacht wieder heil war! Dies war eine bleibende Erfahrung für sein Leben: Nicht Strafe, sondern Barmherzigkeit verändert den Menschen!

 

Aus Astrid Lindgrens Madita. Matida wird in der Schule in einer offenen Katechismus-Prüfung gemeinsam mit anderen Kindern abgefragt. Die Lehrerin fragt: Was ist Barmherzigkeit? Ein Junge antwortet: Niemanden verprügeln! Ein Mädchen fügt hinzu: Brav und lieb sein. Schließlich fragt die Lehrerin nach einer passenden biblischen Geschichte. Matida antwortet: Der barmherzige Samariter. Sie kann die Geschichte sogar erzählen. Dann ruft die Lehrerin einen weiteren Mitschüler auf, der offensichtlich nicht so richtig aufgepasst hat. Sie fragt: Viktor, was hat der barmherzige Samariter zum Wirt gesagt, als er ihm den Verwundeten anvertraut hat? Viktor ist ein zupackender Kerl, sprachlich nicht allzu gewandt. Er sagt: Er soll ihn umlegen, und dann wird er es ihm heimzahlen.

 

Das, was Viktor unabsichtlich benannte, ist die bittere Erfahrung des Lebens. Manches wird uns heimgezahlt. Dass wir nicht Barmherzigkeit erwarten können, sondern Härte. Vielleicht sind wir nicht einmal mit uns selbst barmherzig, weil wir uns selbst manche Fehler nicht verzeihen. ABER: Es ist nötig, Not wendend, lebensnotwendig, dass wir Barmherzigkeit verschenken und Barmherzigkeit erfahren.

 

Das Filmdrama „Das Glücksprinzip“ (Originaltitel Pay It Forward) von Mimi Leder aus dem Jahr 2000 basiert auf einem Roman von Catherine Ryan Hyde. Die Autorin gründete eine Stiftung, um die Idee aus ihrer Geschichte in der Realität umzusetzen.

 

Der neue – durch Verbrennungen entstellte – Sozialkunde-Lehrer Eugene Simonet konfrontiert seine Schüler in der ersten Stunde gleich mit einer ebenso schwierigen wie interessanten Aufgabe. Sie sollen sich etwas ausdenken, womit sie die Welt verbessern können

 

Der junge Trevor hat eine besondere Idee. Nach seinem Prinzip „Weitergeben“ soll man drei anderen Menschen etwas Gutes tun. Sie helfen ihrerseits jeweils drei anderen Menschen. So breiten sich die guten Taten nach dem Schneeballsystem immer weiter aus.

Trevor sucht sich drei Personen aus, denen er helfen möchte. Seinem Lehrer hilft er, indem er ihn mit seiner Mutter Arlene verkuppelt, einem Drogensüchtigen verhilft er zu einem neuen Lebensbeginn, indem er ihm eine Nacht Unterschlupf gewährt und neue Kleider für ihn kauft, und seinem Mitschüler Adam will er bei einer Prügelei beistehen, wozu er aber nicht den nötigen Mut aufzubringen vermag. Auch die ersten beiden Unterfangen scheinen keine Früchte getragen zu haben. Es ist gar nicht so einfach etwas Gutes zu tun! Der Drogensüchtige kam nicht von seiner Sucht los und sein Lehrer und seine Mutter tun sich schwer bei ihrer Beziehung. Seine Mutter beendet ihre Beziehung zu Eugene, als Trevors Vater – nun angeblich trocken – zu ihr zurückkommt. Sie wirft Trevors Vater zwar wieder hinaus, als ihr klar wird, dass er in Wirklichkeit nicht trocken ist, jedoch ist Eugene gekränkt und kann sich nicht überwinden, ihr zu verzeihen und die Beziehung wieder aufzunehmen. So kommt es, dass Trevor seine Idee zur Verbesserung der Welt als gescheitert ansieht.

In Wirklichkeit hat sich die Idee allerdings zu verbreiten begonnen, denn die Empfänger von Trevors Wohltaten haben unterdessen ihrerseits das Versprechen eingehalten, selbst etwas Aufopferungsvolles für drei ihrer Mitmenschen zu tun, bis schließlich ein Reporter auf dieses Schneeballsystem des Glücks (wir sagen Barmherzigkeit) aufmerksam wird. Dieser besucht Trevor an dessen Geburtstag, um ihm vom Erfolg seiner Idee zu berichten und ihn zu interviewen. Trevors Worte während des Interviews bringen Eugene schließlich dazu, Trevors Mutter zu verzeihen. Nach dem Interview sieht Trevor, wie sein Mitschüler wieder von denselben Rowdys verprügelt wird, und fasst den nötigen Mut, um auch der dritten Person zu helfen, bei welcher er es sich einst vorgenommen hatte. Einer der Rowdys zieht ein Messer, und Trevor wird verletzt. Eugene und Arlene kommen Trevor zu Hilfe; er wird ins Krankenhaus gebracht und stirbt dort.

 

Später sehen Eugene und Arlene im Fernsehen einen Bericht über Trevors Idee und seinen Tod und erfahren, dass sich die Bewegung inzwischen in der gesamten Nation verbreitet hat. Draußen sehen sie tausende Leute, die zusammenkommen, um Trevor ihren Respekt zu zeigen, indem sie Lichter vor seinem Haus entzünden.

 

Schneeball-System Barmherzigkeit! Ob wir es probieren wollen? Auch wenn es so aussieht, dass wir damit scheitern? Ein eindrucksvoller Film. Ob er auch in unserem Leben, in unserer Region Wirklichkeit werden kann?

 

Text aus Neukirchener Kalender 10.09.1981

 

·       Barmherzigkeit hat Zeit. Sie hält Menschen für wichtiger als Termine

·       Barmherzigkeit macht sich auf den Weg. Sie wartet nicht ab und bleibt nicht stehen, sondern sucht den anderen auf und geht auf ihn zu.

·       Barmherzigkeit sieht. Sie betrachtet den anderen nicht von oben herab, sondern steigt zu ihm hinunter.

·       Barmherzigkeit gibt sich ganz. Sie fertigt niemanden mit der linken Hand ab, sondern greift mit beiden Händen zu.

·       Barmherzigkeit befähigt. Sie macht den anderen nicht abhängig und unmündig, sondern lässt ihn aufatmen und auf eigenen Füßen stehen.

·       Barmherzigkeit heilt. Sie gibt nie auf, sondern hält durch und fängt immer wieder neu an.

 

Neues Jahr:

Möge uns der Gott der Barmherzigkeit durch das neue Jahr begleiten. Begleiten durch die guten und bösen Tage, die hellen und die dunklen Tage, durch die reichen  und die armen Tage, die kranken und gesunden Tage. Alle Tage unseres Lebens sind erfüllt von der Güte und Barmherzigkeit Gottes. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“ Psalm 23 ermutigt uns, auch in einer Welt, die es nicht ohne Wolken gibt, trotzdem mit einem Herzen voller Sonnenschein zu leben. Unser Leben soll ein Spiegel der Barmherzigkeit Gottes sein und immer wieder neu werden. „Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte!“ Psalm 103

 

Barmherziger Gott,

deine Zuneigung öffnet mein Herz.

Was ich bei dir finde,

will ich selbst leben:

Barmherzigkeit! Cornelius Kuttler

 

AMEN

 

Lieder (EG)

58, 1-5                        Nun lasst uns gehen und treten

705                             Psalm 8

619, 1-4                      Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben

607, 1+4+5                 Wie groß ist des Allmächt´gen Güte

58, 11-15                    Sprich deinen milden Segen

535                             Gloria sei dir gesungen

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Ernst.Eyrichdontospamme@gowaway.elkw.de           

 

 

Altjahresabend - Silvester 2020

Altjahresabend, 31.12.2020, 18.30 Uhr Wain (wegen Corona ohne Posaunenchor)

Predigttext: Exodus 13, 20-22   3. Reihe neu – anschl. Durchzug durchs Schilfmeer

 

Die Wolken- und Feuersäule

20So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Schriftlesung aus Römer 8, 31b-39

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? 32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? 33 Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. 34 Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt. 35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? 36 Wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« 37 Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. 38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

 

Liebe Gemeinde,

ja, dieser Abend ist anders als die vielen Altjahresabende der letzten Jahre und Jahrzehnte: Kein Posaunenchor, kein Abendmahl, keine Böller, die die Stille der Nacht zerreißen und ca. ein Prozent des Jahres-Feinstaubs Deutschlands ausmachen. Corona hat die Lage verändert. Wir mussten und müssen uns einschränken und Rücksicht aufeinander nehmen. Viele Menschen haben das Koordinatensystem ihres Lebens verändert. Was bisher für selbstverständlich galt, wird zu einem hohen Gut. Ob wir dankbarer geworden sind für das, was wir haben dürfen? Ob wir gemerkt haben, was wirklich wichtig ist und was unter dem Strich zählt? Ob wir andere Prioritäten für unser Leben gewählt haben? Ob sich unser Leben und unsere Wahrnehmungen vertieft haben?

 

Die Aussichten sind lange nicht mehr so rosig wie in den Vorjahren, auch wenn uns vorhergesagt wird, dass die Wirtschaft wieder anspringen soll. Ob wir im Westen verwöhnt worden sind in den letzten 75 Jahren nach dem 2. Weltkrieg? Trotz Corona geht es den meisten von uns immer noch ziemlich gut. Gott sei Dank! Gott sei Dank! Gott sei Dank! Wir werden satt, wir haben es warm, wir haben ein Dach über dem Kopf. Auch 2020 ist Gottes Jahr gewesen, Gottes Zeit, anno Domini. Jede Zeit ist seine Zeit und unsere Zeit steht in seinen Händen, wie es in Psalm 31, 16a heißt. Der Gottesdienst am Altjahresabend lädt uns ein, alles, was uns belastet, loszulassen und es Gott anzuvertrauen. Das macht uns wieder frei und fröhlich. Und es macht uns mutig und getrost, in das neue Jahr zu wandern. Wir pilgern durch die Zeit – von einem Ort zum andern.

 

Der heutige Predigttext ist ein Text, der auch von einem großen Wandel und Umbruch spricht. Israel ist von Gott nach 430 Jahren Knechtschaft aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden: Aufbruch, nicht nur Aufbruchsstimmung. Freiwillig allerdings hat Pharao Gottes Volk nicht ziehen lassen. So hat Gott zehn Plagen geschickt. Ob Corona eine Plage Gottes sein könnte, um uns in die Freiheit zu führen, in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes?

 

Der kleine Textabschnitt aus dieser großen Geschichte zeigt uns wie in einem Vergrößerungsglas, wie Gott sein Volk darin begleitet und worauf auch wir uns verlassen können.

 

Predigttext erst jetzt verlesen - Exodus 13, 20-22

 

Das Volk Israel steht an der Schwelle von der Knechtschaft in Ägypten in die Freiheit, die Gott verheißen hat und nun Wirklichkeit werden lässt. Gott allein hat diesen neuen Weg ermöglicht. In Exodus 13, 14 lesen wir das Bekenntnis: „Der HERR hat uns mit mächtiger Hand aus Ägypten, aus der Knechtschaft, geführt.“

 

Aber soll man den Weg in die Freiheit wirklich gehen? Hat man sich in der Knechtschaft in Ägypten nicht auch recht ordentlich eingerichtet? Immer wieder tauchen die „Fleischtöpfe in Ägypten“ auf, die relative Sicherheit hat doch „Etwas“, das nicht nur verachtet werden muss, nicht wahr? Aber nur auf die Vergangenheit zu starren, liebe Gemeinde, wäre der Tod im Topf. Das gilt heute wie damals. War nicht Lots Frau zur Salzsäule erstarrt, als sie sich  umdrehte und zurückgeblickt hat? Wären wir nicht auf dem Weg zu den Ewiggestrigen zu gehören, wenn wir nur rückwärts schauen würden und den Blick und den ersten Schritt in die Zukunft uns selbst verweigern würden? „Witt überwinden, so lass dahinten.“ Die Überschrift über unserer Exulanten-Tafel bleibt aktuell und modern und sie ist durchaus biblisch. Paulus sagt es uns auch immer wieder mit vollem Nachdruck: „Ich vergesse, was dahinten liegt, und strecke mich aus nach dem, was das vorne ist, und jage nach dem vorgestreckten Ziel …“

 

„So zogen sie aus von Sukkot …“ wörtlich: „Sie rissen die Zeltpflöcke heraus, um weiterzuziehen …“ Da steckt ganz viel eigene Aktion, Kraft und Wille dahinter: „Wir wollen jetzt mit unserem Gott aufbrechen!“ - „So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.“ Die beiden genannten Ortsangaben umreißen entscheidende Wegstationen. Sukkot heißt übersetzt: Ort der Hütten. Das ist ein wohnlicher Ort. Dort kann man leben, dort lässt es sich aushalten, da kann man sich wohlfühlen. Da ist alles im wahrsten Sinne des Wortes im grünen Bereich. Etam ist ganz anders. Etam heißt wörtlich übersetzt: Raubvogelort -  hier beginnt die Wüste, hier lauern Gefahren, hier versichert der Weg in den Sandpisten der Wüste, hier geht es eigentlich nicht mehr weiter. Etam ist ein Ort kurz vor dem Nichts. Etam ist ein Ort, an dem man eigentlich nicht mehr leben kann! Etam, ein Ort, an dem Hitze und Kälte, Durst und Hunger, Stürme und lauernde Räuber das Leben gefährden. „So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam.“ –

 

Wollen wir das, liebe Gemeinde? Die Zelte abbrechen, die Pflöcke aus unserem Leben herausreißen und Neuland betreten, das nichts anderes ist als Wüstensand im Wüstenland? Etam ist ein Synonym für die großen existentiellen Sorgen, die das Leben in der Wüste tagtäglich hervorbringt: Wasser, Wasser, Wasser – wo finden wir Wasser? Finden wir genug Wasser? Manna, Manna, Manna, …. Nur immer für einen Morgen, keine Planung ist möglich, kein Ausruhen, sondern das tägliche Sorgen, Sorgen, Sorgen. Kann da die „Abhängigkeit von Gott wirklich als großes Glück empfunden werden“, wie es in einem frommen Spruch heißt?

 

Erwartet uns nun im neuen Jahr Wüste, bekommen wir gar eine Wüstenverlängerung? Lockdown nach Lockdowm. Ein Leben voller Unsicherheiten, greifbaren oder noch schlimmer, nicht greifbaren Bedrohungen, wegen diesem unsichtbaren Virus, diesem Gift? Corona ist für viele eine Wüstenerfahrung, die Unsicherheiten des Lebens wachsen, sie wachsen vielleicht sogar über den Kopf und greifen die Seele an?

 

Gott verspricht, dass er mitgeht! Sichtbar mitgeht. Gott kommt herab zu seinem Volk, kommt ihm nahe. Gott erdet sich. Gott geht voran auf dem Weg ins Ungewisse. In 5. Buch Mose 1, 30.33 ist das ein regelrechter Gottestitel geworden: „Der vor euch hergeht“. Tagsüber in einer sichtbaren Wolkensäule. Sie spendet Schatten und damit Schutz in der Mittagshitze der Wüste. Gott vertrocknet nicht. Gott zieht sich nicht in die Kühle der Atmosphäre zurück. Er ist dabei in der Wüste. Auch nachts bleibt er sichtbar. Die Feuersäule schenkt Orientierung und Wärme in der Kälte der Nacht. Ob die Feuersäule an den brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch, erinnern soll: „Ich bin, der ich bin. Ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Wüste und Welt Ende.“ Die Feuersäule brennt und schenkt Licht. Sie ist „ihres Fußes Leuchte und ein Licht auf ihrem Weg.“ (Psalm 119). Die Feuersäule brennt und verbrennt nicht und brennt nicht aus. „Wenigsten gibt es bei Gott kein Burnout“! (vgl. Manfred Häußlers Weihnachtsbrief). Gott ist nie erschöpft, weil er der Schöpfer ist!

 

„So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.“ Ein Rhythmus wird vorgegeben. Gehen und lagern, gehen und lagern, gehen und lagern – immer in der sichtbaren Gegenwart Gottes. Tag und Nacht, gleich drei Mal: Tag und Nacht, Tag und Nacht, Tag und Nacht. Gott ist jede Sekunde gegenwärtig. Gott ist wirklich immer da. Unter den Stichworten von Sukkot nach Etam – und zurück schreibt ein Kollege (Neukirchener Kalender 2008, 20. Juni):

 

17 Jahre durfte ich als Kind und Jugendlicher in „Sukkot“ leben, in einer intakten Familie, in gesicherten Verhältnissen. Gott sei Dank! Dann, innerhalb von drei Wochen, musste ich den Weg nach „Etam“ antreten, herausgerissen aus dem Elternhaus durch den Tod von Vater und Mutter. Zwei Jahre vor dem Abitur plötzlich „am Rande der Wüste“ – Waisenrente und Vormundschaft. Gott sei ` s geklagt! Aber es gab ja seine Wolken- und Feuersäule: Menschen, die in großer Liebe für mich da waren, für mich beteten. Und Gott war da, der mich tröstete, „wie einen seine Mutter tröstet“. Er ließ mich erfahren: „Du gibst meiner Seele große Kraft.“ – Er führte mich von Sukkot nach Etam und wieder zurück. Ich durfte das Abitur machen, Pfarrer werden, wieder eine Familie haben. Gott sei Dank! Auch wenn das in meinem Leben nicht der einzige Weg von Sukkot nach Etam war – die Wolken- und Feuersäule (nebenbei: beide Säulen verbinden Himmel und Erde!!) blieb und mit ihr die Gewissheit: „Du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht.“ – Mitten in der Schönheit des Lebens das Schwere des Lebens erfahren. Und mitten im Schweren des Lebens die Schönheit des Lebens erfahren. So ist Gott. Zwei Leben in einem Leben. „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“ – Gott gibt Weggeleit und Weglicht. Vergiss nicht, o Mensch, dass jede Wolke, so schwarz wie sie ist, dem Himmel zugewandt, doch ihre Sonnenseite hat. Friedrich Wilhelm Weber.

 

Martin Luther predigt 1525: „Gott gibt uns auch heute das Geleit. Die Wolkensäule und die Feuersäule sind Hinweise auf die Predigt des göttlichen Wortes und die Einladung zum Abendmahl – beides leuchtet und scheint so für uns, dass wir den Weg in der Wüste finden und zum ewigen Leben geleitet werden.“ – Deswegen ist der Gottesdienst so unendlich wichtig, liebe Gemeinde. Egal, ob das neue Jahr schwer oder schön werden wird. Der Gottesdienst lässt uns lagern, zur Ruhe kommen. Da beten wir, da singen wir, da hören das ewige Wort des Lebens, das nur in der Stille laut wird (Meister Eckhart).

 

„Bin ich noch in meinem Hause?“ – Das waren die letzten Worte des Dichters Gerhart Hauptmann (1862-1942). Eine Frage ohne Antwort war das schon vorher in seinem Leben, damals, als er sein geliebtes Dresden in Schutt und Asche sinken sah. Und erst recht, als er, der Achtzigjährige, die schlesische Heimat verlassen musste.  – Bin ich noch in meinem Hause? So fragen zu müssen, ist eine Erfahrung, die jeder einmal macht (von Sukkot nach Etam …). Wenn wir plötzlich entdecken, wie schwankend der Boden geworden ist, auf dem wir leben. Wenn wir am Ende dieses Jahres innehalten und spüren, wie unwiederbringlich die Tage unseres Lebens vergehen. Der Verlust eines lieben Menschen, das Zerbrechen von Beziehungen, das Schwinden der Kräfte. So vieles erinnert an die Wahrheit des biblischen Satzes: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Um so mehr gilt der Einspruch des Glaubens: „sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13, 14). Wie gut, dass wir dieses Jahr in der Gewissheit beschließen dürfen: Ich gehöre zum Vater, ich bin ein Kind Gottes in seinem Haus. Die Tür ist offen. Und wenn ich sterbe, bin ich ganz bei ihm daheim.

 

Am Altjahresabend halten wir inne – im Gottesdienst. Auch die dunklen und verschlungenen Irrwege und Umwege dieser Welt sind zuletzt Heimwege in Gottes Ewigkeit. „So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.“

 

„Das Jahr ist aus, dahin die Zeit.

Wir danken Gott für sein Geleit.

Das Jahr fängt an. Wird`s schwer, wird` s gut?

Wir bitten Gott um neuen Mut.

Du Glanz geh mit von Stall und Stern.

So wird das Jahr ein Jahr des HERRN.“

 Detlev Block

 

Der Weg durch die Wüste ist der Weg der Verheißung.

 

AMEN

 

Lieder (EG)

64, 1-3+6        Der du die Zeit (Melodie EG 363)

749                  Psalm 121

65, 1+2+6       Von guten Mächten (Melodie EG 65)

391, 1-4          Jesu geh voran

171, 1-4          Bewahre uns Gott

 

Bläserquartett vor der Michaelskirche: Ich lege meine Sorgen

Verlesung der Totentafel

 

321, 1-3          Nun danket alle Gott

 

Pfarrer Ernst Eyrich

 

 

 

 

Christfest am 25. Dezember und 26. Dezember 2020


Christfest I,  
25.12.2020 um 9.30 Uhr in der Michaelskirche Wain

Christfest II,
26.12.2020 um 9.30 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche Oberbalzheim

 

Predigttext: Jesaja 52, 7-10.            3. Reihe neu

Die frohe Botschaft

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! 8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden's mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes. 11 Weicht, weicht, zieht aus von dort und rührt nichts Unreines an! Geht weg aus ihrer Mitte, reinigt euch, die ihr des HERRN Geräte tragt! 12 Denn ihr sollt nicht in Eile ausziehen und in Hast entfliehen; denn der HERR wird vor euch herziehen und der Gott Israels euren Zug beschließen.

 

Schriftlesung: Johannes 1, 1-5.9-14

Das Wort

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

 

Liebe Gemeinde,

da kommt einer angerannt. Man sieht ihn schon von Weitem. Leichtfüßig, beschwingt, beflügelt nähert er sich der Stadt. Keine Spur von Schwerfälligkeit. Er läuft und läuft, ganz ohne Anstrengung. Es macht richtig Freude ihm zuschauen. Sein Laufen ist ansteckend. Wer so läuft, muss etwas Schönes erlebt haben. Er möchte es wohl unbedingt weiterwagen. Etwa an mich? Ja, so ist es! Dieser Läufer ist ein Bote, der die Freude nicht nur im Rucksack trägt, sondern auch ausstrahlt mit seinem so leichtfüßigen Lauf. Endlich ist er da. Ja, er ist bei mir! Ja, er ist bei uns. Ob er sich verlaufen hat? Ob er wirklich zu uns möchte? Alle Blicke, alle Erwartungen, alle Ohren, alle Sinne richten sich auf ihn. Er macht den Mund auf.

 

·       Er verkündigt Frieden, also Shalom, das ist ein Wohlbefinden in allen Lebenslagen!

·       Er verkündigt Gutes!

·       Er verkündigt Heil und Rettung! Gott kehrt nach Jerusalem zurück! Gott hatte der Stadt des Friedens seinen Rücken zugekehrt und sich der Stadt und seinen Bewohnern verweigert und entzogen. Gott ist wieder heimgekehrt. Gott ist zurückgekehrt. Gott ist wieder bei den Menschen. „Dein Gott ist König!“ – ruft er auch uns zu!

 

Leichtfüßige Schritte hatte man in Jerusalem schon lange nicht mehr gesehen und gehört. Das Leben war schwerfällig, die Seele schwermütig geworden. Die Beine waren bleischwer. Nur die schleppenden Füße der zurückgebliebenen Besiegten und die harten Stiefeltritte der Besatzer hatte man in den langen letzten Jahren wahrgenommen.

 

Männern und Frauen, die seit Jahrzehnten in den Trümmern Jerusalems wohnen wird diese Freudenbotschaft zugemutet. Jerusalem ist zerstört! Der Tempel ist zerstört! Gottes Wohnort auf dieser Erde ist zertrümmert. Die gesamte Infrastruktur war zusammengebrochen. Die Zerstörung Jerusalems und die Vernichtung des Tempels hat man immer und ohne die geringsten Zweifel als Strafe Gottes für ein gottloses Leben interpretiert. Gott wollte nicht mehr unter seinem Volk wohnen. Gott hat den Zion verlassen. Die ehemalige High Society war verschleppt. Im Exil sang man unter dem Spott der Babylonier die alten Zions-Lieder. In dieser Situation gibt der Freudenbote mit seiner Botschaft der niedergebrannten Hoffnung und der hoffnungslosen Traurigkeit neue Nahrung: Babel wird vernichtend geschlagen. Jerusalem und damit Zion stehen wieder auf (Jes 51, 17; 52, 1+2), weil sich der starke Arm Gottes wieder mit Kraft bekleidet hat (Jes 51, 9-11). Als siegreicher König kehrt Gott nach Zion zurück (Jes 52, 7-10).

 

„Tröstet, tröstet mein Volk!“ spricht Gott in Jesaja 40. Das tut er nun selbst in unserem Predigttext. Gott tröstet sein Volk! Er wendet sich ihm wieder ganz zu! Die Schuld ist abgetragen! Gott kommt wieder auf den Zion nach Jerusalem. Damit belebt er selbst die ersterbende Hoffnung. Der Trost sieht so aus, dass Gott wieder als siegreicher König in die Trümmer Jerusalems einzieht und in Zion – für alle Welt sichtbar – seine Königsherrschaft antritt. „Zion, dein Gott ist König!“

 

Die Wächter der Stadt, die Trümmerfrauen und Trümmermänner, sie alle jubeln gemeinsam auf Grund dieser Botschaft. Diese Botschaft ist glaubhaft. Diese Botschaft ist wie ein Serum, der Impfstoff der Hoffnung. Der Jubel überschlägt sich. Sogar die Trümmer selbst jubeln über die Rückkehr Gottes in die Heilige Stadt.

 

Hören Sie den Jubel, der aus diesen Zeilen dringt? Teilen Sie die Begeisterung, die den Schreiber dieser Verse antreibt? Nein? Oder doch Ja? Die weinende, trauernde Tochter Zion zieht den Schleier vom Gesicht und winkt damit dem Überbringer mit den lieblichen, leichtfüßigen Füßen zu. Die Trümmer beginnen zu leben.

 

Die in Trümmern hausenden Menschen jubeln und die Trümmer selbst, sie jubeln! Der Jubel rollt! Der Jubel der Trümmerstadt überwältigt und überstimmt die Wirklichkeit. Neues ist am Entstehen. Gott kommt wieder nach Hause. Gott kommt in die Trümmer. Gott kommt in die Ruinen, er kommt zu den Menschen, die in Schutt und Asche dahinvegetieren.

 

Ja, das ist die Weihnachtsbotschaft, liebe Gemeinde. Gott kommt in die Trümmer dieser Welt! Die gibt es zuhauf!  Er kommt eben gerade dorthin, wo es nicht perfekt ist, wo es nicht vollkommen ist! Er kommt in die Probleme dieser Welt und meines Lebens!

 

Gott mischt sich „unters Volk“, ohne dadurch seine Würde zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Das macht seine Würde aus! Dass er selbst sich seiner Majestät entledigt und Mensch wird „ER wird ein Knecht und ich ein Held, das mag ein Wechsel sein“ (EG 27, 5).  Er wählt einen anderen Weg. Er muss nicht konfliktträchtige Koalitionen schmieden, er muss keine Kompromisse eingehen, er muss sich nicht dem Druck der Öffentlichkeit beugen, aus Angst abgeschafft zu werden. Er ist und bleibt der Höchste. Auch wenn noch so viel über seine Existenz geschrieben, gestritten und gespottet wird. Er ist völlig frei in seinen Entscheidungen. Daran zweifeln und verzweifeln Menschen zu allen Zeiten.

 

Jesus ist dieser Freudenbote. Er kommt in die Trümmer des Blinden Barthimäus, in die Trümmer der Frau am Brunnen, in die Trümmer des Zachäus. Jesus kommt in die Trauer-Trümmer der Mutter, die ihren Sohn zu Grabe trägt. Er kommt zu den Menschen, die Hunger haben und sättigt die Fünftausend mit zwei Broten und zwei Fischen. Jesus kommt in die Trümmer eines enttäuschten Glaubens, in die Trümmer der Hoffnungslosigkeit und die Trümmer, die die Lieblosigkeit hinterlassen hat. Er kommt in die Trümmer, die Neid und Eifersucht verursacht haben. Er kommt in die Trümmer, die Selbstgerechtigkeit und Egoismus angerichtet haben. Das Kind in der Krippe ist der Heiland der Welt. Ja, Jesus ist dieser Freudenbote, der leichtfüßig, beschwingt und beflügelt sich den Trümmerfrauen und den Trümmermännern nähert und selbst die Trümmer jubeln lässt.

 

·       Jesus kommt in die Trümmer des 65Jähirgen, der für sein Leben gern gearbeitet hat, nun im Ruhestand ist und sich plötzlich so völlig nutzlos und wertlos vorkommt.

 

·       Jesus kommt in die Trümmer der 38Jährigen, die sich ein Leben lang Kinder gewünscht hat, aber sich nun eingestehen muss, dass sie keine bekommen wird.

 

·       Jesus kommt zu unseren christlichen Brüdern und Schwestern in Ägypten und Syrien, die in den Trümmern ihrer zerstörten oder angezündeten Kirchen sitzen und immer wieder neu um ihr Leben bangen müssen.

·       Jesus kommt in den zertrümmerten Glauben, in die zertrümmerte Hoffnung, in die zertrümmerte Liebe, in die zertrümmerten Perspektiven.

 

„Dein Gott ist König!“ – Das ist die Botschaft des Freudenboten. Gott ist da! Gott ist bei Dir! Gott ist in Deinen Trümmern zuhause und tröstet und heilt. Die alten Weihnachtsbilder zeigen das Kind in der Krippe in einem zerfallenen oder zerfallenden Stall. Gemeint ist damit die zerfallene Hütte Israels. Es ist kraftlos und hilflos, wie das Kind in der Krippe. Aber dieses Kind ist der neugeborene König der Juden. Dieses Kind bringt Shalom, Gutes, Heil und Erlösung.

 

Christlicher Glaube ist voller Hoffnung, der sich trotz der vielen Trümmer freuen kann. Am 17. Dezember 1944 wurde Ulm durch einen Bombenangriff der Alleierten zerstört. Wir kennen die Bilder. Wir wissen aber auch, dass das Ulmer Münster stehen geblieben ist. Der 161 Meter hohe Turm verband weiterhin Himmel und Erde und wurde von vielen als Fingerzeit Gottes gedeutet.

 

 

 

Die Menschen sollen Buße tun. Jesus, der Freudenbote, der Friedensbringer, der Heiland, fasst zu Beginn seines öffentlichen Wirkens seinen Auftrag so zusammen: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1, 15). Die Septuaginta (griechische Übersetzung der hebräischen Bibel) übersetzt das Wort vom „Freudenboten“ mit Evangelium.

 

In Deutschland und in der westlichen Welt sind vor Corona die Bäume in den Himmel gewachsen. Beinahe alles war machbar. Der Machbarkeitswahn hat viele Blüten getrieben, die nun verwelkt sind. Die dicken und massiven Mauern der Sicherheiten, die wir uns geschaffen haben, sind zum Teil zusammengebrochen und wir müssen aufpassen, dass uns die immer noch herabfallenden Trümmer nicht erschlagen. Lebensträume, Lebensentwürfe sind wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Bei manchen kann der Glaube zertrümmert worden sein. Wir singen im Weihnachtsgottesdienst keine Lieder!!! Gerade hierher kommt der Freudenbote mit seiner Freudenbotschaft: Friede, Gutes, Heil!

 

Ja, als Christen leiden wir unter der Differenz von Verheißung und Wirklichkeit. Das muss ernst genommen werden. Aber was kommen wird und schon mitten unter uns ist, ist Gott und sein Reich. Es ist schon da und es ist im Kommen! Jesus ist König. Ihm ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden (Matthäus 28). Auch Corona wird noch geschlagen werden und in Schutt und Asche liegen. Natürlich wäre es uns lieber, dass Gottes Macht noch offenkundiger wäre, dass alle Welt sehen könnte, dass Gott die Welt in seinen Händen hält und regiert. Jerusalem wurde wiederaufgebaut. Aus den Trümmern wurde eine schöne Stadt, noch nachhaltiger wie die Phönix aus der Asche ist es erstanden. Die ganze Welt reist nach Jerusalem und freut sich an dieser Stadt des Gottesfriedens (was Jerusalem auf Deutsch übersetzt heißt!).

 

„Jesus ist König!“ -  In Jesus wohnt Gott mitten unter uns. Das schenkt uns die wahre Freude und macht uns Beine. Das schenkt uns die Freude, dass wir als Christen selbst zu diesen Freudenboten werden, zu den Friedensstiftern, die sich leichtfüßig, beschwingt, beflügelt zu den Menschen aufmachen, die in ihren Trümmer-  und Scherbenhaufen (Monte Scherbelino) und in ihren Lebensruinen dahinvegetieren und ihnen das Evangelium, die Freudenbotschaft, bringen: Frieden, Gutes und Heil. - „Versteinerte Verhältnisse werden zum Tanzen gebracht. Das Heil wird allen sichtbar und fordert auf, in den Jubel einzustimmen.“ (Goldschmidt). Die Botschaft der Freudenboten enthält einen Überschuss an Hoffnung. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“ Jesaja 52, 7

 

Deswegen hat der Kirchengemeinderat das Banner vor der Michaelskirche aufgehängt: Sorge. Angst. Not. BETEN. zuversichtlich. behütet. hoffnungsvoll. Wir sind für Sie da. Evangelische Kirchengemeinde.

 

 

Was hat doch gleich der Engel auf dem Hirtenfeld verkündigt? „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Lukas 2, 10-14.

 

Die Zukunft beginnt an der Krippe. Als Christen machen wir uns als Freudenboten auf in diese Welt: „Auf die Plätze, fertig, los!“

 

AMEN

 

Lieder (EG)   Wain 25.12.2020

36, 1-3+6        Fröhlich soll mein Herze springen

738                  Psalm 96

23, 1-4+7        Gelobet seist du Jesus Christ

14, 2+3+6       O mächt´ger Herrscher

44, 1-3            O du fröhliche

 

Lieder (EG)   Balzheim 26.12.2020, 9.30 Uhr Dreifaltigkeitskirche

36, 1-3+6        Fröhlich soll mein Herze springen

738                  Psalm 96

39, 1-4            Kommt und lasst uns Christus ehren

14, 2+3+6       O mächt´ger Herrscher

44, 1-3            O du fröhliche

 

 

 

 

 

 

 

Heiliger Abend, 24. Dezember 2020

Gottesdienst um

16.00  Uhr Sießen im Wald,
17.00  Uhr Michaelskirche Wain,
21.30  Uhr Michaelskirche Wain

 

Predigttext Matthäus 1, 18-25

Jesu Geburt

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. 20 Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. 22 Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. 25 Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus. AMEN

 

Schriftlesung aus Lukas 2

Jesu Geburt

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6 Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

 

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9 Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

 

15 Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17 Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. AMEN

 

 

Liebe Gemeinde,

am 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr MEZ betrat im Zuge der Mission Apollo 11 der erste Mensch den Mond. Neil Armstrong stieg nach einem 384.400 km langen Flug aus der Mondlandefähre Eagle aus (Buzz Aldrin blieb in der Eagle), hisste die amerikanische Flagge und packt Gesteinsproben von diesem Himmelskörper in einen Sack ein. 22 Stunden auf dem Erdtrabanten auf. Ein Meilenstein in der Raumfahrtgeschichte. 600.000 Millionen (damalige Weltbevölkerung ca. 3. 6 Milliarden) schauten weltweit dem Spektakel vor dem schwarz-weiß-Fernseher zu. Ich auch.

 

Vor gut 2.000 Jahren betrat der eine wahre Gott diese Welt. Unspektakulär, ja geradezu spektakulär unspektakulär. Keine Fernsehkameras, kein Medieninteresse, wie eine Geburt von Zig-Milliarden vorher und nachher. Gott betritt diese Erde. In der Gestalt eines verletzlichen Säuglings. Vom Himmel hoch, da kam er her. Keine Erdlandefähre, keine Technik, kein Weltinteresse. Maria schenkt uns Gottes Sohn. Josef ist dabei im Stall von Bethlehem, Ochs und Esel schauen zu. Gott betritt diese Welt. Dabei hätte noch kurz vor der Geburt, vor dem Betreten Gottes dieser Welt, alles aus dem Ruder laufen können.

 

Für Josef war Marias Schwangerschaft ein Problem. Das Kind war nicht von ihm. Für ihn war es fürwahr eine schwierige Situation. Er war innerlich zerrissen. Was sollte er machen? Er war verletzt! Er ist ein Mann, der von der Person, die er am meisten auf Erden liebte, Maria, hintergangen und betrogen worden zu sein schien. Er würde die Schande auf sich nehmen und gehen. Er wollte Maria nicht in Verruf bringen. Er wollte gehen. Sich aus dem Staub machen. Keine Szene. Die Verantwortung übernehmen für etwas, das er gar nicht verantworten musste. Da ist die enttäuschte Liebe zu Maria und doch auch ein hohes Ehrgefühl. Er wählt den stillen Abgang. Mit diesem Vorsatz legte er sich schlafen. Doch dann redete Gott durch den Engel mit ihm im Traum: „Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist vom heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten aus ihren Sünden.“ Mt 1, 20f.

 

Ja, den Seinen gibt`s der Herr im Schlaf! Das Sprichwort geht auf Psalm 127 zurück und erinnert daran, dass es unnötig ist sich Sorgen zu machen, weil Gott für uns sorgt. Josef hat den Traum verstanden. Er hat ihn gelebt. Er hat Verantwortung übernommen. Für das ungeborene Kind und für Maria. Josef tut, was ihm im Traum befohlen und erklärt wurde. Völlig unspektakulär, dafür aber in noch größerer Treue und Gehorsam. Josef war kein Mann der Worte, sondern der Tat. Er ist einfach da, wenn Maria, wenn Gott, wenn Jesus ihn brauchen. Er ist einer der Stillen im Lande. Gerade in seiner Passivität spielt er eine tragende Nebenrolle. Ohne ihn gäbe es kein Weihnachten. Er ist derjenige, auf den sich Gott, Jesus und Maria verlassen können – auf dem Weg nach Bethlehem, bei der Geburt, bei der Flucht nach Ägypten, bei der Erziehung und vielem mehr. Gott hat sein Leben und das der Maria durchkreuzt. „Eine ungewollte Schwangerschaft kann die Welt retten!“

 

Doch dann wird das Kind geboren. Josef darf ihm den Namen geben. Jesus heißt das Kind. Der Jesus-Name ist Programm. Jesus heißt: Gott hilft! Gott rettet! Deswegen heilt Jesus Kranke. Deswegen spricht er mit den Menschen seelsorgerlich. Deswegen geht er ans Kreuz. Gott hilft! Gott heilt! Gott rettet! „Gott wird sein Volk retten von ihren Sünden!“ – Gott übernimmt Verantwortung für das, was er gar nicht zu verantworten hat: Die Sünde des Menschen! So groß ist seine Liebe, sein Friede, seine Gnade, seine Herrlichkeit! Wie die Jungfrau zum Kind kommt, so kommt die Welt zu ihrem Erlöser, zu ihrem Heil. Beide können nichts dafür. Aber Entscheidendes ist geschehen. Durch Gottes Wirken! Gott ist da!

Gott und die Welt gehören zusammen. Ein für alle Mal!

Gott nimmt nicht nur ein paar Gesteinsproben von der Erde mit. Er packt die Sünde ein. Als Gott die Erde betreten hat, bleibt er nicht nur für 22 Stunden. Er bleibt dieser Erde treu. Er bleibt bei den Menschen. Er macht sich nicht aus dem Staub, aus dem Erdenstaub, in den Himmelstaub.

 

Gott hat diese Welt nicht abgetrieben oder abgeschrieben. Er sucht sich keine neue Welt. Aber er macht durch Kreuz und Auferstehung die Welt neu. Er bleibt der Welt treu in all ihren Widersprüchen und in all ihren Versuchen, es besser machen zu wollen und doch nicht zu können. Gott ist für diese Welt. Sie ist und bleibt seine Welt. Und er bleibt in ihr. Immanuel wird Jesus genannt werden nach einer alten Verheißung: Gott ist mit uns! Das ist ein symbolischer Name, der in der Prophetie Jesajas einem Kind gegeben wird, das von einer Jungfrau geboren wird. Ja, in Jesus ist Gott mit uns! Wir sind nicht allein. Wir sind nicht uns selbst überlassen. Gott überlässt sich uns! Gott ist bei uns – in Jesus Christus – auch in Corona-Zeiten. Gott kommt in die Krisen dieser Welt und in die Lebenskrisen, Gott kommt in die Krankheiten dieser Welt und meiner persönlichen. Dafür steht der Name Jesus.

 

Die Welt kann Gott gar nicht mehr los werden. Die Welt kann in diesem Sinne auch gar nicht mehr „gottlos“ sein. Denn Gott hat sich dieser Welt und den Menschen verpflichtet. Gott ist treu. Treue ist sogar einer der Namen Gottes. Treue ist Gottes Wesen.

 

Gott ist und bleibt der Immanuel. Jede biblische Geschichte erzählt von der Treue Gottes. Psalm 139 ist uns allen vertraut, Gott sei Dank! „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!“ Gott ist treu. Gott ist da. In Jesus Christus wird dies sichtbar: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Mt 28, 20.

 

Wer am Heiligen Abend die Krippe sieht und darin nur ein gewöhnliches Kind im Futtertrog erblickt, für den scheint Weihnachten ein absurdes Fest zu sein. Denn es ist widersinnig zu meinen, ein Kind könne die Welt so zum Guten verändern, dass auf Erden tatsächlich Frieden einkehrt. Wer aber in dem Christuskind den Mann sieht, der die Menschen bedingungslos liebt, der wird von der Liebe Gottes verändert:

 

·       Er zieht dann nicht mehr in den Krieg, sondern in den Frieden.

·       Er zieht dann nicht mehr in die Verbitterung, sondern in die Versöhnung.

·       Er zieht dann nicht mehr in die Ängstlichkeit, sondern in die Freude.

·       Er zieht dann nicht mehr in den Hass, sondern in die Barmherzigkeit.

·       Er zieht dann nicht in die Vergeltung, sondern in die Liebe.

·       Er zieht dann nicht mehr in den Egoismus, sondern in die Verantwortung,

die wir von Josef lernen können.

 

Ein junger Mann hatte nach Jahren seine Freundin verlassen. Sie war von ihm schwanger geworden. Er wollte das Kind nicht. Sie wollte nicht abtreiben. Er fühlte sich zu jung für eine Vaterschaft. Seine Freiheit war ihm wichtiger als die Liebe zu seiner jahrelangen Freundin. Das Lustprinzip siegte gegen das Verantwortungsbewusstsein. Am Heiligen Abend denkt er mal wieder über sein Leben nach. Traurigkeit und Einsamkeit brachen über ihm zusammen. Irgendwie landet er im Gottesdienst.  Da hört er unseren heutigen Predigttext. Josef wollte Maria verlassen! Das hat ihn getroffen. Wollte Gott ihm mit dieser Josefgeschichte etwas sagen? Nach kurzem Ringen holte er sein Handy hervor, zögerte einen letzten kurzen Moment angesichts der vorgerückten Uhrzeit. Dann wählte er jene Nummer, die er von früheren Zeiten her noch auswendig kannte.

 

Gott hat diese Welt nicht abgetrieben. Gott hat diese Welt nicht abgeschrieben. Dafür steht das Kind in der Krippe, der Mann am Kreuz, den Gott von den Toten auferweckt hat. Dafür steht der Jesus-Name!

 

Weihnachten heißt: Der eine wahre Gott betritt die Erde! Endgültig! Ohne Wenn und Aber! Das feiern wir Jahr für Jahr mit Herzen, Mund und Händen! 

 

AMEN

 

Lieder (EG)

39, 1-3            Kommt und lasst uns Christus ehren

738                  Psalm 96

37, 1-4            Ich steh an deiner Krippen hier

27, 1+5+6       Lobt Gott, ihr Christen

44, 1-3            O du fröhliche (ohne Wiederholung)

 

 

 

Heinrich Seuse - Mystiker aus Ulm und Konstanz vor gut 700 Jahren

„Geht der helle Morgenstern auf mitten in meiner Seele, so ist alles Leid verschwunden, alle Finsternis gelichtet, der Himmel wird hell und heiter, und mein Herz lacht; es freuen sich Sinn und Seele in mir; mir ist es so recht festlich zumute, und alles, was an mir und in mir ist, wird zu einem Lobe für dich. Was schwer, mühsam, unmöglich war, wird leicht und angenehm. Gar manche Kühnheit kommt mich an, die mir in der Verlassenheit gefehlt hat. Die Seele wird so mit Klarheit, Wahrheit, Freundlichkeit durchtränkt, dass sie alle Mühe vergisst. Ich kann frommen Herzens ohne Mühe betrachten, die Zunge voll Selbstbewusstsein sprechen, der Leib alles behende anpacken. Mir ist dann, als wäre ich über Raum und Zeit hinausgewachsen und stünde in dem Vorhof ewiger Seligkeit.“