11. April 2021, 9 Uhr Wain, 10.15 Uhr Unterbalzheim

Quasimodogeniti (Seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, 1. Petrus 2,2),

11. April 2021, 9 Uhr Wain, 10.15 Uhr Unterbalzheim

Wochenspruch: Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. 1. Petrus 1, 3

Predigttext: Johannes 21, 1-14          3. Reihe

 

Schriftlesung aus Jesaja 40, 26-31

26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«? 28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. 29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. 30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen; 31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

 

Predigttext aus Johannes 21, 1-14  -      Der Auferstandene am See von Tiberias

1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. 4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. 7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. 8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. 9 Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. 12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. 14 Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

 

 

Liebe Gemeinde,

nun sind sie also wieder in ihr altes Leben zurückgekehrt: Petrus und die anderen Jünger. Fischer waren sie früher und Fischer wollten sie nun und zukünftig wieder sein. Die Sache mit Jesus war ein schönes Zwischenspiel in ihrem Leben. Eine Episode. Vergessen wollten sie nun diese schöne Zeit. Aber kann man das? Jesus vergessen? Und sie erkannten es bald: Das Herumstochern und Herumfischen in schönen alten Erinnerungen ist gefährlich. Gefährlich für den Leib und gefährlich für die Seele.

 

Die Frauen hatten ihnen zwar von der Auferstehung Jesu erzählt? Aber was soll das sein? Tote werden nicht wieder lebendig. Tot ist tot. Zwar ist Jesus ihnen nach Ostern begegnet mit den Worten: „Friede sei mit euch?“- Aber war das wirklich so? War das nicht nur eine Einbildung, eine Fata Morgana, ein Traum, eine Täuschung, naives Wunschdenken? Die Vernunft sagte ihnen etwas anderes: Ihr müsst euer Leben wieder selbst in die Hand nehmen. So gingen sie auf Nummer sicher. Noch hatten sie ihre Schiffe am See von Genezareth (See von Tiberias) liegen, noch waren die Netze nicht verhökert.  Noch waren die alten Bande nicht ganz abgerissen. Noch war eine Rückkehr in das alte Leben, in die alte Heimat, in den erlernten Beruf und in die alten Beziehungen möglich. Sie setzen ihr Leben zurück auf Null! Immerhin gab es noch diese Perspektive!

 

Wie geht es uns eine Woche nach Ostern? Sind auch wir wieder zurückgekehrt in unser altes Leben: Immer noch Corona, immer noch kein Impftermin, immer noch nicht in die nächste Klasse versetzt, schon wieder oder immer noch Krach in der Familie, noch immer wird gestorben, prominent oder unbekannt.

 

„Ja, der Tod ist nicht nur um uns herum aktiv, sondern nicht weniger auch in uns drin. Auch in unseren Herzen tötet er. Seit Ostern dieses Jahres sind erst sieben Tage verstrichen, aber hundert Stimmen haben uns schon zugeflüstert, zugeraunt und zugehöhnt, es sei dann doch nichts gewesen mit der Auferstehung, hundert Hände haben wir seither am Werk gesehen, die uns das offene Grab des Herrn wieder haben zuschaufeln wollen. Wir leben in einer Welt, für die Christus auferstanden ist, aber es ist eine unösterliche, es ist eine osterfeindliche Welt.“ Walter Lüthi

 

Das Netz scheint auch in unserem Leben leer geblieben zu sein, obwohl wir uns in dieser Woche wieder abgemüht haben. Nichts gefangen, der Lebensunterhalt ist in Frage gestellt, die Alltagserfahrungen lähmen und der Zweifel wird wieder stärker, auch der Zweifel an Gottes Macht und an seiner Allmacht. Sind beide nur Worte, Floskeln, die zum Glauben gehören und den Zweifel am Glauben nähren? Wie ist das mit Ostern im Alltag, im Werktag, oder kann der Alltag, kann der Werktag von Ostern bestimmt sein?

 

Wir kehren zurück zu den Fischern. Oder war da in ihnen noch ein Fünkchen Hoffnung? Hatten die Frauen nicht erzählt, Jesus habe ihnen geboten nach Galiläa zu gehen: „Gehet hin und verkündigt es meinen Brüdern, dort werden sie mich sehen!“ (Matthäus 28, 1-10) - Brüder hatte er sie genannt, sie, die ihn verraten und verleugnet haben. Ist das denn zu fassen?

Sie, die eingeschlafen, die nicht gebetet und nicht gewacht haben, sondern die weggelaufen waren.

 

Haben wir das nicht im Ostergottesdienst ausführlich gepredigt bekommen! Geht nach Galiläa, geht nach Hause, geht zurück an den Ursprung, geht an den Ort, an dem nach einem Wort des Propheten Jesaja das Volk im Finstern und im Todesschatten sitzt. Sitzen sie nun nicht auch im Dunkeln, an diesem neuen Morgen: Im Dunkel der leeren Netze, im Dunkel der enttäuschten Hoffnung, im Dunkel des Zweifels?

 

Zur Osterbotschaft gehört der Zweifel, liebe Gemeinde. Wie zum auferstandenen Christus die Wundmale Jesu gehören. Der Weg zur Osterfreude führt über die Osterfurcht, über das Zittern und Zagen, über das Fragen und Klagen. Ostern und die Botschaft der Auferstehung Jesu Christi sind nicht so einfach zu verstehen. Das geht über das Verstehen hinaus. Manchmal braucht der Glaube länger als einen Tag oder eine Nacht oder eine Woche oder einen Monat oder ein Jahr, um zu begreifen und um zu verstehen! Und selbst wenn der Glaube einmal etwas begriffen hat oder besser, wenn der Glaube uns einmal ergriffen hat, dann kann es auch wieder anders werden.

 

„Als es aber schon Morgen (vgl. auch EG 440 All Morgen ist ganz frisch und neu) war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war!“ – Wie dieses österliche Wort auch in Grenzsituationen Trost und Halt geben kann, wird an einer markanten Station im Leben Karl Hartensteins deutlich, des Direktors der Basler Mission und des Prälaten von Stuttgart.

 

Hartenstein hatte eine ganz tiefe, existenzielle Erfahrung mit diesem österlichen Wort. Als Stuttgarter Prälat hatte er über die Kriegszeit hinweg (2. Weltkrieg) übergroße Verantwortung zu tragen. Nach all den Strapazen der Kriegs- und Nachkriegszeit war er 1949 nach einem körperlichen Zusammenbruch in ein Stuttgarter Krankenhaus eingeliefert worden. Hartenstein geriet an den Rand des Todes. In dieser schweren Stunde hat ihm seine Sekretärin, Hedwig Thomä, einen einfachen Zettel ans Krankenlager geschickt, auf dem die Worte standen: „Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer!“ - Er sei in helle Tränen ausgebrochen und habe das kleine Papier lange nicht mehr aus der Hand gegeben. Dieses Wort machte ihn gewiss, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern dass der auferstandene Jesus Christus am Ufer der Ewigkeit auf ihn wartet und ihn empfängt. Noch drei Jahre wurden Karl Hartenstein geschenkt, und in diesen Jahren wurde ihm dieses Wort zu einem starken Trost. Und er schrieb in einer stillen Woche im Schwarzwald über dieses Wort und das ganze 21. Kapitel des Johannesevangeliums seine Auslegung: „Da es nun Morgen ward!“ – Darin heißt es „Wer einmal dieses Wort gehört, entdeckt hat mit seiner tiefen, unerschöpflichen Kraft, der ist getröstet für ein ganzes Menschenleben und für ein Menschensterben. Denn immer und in jeder Stunde zwischen Geburt und Grab dürfen wir uns in diesem Wort stärken: `Da es aber Morgen war, stand Jesus am Ufer.` Wie oft sind unsere Augen blind und gehalten?! Wir meinen, noch mitten im Dunkel und in der Ratlosigkeit zu sein! Und siehe, das Ufer ist ganz nahe. Und am Ufer steht der Herr ...“ – Ufer ist ja zu einem Synonym für Rettung geworden und diese Rettung wird noch überboten mit dem einen Namen Jesus – Jesus ist das rettende Ufer aus unseren Ratlosigkeiten, aus unseren Hoffnungslosigkeiten, aus unseren Trostlosigkeiten. Mitten in unserem schweren Alltag wird Ostern! Jesus lebt, er ist in Galiläa, er ist mitten unter uns heute. Ostern ist eine Wirklichkeit, der Auferstandene ist mitten unter uns. Es ist wahr: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

 

Wir erfahren aber auch in dieser Geschichte, dass sich Jesus nicht nur der Welt, sondern seinen Jüngern, seinen engsten Vertrauten, immer wieder neu offenbaren muss. Es heißt da in Vers 1: „Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so:“ (2 Mal offenbarte). Wir können Jesus nicht aus uns selbst heraus erkennen und glauben. Viele Auferstehungsgeschichten haben gerade diesen Aspekt betont. Auch die Jünger von Emmaus können ihn nicht aus sich selbst heraus erkennen. Erst als Jesus sich offenbart erkennen sie, von wem sie ein Stück Wegs begleitet worden sind.

 

„Die Predigt des österlichen Fischzuges lautet. Ihr könnt nichts. Ihr könnt nicht einmal fischen ohne mich. Ihr könnt auch jetzt, in der Osterzeit, nichts.“ Walter Lüthi, Das vierte Evangelium. Wir sahen seine Herrlichkeit, Neuhausen-Stuttgart, 1988). – „Der Mensch soll und muss arbeiten und etwas tun, aber doch daneben wissen, dass ein anderer ihn ernährt als seine Arbeit, nämlich Gottes. Segen.“ Martin Luther

 

Ostern provoziert den Zweifel. Der Auferstandene versteht alle Zweifler (Thomas). Und er verwandelt den Zweifel in Glauben. Wie damals, als die Jünger nur zwei Brote und zwei Fische aufgetrieben haben, und dazu noch Angst hatten, wie denn 5.000 Menschen davon satt werden könnten. Der Herr war dabei und vermehrte Fisch und Brot. So auch hier: Aus der Osterfurcht wird der Osterglaube.

 

Theophil Askani, der bis heute vielen Württembergern als wahrhaft seelsorgerlicher Prediger im Gedächtnis geblieben ist, schreibt: „Da er aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer. Eine Nacht, von der man das weiß, ist anders, ein Tag, von dem man ahnt, dort steht er am Ufer, ist anders. Vielleicht ist auch einmal die letzte Nacht, die ein jeder noch vor sich hat und durchschreiten muss, die Nacht des Todes, anders, wenn einer weiß: Wenn`s Morgen ist, steht Jesus am Ufer. Gewiss ist sie anders.“

 

Die Botschaft von Ostern, dass Jesus lebt, ist ein großer Trost. Jesus lebt in unserem Galiläa, in Oberschwaben oder wo wir sonst wohnen und ist mitten unter uns. Einer der Jünger hat Jesus erkannt. „Es ist der Herr!“ Der Jünger, der ihn liebhatte – Ja, es ist der Herr.

 

Für uns persönlich hat diese Ostergeschichte aus Johannes 21 eine große Bedeutung, liebe Gemeinde. Aber auch für unsere Kirche und für die weltweite Christenheit. In dem Schiff, das da unterwegs ist auf dem See von Tiberias, zeichnet sich das Schiff der Kirche ab, das unterwegs ist auf dem Meer der Zeit. Sieben Jünger statt zwölf treten hier in unser Gesichts-feld, auch das hat Tiefsinn. Sieben ist die Zahl der Ganzheit, in der Johannes-offenbarung repräsentieren die sieben kleinasiatischen Gemeinden die ganze Kirche – es sind also Erfahrungen, die sich in der Kirche als Ganze ereignen und für sie von Bedeutung sind. Die sieben Jünger waren ausgezogen, um fischen zu gehen, und es wurde deutlich: Dahinter zeichnet sich ein anderer Vorgang ab, nämlich Jesu Auftrag, Menschen aufzusuchen, einzuholen, ihnen Jesus lieb zu machen (grünes Kanzelparament in der Wainer Michaelskirche), sie für den auferstandenen Herrn zu gewinnen.

 

Wo solches Menschenfischen als bloß menschliches Unternehmen verstanden wird, greift es ins Leere. Wo Kirche sich nur noch mit Strukturen und Methoden befasst, wo nur eine Aktion die andere jagt, werden die Netze leer bleiben. Kirche lebt davon, dass in ihr die Stille und das Hören auf den auferstandenen Herrn zuhause sind. Auf Jesu Geheiß und unter seinem Segen sind die sieben Jünger hinausgefahren, und da füllte sich ihr Netz.

 

Das Netz ist übervoll. 153 Fische sind darin. Das ist die Auferstehung der Erschöpften!  Obwohl es so viele sind, zerreißt das Netz nicht. 153 Fischarten kannte man damals in der alten Welt. In der hintergründigen Sprache unseres Textes dürfte das heißen: Menschen aus allen Völkern und Schichten werden in die weltweite Familie der Christen eingeholt. Unser Text bezeugt damit die Einheit der weltweiten Christenheit. Wir alle haben diesen Auftrag bekommen. Jeder lebt in seinem Galiläa. Der Herr ist uns begegnet – auch unserem Zweifel und unseren Fragen – deswegen können wir in unserem Galiläa unseren persönlichen Oster-Glauben im Alltag leben und weitersagen. Auch helfen, dass die Gemeinde nicht zerfällt in lauter sich selbst genügsame Grüppchen, die nur um die Frage kreisen: „Was tut mir gut?“. Sondern dass Gemeinde sich mehr und mehr versteht als Gemeinschaft derer, die miteinander unterwegs sind, bis das Schiff der Kirche am Ufer der Ewigkeit ankommt.

 

Noch ist das Schiff der Kirche unterwegs auf dem Meer der Zeit. Auf dem langen Weg ihrer Geschichte lebt die Kirche von dem Mahl, zu dem der Auferstandene einlädt. Kommt und haltet das Mahl. Am Kohlenfeuer hatte Petrus vor wenigen Tagen Jesus verraten. Am Kohlefeuer verrät Jesus seinen Jüngern, wer er ist. Er teil mit ihnen das Brot – und den Fisch. Augustinus hat das so ausgelegt: „Piscus assus, Christus est passus.“ („Der gebratene Fisch bedeutet Christus, der gelitten hat. Die Gegenwart des gekreuzigten Auferstandenen bleibt ein Geheimnis. Aber er ist mitten unter uns. „Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer.“  Die am See Tiberias gestrandeten Jünger lassen sich von Jesus einladen und brechen als Beschenkte auf und werden im Namen Jesu zu Menschenfischern, damit er sich jedem Einzelnen und der ganzen Welt offenbaren kann. Auch heute noch und mitten unter uns.

 

AMEN

 

Lieder (EG)

117, 1-3          Der schöne Ostertag

746                  Psalm 116

108, 1-3          Mit Freuden zart

595, 1+3+5     Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt

550, 1-4          Die Sonne geht auf               

99                    Christ ist erstanden

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Ernst.Eyrichdontospamme@gowaway.elkw.de

 

 

 

Ostersonntag, 04.04.2021, 9 Uhr Wain mit Entzünden der Osterkerze, Ostersonntag, 04.04.2021, 9 Uhr Wain mit Entzünden der Osterkerze

Ostersonntag, 04.04.2021, 9 Uhr Wain mit Entzünden der Osterkerze

Ostersonntag, 04.04.2021, 9 Uhr Wain mit Entzünden der Osterkerze

 

Schriftlesung aus Matthäus 28, 1-10 -Jesu Auferstehung

1 Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. 2 Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. 3 Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. 4 Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot. 5 Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. 6 Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; 7 und geht eilends hin und sagt seinen Jüngern: Er ist auferstanden von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch gesagt. 8 Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. 9 Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder. 10 Da sprach Jesus zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündigt es meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: Dort werden sie mich sehen.

 

Predigttext: Apostelgeschichte 10, 34a.36-43, Württembergische Reihe Ostermontag

Der Hauptmann Kornelius und die Predigt des Petrus

34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; 35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm. 36 Er hat das Wort dem Volk Israel gesandt und Frieden verkündigt durch Jesus Christus, welcher ist Herr über alles. 37 Ihr wisst, was in ganz Judäa geschehen ist, angefangen von Galiläa nach der Taufe, die Johannes predigte, 38 wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit Heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren, denn Gott war mit ihm. 39 Und wir sind Zeugen für alles, was er getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem. Den haben sie an das Holz gehängt und getötet. 40 Den hat Gott auferweckt am dritten Tag und hat ihn erscheinen lassen, 41 nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten. 42 Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. 43 Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

ob letztes Jahr Ostern ausgefallen ist? Alle Ostergottesdienste mit einer versammelten Gemeinde (Präsenzgottesdienste) waren in unseren Kirchen verboten! Keiner hat damals gedacht, dass auch das Osterfest 2021 ein Jahr später noch immer unter den Bedingungen der grassierenden Pandemie gefeiert werden muss., distanziert, mit spärlicher Liturgie, ohne Abendmahlsfeier, ohne Gemeindegesang. A B E R: Ostern findet statt. Auch letztes Jahr hat es stattgefunden und dieses Jahr schon wieder. So steht auch heute die Osterbotschaft im Mittelpunkt: Jesus ist auferstanden! Jesus lebt!

 

Während der Vorbereitung auf die Osterpredigt habe ich eine WhatsApp bekommen. Das Bild zeigt ein offenes Grab. Der Stein ist weggewälzt. Das Bild trägt die Unterschrift: „… das mit der Ausgangssperre zu Ostern hat noch nie funktioniert.“

 

 

Die Frauen gehen zum Grab und finden es leer vor. Sie erhalten einen Auftrag. Sie sollen es verkündigen, dass Jesus lebt! Das Wunder der Auferstehung Jesu Christi von den Toten vollzog sich im Verborgenen. Niemand hat es gesehen oder kann es beschreiben im Gegensatz zur Kreuzigung Jesu. Aber wir können nach den Spuren von Ostern suchen. Wie bei dem Meteorit, der einst den Krater von Nördlingen im Ries verursacht hat. Den Meteorit hat keiner gesehen, aber der Krater ist da! Am leeren Grab Jesu gibt der Engel, der Bote Gottes, die Deutung: „Fürchtet euch nicht! Er ist nicht hier! Er ist von den Toten auferstanden!“

 

Was wir damit sagen, dürfte es nach der Logik und Gesetzen dieser Welt gar nicht geben: „Auferstanden vom Tode“ – das übersteigt Raum und Zeit. Durch die Auferstehung Jesu Christi werden auch die Grenzen unseres Daseins erweitert: Gott schafft den Tod ab! Gott schafft ewiges Leben, so unerklärlich dies auch klingen mag. An Ostern berühren sich Endlichkeit und Ewigkeit, Himmel und Erde. So bezeugen es alle Evangelien und alle Zeugen.

 

Auch Petrus, der uns heute eine Osterpredigt hält:

 

Verlesung des Predigttextes

 

Ja, Petrus hat längst einen vernünftigen Abstand zum Original-Ostern. Wochen, Monate, vielleicht sind schon Jahre vergangen. Aber die Osterbotschaft hat ihn nicht verlassen. Sie ist ganz lebendig in ihm geblieben und geworden. Jesus lebt! Das ist die Kernbotschaft einer jeden Predigt, auch heute noch. Ostern ist echt. Ostern ist die Mutation des Lebens. Das Leben ist krisenfest geworden. Ostern hat stattgefunden und es findet jedes Mal von Neuem statt, wenn ein Mensch sich in Jesus geborgen weiß, wenn ein Mensch sich an Jesus freut, wenn ein Mensch sich auch mitten im Leid getragen weiß.

 

Petrus kann auch Jahre nach dem Original-Ostern einfach nicht anders als Jesus zu bekennen. Wem hält er denn eigentlich diese Kurzpredigt? Er ist von einem römischen Hauptmann eingeladen worden. Nach Caesarea, das Herodes erbauen ließ, um dem römischen Kaiser seine Ehrerbietung zu erweisen. Cornelius war fromm und gottesfürchtig, so beschreibt ihn Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte. Er ist übrigens der einzige nichtjüdische Autor des Neuen Testamentes. Cornelius war offen für Gott. Er war offen für Jesus Christus. Er lädt alle in sein Haus ein, seine ganze Familie, vielleicht auch seine Nachbarn und seine Freunde. Wie bei einer Party. Gerade in diesen Kreis lädt er auch Petrus ein. Hier macht Petrus seinen Mund auf. Das Verleugnen seines Herrn hat er satt, wie damals in dieser Nacht und diesem Hof: „Diesen Menschen kenne ich nicht!“ Er hat sich die Lektion mit dem krähenden Hahn gemerkt. Nun bekennt Petrus es frei und offen:

 

·       Jesus hat den Menschen Frieden verkündigt – und Zeugnis dieses Friedens ist Petrus selbst.

·       Jesus ist Herr über alle – und Zeugnis dafür ist Petrus, der es oft besser zu wissen meinte als Jesus.

 

Der einfache Fischer aus Galiläa darf dem Hauptmann einer italienischen Abteilung das Evangelium verkündigen. Der Obere hört dem Galiläer, dem Untertanen zu. Vertauschte Rollen könnte man meinen, verkehrte Welt. Aber so ist Gott! Er schenkt Gelegenheit zur Verkündigung. Bis heute, bis zur Gegenwart. Weil Jesus lebt. Und weil er verkündigt werden muss – der ganzen Welt. Grenzenlos!

 

Wenn ein Petrus einem italienischen Hauptmann predigt, dass Jesus „Herr über alle“ ist, dann ist das nicht nur eine Beleidigung des römischen Kaisers, sondern auch eine Infragestellung seines Anspruches. Denn der Kaiser nannte sich offiziell „Herr über alle“.

 

Den Titel „Herr über alle“ legte man in der Antike auch heidnischen Göttern bei, etwa Iris und Osiris. Wenn Petrus nun frei und öffentlich verkündigt, dass Gott Frieden durch Jesus Christus verkündigt hat, dann widerspricht er allen Militärs und allen Kriegstreibern dieser Erde, die im Namen des „Friedens“ Krieg führen. Der Friede, der Weltfriede, wurde auf Golgatha erlitten, weil hier der Weltenkrieg – die Sünde zerstört das Leben im Großen wie im Kleinen und ist deswegen Grund jeden Krieges, vom Rosenkrieg bis zum Irakkrieg – stattgefunden hat.

 

Hier spüren wir, wie der persönliche Glaube an Jesus Christus und die Gestaltung der Welt zusammengehören. Petrus hat das Heil in Jesus Christus ganz erfahren und ganz weiter gesagt.

 

Das ist auch unsere Aufgabe. Seit Ostern gilt es den gekreuzigten und auferstandenen Herrn zu bezeugen. Im kleinen Kreis und in der großen weiten Welt. Denn Jesus ist „Herr über alle“ und er bringt den Frieden

 

Wer nicht vom verfluchten Gott in Jesus Christus spricht, verbreitet wieder die Dunkelheit und die finsterste Finsternis über diese Welt. Wer nicht vom auferweckten Jesus Christus predigt, verleugnet Gottes Herrschaft. Wer aber Gottes Herrschaft verleugnet ist zu einer Lebensgier verurteilt, die nichts anderes kann als das Leben zu vernichten. Bertold Brecht schreibt in seinem Gedicht: Luzifers Abendlied:

 

„Lasst euch nicht verführen!

Es gibt keine Wiederkehr.

Der Tag steht in den Türen;

Ihr könnt schon Nachtwind spüren:

Es kommt kein Morgen mehr.

Lasst euch nicht betrügen.

Schlürft das Leben in schnellen Zügen!

Es wird euch nicht genügen,

wenn ihr es lassen müsst.

Ihr sterbt mit allen Tieren

und es kommt nachher nichts.“

 

Wie großartig und tröstlich und weiterführend sind da die Osterchoräle:

·       Christ ist erstanden von der Marter alle; des solln wir alle froh sein,

Christ will unser Trost sein. Kyrieleis. EG 99

·       Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit EG 100

·       Erschienen ist der herrlich Tag, dran niemand sich g`nug freuen kann EG 106

·       Heut triumphieret Gottes Sohn, der von dem Tod erstanden schon EG 109

·       Auf, auf, mein Herz mit Freuden nimm wahr, was heut geschicht (Geschichte!). Wie kommt nach großen Leiden nun ein so großes Licht! Mein Heiland war gelegt, da, wo man uns hinträgt, wenn von uns unser Geist gen Himmel ist gereist. EG 112, 1

 

Ja, die Botschaft von Ostern ist tröstlich. Tröstlich sogar im Leiden und im Sterben und im Tod und in der Trauer. Da schreibt eine Frau nach dem Tod ihres Mannes: „Peter ging mit großer innerer Kraft seinen Leidensweg dem auferstandenen Herrn entgegen. Die zwei Monate seiner Krankheit waren für die Familie eine große Gnade.“ – Die österliche Freude hält auch die Stunden aus, die nicht so schön sind, die richtig schwer sind. Die österliche Freude ist auch da, wenn um sie herum nicht alles in Ordnung ist, auch wenn die dunklen Schatten nicht gänzlich vertrieben sind. Die österliche Freude muss nicht warten, bis alle Probleme beseitigt und alle Zweifel überwunden sind. Die österliche Freude entspringt einer Quelle, die nicht von uns Menschen entspringt. Sie schöpft aus der Hoffnung auf unseren Herrn und Gott, der mitten unter uns lebt, der dem Tod sein letztes Recht, sein letztes Hemd, entrissen hat.

 

Liebe Gemeinde, der Osterbotschaft gehört die Zukunft. Sie ist nicht mehr tot zu kriegen. Jede

Predigt braucht einen Schuss „Ostern“. Auch wenn dieser Botschaft nicht geglaubt wird ist sie zu verkündigen, auch, wenn manche heute noch behaupten, sie sei Lüge, eine Erfindung der enttäuschten Jünger.

 

Nein, Jesus lebt. Der sterbende Peter hat das zusammen mit seiner Familie erfahren. Cornelius hat das mit den Seinen erleben dürfen durch die Predigt eines Petrus. Ostern lädt zum Glauben ein. Viele haben das Heil in Jesus Christus erfahren. Auch Petrus. So soll „Petri Heil“ nicht nur ein Anglerwunsch zum Anglerglück sein, sondern Erinnerung an das Heil, das der an sich selbst gescheiterte Petrus erfahren hat und dem Cornelius und den Seinen bezeugt hat, weil sich der Auferstandene dem Petrus bezeugt hat.

 

Übrigens ist die Zeit heute ähnlich wie damals: Der christliche Glaube war in einer Minderheitensituation. Die Apostelgeschichte vermittelt uns den frischen Geist einer glaubensstarken Minderheit, die sich schließlich in einer dekadenten multikulturellen Kultur durchgesetzt hat. Die Botschaft von Ostern ist die neue Wahrheit für diese Welt.

 

Ostern ist die Beerdigung des Todes. Plötzlich und unerwartet ist er aus dem Leben geschieden. Der Tod ist tot. Ein Erdbeben hat ihn begraben. Kein Mensch geht zu seiner Beerdigung. Es gibt keine Traueranzeige, keine Tränen, keine Kondolenzadressen, keine Trauer, keine Trauergemeinde. Keiner nimmt traurig Abschied vom Tod. Es gibt kein Gedenken in Liebe und Dankbarkeit. Er ist einfach tot, der Tod. Er verwest im Grab. Für den Tod gibt es keine Hoffnung. Keiner legt Blumen auf sein Grab. Keiner legt einen Kranz, das Siegeszeichen, an seinem Grab nieder. Er wird auch nicht in Gedanken weiterleben und bei uns sein. Es gibt keine Trauerfeier für ihn. Keiner wird ihn vermissen. Niemand wird ihm ein ehrendes Gedächtnis bewahren. Niemand geht in schwarz. Niemand hält einen Nachruf auf ihn. Der Tod ist tot. Es gibt für ihn keine Hoffnung. Er ist von uns gegangen. Es gibt keinen Totentanz mehr, der seit Menschengedenken die Menschen einschüchtert. Der Sensenmann ist arbeitslos. Der Tod wird vergessen werden, als ob es ihn nie gegeben hätte. Er geht in der Geschichte unter.

 

Dafür gibt es eine Osterfeier, eine Ostermesse: Mit einem Osterlachen, mit einer Osterfreude, mit einem Osterfeuer, mit einer Osterkerze, mit einer Ostergemeinde, mit einer Osterpredigt und einem Ostergottesdienst, der Woche für Woche gefeiert wird. Denn jeder Gottesdienst, auch der anlässlich einer Beerdigung, ist ein kleines Osterfest. Es gibt Ostergesänge,  Osterfahnen, Osterwitze, Osterlachen, Osterferien, Osterglocken, Osterbräuche, Ostenspaziergänge. Das Jenseits ist im Diesseits angekommen. Die Ewigkeit bricht in die Zeit ein. Das kommende Leben, das ewige Leben, ist ins Hier und Heute gesät. Nicht mehr der Tod hat uns im Griff, sondern das Leben hat den Tod im Griff, im Würgegriff.  AMEN

 

Lieder EG

101, 1+4+6     Christ lag in Todesbanden

747                  Psalm 118

112, 1-3          Auf, auf, mein Herz mit Freuden

116, 1+4+5     Er ist erstanden, Halleluja

100, 1-5          Wir wollen alle fröhlich sein          

99                    Christ ist erstanden

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Ernst.Eyrichdontospamme@gowaway.elkw.de

 

 

 

 

 

 



 

 

 

 

 

Karfreitag, 02.04.2021, 9 Uhr Wain

Karfreitag, 02.04.2021, 9 Uhr Wain

 

Schriftlesung aus Lukas 23, 32-49 - Jesu Kreuzigung und Tod

32 Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. 33 Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. 34 [Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. 35 Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. 36 Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig 37 und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! 38 Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. 39 Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! 40 Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? 41 Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. 42 Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! 43 Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. 44 Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, 45 und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. 46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. 47 Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! 48 Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. 49 Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

 

Predigttext: Jesaja 52, 13-15; 53, 1-12       3. Reihe neu

Das stellvertretende Leiden und die Herrlichkeit des Knechtes Gottes

13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein. 14 Wie sich viele über ihn entsetzten – so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder –, 15 so wird er viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn was ihnen nie erzählt wurde, das werden sie nun sehen, und was sie nie gehört haben, nun erfahren.

 

1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des HERRN offenbart? 2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. 3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet. 4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. 5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. 6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. 7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. 8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war. 9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. 10 Aber der HERR wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und lange leben, und des HERRN Plan wird durch ihn gelingen. 11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. 12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben dafür, dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.

 

Liebe Gemeinde,

„ich habe es nicht mit Absicht getan!“ - Trotzig steht der Drittklässler vor mir. Kurz zuvor hat er seinem Mitschüler den Sportbeutel um die Ohren geschlagen. Tatsächlich nicht mit Absicht: Im Überschwang hat er ihn über seinem Kopf kreisen lassen, dabei aber leider seinen Klassenkameraden getroffen. Der steht nun neben ihm, weint und verlangt vor allem eines: Eine Entschuldigung! Doch dazu kann er sich nicht durchringen. Denn – so seine Logik – wenn man etwas nicht mit Absicht getan hat, dann ist man doch gar nicht wirklich schuld.  Auch wenn es dem anderen natürlich wirklich wehtut. Und überhaupt: Was muss der mir in den Weg rennen! Selber schuld!

 

Schuld kann wehtun. Schuld wiegt schwer. Sie ist sogar eine Last. Ja, wenn wir sie an uns heranlassen, dann kann sie manchmal sogar geradezu erdrückend sein. Deshalb ist es ganz natürlich, dass wir versuchen, sie wegzuschieben oder sie zumindest zu verkleinern, sie auf ein erträgliches Maß zu bringen.

 

„Ich habe es nicht mit Absicht getan!“ -  Oder auch: „Ich habe es doch nur gut gemeint! Ich habe doch nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.“  - Wenn doch zumindest meine Motivation eigentlich gut war, dann kann es doch nicht so schlimm sein, oder? Oft habe ich etwas gut gemeint und richtig schlecht gemacht. Oder wir machen es wie Pilatus: Demonstrativ wäscht er seine Hände in Unschuld mit den Worten: „Ich bin unschuldig am Blut dieses Menschen:“ (Mt 27, 24). Andere sind schuld.

 

Karfreitag ist ein unbequemer Feiertag. Er konfrontiert uns mit der grausamen Geschichte eines zu Unrecht zu Tode gebrachten Menschen und mit der unangenehmen Behauptung, dass wir, Sie und ich, Anteil an dessen Schicksal haben, dass er um unseretwillen gelitten hat und gestorben ist.

 

In unserem heutigen Predigttext singt ein Chor am Grab. Er singt keinen vertrauten Choral. Nein, er singt ist ein neues Lied. Es wird uraufgeführt. Dieses Lied ist eine Art Nachruf auf den Verstorbenen. Aber es kein Nachruf, wie wir ihn kennen. Die Gemeinde lauscht auf die Worte, die der Begräbnischor singt. Es sind schreckliche Worte! Es sind peinliche Worte! Es sind verletzende Worte. Nein, der Verstorbene wird nicht gelobt! Er wird nicht geehrt! Man wird ihm kein ehrendes Gedenken versprechen. Der Chor sing laut und deutlich, was er zeitlebens über diesen Verstorbenen gedacht hat. Die Chorsänger sind schrecklich ehrlich! Unerhört ehrlich! Ja, geradezu hässlich ehrlich!

 

„Er, der Verstorbene, hatte keine Gestalt und Hoheit! Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste, voller Schmerzen und Krankheit. Er was so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet, … für nichts geachtet!“

 

Darf man so respektlos und so unendlich spöttisch, so bitterböse, so abgrundtief zynisch über einen Toten singen, reden, ja herziehen? Am Grab? Wie mögen es die Angehörigen hören?! Der Grabgesang sollte doch Trost schenken! Und nun eine so hässliche Zeile – vielleicht sogar im Refrain – kommt dies nicht einer Leichenschändung gleich?! Der Chor singt mit überdeutlicher Aussprache: „Man verbarg sein Angesicht vor ihm, so hässlich war der Verstorbene!“ – Fürwahr, er hatte wirklich kein „Ansehen“ – niemand wollte ihm ins Gesicht schauen. So hässlich, so ekelerregend war sein Gesicht! – „Komm mir ja nicht unter die Augen“ – so lassen wir gelegentlich alle Wut aus uns heraus, wenn wir uns nicht mehr beherrschen können. Oder noch schlimmer: „Ich kann dich nicht mehr sehen! Es wird mir schlecht, wenn ich dich sehe!“

 

Wie können Menschen nur so über einen Menschen denken, geschweige denn reden und sogar noch einen Text dichten, eine Melodie komponieren und dann bei seiner Beerdigung öffentlich uraufführen? Gönnt man dem Verstorbenen nicht die Totenruhe? Die Bestattungskultur wird mit Füßen getreten. Darf man so taktlos Schockierendes sagen?

 

Die Chorsänger tun es und sie haben lange auf diesen Auftritt geübt. Damit stellen sie nicht nur den Verstorbenen bloß, sondern auch sich selbst. Sie singen weiter. Sie singen den zweiten Vers. Auch wir hören gespannt hin: „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und vorn Gott geschlagen und gemartert wäre.“ Die Chorsänger geben zu: Das unansehnliche Gesicht des Verstorbenen hätte unser Gesicht sein müssen. Die Strafe Gottes, die er erleiden musste, ist die Strafe, die wir, die Chorsänger, verdient hätten. Was für eine Größe? Was für ein Mut? Was für eine Ehrlichkeit? Was für eine Wende?

 

„Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt!“ -  Die Chorsänger sind zu einer neuen Erkenntnis gekommen. Sie haben den Verstorbenen gründlich missverstanden und sich zu Unrecht über seine Hässlichkeit geäußert. Sie haben ihn fälschlicherweise verspottet. Sie haben sich geirrt. Sie legen am Grab ein Schuldbekenntnis ab: Öffentlich, offiziell, sie bekennen ihre Fehleinschätzung, sie waschen ihre Hände nicht mehr in Unschuld, das so viel Unheil angerichtet hat.

 

Sie haben erkannt: „Wir gingen in a l l e in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg!“ – Ist das nicht heute noch so? Jeder macht, was er will und denkt so sehr schlecht über den anderen, privat und auch in der großen, bisweilen klein karierten Politik. Selbst schuld. Jeder geht seinen eigenen Weg! Jeder hat sein eigenen Corona-Management und schadet nicht nur dem Ganzen, sondern auch dem eigenen Ansehen?! So sehr, dass man sich genervt und enttäuscht und selbstverliebt abwendet von dem, was uns im Politiktheater dieser Tage geboten wird. Ja, wir haben Grund genug, über die da oben zu schimpfen, ihr Ansehen ziehen sie selbst in den Schmutz – aber darf uns das blind machen für die Wahrheit über unser eigenes Leben und unser eigenes Tun und Nichtstun?!

 

Unsere Chorsänger hatten zunächst auch immer den Blick auf die Fehler des anderen gerichtet und haben nicht den Balken vor den eigenen Augen gesehen. Typisch, wie sollten sie auch? Dieses Verhalten führt uns nach Golgatha, liebe Passionsgemeinde, liebe leidende Gemeinde, liebe traurige Gemeinde.

 

Der Tote, der da eben beigesetzt wird, dem der Grabgesang gewidmet ist, ist Jesus Christus, So legen wir als Christen diesen Text aus Jesaja 52 und 53 von Anfang an aus (etwa 600 Jahre vor Christus entstanden). Der Knecht Gottes, der hier besungen wird, ist Jesus Christus. Die Hässlichkeit des Verstorbenen, die da besungen wird, ist in Wirklichkeit die Hässlichkeit des Menschen, des Sünders. Im Angesicht des Knechtes Gottes spiegelt sich die Fratze der Sünde wider. So hässlich Menschen über den Verstorbenen gedacht haben, so hässlich sind sie selbst. So hässlich gleichgültig denken auch heute noch viele Zeitgenossen über Jesus. Die Sünde ist die Hässlichkeit, die unser Leben brutal oder mit feinen, beinahe unspürbaren Nadelstichen, zerstört.

 

Und doch wendet sich der Heilige Gott nicht vom Sünder ab. Der christliche Glaube lebt davon, dass Gott nicht weggeht, sondern sich am Kreuz selbst der Verachtung aussetzt. Eberhard Jüngel: „Ein verachteter Mensch ist immer ein verachtetes Ebenbild Gottes. Wer den Menschen entstellt, der entstellt Gott selbst!“

 

Jesus hat am Kreuz von Golgatha der Sünde des Menschen tief in die Augen geschaut. Er ist sich nicht zu schade, sie anzuschauen, weil er den Menschen liebt. Er nimmt die Sünde des Menschen ernst, todernst. Die Sünde hat eben auch eine Würde! Sie beleidigt die Heiligkeit Gottes. Jesus nimmt die Strafe der Sünde auf sich, den Tod am Kreuz. Dies haben die Chorsänger erkennen dürfen. In der Hässlichkeit des Knechtes Gottes erkennen sie sich selbst und erschrecken über sich selbst. Es ist ein heiliges Erschrecken. Sie tun am Grab Buße! Sie kehren um! Sie ändern ihre Meinung über ihn und über sich selbst! Es vollzieht sich eine gewaltige, eine wunderbare, eine gnädige Wendung vom ersten zum zweiten Vers in ihrem Grabgesang.

 

„Hier findet der gnädige Wechsel statt:

Spötter werden zu Anbetern,

Verächter zu Verkündigern,

Sünder zu Gotteskindern.

Er, Gott, lässt` s sein Bestes kosten!“ Martin Luther

 

Der gnädige Wechsel findet hier statt! Sind wir am heutigen Karfreitag zu diesem gnädigen Wechsel bereit? Bin ich bereit zu sehen, dass sich am Kreuz von Golgatha die Hässlichkeit und die Konsequenz meiner Sünde widerspiegelt? Bin ich bereit vom Verurteilen der anderen über mich selbst ein Urteil zu sprechen, das dem Urteil Gottes entspricht: Ich müsste am Kreuz hängen mit meiner Sünde und wegen meiner Schuld?!

 

„Der Gott, der in den Himmel gehört, ist in Jesus Christus am Kreuz in die Hölle gegangen, wo er nicht hingehört, damit der Mensch aus seiner Hölle dort hinkomme, wo er sonst alleine nie hinkäme: In den Himmel. Das ist Evangelium!“ Klaus Vollmer

 

Martin Luther stellte sich die Frage: „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“

Gott stellte sich die Frage: „Wie bekomme ich einen erlösten Menschen? Das Kreuz Jesu ist Gottes Antwort darauf!

 

So ist Gott! – die Strafe für die Sünde – der Tod – liegt auf Jesus Christus, „auf dass wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt!“-. Das Heil wird am Kreuz erschaffen! Das Kreuz ist die Schöpfung des Heils! Es ist vollbracht! Jesu Heil gilt für alle Menschen aller Zeiten. Am Kreuz wird der Grundstock des ewigen Lebens gelegt. Durch den Glauben an Jesus Christus wird uns aus reiner Gnade der Frieden mit Gott geschenkt. Beim Knecht Gottes am Grab, beim Schmerzensmann am Kreuz, geht es nicht nur um das Leiden des Menschen und der Menschheit, sondern es geht um den gekreuzigten Gott.

 

Der Grabgesang des Chores ist umrahmt von einem Wort des allmächtigen Gottes. Dieser Knecht Gottes, der eben zu Grabe getragen wird, „wird erhöht und sehr erhaben sein. Wie viele sich über ihn entsetzen, weil seine Gestalt so hässlich war (selbst Gott redet von der Hässlichkeit seines Knechtes! Im AT ist Schönheit durchaus ein Zeichen für die Gnade und Barmherzigkeit Gottes eines Menschen gegenüber: David war schön von Gestalt – 1. Sam 16, 18, Josef war schön von Gestalt Gen 39, 6b) so wird er  viele Völker in Staunen versetzen, dass auch Könige ihren Mund vor ihm zuhalten.“ (Hand vor den Mund halten vor Erschrecken! – mal ausprobieren!).

 

Es ist so ähnlich wie an Weihnachten: Könige werden vor den Gekreuzigten kommen. Zuerst werden sie ihren Mund zuhalten – weil auch sie sich selbst erkennen und Jesus Christus erkennen dürfen. Sie werden den Mund (zu)halten, wie auch wir unseren Mund (zu)halten, wenn wir die Wahrheit über uns selbst erkennen dürfen und über uns erschrecken dürfen. Das ist ein heiliger Augenblick der Gnade!

 

Karfreitag bedeutet: Jesus nimmt die Hässlichkeit der Sünde auf sich, weil Gott diese Welt liebt. Karfreitag ist ein Wendepunkt für diese Welt. Gott rechnet mit der Sünde ab. Er

er r i c h t e t das Kreuz auf Golgatha. Jesus segnet uns und die ganze Welt mit seinen durchbohrten und ausgestreckten Händen: GOTT SEI DANK! Gott tut es mit Absicht. Gott schenke uns und der ganzen Welt die Gnade, das Geheimnis von Golgatha nur ansatzweise verstehen und verehren zu dürfen.

 

AMEN

 

Lieder (EG)

83, 1+2           Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld

709                  Psalm 22 I

85, 1-4            O Haupt voll Blut und Wunden

85, 5-8            Erkenne mich, mein Hüter

93, 1-4            Nun gehören unsre Herzen

421                  Verleih uns Frieden gändiglich

 

 

 

 

 

 

 

 

Palmsonntag, 28.03.2021, 10.15 Uhr Wain

Palmsonntag, 28.03.2021, 10.15 Uhr Wain

 

Schriftlesung aus Johannes 12, 12-19 - Der Einzug in Jerusalem

12 Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem kommen werde, 13 nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und schrien: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht (Sacharja 9,9): 15 »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.« 16 Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so an ihm getan hatte. 17 Die Menge aber, die bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, bezeugte die Tat. 18 Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan. 19 Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.

 

Predigttext: Hebräer 11, 1-2 (8-12.39-40); 12, 1-3            3. Reihe neu  

Der Weg des Glaubens seit der Schöpfung

1 Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. 2 In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. 3 Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist. 8 Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. 9 Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen im Land der Verheißung wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. 10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. 11 Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. 12 Darum sind auch von dem einen, dessen Kraft schon erstorben war, so viele gezeugt worden wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählig ist. 39 Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht die Verheißung erlangt, 40 weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat: dass sie nicht ohne uns vollendet würden.

 

1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, 2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. 3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.

 

Liebe Gemeinde,

Woche für Woche, Sonntag für Sonntag beten wir im Gottesdienst unser Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott, den Vater … Ich glaube an Jesus Christus … Ich glaube an den Heiligen Geist …“

 

Aber was heißt eigentlich: „Ich glaube!“ - Das deutsche Wort für Glauben kommt aus dem Indogermanischen und bedeutet „begehren“ oder „liebhaben“. Ich glaube heißt also: „Ich begehre Gott, den Vater! Ich liebe Gott, den Vater! Ich liebe Jesus Christus! Ich liebe den Heiligen Geist!“ – Ich sehne mich nach dem Dreieinigen Gott. Ich brauche ihn. Ich kann ohne ihn nicht leben! Glaube ist also eine Beziehung. Nicht eine Beziehung unter vielen, sondern die Beziehung schlechthin. Diese Beziehung macht mein Leben aus. Diese Beziehung kennzeichnet mein Leben. Diese Beziehung ist lebensnotwendig. Schließlich hat Gott mir mein Leben geschenkt. Im Predigttext heißt es: „Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, dass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist.“ Heb 11, 3

 

Eine gute Beziehung ist belastbar. Denn im Leben – auch im Glauben und in der Liebe zu dem Dreieinigen Gott, ist nicht immer alles eitel Sonnenschein. Zu einem lebendigen Glauben, zu einer lebendigen Liebe gehört eben auch der Alltag mit seinen Heraus-forderungen und Schwierigkeiten, mit seinen Erwartungen und Enttäuschungen. Ich habe Schwierigkeiten mit Gott. Ich bin von ihm enttäuscht. Ich komme mit dem, was er mir zumutet, nicht klar. Die Gefühle sind nicht mehr so stark. Die Gefühle bekommen weiche Knie. Die Gefühle verblassen. Die Schmetterlinge sind verfolgen. Die erste Liebe zu Gott kann abgekühlt, vielleicht sogar erkaltet sein!

 

Glauben heißt aus dem Unsichtbaren zu leben, nicht aus dem Sichtbaren. Davon erzählen viele biblischen Geschichten. Sie erzählen auch davon, dass der Glaube und damit die Liebe zu Gott nicht selbstverständlich sind und selbstverständlich bleiben. Es lohnt sich aber den Glauben einzuüben, weil es geht. So wird Glaube zur Gnade – und ist schon Gnade. Glaube ist weniger ein schneller Sprint, sondern eher ein ausdauernder Marathonlauf. Glaube ist kein Feuerwerk der Freude und der Leichtigkeit. Im Gegenteil: Glaube benötigt Beharrlichkeit, Ausdauer und Disziplin. Glaube zeigt sich durch die Menschen, die ihn leben. Durch die Wolke der Zeugen, wie es im Predigttext heißt.

 

Was heißt denn zu glauben zum Beispiel bei Noah? Noah soll eine Arche bauen. Irgendwo im Niemandsland, wo es nie oder selten regnet! Eigentlich müsste sich Noah an den Kopf langen und sagen: „Lieber Gott, bist Du Dir auch wirklich sicher? Weißt Du, was Du da von mir erwartest? Die Menschen werden sich über dich und mich lustig machen – ein Schiff mitten auf dem Land zu bauen?“ -  Riesig groß für die damaligen Verhältnisse und dann noch paarweise die Tiere einfangen und mit ins Schiff zu nehmen! Was für eine große logistische Herausforderung! Noah hat es getan. Er hat Gott gehorcht! Die Tatsachen sprachen eine andere Sprache. Liebe stellt Fragen, ja, sie muss auch Fragen stellen. Sie ist ja nicht blind. Aber dann entscheidet sie sich doch für den Gehorsam. Ganz egal, was die anderen darüber denken und tuscheln und urteilen. Noah wird verlacht worden sein.  „Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“ Heb 11, 1

 

Was heißt zu glauben bei Zachäus? Der Drei-Käse-Hoch-Zöllner wusste eigentlich gar nicht, was zu glauben bedeutet. Geld ist zwar keine Religion, aber Zachäus glaubte wie viele Menschen dennoch daran. Er liebe, er begehrte es! Nach und nach wurde Zachäus sich selbst gegenüber ehrlich: Geld macht nicht glücklich! Irgendwie hat er sich zu Jesus hingezogen gefühlt. Sein Leben war so leer geworden. Weil die Menschenmenge ihn nicht mochte, versperrte sie ihm den Weg zu Jesus. Ein bisschen wollte man ihm seine Ungerechtigkeiten an der Zollstation schon heimzahlen. Pure Schadenfreude der kleinen Leute! Aber Zachäus will Jesus unbedingt sehen. Er klettert auf einen Baum, er, der das eigentlich nicht nötig gehabt hätte. Er, der so reich war, dass er sich alles leisten konnte. Aber nein, er muss Jesus unbedingt sehen. Heute! Sofort! Jetzt! Er möchte wissen, ob er Jesus vertrauen kann, sich ihm anvertrauen kann und leistet sich das, was er sich eigentlich aus Prestigegründen nicht leisten konnte: Vor aller Augen klettert er auf einen Baum. Er macht sich lächerlich, wie Noah. Aber er will Jesus sehen. Und Jesus sieht ihn. „Heute muss ich in deinem Haus einkehren! Heute ist diesem Haus Heil widerfahren!“ -  „Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“ Heb 11, 1

 

Die Heilige Schrift erzählt uns unzählige Glaubensgeschichte. Die meisten sind unglaublich! Auch die von Abraham. Abraham war ein Nomade. Das macht ihn uns sympathisch. Wir leben in einer mobilen Gesellschaft und sind auch stets unterwegs. Ich muss mich anstrengen um mich erinnern zu können, wo ich im letzten Jahr überall herumgetrieben habe, trotz Corona. Sie auch? Abraham lebte in Zelten, er zog von Ort zu Ort. Da waren Tag für Tag große logistische Probleme zu lösen. Aber auch Nomaden führen ein geordnetes Leben. Meist kommen sie Jahr für Jahr wieder an dieselben Orte. Klar, sie sind immer unterwegs, und doch wiederholt sich Vieles und ist dann unter dem Strich doch bekannt und sogar vertraut. Ein geordneter Wandel!

 

Nun war Abraham 75 Jahre alt. Viel hat er erlebt, auch mit Gott. Er könnte sich jetzt zurückziehen und seinen Wohlstand und seinen Ruhestand, auch seinen Glaubensruhestand, genießen. Er könnte von seinen Erfahrungen mit Gott den Jungen erzählen. Er könnte davon erzählen, wie er Gott vertraute. Wie er sich so sehnsüchtig einen Sohn wünschte und wie er der Verheißung Gottes vertraute – manchmal! Dann Gott nachhalf! Wie er immer wieder auch sein Leben selbst in die Hand nahm und seine Frau Sarah als seine Schwester ausgab und sie quasi zum Ehebruch freigab. Glaubenshelden sind oft auch Glaubensfeiglinge. Beides gehört wohl zusammen. Wer Gott vertraut hat sein Leben eben nicht mehr selbst im Griff. Er wird ein Abhängiger. Und manchmal möchte man eben selbst als glaubender Mensch, als Gottliebender, nicht abhängig sein, schon gar nicht von Gott, weil man weiß, dass der manchmal ja so einen Zickzack-Kurs geplant hat und das muss schließlich auch nicht immer sein.

 

Abraham, der Glaubensheld und der Glaubensfeigling, der Glaubensflüchtling, der vom Glauben flüchtet, könnte sich zurücklehnen, was seine Gotteserfahrungen anbelangt. Er könnte seine Glaubens- und Lebensstory ständig zum Besten geben und sie vermarkten. 

 

Nun kommt es ganz anders. Er hört wieder einmal Gottes Wort. Er hört wieder einmal Gottes Ruf. Nichts soll so bleiben wie es ist. Eine neue Gotteserfahrung bahnt sich an. Ob er sich ihr stellt? Ob er nicht doch schon genug mit Gott erlebt hat? Ob sein Glaube, seine Liebe zu Gott, sich im hohen Alter noch einmal herausfordern lässt? Sollten nicht die Jungen, die Anderen, sich jetzt auf Gott einlassen? Gott hat doch längst Einzug in sein Leben gehalten und schon genug verändert. Soll er sich schon wieder auf Veränderungen einlassen, nur weil Gott ihn anspricht? Sein Leben verläuft doch in geordneten Bahnen. Er könnte Gott ausweichen mit dem Hinweis: Jetzt solle sich Gott doch erst einmal einen anderen aussuchen und bei dem den Glauben testen! Gott, wenn sich mein Leben ständig verändern soll, wenn ich jetzt schon wieder Vertrautes verlassen soll, dann schürst Du ja die Angst, die ich vor der Zukunft habe! Abraham lässt sich auf Gott neu ein. Gott mischt sich in das Leben des Abrahams ein. Und Abraham lässt Gott mitmischen. Er gehorcht. Abrahams Sehnsucht nach Gott ist größer als die Angst vor einer ungewissen Zukunft, größer als das Loslassen des alten Lebens. Er gehorcht Gott.

 

Das Wort vom Gehorsam ist für unsere Ohren längst zu einem Fremdwort geworden. Gehorchen? Wo bleibt da die Selbstbestimmung? Gehorchen? Was wird dann aus meiner Lebensplanung! Gehorchen? Was wird dann aus dem, was ich vom Leben erwarte und was ich mir – oft auch – von Herzen wünsche? Ist das Wort vom Gehorsam noch zeitgemäß? Hat sich das Wort vom Gehorsam und die Tat des Gehorchens nicht längst schon überholt, überlebt? Gehorchen? Den Eltern? Den Lehrern? Dem Wort Gottes? Etwas tun, das ich nicht einsehe? Etwas tun, auf das ich keinen Bock habe? Etwas nicht zu tun, das mir Spaß macht? Gehorchen? Auf das Gehörte mit Zustimmung zu reagieren? Gehorchen? Mich verleugnen! Gehorchen? Mich einschränken? Gehorchen? Gottes Wille zu tun!

 

Das Motiv des Gehorsams zieht sich durch die ganze Abrahams-Geschichte und durch die Geschichte jedes glaubenden Menschen. Es ist kein erzwungener Gehorsam aus Furcht vor Strafe. Es ist der freie Gehorsam eines Menschen, der sich dem Ruf Gottes anvertraut. Mehr noch, der sich dem anvertraut, der ihm eine neue Zukunft verheißt. Wie bei Jesus im Garten Gethsemane: „Vater, nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ - „Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“ Heb 11, 1

 

Selbst die Jünger Jesu sind keine guten Glaubensvorbilder. Sie scheitern ständig: Sie schreien Eltern an und verjagen Kinder! Sie wissen immer alles besser! Einer verrät Jesus, die anderen verleugnen ihn und fliehen schließlich im Garten Gethsemane und verstecken sich vor den Behörden.

 

Das griechische Wort für Jünger ist eigentlich Schüler. Die Jünger gehen bei Jesus in die Schule, analog, im Präsenzunterricht, manchmal auch im Wechselunterricht, wenn es sein muss, auch digital. Jesus ist ihr Lehrer, er ist ihr Rabbi, ihr Meister. Leistungsmäßig bekommen sie eine Note zwischen 4 und 5, manchmal auch eine 6. Ihre Versetzung ist stark gefährdet. Und doch steht Jesus zu ihnen. Er versetzt sie nicht und versetzt sie in die nächste Klasse und in neue Herausforderungen des Glaubens, weil er sie liebhat und ihnen immer wieder neuen Glauben schenkt. „Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.“ Heb 11, 1

 

Glauben heißt, sich die Ohren öffnen zu lassen für mehr als das, was wir beurteilen können und eh schon kennen. Glauben heißt, sich auf das Erleben der Zeugen verlassen. Glauben heißt hinzuhören und auf Erzähltes zu vertrauen. Glauben ist mehr als nörgelndes Zweifeln. Glauben ist zuversichtliches Hoffen! Glaube ist ein Vertrauen in das Wort Gottes, in das Wort von der Liebe Gottes, ein Vertrauen in die Liebe Gottes, auch wenn man nichts mehr spürt.

 

Martin Luther:

„Das ist die Herrlichkeit des Glaubens. Nicht wissen, wohin du gehst, was du tust, was du leidest, und indem alles an Sinn und Verstand, Tüchtigkeit und Willen gefangengenommen ist, der bloßen Stimme Gottes folgen und mehr geführt und gehandelt werden denn selbst handeln. Und so leuchtet es ein, dass Abraham in solchem Glaubensgehorsam das höchste Beispiel evangelischen Lebens an den Tag gelegt hat, da er alles hinter sich gelassen hat und dem Herrn gefolgt ist, das Wort Gottes allem vorziehend und über alles liebend, freiwillig ein Fremdling und zu jeder Stunde Gefahren des Lebens und des Todes unterworfen.“ Hebräerbriefvorlesung 1517/1518

 

Glauben heißt oft nicht zu wissen, welche Wege Gott uns führt und zumutet. Aber Glauben heißt gewiss zu wissen, dass wir einen Vater im Himmel haben, der immer bei uns ist und der uns zu sich rufen wird. Jesus ist diesen Weg vorausgegangen. Er hat uns die Wohnung bereitet. Weil wir dies wissen,  leben wir gerne als Gottes Kinder als Fremdlinge auf dieser Erde und in unserem Land und Staat. Deshalb gehorchen wir dem Vater und wenn es der Weg in Schwierigkeiten ist. „Nur der Glaubende ist gehorsam und nur der Gehorsame glaubt.“ Dietrich Bonhoeffer

 

„Ich glaube an Gott, den Vater … Ich glaube an Jesus Christus … Ich glaube an den Heiligen Geist … Ich glaube (liebe) an die Heilige Christliche Kirche. Ich glaube (liebe) an die Gemeinschaft der Heiligen.“ -  Sie sind die Wolke der Zeugen, von denen unser Predigttext auch spricht. Ich bin im Glauben nicht allein unterwegs. Gott hat mich in eine konkrete Gemeinschaft gestellt. Aber das wäre eine eigene Predigt.

 

Glaube heißt: Ich begehre Gott! Ich liebe Gott! Ich liebe Jesus Christus! Ich liebe den Heiligen Geist!“ - Ich folge ihm nach, weil er mich in die Gemeinschaft der Heiligen berufen hat.

 

Ja, manchmal schmunzelt Gott über unsere menschlichen Pläne und Ziele. Schön, dass wir ihn manchmal zum Schmunzeln bringen. Und wir können im Nachhinein oft auch über unsere Pläne schmunzeln, liebe Gemeinde und sind dankbar, dass Gott uns gerufen hat und wir im Glauben und Gehorsam ihm gefolgt sind und alles ganz anders als von uns gewünscht und geplant gekommen ist. Gottes Wege sind immer gut! Viele Glaubenszeugen, die Wolke der Zeugen in Geschichte und Gegenwart, haben es uns vorgelebt und leben es uns vor. Und wir leben es anderen vor und gehören auch zur Wolke der Zeugen, der Gegenwart Gottes als Gemeinschaft der Heiligen und als Heilige Christliche Kirche.

 

AMEN

 

Lieder EG und neue Lieder plus

14, 1-3+6        Dein König kommt in niedern Hüllen

731                  Psalm 69

91, 1-4            Herr, stärke mich, dein Leiben zu bedenken

+ 217, 1-4       Wir gehn hinauf nach Jerusalem

625, 1.2.4.       Herr, weil mich festhält deine starke Hand

421                  Verleih uns Frieden gnädiglich

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Ernst.Eyrichdontospamme@gowaway.gmx.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Grüße zur Karwoche und zu Ostern

„Ich glaube an Jesus Christus“ – so heißt es in unserem Glaubensbekenntnis. Weiter heißt es: „… gekreuzigt, gestorben und begraben … am dritten Tage auferstanden von den Toten.“ Das alles bedenken wir in den kommenden Tagen. Wir bedenken das Leid im Leiden, den Schmerz in den Schmerzen, den Tod im Tod … schließlich das Leben im Leben, die Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Christi Auferstehung wird begleitet von einem Erdbeben. Ja, die Welt ist erschüttert. Nichts ist mehr wie es ist. Mit den Waffen des Todes besiegt Gott den Tod, durch den Tod Jesu Christi. Damit ist auch die Sünde besiegt! Sie hat ihre Macht verloren und ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. In unserem Karfreitagsgottesdienst läuten deswegen bei der Schriftlesung alle Glocken wenn es heißt: „Und Jesus verschied!“ - Bewegend ist dieser Augenblick, den die Gemeinde stehend erlebt!

 

Ja, die Sünde hat ihre Macht verloren – auch wenn wir heute immer noch sagen müssen, dass es immer noch sehr viel Schuld und Leid durch Schuld gibt. Dennoch weiß unser Glaube: Der Tod ist tot! Verrückt? Ja, verrückt! Wir sind verrückt vom Tod zum Leben, vom Leid zur Freude! Jesus ist für unsere Sünden gestorben! Es ist vollbracht! So ist im Leid und in der Trauer des Karfreitages (Karfreitag heißt trauriger Freitag) die große Freude geheimnisvoll verborgen. Diese Freude wird an Ostern vollkommen, sichtbar und offenbar: An Christi Auferstehung. Jesus lebt!

 

Unsere Kirchengemeinde hat in diesen Tagen eine Osterkerze gestiftet bekommen. Diese werden wir im Ostergottesdienst entzünden und dann Sonntag für Sonntag. Das Osterlicht beleuchtet unseren Alltag, unsere Sorgen, unsere Fragen, unsere Ohnmacht. Aber auch unseren Glauben und unsere Hoffnung.

 

In der Heiligen Taufe werden wir in den Tod Jesu Christi getauft, wir werden in die Auferstehung Jesu Christi getauft. Wir werden in das Heil getauft. So sind Karfreitag und Ostern Urbild der Heiligen Taufe. Freude darf sich Bahn brechen, große Freude. Dankbarkeit darf unsere Herzen durchfluten und überfluten und die ganze Welt:  Gott ist gnädig! Amazing grace!

 

Ich lade Sie zusammen mit dem Kirchengemeinderat ein die Gottesdienste in der Karwoche und an Ostern mitzufeiern, zuhause oder in der Michaelskirche. Denn es gibt mehr als einen Grund das Heil zu feiern.

 

So grüße ich Sie in herzlicher Verbundenheit

 

Ihr Pfarrer Ernst Eyrich

Wainer Predigt Sonntag Oculi 7.3.2021

Eintausendsiebenhundert (1700) Jahre freier Sonntag

Kaiser Konstantin hat mit seiner Hinwendung zum Christentum eine Norm eingeführt, die sich bis heute gehalten hat. Per Edikt erklärte er am 3. März 321 n. Chr. den Sonntag zum Tag der Arbeitsruhe. Damit kann in diesem Jahr 1700 Jahre freier Sonntag gefeiert werden. Schon zu Konstantins Zeiten galt der Sonntagsschutz nicht nur den Christen, sondern allen Menschen. Heute ist der arbeitsfreie Tag im Grundgesetz verankert.

 

Oculi, 07.03.2021, 9 Uhr Wain, 10.15 Uhr Dietenheim

Thema: Nachfolge

Wochenspruch: Jesus spricht: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lukas 9, 62

 

Eingangsgebet

Lebendiger, starker und heiliger Gott, du unser Licht!

Aus Liebe gibst du uns alles Gute zum Leben.

Wir vergessen so leicht, dass du so freundlich zu uns bist.

Wir suchen Heil und Glück anderswo, aber nicht immer bei dir.

Vergib uns unsere Irrwege.

Jetzt sind wir gekommen, dich zu suchen und zu feiern,

dir zu folgen und dir unser Leben neu anzuvertrauen.

Erinnere uns heute Morgen an deine guten Gaben,

damit wir gestärkt werden und neu zur Liebe fähig.

Bei dir sind wir willkommen. Dein Wort will uns erneuern.

Mache uns mutig und ehrlich. Hilf uns Lasten bei dir abzulegen.

Erneuere uns durch deinen Geist. AMEN

 

Fürbittengebet

Lebendiger, starker und heiliger Gott, du unser Licht!

In Jesus Christus hast du uns neues Leben geschenkt. Dafür danken wir dir.

Deine Liebe steht uns vor Augen. Deine Gebote sind klar. Aber wir benötigen die Kraft deines Heiligen Geistes, um danach zu leben.

 

Wir bitten dich:

Erinnere uns an deine Art, wenn wir morgen wieder gefordert sind in Familie, am Arbeitsplatz und in der Schule. Mache uns mutig und willig, an unserem Denken und Reden zu arbeiten, achtsam mit unseren Augen und Ohren umzugehen und unsere Zunge im Zaum zu halten.

 

Wir bitten dich:

Stärke unsere Gemeinschaft mit dir und untereinander. Schenke, dass wir nicht mit Fingern aufeinander zeigen, sondern voneinander lernen und uns gegenseitig helfen auf dem Weg der Nachfolge.

 

Wir bitten dich:

Schenke deinen guten Geist dort, wo Menschen gelehrt und geprägt werden. Wecke du ein Verlangen nach Reinheit, nach Heiligkeit und Achtsamkeit, nach Rücksicht und Respekt voreinander. Zeige uns, wo wir selbst der Unordnung wehren sollten, und mache uns zu mutigen Zeugen deiner Liebe.

 

Wir bitten dich:

Leite du die Politiker, aber auch die Verantwortlichen in der Welt der Medien, die großen Einfluss haben in unserer Gesellschaft. Lenke ihr Denken, Reden und Entscheiden auf einen guten Weg. Lass sie das Wohl unserer Gesellschaft im Blick haben und nicht ihre persönliche Macht. Setze sie den Menschen zum Segen, und beschenke sie dazu mit allem, was sie benötigen.

 

Wir loben dich, du starker und heiliger Gott, du unser Licht! AMEN

 

Schriftlesung: Lukas 9, 57-62   - Vom Ernst der Nachfolge

57 Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. 58 Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. 59 Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. 60 Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! 61 Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. 62 Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

 

Predigttext: Epheser 5, 1-9             3. Reihe neu

Leben im Licht

1 So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder 2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. 3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, 4 auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung. 5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. 6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. 7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen.

8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; 9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.

 

Liebe Gemeinde, liebe Kinder des Lichtes,

ja, so spricht Paulus die Christen in Ephesus an: „Ihr seid Kinder des Lichts!“ – Gott hat bei der Schöpfung das Licht erschaffen. In Jesus Christus ist das Licht der Welt Mensch geworden. Aus dem Geschöpf Gottes, das wir alle sind, sind wir allein durch die Gnade Gottes ein Kind Gottes, und damit ein Kind des Lichts geworden. Ja, Christen sind Kinder des Lichtes. Ob Paulus die Bergpredigt Jesu kannte? Dort hat es Jesus deutlich gesagt und öffentlich verkündigt: „Ihr seid das Licht der Welt!“ (Matthäus 5, 14). Das ist ein Basta-Wort! So ist es! Das ist die Wahrheit! Ein dickes Amen könnte man dahinter setzen! Jesus hat nicht geschimpft und gezetert: „Seid endlich einmal Licht der Welt! Strengt euch an! Tut etwas, …oder …!“ -  Nein, aus Gnade sind wir Gottes Kinder und damit Kinder des Lichtes. Christsein ist nichts, was wir aus uns selbst hervorbringen können und müssen. Es ist uns geschenkt. Dass es sich auswirkt, das ist allerdings schon unsere Aufgabe.

 

„Früher“, so schreibt es Paulus der Gemeinde in Ephesus, „ward ihr Finsternis! Ihr ward nicht nur Kinder der Finsternis. Ihr habt nicht nur in der Finsternis gelebt, sondern ihr ward die Finsternis!“ -  Die Finsternis will immer den glimmenden Docht auslöschen, das Licht vernichten, das Licht auslöschen, es verdecken, es verstecken, es ersticken. Aber das kann die Finsternis nicht mehr. Jesus ist am Kreuz von Golgatha gestorben, er hat die Finsternis des Todes, die Finsternis der Schuld und die Finsternis der Hölle ertragen und erlitten und gerade dadurch besiegt. Jesus lebt! Deswegen hat die Finsternis keine wirkliche Macht mehr, obwohl wir ihr immer wieder ausgeliefert sind, von ihr verführt werden und uns ihr beugen wollen. Johannes hat es so ausgedrückt: „In Jesus war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat` s nicht ergriffen!“ (Johannes 1, 4f.).

 

Als Christen sind wir das Licht der Welt. Und als Christen sind wir Kinder. Es ist unglaublich, wie Kinder Eltern nachahmen, wie Kinder in ihrer Gestik und Mimik die Eltern kopieren. Oft erkennen wir in den Kindern die Eltern. Die Bewegung ist fast gleich, Sprache und Gestik genauso. In einem gewissen Alter ist es drollig und manches Mal auch verblüffend, wie genau Kinder ihre Eltern kopieren. Sie brauchen diesen Nachahmungstrieb, um zu lernen und neues Verhalten einzustudieren. Und nicht selten sehen sich die Eltern im Verhalten der Kinder wie in einem Spiegel, leider auch, was das unschöne Verhalten anbetrifft.

 

Es gibt aber auch über das Kleinkinderalter hinaus eine Zeit, in der Kinder zu Nachahmern, zu Mimen der Eltern werden. Eine pädagogische Weisheit sagt: „Bis zum Alter von 12 Jahren tun Kinder, was die Eltern sagen. Danach aber machen sie, was die Eltern tun.“ - Goethe lässt seine verehrte Leserschaft wissen: „Man könnt` erzogne Kinder gebären, wenn die Eltern erzogen wären.“ - Eltern sind Vorbilder für die Kinder. Ob sie es wollen oder nicht!

 

„Erziehung ist zwecklos. Die Kinder machen uns ja doch alles nach!“ – So steht es auf einer Postkarte an der Tür eines Kindergartens. Die Erzieherinnen haben sie dort als humorvolle Erinnerung hin gepinnt. Eigentlich weiß es jeder, dass alle Ermahnungen und Regeln wenig helfen, wenn sich die Eltern und Erzieherinnen nicht auch selbst daran halten. Die beste Erziehung ist und bleibt das eigene Beispiel. Kinder brauchen gute und verlässliche Vorbilder – sonst hat die Erziehung wenig Wert und unsere gegenwärtige Erziehungs- und Bildungs- diskussion greift viel zu kurz, wenn sie nur nach Geld schreit und reflexartig - auch artig politisch korrekt - Gelder oft sinnlos zur Verfügung stellt. Auch hier kommt die Digitalisierung an ihre Grenzen.

 

Wer sich den himmlischen Vater zum Vorbild wählt, ist auf einer guten Spur. Genau dazu

ermahnt uns der Apostel, genau dazu lädt er uns ein. „So folgt nun Gottes Beispiel als die

geliebten Kinder und lebt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.“ Epheser 5, 1+2

 

Der Christenmensch hat seine Würde von Gott und aus Gottes Liebe. Schließlich ist der Mensch das Ebenbild Gottes. In der Hafenstadt Ephesus ging es moralisch drunter und drüber. Heidnischer konnte es kaum zugehen. Heidnische Verhaltensweisen spricht nun der Apostel Paulus in den Versen 3 und 4 an. Diese sind zu meiden.

 

·       Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder

·       Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört (heidnische und damit gottlose Taten).

·       Auch schandbare und närrische oder lose Reden stehen euch nicht an, sondern vielmehr Danksagung (heidnische und damit gottlose Worte)

 

Zusammengefasst geht es um die Sexualität, das Geld und die Sprache. Es geht um die Gebote 6 und 8 und 9 und 10. Unzucht, Unreinheit und Habsucht gehen bei den Kindern des Lichtes gar nicht mehr. Schandbare und lose Reden auch nicht. Lasst euch da nicht verführen, ihr Kinder des Lichtes, ihr geliebten Kinder Gottes. Übt stattdessen Danksagung, denn ihr seid Heilige und keine Götzendiener. Denn all das genannte ist Götzendienst.

 

Beim Götzendienst geht es um Mächte, die diese Welt und damit die Kinder des Lichts und die geliebten Kinder Gottes beherrschen wollen. Sie bringen Menschen dazu, andere zu verletzen und auszubeuten. Wenn ich Unzucht mit Missbrauch übersetze, der die Zerstörung von Kinderseelen in Kauf nimmt, um die eigene Begierde zu befriedigen, dann brauche ich nicht viel zu erklären. Hier hat die Rede vom Zorn Gottes ihr Recht. Oder wenn ich Unreinheit mit Eigennutz und Rücksichtslosigkeit übersetze, und Habsucht mit Gier auf Kosten anderer, weil das jeder Heiligkeit widerspricht. Immer geht es um die Schädigung und die Vernichtung von Leben, in der letzten Konsequenz sogar des eigenen Lebens. Denn das Böse, das ich tue, das schadet nicht nur meinem Nächsten, sondern letztlich auch mir selbst. Also: Finger weg vom Götzendienst, auch vom Götzendienst am Ego.

 

Und wie mächtig Menschen mit losen Worten geschadet wird, ist in einer Mediengesellschaft und in den sozialen Netzwerken allgegenwärtig. Hassreden, Wutreden, Hintenherumreden! Nichts mehr Ernstnehmen, alles schamlos ins Lächerliche ziehen, natürlich auf Kosten des anderen, das ist nur scheinbar harmlos. Es verletzt Menschen, denen Inhalte und Dinge wertvoll und wichtig sind. Wie oft werden konservative Christen auch in den „Öffentlich Rechtlichen“ verleumdet, nur weil Ihre Meinung nicht dem gängigen Trend entspricht der da lautet: „Alles ist wegen der Selbstbestimmung des Menschen möglich!“ - Ob hier eine subtile Gehirnwäsche geschieht frei nach dem Motto: „Steter Tropfen hölt den Stein“ und „alles ist möglich dem, der nicht glaubt!“  - Alles ist in Ordnung – auch wenn es gegen Gottes Gebot verstößt, z.B. beim 5. Gebot: „Du sollst nicht töten!“

 

Ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom vergangenen Jahr zum Recht auf selbstbestimmtes Sterben etwa nichts anderes als eine Hassrede auf das Leben? Ebenso die Abtreibung, die ja kein Recht in Deutschland ist, aber immer als Recht dargestellt wird. Ein klassischer Fall von Fake-News. Abtreibung ist rechtswidrig hat das Bundesverfassungs-gericht festgestellt – und gleich doch eine Möglichkeit zur Abtreibung geschaffen: „… aber straffrei!“ - Was für eine Heuchelei, ein Hinken auf beiden Seiten?!

 

Tut es da nicht gut, angesichts „der Mächte dieser Welt“ sich immer wieder neu bewusst zu machen, dass wir als Christen Kinder Gottes sind, Kinder des Lichts? Ist es nicht großartig, den Anspruch Gottes an diese Welt und die vielen ethischen Fragen, die unsere Gesellschaft und die ganze Welt bewegen, hochzuhalten, zu leben, nachzuahmen und gerade so die Welt und uns selbst zu befreien von den „Mächten dieser Welt?“ – Ja, Christus gleich zu sein, indem wir seine Hingabe zu dieser Welt in tägliche und alltägliche Zuwendung und Liebe vorleben, nachahmen uns zum Vorbild nehmen?!

 

Deshalb: „Ahmt Gott nach als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.“ (Epheser 5, 1). Ja, das ist ein lieblicher Geruch. Dem Götzendienst zu erliegen, das stinkt zum Himmel.

 

Die Liebe ist die Macht gegen die Mächte dieser Welt. Für diesen hohen Anspruch des Evangeliums dürfen wir dankbar sein. Denn das Evangelium befreit uns. Christen sind Befreite vom Götzendienst. Wir dürfen uns immer wieder bewusst machen, wem wir gehören. Wir gehören dem Heiligen Gott. Diesen Gottesdienst und jeden Gottesdienst feiern wir in seinem Machtbereich. Jede Zeit und jeder Ort gehören ihm.

 

„Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet, so lass uns hören jenen vollen Klang der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet, all deiner Kinder hohen Lobgesang“, dichtet Dieterich Bonhoeffer und meint damit eben die guten Mächte um uns herum, die zum Widerstand ertüchtigen gegen den so scheinbar harmlosen Götzendienst. „Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten.“ (Epheser 1, 5f.)

 

Von Martin Luther (Kleiner Katechismus) und leider auch aus der eigenen Erfahrung wissen wir, dass der alte und doch ewig junge und dynamische Adam fröhlich Auferstehung feiert: „Der alte Adam“, - heute muss man sicher auch korrekterweise sagen die alte Eva -, „soll in uns durch tägliche Reue und Busse ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinheit vor Gott ewiglich lebe.“

Als Christen sind wir Licht! Basta! Und wir leben in einer großen Spannung. Wir kennen das von der Elektrizität: Licht lebt von der Spannung, vom Wechselstrom. Licht entsteht, wenn Spannung da ist. Und die tägliche Anspannung, in der Christen stehen sollen, um vor der Welt zu leuchten, bedeutet immer wieder fröhlich und entschlossen den Widerstand gegen die alltäglichen Versuchungen aufrecht zu erhalten. Christen strahlen Licht in diese Welt Licht hinaus und hinein! Sie bringen damit Hoffnung und Liebe in eine dunkle Welt. Christsein ist und bleibt anspruchsvoll. Dem Zuspruch des Evangeliums entspricht der Anspruch des Gesetzes. Gottes Geist ist in uns, der das in uns bewirkt. Wir müssen nicht krampfhaft ständig scheitern bei der Umsetzung dieses Anspruches.

 

Der heutige Sonntag will uns helfen, worauf wir unseren Blick richten, welche Blicke wir wagen dürfen und wagen sollen. Oculi heißt: „Meine Augen schauen stets auf den Herrn!“ Gott soll mein Blickfang sein. Wer Gott anschaut, der wird von Gott angeschaut. Im Segen erbitten wir es Sonntag für Sonntag: „Der Herr erhebe sein Angesicht auf euch … und gebe euch Frieden“. Frieden ist dort, wo Gott uns mit seinen Blicken segnet und uns damit ehrt. Oculi: „Meine Augen schauen stets auf den Herrn.“ - Er ist Licht, er ist das Licht schlechthin. Deswegen können wir als Christen Lichtträger sein, weil wir von Gottes Licht angestrahlt worden sind. Deswegen können wir Gottes Licht in diese Welt hineintragen. Wenn wir uns dem Licht Gottes aussetzen, dann werden wir von seinem Licht erleuchtet und sein Licht leuchtet uns den Weg durchs Leben, gerade auch durch die dunklen Passagen, die es in jedem Leben und an fast jedem Tag gibt.

Von Gott geliebt sein passt nicht zu einem Verhalten, das sich in lauter Selbstliebe verfinstert. Wir können uns also nicht vornehmen, aus eigener Kraft zu lieben und zu leuchten – und heilig zu werden. Aber wir müssen uns fragen lassen: Wie passt das zusammen: Gott liebt uns grenzenlos, bis in seinen eigenen Tod, dessen wir in dieser Passionszeit gedenken. Gott lässt uns also in seiner Liebe hell erstrahlen – und wir wollen uns weiterhin so verhalten, als sei das nicht für uns geschehen? Wollen wir denn wirklich Gottes Liebe Lüge strafen, wollen wir wirklich Gottes Licht verfinstern? Gottes Liebe nimmt uns also sehr wohl in Anspruch – aber eben immer und nur so, dass sein Zuspruch dem weit vorauseilt.

Wollten wir also aus eigener Kraft Heilige sein und so tun (und uns so verhalten), dann wäre das ebenso lächerlich, wie der Versuch des Mondes aus eigener Kraft zu leuchten. Aber wenn der Mond sich dem Licht der Sonne entziehen wollte, dann wäre das nicht minder lachhaft, närrisch – und tödlich. Und eigentlich unmöglich.

Also – um Gottes Willen und um Christi Willen und um unseretwillen: „Lebt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ – Kann es etwas Schöneres geben?

AMEN

Lieder: EG und Neue Lieder plus

441, 1-5                      Du höchstes Licht, du ewger Schein (Melodie EG 440)

718                             Psalm 34

391, 1-4                      Jesu, geh voran auf der Lebensbahn

+ 93, 1-4                     Wo Menschen sich vergessen

+ 32, 1-7                     Ein Lied klingt durch die Welt

421                             Verleih uns Frieden gnädiglich

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Kirchstraße 16, 88489 Wain Ernst.Eyrichdontospamme@gowaway.elkw.de

 

 

 

 

Inovokavit, 21. Februar 2021

Invokavit, 21.02.2021,

Schriftlesung: Johannes 13, 1-20 – Text unmittelbar vor dem Predigttext

Die Fußwaschung

1 Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater. Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. 2 Und nach dem Abendessen – als schon der Teufel dem Judas, dem Sohn des Simon Iskariot, ins Herz gegeben hatte, dass er ihn verriete; 3 Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging – 4 da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. 5 Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und zu trocknen mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war. 6 Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, du wäschst mir die Füße? 7 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren. 8 Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen! Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. 9 Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! 10 Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; er ist vielmehr ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. 11 Denn er wusste, wer ihn verraten würde; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. 12 Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? 13 Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin's auch. 14 Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. 15 Denn ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. 16 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Gesandte nicht größer als der, der ihn gesandt hat. 17 Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr's tut. 18 Ich spreche nicht von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe. Aber es muss die Schrift erfüllt werden (Psalm 41,10): »Der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen.« 19 Schon jetzt sage ich's euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin. 20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer jemanden aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.

 

Predigttext: Johannes 13, 21-30                 3. Reihe neu

Jesus, der Lieblingsjünger und der Verräter

21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? 26 Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28 Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Schriftlesung:

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext beginnt trüb und er endet dunkel. Es herrscht eine düstere Stimmung und eine beklemmende Stille. Arges, Schweres, ja Teuflisches liegt in der Luft. Ob das, was kommen wird, noch abgewendet werden kann? Ob es sich Judas noch einmal überlegt? Ob er von der Liebe Jesu, die er bei der Fußwaschung genossen hat, verändern lässt? Ob Judas sich innerlich schon seit längerer Zeit von Jesus verabschiedet hat? Ob er noch Herr über seine Sinne war? Ob er vom Teufel geritten wurde? Judas wird Jesus verraten und den Tisch und damit die Tischgemeinschaft mit Jesus und den Jüngern verlassen. Ein Verräter ist ein einsamer Mensch. Er flieht aus der Gemeinschaft. Judas zieht, er flieht in die Finsternis: „Und es war Nacht!“

 

In Deutschland können Eltern ihrem Kind nicht ohne Weiteres den Namen Judas geben. Dieser Vorname kann von den Standesämtern abgelehnt werden, da dieser Vorname das Kind herabwürdigen könnte und darum dem Kinderwohl zuwiderläuft. Der Name ist negativ besetzt.

 

In Mexiko werden zu Ostern Judasfiguren aus Pappmasche hergestellt. Sie werden mit Feuerwerkskörpern bestückt, in den Straßen aufgehängt und zum Explodieren gebracht. Für alle sichtbar erfährt Judas so nachträglich seine gerechte Strafe für seinen Vertrauensbruch.

 

„Und es war Nacht!“ – Bei jeder Abendmahlsfeier werden wir an diese Nacht und diesen Verrat erinnert. „Der Herr Jesus in der Nacht, da er verraten ward …“ – Ob Sie und ich auch zu den Verrätern gehören?

 

Selbst Jesus ist innerlich aufgewühlt, tief traurig und durcheinander. Schließlich geht es um eine große Enttäuschung. Es geht um Verrat und um Misstrauen. Luther: „Christus rühmt sich nicht seiner Gottheit“ – er isst mit den Jüngern und er ist zutiefst erschüttert. Er flüchtet sich nicht in sein „wahres Gott-Sein“ und rettet sich so aus dem Leid. Nein, Jesus ist hier der wahre Mensch, ganz Mensch, durch und durch Mensch! Es ist schlimm genug, wenn die Gefahr von außen kommt. Es ist besonders tragisch, wenn der Verrat aus dem innersten Freundeskreis, aus dem Jünger-Kreis kommt. Vertrauen wurde im wahrsten Sinne des Wortes missbraucht. Das Wort Missbrauch klingt seit ein paar Jahren noch intensiver!

 

In Papua-Neuguinea gibt es ein Volk, das kannibalisch lebte. Im Jahr 1962 kam das  Missionsehepaar Don und Carol Richardson zu dem Stamm der Sawi. In ihrem Buch „Friedenskind“ berichten Don und Carol Richardson in mitreißender Weise von der ursprünglichen Lebensweise dieses Stammes, in dem tückischer Verrat und gemeine Hinterhältigkeit als Ideal verherrlicht wurden, und wie Jesus Christus – Gottes Friedenskind – schließlich auch dem Sawi-Volk Gottes Frieden brachte. In diesem Buch lesen wir: „Mit hämischer Freude beobachteten sie (Sawi-Volk) das Schauspiel des Wechsels von heiterem Vertrauen zu abgründigem Schrecken, von Hoffnung zu schwarzer Verzweiflung. Während Yae starr vor Entsetzen dasaß, trat Giriman direkt vor ihn, den Speer zum Stoß erhoben. Yae sah, wie Giriman den Mund öffnete und hörte seine grausam zischende Stimme sagen: `Wir haben dich mit Freundschaft zur Schlachtung gemästet`. Das war die Kultur der Sawi: Die Idealisierung der Verherrlichung von Tücke und Verrat. Freundschaft und Vertrauen dienen nur der Schlachtung.

 

Ja, so etwas kann man nicht fassen. Man ist und bleibt fassungslos wie tief die inneren Abgründe des Menschen sein können. Ob Jesus auch fassungslos war? Jesus weiß längst, dass Judas ihn verraten würde. Aber noch immer duldet er ihn im Kreis der Jünger. Er isst und trinkt mit ihm. Jesus kniet sich sogar vor Judas nieder und wäscht ihm die Füße. Ob Jesus ihn noch einmal mit einem Blick voller Liebe angeschaut hat? „Judas, willst du wirklich mein Verräter werden?“

 

Die Stimmung ist angespannt. Wie wird es weitergehen? Und trotzdem essen und trinken sie miteinander. Aber – es ist ihnen nach allem Anderen zumute als nach Feiern und guter Laune. An das Passahfest wird ja erinnert, an das Fest der Freiheit! Ein bedrohlicher Schatten hatte sich über sie alle gelegt. Jesus wurde längst gesucht, verfolgt, gar mit Verhaftung und dem Tod bedroht. Und die Jünger? Sie hingen mit drin. Eine Schicksalsgemeinschaft war das geworden, was als Lehrer-Schüler Beziehung begonnen hatte. Bedrohung von außen – das lässt zusammenrücken – normalerweise. Aber hier? Ein Satz von Jesus – und es war, als sei ein Tropfen Gift gefallen. Misstrauen gesellte sich zu der Angst vor dem, was kommen würde. „Einer von Euch wird mich verraten!“ -  Leise und ohne Vorwurf sagte der Meister das. Eine Feststellung, eingeleitet mit dem doppelten Amen! Amen heißt: Das ist die Wahrheit! – „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch!“

 

Alle Frömmigkeit, alles Beten schützte Judas nicht vor dem Verrat. Johannes sagt: „Der Satan fuhr in ihn.“ Der Diabolos – der Durcheinanderbringer – ist die Kraft, die alles verdreht und durcheinanderbringt. Der Evangelist Johannes versucht mehrmals das Unbegreifliche zu erklären. Er unterstellt dem Judas auch sonst dunkle, eigennützige Motive: Judas war ein Dieb (Johannes 12, 4-6). Er hatte es auch sonst mit Geld zu tun. Ob Geld den Charakter verdirbt?  

 

Ganz anders Jesus: Er reicht auch dem Judas das Brot! Er schließt ihn gerade nicht aus seiner Gemeinschaft aus! Dass es die dunkle Macht gibt – das war für Jesus keine Frage. Er wurde selbst – damals in der Wüste - versucht! Auch Petrus hat das Jesus einmal auf den Kopf zugesagt: „Geh weg von mir, Satan!“ -  Und doch hat Jesus die Beziehung zu Petrus nicht aufgekündigt. Für Jesus ist auch der, der Böses tut, nicht verloren, nicht verdammt. Selbst Judas nahm am Abendmahl teil. Damit erfüllt sich Psalm 41, 10, wo es heißt: „Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, tritt mich mit Füßen.“

 

Die Sünde ist eine Macht, der wir ohnmächtig gegenüberstehen. Das Böse ist eine überindividuelle Macht. Judas ist der Täter und doch ist das Böse mächtiger als Judas. Was er tut, was er tun muss, ist nicht nur aus seiner Person heraus zu erklären. Das Böse entwickelt eine Eigendynamik. Es ist die Erfahrung, dass ich immer wieder nicht das Gute tue, das ich tun will, sondern das Böse, das ich nicht will. (Römer 7, 19f.).

 

Die große Kohle macht Judas mit dem Verrat nicht. Von seinem Judaslohn kann er sich nur ein paar kleine Brötchen kaufen. 30 Silberlinge (Denare) sind kein Vermögen, sondern eher ein Spottgeld (vgl. 2. Mose 21,32; dieser Betrag wird gezahlt, wenn ein Ochse einen Sklaven tötet).  Judas ist jener Mensch, der Jesus an die Welt preisgibt, weil Jesus sich für die Welt preisgibt. Als Lösegeld!

 

Martin Luther hat über das Johannesevangelium geschrieben: „Hier wird erzählt, wer Jesus ist, nicht nur, was er getan hat.“ So ist das Johannesevangelium ein theologischer Blick hinein in das Leben Jesu. Eines ist immer klar: Jesus ist wahrer Mensch und er ist wahrer Gott! Jesus weiß alles, was kommen wird und ist darüber doch betrübt wie ein Mensch.

 

Das Johannesevangelium erzählt auf besondere Weise, dass Jesus nicht nur den bevorstehenden Verrat benennt und vorhersagt, sondern die Initialzündung für diesen Verrat selbst auslöst: „Der ist` s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Iskariot (heißt wohl „Mann der Lüge“). Als Jesus den Bissen nimmt und Judas gibt, ergreift der Satan von Judas Besitz. Hier wird angedeutet, dass selbst die Machenschaften des Satans erst dann beginnen können, wenn Jesus es aktiv zulässt. Selbst in seinem Verraten-Werden ist Jesus der Herr des Geschehens und gibt sich bewusst in das Leiden und Sterben hinein.

Und wir? Wo sitzen wir am Tisch Jesu? Sitzen wir gleichzeitig auf beiden Seiten? Wo immer wir nicht einstimmen in den Willen Gottes gehören wir zu den Verleugnern und Verrätern. Der Hahn auf dem Kirchendach und auf dem Dorfbrunnen erinnern uns daran. Auch – wie bereits gesagt – die Einsetzungsworte zum Heiligen Abendmahl. Mich tröstet es, dass in der Verdichtung der Abendmahlsgeschichte, wie sie in den Einsetzungsworten gesagt ist, immer auch der Verrat Thema ist.

 

Jesus liebt den Sünder, das ist tröstlich – und er hasst die Sünde. Wenn wir an den Tisch Jesu treten – wir sind ja gerade als Sünder eingeladen - reicht er uns den Bissen. Selbst wenn wir ihn hundertmal verraten haben – und es wieder tun werden. Und wir sitzen auch auf der anderen Seite des Tisches: Wie Jesus erleben auch wir solchen Schmerz, solche Verletzungen. Wo immer Menschen uns Unrecht tun – und das geschieht ja. Wo es uns schmerzt, weil einer, der uns nahesteht, uns nicht versteht. Und Dinge tut, die einfach weh tun – und das scheinbar gar nicht merkt. Wo wir uns fragen: Was für eine dunkle Macht treibt den gerade an? So etwas geschieht. Ja! Und das ist mühsam. Und schmerzlich. „Und es war Nacht“ – damit endet diese Geschichte.

 

Manchmal hat man den Eindruck, die Nacht des Verrates endet nie. In den Einsetzungsworten wird immer auch daran erinnert – an die Nacht des Verrates. Jesus zeigt, dass wir trotzdem den Schmerz nicht siegen lassen müssen. Die Macht des Bösen ist der Liebe Gottes immer unterlegen. Das Böse kann nur den Raum einnehmen, den Christus ihm gewährt. Die Macht des Bösen ist begrenzt. Der Satan selbst muss seinen Teil zum Heil Gottes beitragen bis Jesus am Kreuz schließlich ausrufen kann: „Es ist vollbracht!“ – Wir erinnern uns noch einmal an den Wochenspruch: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ (1. Johannes 3, 8b).

 

Im Lied „Bleib bei mir, Herr! Der Abend (die Nacht) bricht herein“ heißt es in Vers 3 (EG 488, 3) so wunderbar: „Ich brauch zu jeder Stund dein Nahesein, denn des Versuchers Macht brichst du allein. Wer hilft mir sonst, wenn ich den Halt verlier? In Licht und Dunkelheit, Herr, bleib bei mir.“

 

Die Passionsgeschichte Jesu hat viele Aspekte. Je nach dem Betrachtungsstandort ist Jesu Leiden ein tragisches Schicksal, das eben seinen Lauf nimmt. Oder sie ist das Ergebnis feindlicher Intrige. Oder sie ist das Ziel des Heilsplanes Gottes. So bekommt die Gestalt des Judas verschiedene, auch sich widersprechende Gesichter. Vom Endergebnis können wir aber eindeutig sagen – wie einst Josef zu seinen Brüdern: „Ihr gedachtet es böse zu machen, aber Gott gedacht es gut zu machen. (1. Mose 50, 20). Auch Josef wurde von seinen nächsten Angehörigen verkauft. Sie kassierten dafür nur 20 Silberlinge. Aber diese absolut böse Tat benutze der barmherzige Gott, um die Brüder des Josefs, diese Sünder, vor dem Hungertod zu retten. Josefs Verwerfung durch seine Brüder wurde zur Rettung für die Brüder. So ist Judas jener Mensch, der als Handlanger des Bösen zum Werkzeug Gottes wurde. Der Heilsplan Gottes mit Kreuz und Auferstehung kommt zu seinem Ziel und damit das Heil des Sünders, des Verräters. Ob man das verstehen kann? Ich weiß es nicht! Aber Gottes Reich ist damit jedenfalls gekommen und mitten unter uns. AMEN

 

Lieder (EG) und Neue Lieder plus

66, 1+3           Jesus ist kommen

736                  Psalm 91

347, 1-6          Ach bleib mit deiner Gnade

+ 36, 1-3         Es gibt bedingungslose Liebe

66, 7+8           Jesus ist kommen                               421      Verleih uns Frieden gnädiglich

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Kirchstraße 16, 88489 Wain   Ernst.Eyrich@elkw.de

 

Estomihi (Sei mir ein starker Fels – Sonntag vor der Passionszeit) - fällt in diesem Jahr mit dem Valentinstag zusammen - 14.02.2021, 9 Uhr Gottesdienst in Wain

Wochenspruch

Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. Lukas 18, 31

 

Predigttext 3. Reihe neu: Jesaja 58, 1-9a  -   Falsches und rechtes Fasten

1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. 4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat? 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

 

Schriftlesung aus Lukas 18, 31-43 - Die dritte Ankündigung von Jesu Leiden und Auferstehung und die Heilung des Blinden bei Jericho

31 Jesus nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Die Heilung eines Blinden bei Jericho

35 Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. 36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

 

Liebe Kreuzgemeinde, Valentinsgemeinde,

heute ist der Valentinstag. Der Valentinstag hat in den vergangenen Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Die Blumenindustrie hat ihn vor gut 30 Jahren neu entdeckt und gefördert. Rosen werden als Zeichen der Liebe verschenkt! Ein schöner Brauch, wie ich meine. Heute wurde Ihnen, liebe Gemeinde, am Eingang der Kirche eine rote Rose überreicht. Sie sind ein liebenswürdiger Mensch. Gott liebt Sie! Die Rose ist sozusagen ein Gruß vom lieben Gott an Sie persönlich und an diejenigen, die zu Ihnen gehören. Freuen Sie sich daran und teilen Sie Ihre Liebe und Ihre Freude!

 

Wissen Sie, wer Valentin war? Valentin war ein Priester und Märtyrer und lebte in Rom. Am 14. Februar 269 nach Christus wurde er wegen seines christlichen Glaubens und seines christlichen Handelns enthauptet. Er soll ein blindes Mädchen geheilt und Hilfe- und Trostsuchenden eine Blume aus seinem Garten geschenkt haben. Trotz eines Verbotes des Kaisers Claudius II. traute er Liebespaare nach christlichem Zeremoniell und half in Partnerschaftskrisen.

 

Unser heutiger Predigttext spricht auch von Partnerschaftskrisen. Es sind leider ganz klassische Partnerschaftskrisen. Die eine Krise ist diese: Menschen gehen mit Menschen nicht menschlich um. Die andere Krise ist die: Menschen beklagen sich bei Gott, dass er ihnen fern ist, obwohl sie Gottesdienste feiern, obwohl sie beten, obwohl sie fasten, obwohl sie fromm sind.

 

Erst jetzt den Predigttext verlesen

 

Aber aus Gottes Sicht feiern diese Menschen nicht Gottesdienst! Sie feiern sich selbst. Sie beten auch nicht und sie fasten auch nicht wirklich. Für Gott sind sie raffinerte und mit allen frommen Wassern gewaschene Heuchler. Das griechische Wort für Heuchler sind die „Überkritischen“ (Hypokritos). Das sind die Erbsenzähler, die Ewigbesserwisser, die Stammtischredner, die Meckerer, die aber nichts tun außer Schimpfen und Schreien und Denunzieren. Heuchler sind falsch, unaufrichtig, unehrlich, verlogen. Sie täuschen, die sind doppelzüngig, sie sind völlig negativ besetzt. Sie bluffen, sie spiegeln falsche Tatsachen vor, sie schwindeln, sie sind unglaubwürdig gerade in Glaubensdingen, sie sind die klassischen Vertreter der ach so billigen und verantwortungslosen Empörungskultur auch unserer Tage. Dies wird häufig mit dem von Heinrich Heine (Deutschland. Ein Wintermärchen) stammenden bildhaften Ausspruch illustriert: „Öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken“. Heuchelei in diesem Sinn wird auch als Scheinheiligkeit oder Doppelmoral bezeichnet; sie steht im Gegensatz zur persönlichen Integrität, da ein Widerspruch zwischen geäußerten und gelebten Werten besteht.

 

Ja, Gott und der Mensch sind Partner, bleibende Partner. Der Regenbogen ist dafür ein Zeichen, auch die Zehn Gebote und die Heilige Taufe. Und doch heuchelt der Mensch Gott etwas vor. Deswegen soll der Prophet Gottes Stimme zu Gehör bringen. Und wie er sie zu Gehör bringt! Luther übersetzt „Rufe laut, halte nicht an dich“ – das ist schon fast zu leise und zu brav übersetzt. Das heb. Wort meint: Schreie mit voller Kehle, auch eine stimmliche Zurückhaltung ist nicht angebracht, brülle, schreie die Menschen an. Das Begleitinstrument ist das Schofar. Das Schofar hat einen scharfen und schrillen Ton und ist für die Ohren unangenehm. In diesem Ton soll der Prophet Gottes Wort verkündigen. Diese Verkündigung ist ähnlich intensiv. Gott macht durch den Mund des Propheten eine klare Ansage! Immerhin bezeichnet Gott das Volk immer noch als m e i n Volk.

 

„Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.“

 

„So kann es nicht weitergehen“, sagt Gott! „So nicht! Eure Gerechtigkeit ist pure Selbstgerechtigkeit. Halbherzig wird geglaubt. Deswegen ist Gottes Volk hartherzig und unbarmherzig.

 

Die Angesprochenen rechtfertigen sich in der Frage-Form nach dem Motto: „Was soll denn falsch sein? Wir sind doch okay! Wir halten uns an die Vorschriften! Wir opfern und wir fasten! Gott, tu Du jetzt was! Wir vermissen Deine Nähe!“ - Die uralte Werksgerechtigkeit feiert fröhlich Urständ.

 

Gott antwortet auf die Selbstrechtfertigung der Heuchler (3b-5): „Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.  Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.  Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?“

 

Der allmächtige und heilige Gott sagt es den Menschen, die er immer noch liebt, laut und deutlich: „Werdet ehrlich, betrügt nicht die Mitmenschen, betrügt nicht mich, betrügt euch nicht selbst.“ - Gottes Tacheles-Worte sind Worte der Liebe. Es sind die Stacheln an der Rose. Die gehören aber wesensmäßig zur Rose. Eine Rose ohne Stacheln ist keine Rose. „Wacht auf! Ändert Euch! Hört! Handelt! Ich meine es gut mit Euch! Niemand meint es so gut mit Euch wie ich! Ich liebe Euch! Ich liebe Dich! Du bist mein!“

 

Es ist fast Nacht (Fastnacht!) in der Welt: Naturkatastrophen, Pandemien, Unglücke, menschliche Tragödien – auch die digitale Fastnacht kann darüber nicht hinwegtäuschen. Unter dem zunehmenden Egoismus und Individualismus leiden viele. Das Unrecht nimmt überhand. Die Liebe erkaltet selbst in christlichen Ehen und Familien. Ja, es ist fast Nacht in der Welt. Aber Jesus ist das Licht in der Welt, in der es fast Nacht ist. Gottes lautes und deutliches Wort leuchtet wie ein Lichtstrahl in die finstere Welt.

 

Beim ehrlichen Fasten geht es nicht um meine Eitelkeit und um mich selbst, etwa darum, dass ist auf Schokolade und Alkohol für sieben Wochen verzichtete, um abzunehmen und besser aussehe. Beim ehrlichen Fasten geht es um den anderen und damit um Gott, weil Gott meinen Nächsten, gerade meinen Lieblingsfeind eben auch liebt und ihm auch eine Rose schenkt. Das Klimafasten wurde neu ausgerufen. Wir verzichten auf Reisen, das Wasser ist selbst in Venedig durch Corona wieder sauber geworden. Hat hier Gott durch Corona eingegriffen?

 

Gott geht es beim Fasten um viel mehr. Was wir wirklich brauchen, sind:

·       Sieben Wochen ohne zu kritisieren.

·       Sieben Wochen nicht auf die Kirche und den Staat zu schimpfen.

·       Sieben Wochen ohne an den Mitchristen herumzunörgeln.

·       Sieben Wochen ohne darüber herzuziehen, dass der Gottesdienst wieder zu leise war, oder zu lang, zu langweilig zu steif oder zu leger, dass ich auch ohne Gottesdienst Christ sein kann.

·       Sieben Wochen ohne sich aufzuregen, dass jemand im Gemeindehaus nicht das Licht ausgeschaltet hat.

·       Wir brauchen sieben Wochen ohne Lieblosigkeit, ohne das Hintenherumreden, ohne Streit.

·       Am besten gleich sieben Wochen ohne Sünde. Die Sünde trennt wirklich von Gott und trennt Menschen voneinander. Die Sünde ist die Ursache der Partnerschaftsprobleme.

·       Wir brauchen ein Jahr der Barmherzigkeit, der Vergebung und der Versöhnung - gerade in Wain.

 

Ja, die anderen sind auch gemeint. Aber gemeint und gefordert bin vor allen Dingen ich selbst. Prälat Rolf Schefbuch (Ulm) wurde zum Jubiläum der Ulmer Heilsarme eingeladen. Festredner war ein Heilsarmee-Oberst. Es war allerdings eine etwas merkwürdige Festversammlung: Acht Bläser, der Festredner und seine Frau, die örtliche Heilsarmee-Leutnantin, drei Frauen, zwei Nichtsesshafte und eben Rolf Scheffbuch. Der Festprediger ließ sich nicht verdrießen und hielt eine eindrückliche Predigt über das Wort: „Der Gott des Friedens heilige dich durch und durch!“ (1. Thess 5, 23). Aber dabei schaute er nicht etwa die etwas wild aussehenden Obdachlosen an, sondern den Prälaten Rolf Scheffbuch: „Lieber Bruder, durch und durch!“

 

„Durch und durch!“ Nicht die unbekehrten Heiden und die ach so schreckliche Welt sind Adressaten des heutigen Predigttextes. Nicht den Gottlosen soll der Prophet den Marsch blasen, sondern Gottes Volk wird angebrüllt und angeschrien, zu dem wir auch gehören. „Durch und durch!“ - Leben wir so, lebe ich so?

 

Jesaja pflegt keine vornehme Zurückhaltung, er ist weder politisch noch theologisch „korrekt“, sondern er ist laut und deutlich. Eigentlich benötigen wir gar keine Auslegung dieses Textes. „Schreie, brülle - und zwar mit voller Kehle!“- sagt Gott zu Jesaja. Reibe ihnen ihre Freveltaten und ihre Abtrünnigkeit unter die Nase. Diese Aktion Gottes war längst überfällig. Johannes der Täufer wählte später nicht die Anrede: „Liebe Gemeinde!“, sondern „ihr Schlangenbrut, ihr Otterngezücht!“ – So etwas dürfte sich heute kein Prediger erlauben, sonst würde er wegen einer Hassrede und Volksverhetzung vor Gericht gezogen und verurteilt.

 

Was rät der Prophet Gottes Volk in Gottes Namen? „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut.“ Jesus hat das getan. – Ich bin stolz und dankbar, dass in unserer Gemeinde bei der Aktion Brot für die Welt 2020/2021 ein neuer Rekord erreicht wurde: 9.300 Euro! Etwa 2.000 Euro mehr als sonst!

 

„Rabbi“, beklagte sich der Gemeindevorsteher bei Rabbi Leib, „ich liebe die Menschen, doch die Bettler, die sich stets in unserer Stadt herumtreiben, die kann ich nicht ausstehen!“ – „Aber du hast doch Geld und verdienst noch immer mehr Geld!“, sagte Rabbi Leib. – „Aber Geld brauche ich wirklich!“ – „Menschenliebe brauchst du auch wirklich!“ – entgegnete ihm Rabbi Leib. Menschenliebe brauchen wir auch wirklich, liebe Gemeinde. Und die Menschen um uns herum benötigen sie ebenso.

Von Rainer Maria Rilke (1875 – 1926), der wohl zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu rechnen ist, wird während seines Aufenthaltes in Paris folgende Geschichte erzählt:

 

Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand

auszustrecken, saß die Frau stets am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort: „Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“ Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe.

 

Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. „Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?“, frage die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose . . .“

 

Wer sich aus der Knechtschaft des Immer-Mehr-Haben-Wollens von Gott befreien lässt, der wird Glück erleben und nicht mehr die stillen quälenden Fragen hören. Dann wird eine ganze Menge an Dunkelheit aus unserem Leben genommen. Dann wird das Leben, der Leib, die Seele, der Geist heil und gesund werden. Dem wird Gott begegnen. Der braucht nicht mehr verzweifeln an Gottes Schweigen. Jesaja drückt es so aus:

 

·       „Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte (die Nacht ist vorbei!).

·       Dann wird deine Heilung schnell voranschreiten (wörtlich: eine Wunde wird zuwachsen mit Haut).

·       Dann wird deine Gerechtigkeit vor dir hergehen.

·       Dann wird die Herrlichkeit des Herrn deinen Zug beschließen.

·       Dann wirst du rufen, und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich!“

 

Gott verkündigt uns unsere Sünden und unsere Abtrünnigkeit, auch unsere Dunkelheit, um uns ins Licht zu führen. Gott zeigt uns in seinem Schweigen unsere wunden Stellen, er legt die Hand in die Wunden, um zu heilen. Das ist sein therapeutisches Schweigen. Gott zeigt uns unsere Ungerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit, um uns gerecht zu machen. Gott zeigt uns unser Versagen, um uns in seine Herrlichkeit zu führen.

 

Hören wir ihn in seinem Schweigen? „Siehe, hier bin ich!“

 

So ist und bleibt es die Aufgabe der Kirche die Sünden und die Abtrünnigkeit zu verkündigen, damit der Mensch sich selbst erkennen kann. Wer das alle erkannt hat, der ist befreit, erlöst zur Buße, zum Fasten, zum Verzicht auf das Unrecht. Dem kann verkündigt werden: „Dir geschehe, wie du glaubst. Kraft des Befehls, den der Herr seiner Kirche gegeben hat, verkündige ich dir die Vergebung der Sünden im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ -  Das ist ein guter Start in die Passionszeit.

Ich muss ja nicht gleich die ganze Welt retten, aber ich kann mich neu ausrichten, meinem Leben eine neue, vielleicht schon bekannte, aber nicht gewagte Richtung geben und mich auf den Weg machen. Dieser Weg führt ins Licht und in die Nähe Gottes, wenn ich die äußere und innere Not eines Menschen lindern helfe: Etwa indem ich die Valentins-Rose verschenke!

 

AMEN

 

Lieder (EG)

447, 1-3+6      Lobet den Herren

716                  Psalm 31

+ 217, 1-4       Wir gehn hinauf nach Jerusalem

+ 93, 1-3         Wo Menschen sich vergessen

658, 1-4          Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn

421                  Verleih uns Frieden gnädiglich

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Kirchstraße 16, 88489 Wain   Ernst.Eyrich@elkw.de

Sexagesimae (60 Tage vor Ostern), 07.2.2021, 9 Uhr GD in Wain

Wochenspruch

Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt eure Herzen nicht. Hebräer 3, 15

Thema: Das Wort Gottes – Das vierfache Ackerfeld

 

Schriftlesung: Jesaja 55, 1-11

Einladung zum Gnadenbund Gottes und Gottes wunderbarer Weg

1 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. 4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. 5 Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

 

6 Suchet den HERRN, solange er zu finden ist; ruft ihn an, solange er nahe ist. 7 Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Übeltäter von seinen Gedanken und bekehre sich zum HERRN, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. 8 Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, 9 sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. 10 Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. 1

 

Predigttext: Lukas 8, 4-8 (9-15)     3. Reihe neu

Vom Sämann - Jesus legt das Gleichnis selbst aus – brauchen wir da noch eine Predigt?

4 Als nun eine große Menge beieinander war und sie aus jeder Stadt zu ihm eilten, sprach er durch ein Gleichnis: 5 Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen. Und indem er säte, fiel einiges an den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen's auf. 6 Und anderes fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. 7 Und anderes fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten's. 8 Und anderes fiel auf das gute Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. Da er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!

9 Es fragten ihn aber seine Jünger, was dies Gleichnis bedeute. 10 Er aber sprach: Euch ist's gegeben, zu wissen die Geheimnisse des Reiches Gottes, den andern aber ist's gegeben in Gleichnissen, dass sie es sehen und doch nicht sehen und hören und nicht verstehen.

11 Das ist aber das Gleichnis: Der Same ist das Wort Gottes. 12 Die aber an dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort von ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden. 13 Die aber auf dem Fels sind die: Wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Sie haben aber keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie, und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab. 14 Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht zur Reife. 15 Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

 

Liebe Gemeinde,

war das nun eine Erfolgsgeschichte, die wir da eben gehört haben – oder war es eine Misserfolgsgeschichte, eine grandiose Verlustgeschichte? War es eine Verschwendungs-geschichte oder gar eine Liebesgeschichte? Eine Antwort darauf zu geben ist gar nicht so einfach. Man könnte schon von Misserfolg und Verlust sprechen. Das meiste ging daneben. Wie im echten Leben. Falsch investiert, zu optimistisch geplant, verspekuliert, zu naiv gesät? Dreiviertel für die Katz, für den Hund, für die Vögel? Auch Goethe reiht sich ein in die Kritiker dieses Sämannes und empfiehlt in Ilmenau: „So wandle du – der Lohn ist nicht gering – nicht schwankend hin, wie jener Sämann ging, dass bald sein Korn – des Zufalls leichtes Spiel – bald auf den Weg, bald unter Dornen fiel. Nein! Streue – klug wie reif – mit männlich steter Hand den Samen nur auf ein geackert Land!“

 

Oder ist es doch eine Erfolgsgeschichte, die wir eben vernommen haben? 25 % des Marktes sind erobert – die Frucht wächst. Jeder Wirtschaftsbetrieb wäre heute über solche Zahlen froh und dankbar.

 

Ist unser Sämann verschwenderisch? Also doch eine Verschwendungsgeschichte? Sparen ist in aller Munde, Verschwendung wird allmählich zu einem kriminellen Delikt. Sollte man diesen Sämann nicht doch lieber wegrationalisieren und eine computergesteuerte Sämaschine einsetzen, die noch vor der Aussaat kurzfristig eine zuverlässige Bodenanalyse aufzeichnet und entsprechende Signale weitergibt? Optimierung und Maximierung sind gefragter denn je, wer kann sich heute noch einen so wenig profihaften Sämann leisten, der zu wenig profitorientiert arbeitet, der auf Zufall, Treu und Glauben aussät, ohne Wenn und Aber, ohne Sachverstand und ohne jegliches kaufmännisches Gespür? Säen auf gut Glück?!

 

Oder ist unsere Geschichte vom Sämann vielleicht doch eine Liebesgeschichte – Gott liebt diese Welt?! Er liebt jeden einzelnen Menschen. Die im alten Europa, die in der Neuen Welt und die am Rande stehen! Der Sämann ist Gott. Er sät überall! Auf jedem Land! Auch wenn es aussichtlos erscheint. Ja, der Sämann ist Gott. Der Same ist sein Wort. Das Wort Gottes ist Grundlage jeden geistlichen Anfangs und geistlichen Wachstums. Das Wort Gottes ist Grundlage, Gott kennenzulernen und ein erfülltes Leben leben zu dürfen. Das Wort Gottes ist Grundlage für den Frieden in dieser Welt. Das Wort Gottes will unser Leben aufrichten und zurechtbringen. Es will uns heilen und es will und retten, auch aus der Verstrickung in Schuld und Sünde.

 

Nein, wir können es uns nicht leisten zu unterscheiden, dass die einen das Wort Gottes verstehen und Frucht bringen und die anderen nicht. Wir können die Welt nicht in gute und böse Menschen einteilen. Die Schubladisierung gehört in die Schublade und diese wiederum gehört fest verschlossen. Wir sind alle Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten. Vielmehr sind wir selbst das vierfache Ackerfeld, liebe Gemeinde. Jeder von uns persönlich.

 

Zurzeit Jesu hat man anders gesät. Da wurde einfach überall hin gesät. Ohne Wenn und Aber! Da gab es noch nicht die genau vermessenen Äcker. Da wurde zuerst gesät. Dann wurde erst gepflügt – selbst Wege und Pfade wurden umgepflügt. So suchten sich die Menschen einen neuen Pfad, irgend wie durch den gepflügten Acker zu kommen – neue Trampelpfade entstanden für eine Saison und die Samenkörner, die aufgegangen waren, wurden niedergetreten. Auch gab es kein Unkraut verhindernden Mittel. Disteln und Dornen wuchsen mitten auf dem Acker zwischen der Frucht, wo der Wind die Samen eben rein zufällig hingetragen hatte.

 

Außerdem dürfen wir die Äcker in Israel nicht mit den wunderbaren Äckern in unserer Region vergleichen. Sie waren und sie sind bis heute noch karger als die auf der Schwäbischen Alb. Fels, wohin das Auge schaut, nur von einer winzigen und schnell verletzlichen Humusschicht bedeckt, die der Wind schnell wegtragen kann.

 

Hat da der Same, auch wenn er untergepflügt wurde, eine Chance? Sind das Säen und Hoffen auf Frucht nicht eine vergebliche Liebesmühe und ein Selbstbetrug? Und doch geht der Sämann auf diesen felsigen Acker, will Jesus uns sagen, liebe Gemeinde, Jahr für Jahr und in Israel sogar mehrmals jährlich. Gott schenkt uns sein Wort, Silbe für Silbe, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Sein Wort ist und bleibt an alle Menschen gerichtet. Es ist auch interessant, dass im Zusammenhang mit unserem Gleichnis davon die Rede ist, dass Jesus zu einer großen (quantitativ und qualitativ) Menge spricht, die aus allen Städten und Dörfern zusammengekommen ist. Jedem Menschen gilt das Wort Gottes, in jeden wurde es hinein gesät, ohne Ansehen der Person, ohne Abwägung, ob das Sinn macht oder vergeudete Liebesmühe ist. Für Jesus und das Wort Gottes gibt es keine hoffnungslosen Fälle.

 

Es lohnt sich darüber nachzudenken, wo das Wort Gottes heute überall ausgesät wird. Im Kindergarten, im Religionsunterricht, in der Kinderkirche, im Konfirmandenunterricht, im Gottesdienst, in Fernsehsendungen, bei Tagungen, manchmal finden wir es auch als Annonce in einer Zeitung zwischen dem Angebot einer Ferienwohnung und der Ankündigung eines Rockkonzertes. Im Internet ist es beinahe allgegenwärtig. Ob das Vaterunser ergänzt werden muss: Dein „digitales“ Reich komme!

 

Nach wie vor wird das Wort Gottes verschwenderisch ausgesät, liebe Gemeinde. Und Gott bleibt bei seiner verschwenderischen Art. Weil sein Wort jedem Menschen gilt. Wir selbst sind das vierfache Ackerfeld.

 

Auch in unserem Leben wird das gute Wort Gottes manchmal ganz bewusst von uns selbst mit Füßen getreten. Auch wir geben immer wieder den Versuchungen nach. Da hören wir lieber auf die Stimme der Sünde als auf Jesus. Wir zertreten selbst das Wort. Dann, wenn wir die Gebote verlassen, dann wenn wir die Liebe vergessen und damit Jesus verleugnen. Warum gelingt das Böse in der Welt wie von selbst, das Gute aber muss ständig aufgebaut und verteidigt werden? Diese Erfahrung ist in ein Sprichwort des Volksmundes gegossen worden: „Von zehn guten Worten gehen gewöhnlich neun verloren, von bösen dagegen selten eines!“

 

Oft gleicht unser Leben einem plattgefahrenen Feldweg, auf dem die Wagen des Alltäglichen so sicher und gleichmäßig dahinrollen. Alles ist eingeebnet, plattgetreten, nivelliert und eingestampft. Auch der Glaube ist festgefahren, gewohnt, abgenützt und müde. Alles hat seinen Platz gefunden in einer Rechtgläubigkeit, die eigentlich tot und lieblos ist, aber an der noch festgehalten wird, weil es keine Alternativen zu geben scheint. Keine Frucht! Gott sei Dank leiden wir noch darunter. „Gesagt ist noch nicht gehört, gehört ist noch nicht verstanden, verstanden ist noch nicht getan, getan ist noch nicht beibehalten!“ (Diktum, das Konrad Lorenz zugesprochen wird). So geht es dem Wort Gottes, wenn es festgetreten ist und nicht Frucht bringen kann.

 

„Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte.“ – Weiter heißt es von denen: „Sie nehmen das Wort mit Freuden auf, doch in der Zeit der Anfechtung fallen sie ab.“ - Auch das können wir selbst sein, nicht nur die anderen.

Wie oft nehmen wir Gottes Wort auf, aber dann sind wir nur Kurzstreckenläufer?! Bald schon geht uns die Puste aus. Das Wort keimt in uns, aber es ist nur ein Strohfeuer für eine kurzen oder längeren Augenblick, ohne Wurzelwerk. Ob das auch solche Christen sind, die einen Wohlfühlglauben propagieren, oberflächlich, mit wenig Tiefgang. „Wo das Wort Gottes wirklich eingeschlagen hat, da muss man sterben“ – hat es Helmuth Thielicke einmal gepredigt. Ob Gott ein saftiger Heide hundertmal lieber ist und auch vor den Menschen ungleich sympathischer ist als ein „Schriftgelehrter“, der seine Bibel kennt und in dem nichts zur Buße und zur Tat wird? Wer Jesus nur halb in sein Herz hineinlässt, ist ja viel ärmer als ein hundertprozentiger Weltmensch: Er kriegt den Frieden nicht, der höher ist als alle Vernunft, und den Frieden der Welt hat er auch verloren, weil ihm die Naivität genommen ist.

 

Dann fiel da noch einiges unter die Dornen. Auch hier geht das Wort Gottes auf. Aber die Dornen wachsen schneller. Die Dornen sind der Reichtum und die Sorgen. Im Verhältnis zu großen Teilen dieser Welt sind wir alle Fürsten, liebe Gemeinde. Und wer von uns wird nicht von Sorgen geplagt. Sorgen quälen uns, sie lähmen das Gottvertrauen. Wir schauen mehr auf unsere Sorgen als auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens.

 

Jeder unter uns hat das vierfache Ackerfeld in sich, liebe Gemeinde (Beispiel: Verlorene Sohn – er kann das Wort des Vaters nicht mehr hören, aber es wirkt in ihm nach, er kommt schließlich gerne nach Hause). Es gibt bestimmte Zeiten in unserem Leben, es gibt auch bestimmt Schichten in unserem ICH, in denen wir miteinander Wegemenschen, Felsenleute, Dornenträger und fruchtbares Ackerland sind.

 

Unser Glaube braucht Nahrung, liebe Gemeinde. Er braucht das Wort Gottes. Weil der Glaube aus dem Wort kommt, auch aus dem Hören auf das Wort Gottes. Deshalb ist der Gottesdienst so wichtig. Wir müssen uns dem Wort Gottes aussetzen, es hören, es bewahren, es tun. Dass das Wort uns im Griff hat und nicht wir das Wort im Griff haben. Johann Albrechts Bengels Auslegungsmethode lautete so: „Wende dich zuerst ganz dem Text zu, und wende dann ganz den Text an!“ Hören, bewahren und tun! Das bringt Frucht! Wir sollten versuchen wenigstens täglich eine Viertelstunde „Acker und gutes Land zu sein“ und das Wort in uns unterpflügen und aufgehen lassen, liebe Gemeinde.

 

Es ist gut, dass der Sämann nach wie vor über diese Welt geht und an jedem Ort sein Wort aussät. Gut, dass die Angst vor dem Verlust seines Wortes nicht größer ist als der Mut auszusäen und als das Vertrauen, dass die Mühe sich lohnen wird, liebe Gemeinde. Gott sät sein Wort nach wie vor überall, und er pflügt auch unser felsiges Herz durch. Der Teufel tut viel für die Empfängnisverhütung des Wortes Gottes auch in unserem Leben, aber Gott ist stärker. Deswegen ist der Teufel „der arme Teufel!“

 

Jesus ist das Wort Gottes, liebe Gemeinde. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Jesus ist als das Wort Gottes, das Weizenkorn, das stirbt. Nicht umsonst ist er mit der Dornenkrone gekrönt, der Dorne, die sein Wort ersticken wollte. Jesus stirbt und bringt Frucht – Leben und ewiges Leben.

 

Gott möchte als der Sämann auch unsere Leben umpflügen. Ein umgepflügter Acker ist offen und empfänglich für die Saat.  Es arbeitet und rumort, sehnt und wartet, gärt und bewegt sich in ihm. Gott möchte seine Lebenskräfte in uns hineinsäen. Sind wir, wie ein Acker, offen und empfänglich? Kann Gott seine Liebe in uns hineinlegen, damit sie sich vermehrt und Frucht bringt?

 

„Mache mich zum guten Lande, wenn dein Samkorn auf mich fällt. Gib mir Licht in dem Verstande und was mir wird vorgestellt, präge du im Herzen ein, lass es mir zur Frucht gedeihn.“ EG 166, 4

 

Mögen wir heute über diesen Text nicht nur gepredigt haben, sondern möge er sich unter uns ereignen.

 

AMEN

 

Hinweis auf Wainer Altarparament, das es weltweit nur zwei Mal gibt – wir haben also eine Art Original:  – Same in Gold – Kreuz – Taufe

 

Lieder (EG)

166, 1-3          Tut mir auf die schöne Pforte

748                  Psalm 119

196, 1.2.5.6.    Herr, für dein Wort sei hoch gepreist

166, 4-6          Mache mich zum guten Lande

199, 1-5          Gott hat das erste Wort

535                  Gloria sei dir gesungen

Letzter Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 31.01.2021, 10.15 Uhr Wain

Predigttext: 2. Petrus 1, 16-19 (20-21)                   3. Reihe neu

Die Verklärung Jesu und das prophetische Wort

16 Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen. 17 Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. 18 Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge. 19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen. 20 Und das sollt ihr vor allem wissen, dass keine Weissagung in der Schrift aus eigener Auslegung geschieht. 21 Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.

 

Schriftlesung: Matthäus 17, 1-9 - Die Verklärung Jesu

1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. 4 Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! 6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. 7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. 9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

 

Liebe Gemeinde,

seit einigen Jahren macht das Wort Fake News die Runde. Fake News sind gezielt und bewusst in die Welt gesetzte Falschmeldungen, die manipulieren wollen. Andere sagen: Alternative Fakten. Allerdings sprechen Fakten oft keine eindeutige Sprache mehr. Selbst Fakten müssen gedeutet werden. Wer aber hat die Deutungsoberhoheit heute und gestern und morgen? Was ist wahr, was ist echt, was ist wirklich, was stimmt? Diese Frage zu beantworten ist eine der großen Herausforderungen unserer Zeit! Oft wird das persönliche Gefühl über die Faktenlage gesetzt. Inzwischen gibt es gefühlte Wahrheiten! Ist die emotionale Wahrheit über die faktische Wahrheit zu setzen, die emotionale Weisheit über die Logik? Kann man anhand der vielen Fragen und der vielen Fakten nur noch in eine Ohnmacht verfallen? Selbst beim täglichen Wetterbericht werden gefühlte Temperaturen angezeigt.

 

Alles scheint relativ geworden zu sein. Der Mensch steht mit seiner Fantasie, seiner Befindlichkeit und seiner Autonomie im Mittelpunkt: Querdenker haben Konjunktur, Patchwork-Religionen machen sich breit, von überall etwas, was mir passt. Wir leben in einem religiösen, manchmal auch christlichen Selbstbedienungsladen. Geistliche Scharlatane finden ihre Anhängerschaft. Alles wird in einer verwirrenden Fülle angeboten.

 

Der polnische Jude Zygmunt Baumann lebt und arbeitet nach dem Krieg in England als Philosoph und Soziologe (1925-2017). Er spricht vom „Ende der Eindeutigkeit“. Das präge unsere Zeit. Nichts ist mehr klar, nichts wird mehr anerkannt. Die Konturen verschwimmen. Sind nicht alle Nachrichten irgendwie Fake News? Denn jede Nachricht möchte ja auch etwas bewirken und kann als Propaganda eingesetzt werden, sogar als Gehirnwäsche.

 

Ist der christliche Glaube nichts anderes als Fake-News? Das fragen viele bis heute: Jungfrauengeburt, Wunder, Kreuz und Auferstehung? „Du sollst nicht töten“ ist für viele Christen inzwischen verhandelbar. Sie treten für Abtreibung und die Sterbehilfe ein. Was ist noch christlich? Was ist in der Politik Ideologie und in der Theologie Häresie, also Irrlehre?  Viele Philosophien und Lebensentwürfe haben heute einen scheinchristlichen Charakter. Andere Religionen verehren Jesus Christus als großen Sozialreformer, als Friedensstifter, als Vorbild, sogar als Propheten. Sie erhöhen ihn aber nur zum Schein, zum „fake“, und wollen dadurch ablenken, weil sie seine Gottes-Sohnschaft und damit sein Gott-Sein verleugnen wollen. Sie leugnen das Kreuz an dem das Heil für diese Welt errungen worden ist.

 

Dieses Problem hatten auch die Christen, an die Petrus schreibt. Mit seinem Schreiben, mit seinem Hirtenbrief, möchte er die Gemeindeglieder wachrütteln. Er möchte sie erinnern an den Grund ihres Glaubens. Wem vertrauen wir? Wem schenken wir Glaube? Was ist der Inhalt und Grund unseres Glaubens? Was gehört noch dazu und was nicht? Was ist in Ordnung und was ist Irrglaube und Ketzerei?

 

Als Apostel erinnert Petrus die Christen: „Wir“ – und damit meint er den ganzen Jüngerkreis –  „Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt.“ Im griechischen Text steht das Wort: Mythos. Wir sind keinen Mythen, keinen noch so raffiniert und superschlau ausgedachten Überlegungen des Menschen gefolgt. Wir sind nicht den vielen Göttern und den hellenis-tischen Helden und Dämonen und der ganzen griechischen Mythologie nachgelaufen, die allgegenwärtig sind – damals und übrigens auch noch heute – „sondern wir sind der Kraft und dem Kommen unseres Herrn Jesus Christus nachgefolgt.“ Damals versuchten gnostische Vorstellungen sich in den christlichen Glauben einzuschleichen. Der Christ brauche sich nicht mehr moralisch gut verhalten, es reiche aus, wenn er ein neues Denken habe, aber gleichzeitig dürfe er ruhig weiter körperlich sündigen, weil es nur auf die Geisterhaltung ankäme. Den Gnostikern ging es darum, durch Erkenntnis ihren Geist zu vergöttlichen. Der Leib hatte dabei keine Bedeutung. Jesus war für sie als historische Person nicht relevant. Für die Gnostiker ist Jesus nur Mensch gewesen, der gute Mensch, auf den die Welt warte.  

 

Wie das Einschlafen im Gottesdienst schleichend über einen kommt, so schleichen sich immer wieder „Fabeln“ und Mythen in den christlichen Glauben ein. Wir tun uns heute besonders schwer damit, weil wir von einem übermächtigen und damit unkritischen Toleranzgedanken geprägt, vielleicht sogar tyrannisiert werden.

 

Petrus rüttelt wach. Er weckt die tote oder schläfrig gewordene Christenheit aus dem Schlaf einer falschen Sicherheit. Diese Predigt will keine Schimpftirade sein, sie will wachrütteln. Sie will einmal wieder bewusst machen, wo Grenzen sind und wo Grenzen überschritten werden. Nicht umsonst hat sich die Christenheit Jahrhunderte lang Gedanken darüber gemacht und miteinander gerungen, was sie glaubt und wem sie Glauben schenkt und wie das Wort der Heiligen Schrift zu verstehen ist.

 

Petrus erinnert an die Verklärung Jesu, an dieses Gipfeltreffen auf einem Berg. Er ist dabei gewesen.  Er ist Augen- und Ohrenzeuge dieses Ereignisses. Jesus ist wahrer Gott und er ist wahrer Mensch. Das sagt diese Geschichte. Er ist nicht nur der gute Mensch von Nazareth. Petrus ist Urzeuge und macht in seinem Hirtenbrief eine Zeugenaussage, die vor Gericht standhalten kann. Er legt sein Zeugnis schriftlich nieder und macht es dadurch aktenkundig, damit es erhalten bleibt. Das entscheidende Zeugnis aber kommt von Gott. Petrus ist Zeuge der Zeugenaussage Gottes. „Denn Jesus empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.“

 

Die Heilige Schrift ist der Urgrund unseres Glaubens. Immer wieder wird berichtet, wie Menschen mit Gott und Jesus Erfahrungen gemacht haben. Sie waren Augen- und Ohrenzeugen. „Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht worden, sondern getrieben vom Heiligen Geist haben Menschen in Gottes Auftrag geredet.“ – Die Heilige Schrift ist also kein menschliches Buch. Die Misstrauens-kultur gegenüber der Bibel ist auch bei Christen viel zu ausgeprägt. Vermutlich bringen wir uns heute um Vieles, wenn wir viel zu kritisch biblischen Texten begegnen. Wir bringen uns um Geborgenheit und Heimat. Kritik und Unsicherheit machen nicht glücklich und schenken auch keine Kraft.

 

Von Rembrandt gibt es ein Gemälde, das den Evangelisten Matthäus zeigt, wie er an seinem Evangelium arbeitet. Matthäus hält die Feder in seiner Hand. Nun hält er inne. Er denkt nach. Er meditiert. Er formuliert. Er disponiert. Er benützt seinen Verstand. Er lässt seine Gefühle miteinfließen, sein Herz, ja der ganze Mensch ist an dieser Arbeit beteiligt. Er schreibt in der Sprache seiner Zeit. Er denkt in den Vorstellungen seiner Umwelt, wie wir Menschen das immer tun. So ist unter seinem Federkiel ein Buch entstanden, das in menschlichen Worten und Bildern geschrieben ist. Aber nun hat Rembrandt im Hintergrund seines Gemäldes, ganz nahe am Ohr des Evangelisten, einen Engel gemalt, der dem Menschen Matthäus die göttliche Botschaft einflüstert. So hat der Künstler darzustellen versucht, dass die Botschaft der Bibel sich letztlich nicht dem Verstand des Menschen verdankt, sondern eine andere Quelle hat: „Vom Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Namen Gottes geredet.“

 

So haben wir das prophetische Wort mitten unter uns, liebe Gemeinde. Das prophetische Wort ist das Wort der Heiligen Schrift. Das prophetische Wort ist immer wieder das alte Wort Gottes, das neu in die Zeit hineingesprochen wird. „Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“ – Deswegen lesen wir als Christen die Tageslosung, deswegen sind wir in der Heiligen Schrift zuhause, deswegen feiern wir gemeinsam den Gottesdienst und hören auf Gottes Wort, damit uns auch christliche Scharlatane nicht verführen.

 

Das Wort Gottes ist Licht. Deswegen sollen wir die „Predigt und Gottes Wort nicht verachten, sondern dasselbe gerne hören, heilighalten und lernen.“ (Martin Luther zum 3. Gebot). Das Wort Gottes, das prophetische Wort, ist ein Licht auf unserem Wege. Dieses Licht scheint an einem dunklen Ort, also quasi überall, „bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.“

 

Der Morgenstern ist nach Sonne und Mond das mythologisch bedeutsamste Einzelgestirn. Generell wird als Morgenstern das hellste vor Sonnenaufgang hervortretende Gestirn bezeichnet. Die Kulturgeschichte kennt das Motiv des Morgensterns in vielfacher Entfaltung.

Als Morgenstern tritt vor allem die Venus auf, wenn sie deutlich vor der Sonne aufgeht. Für Petrus ist nun Jesus Christus der Morgenstern, auch in Offenbarung 22, 16 begegnet uns Christus als der Morgenstern schlechthin. Wir besingen Jesus als den Morgenstern in vielen Liedern unseres Gesangbuches, auch im heutigen Gottesdienst. Jesus ist der Morgenstern, der die Finsternis ins Licht verwandelt. In der Nacht ist er von der Jungfrau Maria geboren und in der Nacht ist er vom Tode auferstanden. Mit seinem Licht hat er die Nacht verdrängt. “Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit der. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.“ EG 16, 1.

 

Der Gegenspieler von Jesus, der das Licht der Welt ist, ist Luzifer (der Schein-Lichtträger, der Fake-Lichtträger). Er wurde zwar von Gott mit viel Macht ausgerüstet, ist dann aber als Engel gefallen. Er ist die dunkle Gestalt, die alles zerstören möchte und immer wieder auch den Glauben stört. Aber letztlich ist er der Verlierer, der ewige Verlierer. Er ist letztlich „der arme Teufel“, der, zwar von Gott erschaffen und mächtig ist, ihm aber nie ebenbürtig wird. Er hat keinen Platz mehr in der Nähe Gottes. In Gottes Liebe ist kein Raum für Hass.

 

Es gibt immer wieder Geschichten, die Mut machen, wo Menschen durch das Wort Gottes getroffen werden, wo ihnen der Herr das Herz auftut und wo wir spüren, dass das Wort Gottes in dieser dunklen Welt das Licht anzündet. In diesen Geschichten wird auch deutlich, dass das Wort Gottes keine Fabel ist, kein Fake News sind, sondern Gottes Kraft.

 

Ein russischer Eliteoffizier sitzt in seinem Moskauer Büro. Die Wände sind dekoriert mit Auszeichnungen aus dem Afghanistankrieg. Er versucht die Zeit tot zu schlagen. Sein Leben erscheint ihm sinnlos. Eines Tages betritt ein Putzsoldat sein Büro. Er verrichtet fröhlich seine Arbeit. Plötzlich fragt er den Offizier: „Du siehst so traurig aus! Was ist mit dir?“ – „Was soll schon sein? Irgendwann ist mein Leben zu Ende. Bis dahin versuche ich mich noch so gut wie möglich zu vergnügen.“ – Da gibt dieser Putzsoldat dem Offizier ein einfaches und fröhliches Zeugnis von Jesus. Der Offizier wird wütend und droht dem Soldaten mit der Waffe. Aber der lässt sich nicht beeindrucken und sagt: „Schieß ruhig, dann bin ich schon schneller bei meinem Herrn!“ - Mit Flüchen und Fußtritten jagt der Offizier den Putzsoldaten aus seinem Büro. Er schreit ihm noch hinterher: „Euch Christen werde ich beweisen, dass eure Bibel nichts Weiteres ist als eine Sammlung von Märchen!“ - Doch dann macht er sich auf die Suche nach einer Bibel und findet auch bald eine. Als er zu lesen beginnt, kommt er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Er erkennt, dass da ständig von ihm selbst die Rede ist. Fragen über Fragen stellen sich ihm über Gott und über sein eigenes Leben. Schließlich hält er es nicht mehr aus und fragt einen Baptistenpastor um Rat. Das führt ihn zum Glauben an Jesus. Heute ist dieser ehemalige Offizier der Roten Armee Leiter einer christlichen Radiostation und sorgt dafür, dass das Wort Gottes unter die Leute kommt.

 

Der Offizier hat die Herrlichkeit Gottes sehen dürfen und ist von ihr ergriffen worden. Er ist gerettet worden. Durch das mutige Zeugnis eines armen Putzsoldaten, in dessen Herz das Licht Jesu Christi, des Morgensterns leuchtete.  

 

Gottes Herrlichkeit dürfen wir als Menschen sehen. Wir sehen sie auch am Kreuz Jesu. Jesus, Gott selbst, ist sich nicht zu schade dafür, menschliches Leiden auf sich zu nehmen. Im gekreuzigten Jesus sehen wir Gottes Herrlichkeit, weil hier das Heil des Sünders vollendet wird. Und im Glauben wird uns diese Herrlichkeit Gottes geschenkt. So wie es im Schöpfungspsalm 8 heißt: „Du hast ihn – den Menschen – wenig niedriger gemacht als Gott mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“

 

Der Morgenstern geht nicht am Himmel auf, sondern in unseren Herzen. Hier ist also der Ort der Dunkelheit trotz allen Erkennens, das wir jetzt schon empfangen haben. Aber mitten hinein in unser dunkles Herz leuchtet das Licht Gottes. Es kann unser Herz verwandeln und befreien von der Macht böser Gedanken. So tut das prophetische Wort seinen Dienst an uns. Dann ist der Morgenstern aufgegangen und es ist hell geworden in unserem Leben.

 

 

Zum Schluss mache ich Sie noch bekannt mit einem Gedanken zum Morgenstern von Heinrich Seuse, dem Mystiker aus dem 13. Jahrhundert, der in Ulm und in Konstanz gelebt hat.

 

Geht aber der helle Morgenstern
auf mitten in meiner Seele,
so ist alles Leid verschwunden,
alle Finsternis gelichtet,
der Himmel wird hell und heiter,
und mein Herz lacht;
es freuen sich Sinn und Seele in mir;
mir ist so recht festlich zumute,
und alles, was an und in mir ist,
wird zu einem Lobe für dich.

Was schwer, mühsam, unmöglich war,
wird leicht und angenehm:
Fasten, Wachen, Beten, Leiden,
Meiden und alles Strenge
in der Lebenshaltung wird zu nichts
bei deiner Gegenwart.

Gar manche Kühnheit kommt mich an,
die mir in der Verlassenheit gefehlt hat.
Die Seele wird so mit Klarheit,
Wahrheit, Freundlichkeit durchtränkt,
dass sie alle Mühsal vergisst.
Ich kann frommen Herzens
ohne Mühe betrachten,
die Zunge voll Selbstbewußtsein sprechen,
der Leib alles behende anpacken,
und wer nur sucht,
findet für all das,
was er begehrt, klugen Rat. Heinrich Seuse

 

Wenn die Christbäume in der Wainer Michaelskirche in der kommenden verschwinden, die Christbaumkerzen abmontiert und wieder in die Schachtel kommen, dann soll das Licht der Weihnacht weiterleuchten. Das Licht ist das Wort Gottes. Jesus Christus ist das Wort Gottes. Er ist das Licht. Er ist bei uns, alle Tage, bis an der Welt Ende. Das Licht ist bei uns und es ist in uns: In unseren Herzen soll der Morgenstern leuchten.

 

AMEN

 

Lieder (EG)

70, 1+4                 Wie schön leuchtet der Morgenstern

+914                      Psalm 97

67, 1-5                  Herr Christ, der einzig Gotts Sohn

442, 1-5                Seht auf, ihr lieben Kinderlein

442, 6-9                Sei uns willkommen, lieber Tag

535                       Gloria sei dir gesungen

Albert Frey

Meine Seele singe, denn die Nacht ist vorbei
Mach dich auf und bringe, deinem Gott Lob und Preis
Alle Schöpfung juble, wenn der Tag nun anbricht
Gottes Töchter und Söhne strahlen in seinem Licht

Der wahre Morgenstern, er ist aufgegangen
Der Erlöser ist hier
Ich weiß, dass Jesus lebt, er ist auferstanden
Und er lebt auch in mir

Der wahre Morgenstern, er ist aufgegangen
Der Erlöser ist hier
Ich weiß, dass Jesus lebt, er ist auferstanden
Und er lebt auch in mir
Lebt auch in mir, lebt auch in mir

 

EG 51, 4

Drum blicket auf: die Nacht vergeht,

der Morgenstern am Himmel steht

und leucht` durch Angst und Plage.

Seid fröhlich, glaubet unbeirrt,

dass Christus Jesus kommen wird

am großen Königstage. Kurt Müller-Osten 1939/1950

 

3. Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 24.01.2021, 9 Uhr Wain

Thema: Der Heiden Heiland

Wochenspruch: Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. Lukas 13, 29

 

Eingangsgebet

Vater im Himmel, zu dir kommen wir an diesem Sonntag. Wir danken dir, dass du dich auf uns freust. Wir danken dir für deine Liebe zu uns und allen Menschen. Wir danken dir, dass wir auf der ganzen Welt Geschwister haben und gemeinsam deine heilige christliche Kirche sind. Du weißt, wie es uns geht. Wir danken dir für viel Gutes und Frieden in unserem Land. Es gibt auch viel Not im persönlichen Leben, bei uns und bei anderen. Danke, dass dein Herz auch für unsere Not geöffnet ist. Danke, dass du uns hörst, was wir dir in der Stille anvertrauen.

 

Predigttext: Rut 1, 1-19a     3. Reihe, ganz neuer Predigttext

Rut zieht mit Noomi nach Bethlehem

11Zu der Zeit, als die Richter richteten, entstand eine Hungersnot im Lande. Und ein Mann von Bethlehem in Juda zog aus ins Land der Moabiter, um dort als Fremdling zu wohnen, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen. 2Der hieß Elimelech und seine Frau Noomi und seine beiden Söhne Machlon und Kiljon; die waren Efratiter aus Bethlehem in Juda. Und als sie ins Land der Moabiter gekommen waren, blieben sie dort. 3 Und Elimelech, Noomis Mann, starb, und sie blieb übrig mit ihren beiden Söhnen. 4Die nahmen sich moabitische Frauen; die eine hieß Orpa, die andere Rut. Und als sie ungefähr zehn Jahre dort gewohnt hatten, 5starben auch die beiden, Machlon und Kiljon. Und die Frau blieb zurück ohne ihre beiden Söhne und ohne ihren Mann. 6Da machte sie sich auf mit ihren beiden Schwiegertöchtern und zog aus dem Land der Moabiter wieder zurück; denn sie hatte erfahren im Moabiterland, dass der Herr sich seines Volkes angenommen und ihnen Brot gegeben hatte. 7Und sie ging aus von dem Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter mit ihr. Und als sie unterwegs waren, um ins Land Juda zurückzukehren, 8sprach sie zu ihren beiden Schwiegertöchtern: Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! Der Herr tue an euch Barmherzigkeit, wie ihr an den Toten und an mir getan habt. 9Der Herr gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause! Und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimme und weinten 10und sprachen zu ihr: Wir wollen mit dir zu deinem Volk gehen. 11Aber Noomi sprach: Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Wie kann ich noch einmal Kinder in meinem Schoße haben, die eure Männer werden könnten? 12Kehrt um, meine Töchter, und geht hin; denn ich bin nun zu alt, um wieder einem Mann zu gehören. Und wenn ich dächte: Ich habe noch Hoffnung!, und diese Nacht einem Mann gehörte und Söhne gebären würde, 13wolltet ihr warten, bis sie groß würden? Wolltet ihr euch einschließen und keinem Mann gehören? Nicht doch, meine Töchter! Mein Los ist zu bitter für euch, denn des Herrn Hand hat mich getroffen 14Da erhoben sie ihre Stimme und weinten noch mehr. Und Orpa küsste ihre Schwiegermutter, Rut aber ließ nicht von ihr. 15Sie aber sprach: Siehe, deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott; kehre auch du um, deiner Schwägerin nach. 16Rut antwortete: Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.18Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. 19So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.

 

Elimelech  = Gott ist König                                      Noomi       = Die Liebliche

Rut            = Die Freundin, die Genossin                  Orpa          = Die den Rücken zukehrt

Machlon u Kiljon = Der Schwächliche, Der Gebrechliche

 

Schriftlesung aus Johannes 4, 5-15 Jesus und die Frau aus Samarien

1 Als nun Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, dass Jesus mehr zu Jüngern machte und taufte als Johannes – 2 obwohl Jesus nicht selber taufte, sondern seine Jünger –, 3 verließ er Judäa und zog wieder nach Galiläa. 4 Er musste aber durch Samarien reisen. 5 Da kam er in eine Stadt Samariens, die heißt Sychar, nahe bei dem Feld, das Jakob seinem Sohn Josef gegeben hatte. 6 Es war aber dort Jakobs Brunnen. Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. 7 Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! 8 Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen. 9 Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du, ein Jude, erbittest etwas zu trinken von mir, einer samaritischen Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. – 10 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und er gäbe dir lebendiges Wasser. 11 Spricht zu ihm die Frau: Herr, du hast doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du denn lebendiges Wasser? 12 Bist du etwa mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Söhne und sein Vieh. 13 Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; 14 wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt. 15 Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muss, um zu schöpfen!

 

Liebe Gemeinde,

Erscheinungsfest heißt: Das Evangelium gilt der ganzen Welt! Es ist im ursprünglichen Sinn wahrhaftig katholisch, also weltumspannend, es gilt global, es ist international. Die drei Weisen kommen von weit her zu Jesus und erkennen in ihm das Licht der Welt. Das Evangelium gilt der ganzen Welt. So groß ist es, so großartig. Aber es fängt ganz klein an. Wir kennen alle die Weihnachtsgeschichte. Irgendwo am Ende der Welt beginnt sie, in Bethlehem kommt Gott auf die Welt. Ein Dorf wird zum Hotspot für Gottes Heil.

 

Unser heutiger Predigttext führt uns in eine andere Zeit. Aber er führt uns auch nach Bethlehem. Lange vor der Geburt Jesu herrscht in Bethlehem eine große Hungersnot. Bethlehem heißt Brothausen. Kein Brot ist in Brothausen zu haben. Was für eine Ironie? War es eine anhaltende Trockenzeit, waren es Heuschreckenschwärme, war es sonst eine Katastrophe? Egal! Aus Brothausen wird Hungerdorf! Es geht ums Überleben! Das tägliche Brot war schon lange nicht mehr gesichert. Unsichere Zeiten sind angebrochen. Hungersnot im verheißenen Land, in dem Milch und Honig fließen sollte.

 

Elimelech flüchtet mit seiner Frau Noomie und den beiden Söhnen Machlon und Kiljon ins Ausland nach Moab. Ähnliches wissen wir von Abraham, auch von den Söhnen Jakobs, die wegen des Hungers nach Ägypten zu Josef fliehen um als Schutzbürger in der Fremde zu überleben. So haben es viele Europäer im 17. und 18. Jahrhundert getan. Sie gingen nach Amerika oder sie nahmen die Einladung der russischen Zaren an. Die Donau-Schwaben landeten in Rumänien. Heute fliehen viele nach Europa und kommen zu uns.

 

Elimelech und Noomi ging es in der Fremde gut. Die Söhne heirateten moabitische Frauen und alles hätte gut werden und noch besser werden können. Jedoch verwitweten alle drei Frauen. Das war damals der soziale Supergau. Für Noomi als Fremde sowieso: Ohne Mann, ohne Söhne in einem fremden Land, das ist der Tiefpunkt im Leben der kinderlosen Flüchtlingswitwe Noomi.

 

Wir halten zusammen! Das haben wir in Corona-Zeiten häufig auf Plakaten gelesen. Zusammenhalt stärk! Zusammenhalt schenkt Trost und Hoffnung! Zusammenhalt macht das Schwere im Leben erträglich! Dies gilt auch für die drei Frauen. Sie halten zusammen, sie helfen sich gegenseitig, sodass wieder eine gute Zukunft möglich wird. Die Schwiegertöchter und die Schwiegermutter halten zusammen. Von wegen “böse Schwiegermutter“, von wegen „böse Schwiegertochter“! Vorbildlich gehen sie miteinander um und stehen sich bei!

 

Wieder wendet sich das Blatt der Geschichte. Nach vielen Jahren in der Fremde gibt es in Bethlehem wieder Brot. Noomi zieht es auf die alten Tage wieder in die alte Heimat. Sie möchte sich von ihren Schwiegertöchtern verabschieden. Noomi wünscht Rut und Orpa viel Gutes, Güte von Gott, Ruhe und Heimat. Sie verabschiedet beide tränenreich, doch die beiden wollen mit Noomi ziehen und im fremden Bethlehem leben. Noomi widersetzt ihrem Ansinnen;  „Kehrt zurück in eure Heimat. Mich hat Gottes Hand getroffen!“ Noomi formuliert ihren Schmerz. Sie spricht ihn aus. „Ja, mich hat Gottes Hand getroffen!“ Ob wir heute noch den Mut haben, so etwas auszusprechen? Steckt in Wirklichkeit nicht auch Gott hinter Corona? Bei Amos 3, 6 lesen wir: „Ist etwa ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tut?“ - Ähnliches lesen wir in Jesaja 45, 7 und in den Klageliedern Jeremias 3, 37. „Ja, Gottes Hand hat mich getroffen“ hören wir aus dem Munde Noomis. Sie nimmt ihr schweres Schicksal aus Gottes Hand. Sie sagt nicht: „Ich glaube nicht mehr an Gott, weil es mir so schlecht geht!“

 

Orpha (Namensbedeutung: Die den Rücken zukehrt) kehrt um geht zu ihrem Gott und zu ihrem Volk zurück. Rut bleibt bei Noomi. Ein drittes Mal versucht es Noomi, Rut nach Hause zu schicken. Wir hören jetzt die weltberühmt gewordenen Worte Ruts, die viele Brautpaare als Trautext für ihre Ehe aussuchen: „Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. Als sie nun sah, dass sie festen Sinnes war, mit ihr zu gehen, ließ sie ab, ihr zuzureden. So gingen die beiden miteinander, bis sie nach Bethlehem kamen.“ – Grenzen werden überschritten! Ländergrenzen, Traditionsgrenzen, sogar Glaubensgrenzen.

 

Was hat Noomi Rut wohl in den Jahren, seit sie sich kennen, vom Gott Israels erzählt, dass sie nun zu ihm gehören will? Von Abraham und dem Segen für das ganze Volk?! Von Jakob und seinen Söhnen, wie sie nach Ägypten kamen?! Von der Befreiung aus der Unterdrückung?! Vom Passahfest?! Von den Zehn Geboten und dem Bund am Sinai?! Vom Wandern durch die Wüste und der Gegenwart Gottes?! Vom Ankommen im Gelobten Land?! Vom unsichtbaren Gott, der aber doch dabei ist und sein Volk durch Höhen und Tiefen führt?! Ob Rut sich zu diesem Gott schon lange im Stillen gesehnt hat?

 

Rut wird in Bethlehem wieder heiraten und wird so zu einer Urmutter des Königs Davids und von Jesus. Rut, die Moabiterin, wird von Gott mithineingenommen in das Werden des Heils. In Bethlehem, in Brothausen, wird Jesus geboren, der das Brot des Lebens ist. Viele sind gekommen, um ihn anzubeten. Die armen ungebildeten Hirten aus der Nähe und die reichen Weisen, hoch Gebildete aus dem Morgenland, aus der Ferne. Global, international, weltweit, katholisch ist das Heil, das Jesus bringt. Und Menschen kommen auch heute noch zu Jesus, aus aller Welt und aus unterschiedlichen Religionen und Nationen. Mitten unter uns! - „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“

 

Sabine, 50 Jahre alt, lebt allein. Sie kocht gerne. Neben ihr wohnt eine ältere Frau allein. Sabine lädt sie immer mal wieder zu einem Essen ein. Die ältere Frau freut sich sehr, und sie kommen immer besser miteinander ins Gespräch. Sabine erfährt einiges aus dem Leben der älteren Dame. Sie erfährt auch, dass sie Christin ist und Gott mit ihr durch Höhen und Tiefen ging. Sie hat ein Kind verloren, das erst drei Jahre alt war. Sie meinte: „Diesen Schmerz werde ich nie verkraften können. Ich breitete diesen Schmerz unter Tränen immer wieder vor Gott aus. Und eines Tages war ich im Schmerz getröstet.“ Als Sabines Mutter krank ist, macht ihr die ältere Frau immer wieder Mut. Als die Mutter stirbt, hört sie von ihrer Nachbarin mitfühlende Worte, und sie schenkt ihr eine Karte mit der Hoffnung der Auferstehung und ein Wiedersehen mit ihrer Mutter. Die beiden Frauen schenken sich gegenseitig ein Stück Heimat und teilen den Glauben an den lebendigen Gott.

 

Miriam standen als Tochter einer hochgebildeten und angesehenen Familie im Irak alle Wege offen. „Vor über zehn Jahren siedelte meine Familie nach Deutschland über. Damit änderte sich für mich alles. Ich war 24 Jahre alt und voller Lust auf Leben. Ich fand in dem neuen Land alles toll: den Frieden und die Freiheit, keinen Krieg und kein Leid. Das westliche Frauenbild faszinierte mich, und ich wollte es ausleben. Ich studierte weiter und wollte von zuhause ausziehen, doch für meine muslimische Familie was das als unverheiratete Frau undenkbar. Aber ich setzte mich gegen meine Familie durch. Ich hatte nun viel Freiheit, trotzdem fehlte mir der innere Friede – ich hatte keine Heimat mehr. Ich konnte die Nachrichten von Anschlägen und Hinrichtungen im Irak und in Syrien nicht mehr ertragen. Ich brauchte Menschen, mit denen ich über meine Sehnsucht nach Frieden reden konnte. Ich sprach mit einer Deutschen. Aber sie sagte über Muhammad, er sei ein Lügner. Das machte mich wütend, das griff meine Identität an.

 

In dem Studentenwohnheim, in dem ich wohnte, lebten Christen aus Korea. Acht Jahre lang habe ich immer wieder Gottesdienste der Koreaner besucht. Aber ich konnte nicht verstehen, was sie meinten, wenn sie sagten, dass Jesus das Leben sei. Ich las auch in der arabischen Bibel, aber ohne Anleitung war ich verloren. Ich suchte Gott auf ganz unterschiedliche Weise und fand ihn nicht. Irgendwann war ich so am Ende, dass ich schrie: `Jesus, wenn du der Herr bist, dann gib mir ein Zeichen. Ich werde sonst noch verrückt!` In dieser Nacht träumte ich: Ich sah mich selbst auf einem Schiff. Das Schiff begann zu sinken, aber ich nicht. Voller Schrecken und zugleich getröstet betete ich: `Ich bin gerettet, ich bin gerettet! Ich danke dir, Jesus, dass du mich gerettet hast!`

 

Ich schrieb Pfarrer Josua beim Evangelischen Salam-Center bei Stuttgart an. Er lud mich zu einem Taufkurs ein, wo ich andere Interessierte traf. Endlich war ich in eine Gemeinschaft mit anderen hineingestellt, die in derselben Lage waren wie ich, und ich konnte meine vielen Fragen stellen. Die Antworten aus dem arabischen kulturellen und religiösen Hintergrund halfen mir entscheidend weiter. So wurde ich einige Wochen später am 3. Advent 2017 in der Stiftskirche in Stuttgart getauft. Für meine Taufe habe ich mir den Vers aus Johannes 4, 14 ausgewählt: `Wer aber trinkt von dem Wasser, das ich ihm geben werde, den wird niemals mehr dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm gebe, wird ihn ihm zu einer nie versiegenden Quelle, die unaufhörlich bis ins ewige Leben fließt.` Ich fand in der Gemeinde und bei Familie Josua eine geistliche Heimat. Ich mache ständig neue Entdeckungen in der Bibel. Jesus nennt uns nicht Knechte, sondern Geliebte. Jesus Christus ist meine Freude, mein Friede und meine Kraft.“ Aus Heide Josua, Mein neues Leben, Ev. Verlagsanstalt Leipzig, 2019

 

International, global, weltweit, katholisch (weltumspannend) ist das Evangelium, liebe Gemeinde. „Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Lukas 13, 29. Jesus ist der Heiland der Heiden, auch der vielen getauften Heiden in Deutschland.   AMEN

 

Lieder (EG) und neue Lieder plus

293, 1+2         Lobt Gott den Herrn, ihr Heiden all

+ 910               Psalm 86

597, 1-4          In Christus gilt nicht Ost noch West

+32, 1-4          Ein Lied klingt durch die Welt

+32, 5-7          Ein Lied klingt durch die Welt                    

535                  Glori

Erster Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 10.1.2021, 9 Uhr Wain, 10.15 Uhr

Erster Sonntag nach dem Erscheinungsfest, 10.1.2021, 9 Uhr Wain, 10.15 Uhr

Wochenspruch: Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Römer 8, 14

 

Predigttext aus Römer 12, 1-3        3. Reihe neu

Das Leben als Gottesdienst

1 Ich ermahne euch nun, Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. 2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

 

Schriftlesung aus Matthäus 3, 13-17

Jesu Taufe

13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. 14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? 15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's ihm zu. 16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

 

Liebe Gemeinde,

im heutigen Gottesdienst geht es um den Gottesdienst, liebe Gottesdienstgemeinde. Es geht zuerst einmal um unseren gemeinsamen Gottesdienst heute Morgen um 9 Uhr in Wain. Manchmal werde ich angerufen und gefragt, wann in unserer Gemeinde denn der Gottesdienst stattfindet. Und dann antworte ich, wie das eben in unserer Gemeinde üblich ist und freue mich über die Anfrage und freue mich noch mehr, wenn der Anrufer dann auch tatsächlich im Sonntagsgottesdienst erscheint und mit uns Gottesdienst feiert. Ich sehe den Gottesdienst als die wichtigste Veranstaltung unserer Gemeinde an. Als die Veranstaltung, die uns zusammenbringt und zusammenführt und die Einheit unserer Gemeinde auch nach außen zeigt.

 

An den Ortseingängen vieler Städte und Gemeinden werden die Gottesdienstzeiten auf einem eigenen Schild angezeigt. Gelbe Kirchen auf den Schildern zeigen katholische Gottesdienste an, lila Kirchen evangelische Gottesdienste. Drei bis vier Gottesdienste und damit drei bis vier Stunden Gottesdienst werden damit genannt. Werner Küstenmacher, evangelischer Pfarrer und Karikaturist aus München, nimmt diese Schilder aufs Korn und malt ein weiteres Schild daneben. Hier zeigt er einen Teufel, der seinen 24-Stunden-Service anbietet und immer für die Menschen da ist. Er hat immer Zeit und ist allzeit bereit. Wir schmunzeln über diese Karikatur, weil wir entdecken: da steckt nicht nur etwas, sondern viel Wahres dahinter. Wir schmunzeln, weil wir es merken: Eine Stunde Gottesdienst in der Woche ist viel zu wenig. 168 Stunden dauert eine Woche, ein Gottesdienst nimmt in der Regle etwa eine Stunde in Anspruch. Wir sehen, wie groß die Diskrepanz ist. Ob jeden Tag den ganzen Tag lang Gottesdienst sein sollte? 24 Stunden am Tag, an jedem Tag der Woche und am Wochenende sowieso? Sollten wir als Kirche auch einen 24-Stunden-Service – was Gottesdienst anbelangt – anbieten?

 

Der Apostel Paulus möchte uns genau das heute Morgen empfehlen, liebe Gottesdienstgemeinde: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das ist euer vernünftiger (logikos) Gottesdienst!“ (Röm 12, 1). Oder einfacher formuliert: „Euer ganzes Leben sei ein Gottesdienst, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche, 12 Monate im Jahr! Euer ganzes Leben sei ein Gottesdienst! Und Gottesdienst heißt so viel wie: Gott dienen! Als Christen dienen wir Gott nicht nur eine Stunde in der Woche, sondern dieser Dienst soll mit jedem Herzschlag unseres Lebens stattfinden! Der Gottesdienst geht also nach dem Gottesdienst weiter, liebe Gottesdienstgemeinde. Nach dem Segen fängt der Gottesdienst draußen vor der Kirche wieder von Neuem an.

 

Wieso feiern wir eigentlich Gottesdienst am Sonntagmorgen, liebe Gottesdienstgemeinde? Ganz einfach, weil das zur Heiligung des Sonntages gehört. Christen versammeln sich und zeigen dadurch ihre Zusammengehörigkeit. Christen hören gemeinsam auf Gottes Wort. Christen loben mit ihren Liedern gemeinsam ihren Schöpfer. Christen feiern gemeinsam das Heilige Abendmahl und freuen sich gemeinsam an der Heiligen Taufe. Christen sind gemeinsam der eine Leib Jesu Christi. Christen sind gemeinsam der Tempel des Heiligen Geistes und in diesem Tempel soll immer und ewig Gottesdienst gefeiert werden. Der Dreieinige Gott will keine Spaltung der Christenheit! Der Sonntag bewährt sich im Werktag. Der Werktagsgottesdienst schöpft seine Kraft aus dem Sonntagsgottesdienst. So ist jeder Tag ein Sonntag, ein Gottesdiensttag, liebe Gottesdienstgemeinde.

 

Ein Christ kann nicht ohne Gottesdienst leben, liebe Gottesdienstgemeinde. Der Sonntagsgottesdienst ist die Erfüllung unseres Daseins und damit auch die Erfüllung unseres Alltages. Durch den Gemeindegottesdienst hat der Sonntag nicht nur eine Struktur, sondern er nähert und ernährt die Seele und damit unseren Leib. Denn Leib und Seele sind und bleiben eine Einheit.

 

Wenn wir im Sonntagsgottesdienst beieinander sind rauscht nicht nur etwas bedeutungslos an uns vorbei. Da ereignet sich etwas. Da bin ich unter dem Wort Gottes. Da bin ich unter dem Segen Gottes. Der Enkel fragt seine Großmutter, die gerade aus der Kirche kommt: „Oma, worüber hat der Pfarrer gepredigt?“ – Die Großmutter antwortet. „Ich weiß es nicht mehr!“ – Daraufhin der Enkel: „Warum gehst Du dann in die Kirche?“ – Da zeigt die Großmutter auf einen Weidenkorb, der dreckig in der Ecke steht und sagt: „Wenn ich den Korb nehme und unter den Wasserhahn halte, dann bleibt kein Wasser darin. Aber der Korb ist danach sauber.“

 

Die Wirkung des Gottesdienstes ist ähnlich wie die des Weidekorbes unter dem Wasserhahnen, liebe Gottesdienstgemeinde. Es kommt nicht so sehr darauf an, was darin bleibt, sondern es kommt darauf an, dass sich bei mir etwas ändert. Als unser Land noch etwas bäuerlicher geprägt war, gab es ein Sprichwort: „Der erste, der es merkt, dass sich der Bauer bekehrt hat, ist das Vieh im Stall.“ So hat auch der echte Gottesdienst Auswirkungen bis in die alltäglichste Arbeit und wird zum Gottesdienst des Lebens.

 

Paulus braucht in seinem Römerbrief 11 lange Kapitel um den Christen in Rom zu demonstrieren, wie Gott dem Menschen gedient hat. Unserm Gottesdienst geht immer der Dienst Gottes an uns Menschen voraus, liebe Gottesdienstgemeinde:  Jesus starb für unsere Sünden. Wir sind mit dem Glauben begabt. In der Heiligen Taufe hat uns Gott angenommen und uns in das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesus mit hineingenommen, also in das Heil. In der Verbundenheit mit Christus haben wir das Leben, wir sind frei vom Fluch des Gesetzes. So hat Gott uns gedient, liebe Gemeinde.

 

So ist unser Gottesdienst nichts anderes als die Antwort auf Gottes Dienst an uns Menschen. Bevor wir Gott dienen können, steht also das, was Gott für uns getan hat: Sein Erbarmen, seine Gnade, sein Heil. Jeder Gottesdienst ist immer zuerst Gottes Dienst an uns. Da lädt uns der ein, der uns liebt. Der sich freut, wenn wir zusammenkommen, der traurig ist, wenn wir getrennte Wege gehen.

 

In einer alten Geschichte wird vom Klosterleben erzählt. Zu einem der Mönchsväter kam ein Bruder und erzählt ihm, er werde von Trauer und Melancholie gepeinigt. Außerdem, so gestand er, könne er nicht einmal mehr beten. Der Ältere sagte zu ihm: „Wenn Du schon nicht beten kannst, dann geh in den Gottesdienst und höre zu, wie die anderen beten.“

 

Der Sonntagsgottesdienst ist kein Anhängsel an unser Leben, nicht ein Relikt aus alten Zeiten, schon gar nichts Unwichtiges oder gar Überflüssiges. Das Gegenteil ist der Fall, liebe Gottesdienstgemeinde. Gottesdienst an uns und für uns macht uns stark für den Alltag, damit unser ganzes Leben ein Gottesdienst, ein Dienst für Gott sein kann.

 

Die Kanzel unseres Lebens-Gottesdienstes ist der Alltag, in dem wir leben. Das Vieh merkt es zuerst, wenn sich der Bauer bekehrt hat. Unsere Umwelt soll es zu allererst und immer wieder

neu erfahren, dass wir von Gott erneuert worden sind. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ 2. Korinther 5, 17. Der Glanz von Weihnachten darf sich in unserem Angesicht spiegeln, liebe Gemeinde.

 

Das kann auch bedeuten, dass wir Opfer zu bringen haben. Unser Leben soll ein lebendiges Opfer sein. Kein totes und kein zu tötendes: „Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das ist euer vernünftiger Gottesdienst!“

 

Opfer heißt ja immer so viel wir tot! Ich gebe nicht nur etwas ab, was mir gehört, sondern alles. Opfer hat immer auch in der Konsequenz mit Versöhnung, mit Sühne und damit mit Frieden zu tun. Dazu sind wir im Alltag aufgerufen, liebe Gemeinde. Immer sind wir dazu aufgerufen. Die Alltagskanzel predigt ohne Worte. Sie predigt mit Taten.

 

So hat der Gottesdienst eben nicht nur etwas mit Innerlichkeit und Andacht zu tun – damit sicherlich auch – sondern eben auch mit der realen Welt und dem leibhaftigen Leben. Erlösung hat damit nicht nur etwas mit der Seele zu tun, sondern auch mit dem Leib. Der Gottesdienst geht im Alltag nach dem Segen weiter und weiter und weiter und freut sich nach dem Alltag wieder auf den Sonntag.

 

Der Gottesdienst geht nach dem Gottesdienst weiter, so dass aus der Nahtstelle zwischen dem Gottesdienst in der Kirche (im sakralen Raum) und dem Gottesdienst im weltlichen Bereich keine Bruchstelle entsteht. Jede Nahtstelle ist besonders gefährdet, das wissen Schweißer und Näherinnen. Jede Nahtstelle kann zur Schwachstelle und damit zur Bruchstelle werden – aber das sei ferne.

 

Ändern sollen wir unseren Sinn. Für diese Veränderung begegnet uns im griech. Text das Wort Metamorphose. Metamorphose ist nicht nur eine Veränderung durch eine Maske. Metamorphose ist eine Veränderung des ganzen Wesens. Metamorphose ist, wenn aus einem Stückchen Holz Heizöl wird. Metamorphose ist, wenn aus einer Raupe ein wunderbarer Schmetterling wird. Wenn wir es nicht wüssten könnten wir es uns auch mit der allergrößten Fantasie nicht vorstellen, dass ein bunter, fliegender, tagträumender Schmetterling einmal eine hässliche, plumpe, blätterfressende Raupe war. Die Metamorphose macht`s möglich. Metamorphose ist mehr als nur das Aufsetzen einer Maske, mehr als nur „Kleider machen Leute“. Metamorphose ist ein neues Wesen. Wie kommen wir nun zu diesem notwendigen neuen Wesen?

Über Martin Luther gibt es eine interessante Anekdote. Der Teufel sei einmal in Wittenberg vor das Haus Luthers gekommen und habe drohend zum Fenster empor gerufen, aus dem der Reformator gerade heraus schaute: „Wohnt der Doktor Luther hier?“ – Darauf kam aus Luthers Mund die Antwort: „Nein, der ist schon lange tot. Hier wohnt jetzt der Herr Jesus Christus!“

 

Diese Anekdote will deutlich machen, dass bei Martin Luther eine grundsätzliche Entscheidung gefallen war. Er gehörte nicht mehr sich selbst. Er schrieb und redete auch

nicht, um sich selbst zu verwirklichen oder seinen eigenen Ruhm auszubreiten. Sondern er glaubte, was er glaubte. Er lebte, was er verkündigte. „Ich gehöre meinem Herrn!“

 

So stellen wir uns nicht dieser Welt gleich. Christen widersprechen den Meinungen, die es in dieser Welt gibt. Martin Luther King predigt einmal: „Viele Stimmen und Kräfte drängen uns, den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen. Aber wir sollen überzeugte Menschen sein, nicht Mitläufer. Menschen des moralischen Adels. Uns ist aufgetragen, anders und nach höheren Maßstäben zu leben (Zehn Gebote). Oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen: Als Christen sind wir Thermometer. Sie zeigen die Temperatur der Mehrheitsmeinung an. Wir müssen die Glut des Evangeliums der ersten Christen wiederfinden, die sich weigerten, ihr Zeugnis den Gewohnheiten ihrer Umwelt anzupassen. Willig opferten sie Ruf, Reichtum und Leben für eine Sache, die sie als richtig erkannt hatten. An Zahl gering, waren sie Riesen an Wirkung.“

 

„Stellt (griech. Schema!) euch dieser Welt nicht gleich“ ruft uns Paulus zu, liebe Gottesdienstgemeinde. Paulus will uns damit sagen, dass wir uns dieser Welt nicht ständig anzupassen haben. Christlicher Glaube und christliche Ethik haben ein eigenes Profil, das diese Welt braucht. Wir wollen es mit unseren Leibern vorleben – nach dem Gottesdienst ist vor dem Gottesdienst! Sonntag und Alltag dürfen einander nicht widersprechen, sonst sind er Chamäleonchristen, die nicht wissen, wem und wohin sie gehören. Die Alltagskanzel kann dann nicht mehr predigen. „Der Herr Jesus Christus wohnt doch in uns, am Sonntag und am Werktag, im Gottesdienst und im Alltag. Das ist unser vernünftiger (logikos – Christus ist logos – das Wort – also ein „wortgemäßer Gottesdienst) Gottesdienst. Dann wird unser Leben zum Segen für andere. Die Barmherzigkeit Gottes will an unserem Leben ablesbar sein. Der Geist Gottes treibt uns doch! Nicht wahr?

 

AMEN

 

Lieder (EG) und Neue Lieder plus

390, 1-3                      Erneure mich, o ewigs Licht

+ 912                          Psalm 89

441, 1-5+8                  Du höchstes Licht (Melodie EG 440)

73, 1+5-7                    Auf, Seele, auf und säume nicht

410, 1-4                      Christus, das Licht der Welt

535                             Gloria sei dir gesungen

 

 

 

 

Erscheinungsfest, 6.1.2021

Erscheinungsfest, 6.1.2021, 9 Uhr Wain

Thema: Die Herrlichkeit Christi

Wochenspruch: Die Finsternis vergeht und das wahre Licht scheint schon. 1. Joh 2, 8b

 

Predigttext: Jesaja 60, 1-6   3. Reihe neu

Zions künftige Herrlichkeit

1 Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! 2 Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. 3 Und die Völker werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht. 4 Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. 5 Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. 6 Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.

 

Schriftlesung aus Matthäus 2, 1-12

Die Weisen aus dem Morgenland

1 Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. 3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): 6 »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« 7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, dass auch ich komme und es anbete. 9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. 10 Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 11 und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. 12 Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

 

Liebe Gemeinde,

es ist eine eindrucksvolle Geschichte, die uns im Zusammenhang mit diesem Prophetenwort begegnet: Da waren Menschen nach langen Jahren der Verbannung zurückgekehrt in das Land der Väter. Selbst in der Fremde geboren, hatten sie weder das Land noch seine Hauptstadt Jerusalem mit dem Tempel je zu sehen bekommen. Aber die Erzählungen der Väter und die große Liebe und Sehnsucht, die sich darin ausdrückten, hatten auch bei ihnen die Sehnsucht geweckt nach den Stätten, wo Gott seinem Volk begegnet war, und nach dem Tempel, dem sichtbaren Wahrzeichen seiner Gegenwart. Aber was sie nach langer, mühevoller Reise empfing, war ein Trümmerfeld. Trotzdem versuchten sie Fuß zu fassen. Doch ihre Lage blieb erst einmal trostlos.

 

Die politischen Verhältnisse waren verwirrend, Jerusalem lag in Trümmern, die Wirtschaft lag darnieder, die Ernte war der Dürre zum Opfer gefallen und was das Schlimmste war: Der Tempel, Gottes Wohnstätte war seit Jahrzehnten zerstört.

 

Enttäuschung und Resignation machten sich breit: Hatte Gott sein Volk verstoßen, ihm für immer den Rücken zugekehrt? Wie eine schwarze, undurchdringliche Mauer stand die Zukunft vor ihnen, ohne Lichtblick, ohne Hoffnungsschimmer. Bewegend sind die Klageworte, die uns ein Kapitel vorher begegnen: „Wir harren auf Licht, so ist`´ s finster, auf Helligkeit, siehe, so wandeln wir im Dunkeln. Wir tasten an der Wand entlang wie die Blinden und tappen wie die, die keine Augen haben. Wir stoßen uns am Mittag wie in der Dämmerung, wir sind im Düstern wie die Toten.“ Jesaja 59.9b.10

 

Wie ein Blitz, der mit einem Schlag eine ganze, düstere Landschaft erhellt, so muss das Prophetenwort auf die Hörer gewirkt haben. „Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir. Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreicht und Dunkel die Völker; a b e r über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Licht ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.“

 

Wie wunderbar ist diese Botschaft und wie ermutigend muss sie in den Ohren der verstörten Menschen geklungen haben!? Gott bekennt sich zu seinem Volk, trotz seines Ungehorsams und seiner Untreue. Er hat es nicht verstoßen, sondern er vertraut ihm eine große Aufgabe an und gibt ihm eine neue Würde: Israel soll Lichtträger für alle Völker sein. Gott will ihm einen Glanz verleihen, der die Völker und ihre Könige unwiderstehlich anzieht, so dass sie sich auf den Weg machen, um den Ursprung dieses wunderbaren Lichtes zu suchen.

 

Aber das ist noch nicht alles: „Hebe deine Augen auf und sieh umher: Diese alle sind versammelt, kommen zu dir. Deine Söhne werden von ferne kommen und deine Töchter auf dem Arm hergetragen werden. Dann wirst du es sehen und vor Freude strahlen, und dein Herz wird erbeben und weit werden, wenn sich die Schätze der Völker am Meer zu dir kehren und der Reichtum der Völker zu dir kommt. Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen.“ Jes 60, 4-6

 

Wir wissen nicht, wie die Menschen damals auf die Zukunftsvision des Propheten reagiert haben. Vielleicht konnten sie sich inmitten der Trümmer noch nicht vorstellen, wie das alles Wirklichkeit werden sollte. Aber eins ist ihnen mit Sicherheit klargeworden: Wenn Gott mit uns nicht am Ende ist, wenn sein Weg mit uns weitergeht, dann können wir nicht so leben, als bleibe weiterhin alles dunkel. Dann lohnt es sich wieder, auszuharren, Opfer zu bringen und sich einzusetzen für sein Ziel. Vielleicht haben die Menschen schon etwas verspürt vom aufgehenden Licht und vom Weit-Werden des Herzens.

 

„Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“

 

Liebe Gemeinde,

wenn dieses Prophetenwort heute zu uns gesagt ist, dann können wir es noch ganz anders hören als die Menschen damals. Denn das Licht ist ja gekommen, sonst wären wir heute nicht beieinander, um das Fest seiner Erscheinung zu feiern. Dieses Licht hat für uns einen Namen und ein menschliches Antlitz, den Namen und das Antlitz unseres Herrn Jesus Christus.

 

Er ist das Licht Gottes in Person, der Ursprung des Glanzes, den der Prophet seinem Volk verheißen hat. Er ist das Licht, zu dem sich die Weisen aus fernem Land aufmachen, um ihre Gaben zu bringen, und von dem sie einen hellen Schein in ihren Herzen mit in ihre Heimat nehmen. Er ist das Licht, von dem Simeon sagt: „Meinen Augen haben deinen Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden.“ Lukas 2, 30-32a

 

All die Lichter, die wir in den letzten Wochen angezündet haben, die vier Lichter am Adventskranz und die vielen Lichter am Christ(us)baum, sie alle haben ja nur einen Aufgabe: Sie weisen uns hin auf dieses göttliche Licht, auf Jesus Christus, der in die Welt gekommen ist, um Menschen, die in der Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, herauszureißen in sein unvergängliches Licht. Jüdischer und christlicher Glaube strahlen Hoffnung aus. Hoffnung im Dunkel:

 

„Nicht in der Finsternis versinken

und in der Schwärze der Nacht,

sondern hoffen

auf den Morgenstern, der in der Ferne glüht.

 

Den Stimmen wehren,

die aus der Tiefe hervorbrechen,

und lauschen lernen

auf das Wort, das dich treffen wird.

 

Nicht das Herz verhärten

unter der Bedrohung dunkler Mächte,

sondern es öffnen

der Verheißung, die sich erfüllen wird.“-  Barbara Cratzius (Auf den Morgenstern hoffen)

 

„Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“

 

Manchmal haben wir den Eindruck, dass über uns nichts Gutes schwebt. Man sagt dann zwar: Alles Gute kommt von oben – aber dann erwischt uns doch nur das, was ein kleiner oder ein großer Vogel fallen lässt. Pech gehabt. Shit happens!

 

Manchmal fühlen wir, dass wir erdrückt werden. Da ist eine Last über uns, die uns – zumindest unsere Seele  - zu  zerquetschen vermag. Da gibt es das berühmte Damokles-schwert. Damokles wird als ein Höfling beschrieben, der mit seinem Leben unzufrieden war. Er beneidete den Tyrannen Dionysios (4. Jh v Chr) um dessen Macht und Reichtum und hob in seinen Schmeicheleien stets dessen Vorzüge hervor. Dionysios beschloss daher, Damokles anhand des Damoklesschwerts die Vergänglichkeit, vor allem die seiner Position, zu verdeutlichen. Der Herrscher lud Damokles zu einem Festmahl ein und bot ihm an, an der königlichen Tafel zu sitzen. Zuvor ließ er jedoch über Damokles’ Platz ein großes Schwert aufhängen, das lediglich von einem Rosshaar gehalten wurde.

 

Als Damokles das Schwert über seinem Kopf bemerkte, war es ihm unmöglich, den dargebotenen Luxus zu genießen, und schließlich bat er darum, auf die Annehmlichkeiten (und die damit verbundene Bedrohung) verzichten zu dürfen. Damokles hatte seine Lektion erhalten, dass Reichtum und Macht keinen Schutz vor Gefahren bieten, sondern diese verursachen.

 

Das Damoklesschwert wird auch heute noch als Metapher der bestehenden Gefahr in einer scheinbar komfortablen Situation gebraucht. Heute gibt es nach wie vor viele Damoklesschwerter, die über unserem Leben hängen: Klimawandel, Corona-Virus, Altersarmut, Energiekrise, Überbevölkerung der Welt, Welthunger. Weltuntergangs-stimmungen und Weltuntergangsszenarien machen gerade die Runde. Allerdings werden sie nicht von den Christen verbreitet. Wir als Christen verbreiten etwas anderes. Wir wollen Gott „verbreiten“ und Jesus, seinen Sohn. Jesus predigt vom Reich Gottes. Das Reich Gottes kommt. Das hängt über uns und nicht das Damoklesschwert.

 

Wir sollen nicht nur eine Kerze anzünden. Nein, wir sollen selbst hell scheinen. Wie kann das sein? Weil Gottes Herrschaft anbricht. So verheißungsvoll wie ein neuer Tag anbricht, wird Gottes Herrlichkeit und Glanz sein. Finsternisse werden überwunden. Jesus ist gekommen, es hell in unserer Welt und in unseren Herzen zu machen. Dazu müssen wir uns diesem Licht aussetzen. Wenn wir uns Zeit nehmen, um auf ihn zu hören und mit ihm zu reden, werden wir uns verändern, wird sich die Welt verändern.

 

Es war die ideale Nacht, um in 2000 Meter Höhe im Freien zu übernachten: Stabiles Hochdruckwetter, spätsommerliche Wärme, Urlaubszeit. Allerdings: Die Nacht wurde länger und länger, der Felsboden härter und die Temperaturen niedriger. Dunkle Gedanken bevölkerten mein Hirn: Was ist, wenn ich krank werde, wenn ich mich beim Abstieg verletze, wenn Nebel einbricht, wenn ich neben einer Schlangengrube liege und ich den Weg nicht mehr finde? Mich fröstelte. Endlich begann es zu dämmern. Schattenhaft konnte ich die Umrisse der Bergzüge ringsum erkennen. Schließlich ging die Sonne auf! Was sie anstrahlte, wirkte seltsam nahe. Kräftige Farben! Unten in den Tälern und in der Ebene war es noch dunkel. Ich aber wusste schon, wie es sich anfühlt, wenn Gott über einem aufgeht: Hell, warm und stark! Der Blick wandert hinüber zum Horizont – und darüber hinaus bis in die Ewigkeit!

„Mache dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir.“

 

Der HERR geht über uns auf, liebe Gemeinde. Im Segen erleben wir das: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir!“ -  Jeder Regenbogen erinnert uns daran. Der steht über uns, gerade nach einem Unwetter – auch im übertragenen Sinn! „Über dir geht auf der Herr“, das ist noch nicht alles:“ … sondern seine Herrlichkeit erscheint über dir!“ - Über uns steht nicht die Bedrohung, sondern der Herr und seine Herrlichkeit. Großartig, hoffnungsvoll und hoffnungsfroh. Das ist unser Standort, das ist unsere Position. Das ist etwas Positives.

 

AMEN

 

Lieder (EG) und NLplus

540, 1-4          Stern über Bethlehem

+ 906              Psalm 72

70, 1+4           Wie schön leuchtet der Morgenstern

592, 1-4          Licht, das in die Welt gekommen

70, 7                Wie bin ich doch

535                  Gloria sei dir gesungen

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Ernst.Eyrichdontospamme@gowaway.elkw.de

 

 

 

 

 

 

 

Neujahr - Predigttext

Neujahr, 01.01.2021, 9.30 Uhr Wain

2. Sonntag nach dem Christfest, 3.1.2021, 10.15 Uhr Dietenheim

Predigttext = Jahreslosung 2021 aus Lukas 6, 36

Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.

 

Schriftlesung: Lukas 10 Der barmherzige Samariter (Beispielgeschichte)

Die Frage nach dem ewigen Leben. Der barmherzige Samariter

25 Und siehe, da stand ein Gesetzeslehrer auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? 26 Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5. Mose 6,5; 3. Mose 19,18). 28 Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben. 29 Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster? 30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen. 31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber. 32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. 33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte es ihn; 34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. 35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir's bezahlen, wenn ich wiederkomme. 36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? 37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

 

Liebe Gemeinde,

ein neues Jahr ist etwas Besonderes, auch wenn manche unter uns das schon 60 oder 70 Mal oder noch öfters erlebt haben. Die kommende Zeit liegt vor uns wie ein neues Land, wie ein neuer Kontinent. Es gilt in die neue Zeit zu gehen. Sie ist uns geschenkt. Es gilt sie zu gestalten, sie auszuhalten, sie zu durchschreiten. Früher sagte man noch Anno Domini – Jahr des Herrn! Ja, das ist es heute auch noch. Jede Zeit, jedes Jahr ist Gottes Zeit, ist ein Jahr des Herrn. „Meine Zeit steht in deinen Händen, nun kann ich ruhig sein, ruhig sein in dir“ (EG  628). Das schenkt uns Mut und Kraft, Zuversicht und Hoffnung.

 

Die Jahreslosung hat zwei Teile: Sie stellt erstens einen Anspruch an unser Leben: Seid barmherzig! Dieser Anspruch steht allerdings nicht leer im Raum, sondern beruft sich auf die Barmherzigkeit Gottes, die wir empfangen haben. Gott ist barmherzig. Das ist der zweite teil. Er ist der Vater der Barmherzigkeit (2. Kor 1, 3). Seine Barmherzigkeit erkennen wir an seiner Liebe. Diese Liebe wird sichtbar an Kreuz und Auferstehung. Gott ist für uns! Gott ist barmherzig. Er rechnet nicht mit uns ab. Er weiß, wie wir sind und wie wir manchmal sein können  – aber er vergilt nicht, er vergibt.

 

Weil Gott dem Menschen gegenüber barmherzig ist – gerade auch mir - soll der Mensch, soll ich dem Nächsten gegenüber barmherzig sein. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wir sind doch Gottes Kinder? Es geht darum: Barmherzigkeit zu üben! Wie Gott mir, so ich dir!

 

Das ist nicht immer einfach. Das ist schon ein hoher Anspruch. In der Bergpredigt lesen wir: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ - Auf dem Anspruch, Barmherzigkeit zu leben, liegt eine Verheißung. Barmherzigkeit heißt: Seine Feinde zu lieben, diejenigen zu segnen, die uns verfluchen, für die zu beten, die uns beleidigen und Gutes zu tun, wo wir nichts erwarten können. „Wenn ihr einem Feind begegnet: denkt zuerst an eure Feindschaft gegen Gott und an Gottes Barmherzigkeit gegen euch!“ Dieterich Bonhoeffer
 

Barmherzigkeit heißt wörtlich: Das Herz beim Armen haben! Werden wir unser Herz beim anderen haben oder nur bei uns selbst? Und: Haben wir es wirklich bei uns? Werden wir barmherzig mit uns selbst und unseren Fehlern sein?

 

Erbarmungslos - Text aus ejw-Heft 2021zur Jahreslosung

ICH (mit Großbuchstaben geschrieben)

Kalt.

Verschlossen.

Verkrampft sich mein Herz

In mir.

Dreht sich meine Welt um mich.

 

DU (Mit Großbuchstaben geschrieben)

Hart. Unnachgiebig.

Bleibt dein Herz bei dir.

Dreht sich deine Welt um dich.

 

So will ich nicht ins neue Jahr starten und Sie auch nicht. Das ist keine Lösung, dann wird das neue Jahr kein Jahr der Barmherzigkeit, das es ja werden soll.

 

In der Bibel finden wir sehr viele Worte zum Thema Barmherzigkeit. Viele sind uns vertraut, wie zum Beispiel die Geschichte vom Barmherzigen Samariter oder vom Verlorenen Sohn.

 

Eher unbekannt ist uns ein Wort aus den Sprüchen 11, 17 wo es heißt:

„Ein barmherziger Mann nützt auch sich selber; aber ein herzloser schneidet sich ins eigene Fleisch.“

 

„Die Weisheit aber von oben her ist zuerst lauter, dann friedfertig, gütig, lässt sich etwas sagen, ist reich an Barmherzigkeit und guten Früchten, unparteiisch, ohne Heuchelei.“ Jakobus 3, 17

 

Barmherzigkeit heißt wörtlich:  Beim Armen sein Herz haben – Der Gegensatz ist Hartherzigkeit. Im Hebräischen ist die Barmherzigkeit auch die Gebärmutter. In ihr nistet sich das befruchtete Leben ein und kann wachsen, heranreifen und schließlich geboren werden. Barmherzigkeit heißt Leben zu ermöglichen.

 

Friedrich von Bodelschwingh erzählt aus seiner Kindheit: Als er Früchte von einem Baum gestohlen hatte, zerriss er sich die Hose. Er kniete sich am Abend vor sein Bett und betete: „Lieber Gott, ich bin heute ungehorsam gewesen. Vergib mir und mach, dass die Hose morgen wieder heil ist!“ Seine Mutter hörte beim Vorbeigehen das Gebet ihres Sohnes und reparierte in der Nacht heimlich die zerrissene Hose. Welch ein großes Wunder, dass die Hose über Nacht wieder heil war! Dies war eine bleibende Erfahrung für sein Leben: Nicht Strafe, sondern Barmherzigkeit verändert den Menschen!

 

Aus Astrid Lindgrens Madita. Matida wird in der Schule in einer offenen Katechismus-Prüfung gemeinsam mit anderen Kindern abgefragt. Die Lehrerin fragt: Was ist Barmherzigkeit? Ein Junge antwortet: Niemanden verprügeln! Ein Mädchen fügt hinzu: Brav und lieb sein. Schließlich fragt die Lehrerin nach einer passenden biblischen Geschichte. Matida antwortet: Der barmherzige Samariter. Sie kann die Geschichte sogar erzählen. Dann ruft die Lehrerin einen weiteren Mitschüler auf, der offensichtlich nicht so richtig aufgepasst hat. Sie fragt: Viktor, was hat der barmherzige Samariter zum Wirt gesagt, als er ihm den Verwundeten anvertraut hat? Viktor ist ein zupackender Kerl, sprachlich nicht allzu gewandt. Er sagt: Er soll ihn umlegen, und dann wird er es ihm heimzahlen.

 

Das, was Viktor unabsichtlich benannte, ist die bittere Erfahrung des Lebens. Manches wird uns heimgezahlt. Dass wir nicht Barmherzigkeit erwarten können, sondern Härte. Vielleicht sind wir nicht einmal mit uns selbst barmherzig, weil wir uns selbst manche Fehler nicht verzeihen. ABER: Es ist nötig, Not wendend, lebensnotwendig, dass wir Barmherzigkeit verschenken und Barmherzigkeit erfahren.

 

Das Filmdrama „Das Glücksprinzip“ (Originaltitel Pay It Forward) von Mimi Leder aus dem Jahr 2000 basiert auf einem Roman von Catherine Ryan Hyde. Die Autorin gründete eine Stiftung, um die Idee aus ihrer Geschichte in der Realität umzusetzen.

 

Der neue – durch Verbrennungen entstellte – Sozialkunde-Lehrer Eugene Simonet konfrontiert seine Schüler in der ersten Stunde gleich mit einer ebenso schwierigen wie interessanten Aufgabe. Sie sollen sich etwas ausdenken, womit sie die Welt verbessern können

 

Der junge Trevor hat eine besondere Idee. Nach seinem Prinzip „Weitergeben“ soll man drei anderen Menschen etwas Gutes tun. Sie helfen ihrerseits jeweils drei anderen Menschen. So breiten sich die guten Taten nach dem Schneeballsystem immer weiter aus.

Trevor sucht sich drei Personen aus, denen er helfen möchte. Seinem Lehrer hilft er, indem er ihn mit seiner Mutter Arlene verkuppelt, einem Drogensüchtigen verhilft er zu einem neuen Lebensbeginn, indem er ihm eine Nacht Unterschlupf gewährt und neue Kleider für ihn kauft, und seinem Mitschüler Adam will er bei einer Prügelei beistehen, wozu er aber nicht den nötigen Mut aufzubringen vermag. Auch die ersten beiden Unterfangen scheinen keine Früchte getragen zu haben. Es ist gar nicht so einfach etwas Gutes zu tun! Der Drogensüchtige kam nicht von seiner Sucht los und sein Lehrer und seine Mutter tun sich schwer bei ihrer Beziehung. Seine Mutter beendet ihre Beziehung zu Eugene, als Trevors Vater – nun angeblich trocken – zu ihr zurückkommt. Sie wirft Trevors Vater zwar wieder hinaus, als ihr klar wird, dass er in Wirklichkeit nicht trocken ist, jedoch ist Eugene gekränkt und kann sich nicht überwinden, ihr zu verzeihen und die Beziehung wieder aufzunehmen. So kommt es, dass Trevor seine Idee zur Verbesserung der Welt als gescheitert ansieht.

In Wirklichkeit hat sich die Idee allerdings zu verbreiten begonnen, denn die Empfänger von Trevors Wohltaten haben unterdessen ihrerseits das Versprechen eingehalten, selbst etwas Aufopferungsvolles für drei ihrer Mitmenschen zu tun, bis schließlich ein Reporter auf dieses Schneeballsystem des Glücks (wir sagen Barmherzigkeit) aufmerksam wird. Dieser besucht Trevor an dessen Geburtstag, um ihm vom Erfolg seiner Idee zu berichten und ihn zu interviewen. Trevors Worte während des Interviews bringen Eugene schließlich dazu, Trevors Mutter zu verzeihen. Nach dem Interview sieht Trevor, wie sein Mitschüler wieder von denselben Rowdys verprügelt wird, und fasst den nötigen Mut, um auch der dritten Person zu helfen, bei welcher er es sich einst vorgenommen hatte. Einer der Rowdys zieht ein Messer, und Trevor wird verletzt. Eugene und Arlene kommen Trevor zu Hilfe; er wird ins Krankenhaus gebracht und stirbt dort.

 

Später sehen Eugene und Arlene im Fernsehen einen Bericht über Trevors Idee und seinen Tod und erfahren, dass sich die Bewegung inzwischen in der gesamten Nation verbreitet hat. Draußen sehen sie tausende Leute, die zusammenkommen, um Trevor ihren Respekt zu zeigen, indem sie Lichter vor seinem Haus entzünden.

 

Schneeball-System Barmherzigkeit! Ob wir es probieren wollen? Auch wenn es so aussieht, dass wir damit scheitern? Ein eindrucksvoller Film. Ob er auch in unserem Leben, in unserer Region Wirklichkeit werden kann?

 

Text aus Neukirchener Kalender 10.09.1981

 

·       Barmherzigkeit hat Zeit. Sie hält Menschen für wichtiger als Termine

·       Barmherzigkeit macht sich auf den Weg. Sie wartet nicht ab und bleibt nicht stehen, sondern sucht den anderen auf und geht auf ihn zu.

·       Barmherzigkeit sieht. Sie betrachtet den anderen nicht von oben herab, sondern steigt zu ihm hinunter.

·       Barmherzigkeit gibt sich ganz. Sie fertigt niemanden mit der linken Hand ab, sondern greift mit beiden Händen zu.

·       Barmherzigkeit befähigt. Sie macht den anderen nicht abhängig und unmündig, sondern lässt ihn aufatmen und auf eigenen Füßen stehen.

·       Barmherzigkeit heilt. Sie gibt nie auf, sondern hält durch und fängt immer wieder neu an.

 

Neues Jahr:

Möge uns der Gott der Barmherzigkeit durch das neue Jahr begleiten. Begleiten durch die guten und bösen Tage, die hellen und die dunklen Tage, durch die reichen  und die armen Tage, die kranken und gesunden Tage. Alle Tage unseres Lebens sind erfüllt von der Güte und Barmherzigkeit Gottes. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“ Psalm 23 ermutigt uns, auch in einer Welt, die es nicht ohne Wolken gibt, trotzdem mit einem Herzen voller Sonnenschein zu leben. Unser Leben soll ein Spiegel der Barmherzigkeit Gottes sein und immer wieder neu werden. „Barmherzig und gnädig ist der HERR, geduldig und von großer Güte!“ Psalm 103

 

Barmherziger Gott,

deine Zuneigung öffnet mein Herz.

Was ich bei dir finde,

will ich selbst leben:

Barmherzigkeit! Cornelius Kuttler

 

AMEN

 

Lieder (EG)

58, 1-5                        Nun lasst uns gehen und treten

705                             Psalm 8

619, 1-4                      Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben

607, 1+4+5                 Wie groß ist des Allmächt´gen Güte

58, 11-15                    Sprich deinen milden Segen

535                             Gloria sei dir gesungen

 

Pfarrer Ernst Eyrich, Ernst.Eyrichdontospamme@gowaway.elkw.de           

 

 

Altjahresabend - Silvester 2020

Altjahresabend, 31.12.2020, 18.30 Uhr Wain (wegen Corona ohne Posaunenchor)

Predigttext: Exodus 13, 20-22   3. Reihe neu – anschl. Durchzug durchs Schilfmeer

 

Die Wolken- und Feuersäule

20So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

21Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. 22Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Schriftlesung aus Römer 8, 31b-39

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? 32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? 33 Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. 34 Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt. 35 Wer will uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? 36 Wie geschrieben steht (Psalm 44,23): »Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.« 37 Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. 38 Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

 

Liebe Gemeinde,

ja, dieser Abend ist anders als die vielen Altjahresabende der letzten Jahre und Jahrzehnte: Kein Posaunenchor, kein Abendmahl, keine Böller, die die Stille der Nacht zerreißen und ca. ein Prozent des Jahres-Feinstaubs Deutschlands ausmachen. Corona hat die Lage verändert. Wir mussten und müssen uns einschränken und Rücksicht aufeinander nehmen. Viele Menschen haben das Koordinatensystem ihres Lebens verändert. Was bisher für selbstverständlich galt, wird zu einem hohen Gut. Ob wir dankbarer geworden sind für das, was wir haben dürfen? Ob wir gemerkt haben, was wirklich wichtig ist und was unter dem Strich zählt? Ob wir andere Prioritäten für unser Leben gewählt haben? Ob sich unser Leben und unsere Wahrnehmungen vertieft haben?

 

Die Aussichten sind lange nicht mehr so rosig wie in den Vorjahren, auch wenn uns vorhergesagt wird, dass die Wirtschaft wieder anspringen soll. Ob wir im Westen verwöhnt worden sind in den letzten 75 Jahren nach dem 2. Weltkrieg? Trotz Corona geht es den meisten von uns immer noch ziemlich gut. Gott sei Dank! Gott sei Dank! Gott sei Dank! Wir werden satt, wir haben es warm, wir haben ein Dach über dem Kopf. Auch 2020 ist Gottes Jahr gewesen, Gottes Zeit, anno Domini. Jede Zeit ist seine Zeit und unsere Zeit steht in seinen Händen, wie es in Psalm 31, 16a heißt. Der Gottesdienst am Altjahresabend lädt uns ein, alles, was uns belastet, loszulassen und es Gott anzuvertrauen. Das macht uns wieder frei und fröhlich. Und es macht uns mutig und getrost, in das neue Jahr zu wandern. Wir pilgern durch die Zeit – von einem Ort zum andern.

 

Der heutige Predigttext ist ein Text, der auch von einem großen Wandel und Umbruch spricht. Israel ist von Gott nach 430 Jahren Knechtschaft aus der Sklaverei in Ägypten befreit worden: Aufbruch, nicht nur Aufbruchsstimmung. Freiwillig allerdings hat Pharao Gottes Volk nicht ziehen lassen. So hat Gott zehn Plagen geschickt. Ob Corona eine Plage Gottes sein könnte, um uns in die Freiheit zu führen, in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes?

 

Der kleine Textabschnitt aus dieser großen Geschichte zeigt uns wie in einem Vergrößerungsglas, wie Gott sein Volk darin begleitet und worauf auch wir uns verlassen können.

 

Predigttext erst jetzt verlesen - Exodus 13, 20-22

 

Das Volk Israel steht an der Schwelle von der Knechtschaft in Ägypten in die Freiheit, die Gott verheißen hat und nun Wirklichkeit werden lässt. Gott allein hat diesen neuen Weg ermöglicht. In Exodus 13, 14 lesen wir das Bekenntnis: „Der HERR hat uns mit mächtiger Hand aus Ägypten, aus der Knechtschaft, geführt.“

 

Aber soll man den Weg in die Freiheit wirklich gehen? Hat man sich in der Knechtschaft in Ägypten nicht auch recht ordentlich eingerichtet? Immer wieder tauchen die „Fleischtöpfe in Ägypten“ auf, die relative Sicherheit hat doch „Etwas“, das nicht nur verachtet werden muss, nicht wahr? Aber nur auf die Vergangenheit zu starren, liebe Gemeinde, wäre der Tod im Topf. Das gilt heute wie damals. War nicht Lots Frau zur Salzsäule erstarrt, als sie sich  umdrehte und zurückgeblickt hat? Wären wir nicht auf dem Weg zu den Ewiggestrigen zu gehören, wenn wir nur rückwärts schauen würden und den Blick und den ersten Schritt in die Zukunft uns selbst verweigern würden? „Witt überwinden, so lass dahinten.“ Die Überschrift über unserer Exulanten-Tafel bleibt aktuell und modern und sie ist durchaus biblisch. Paulus sagt es uns auch immer wieder mit vollem Nachdruck: „Ich vergesse, was dahinten liegt, und strecke mich aus nach dem, was das vorne ist, und jage nach dem vorgestreckten Ziel …“

 

„So zogen sie aus von Sukkot …“ wörtlich: „Sie rissen die Zeltpflöcke heraus, um weiterzuziehen …“ Da steckt ganz viel eigene Aktion, Kraft und Wille dahinter: „Wir wollen jetzt mit unserem Gott aufbrechen!“ - „So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.“ Die beiden genannten Ortsangaben umreißen entscheidende Wegstationen. Sukkot heißt übersetzt: Ort der Hütten. Das ist ein wohnlicher Ort. Dort kann man leben, dort lässt es sich aushalten, da kann man sich wohlfühlen. Da ist alles im wahrsten Sinne des Wortes im grünen Bereich. Etam ist ganz anders. Etam heißt wörtlich übersetzt: Raubvogelort -  hier beginnt die Wüste, hier lauern Gefahren, hier versichert der Weg in den Sandpisten der Wüste, hier geht es eigentlich nicht mehr weiter. Etam ist ein Ort kurz vor dem Nichts. Etam ist ein Ort, an dem man eigentlich nicht mehr leben kann! Etam, ein Ort, an dem Hitze und Kälte, Durst und Hunger, Stürme und lauernde Räuber das Leben gefährden. „So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam.“ –

 

Wollen wir das, liebe Gemeinde? Die Zelte abbrechen, die Pflöcke aus unserem Leben herausreißen und Neuland betreten, das nichts anderes ist als Wüstensand im Wüstenland? Etam ist ein Synonym für die großen existentiellen Sorgen, die das Leben in der Wüste tagtäglich hervorbringt: Wasser, Wasser, Wasser – wo finden wir Wasser? Finden wir genug Wasser? Manna, Manna, Manna, …. Nur immer für einen Morgen, keine Planung ist möglich, kein Ausruhen, sondern das tägliche Sorgen, Sorgen, Sorgen. Kann da die „Abhängigkeit von Gott wirklich als großes Glück empfunden werden“, wie es in einem frommen Spruch heißt?

 

Erwartet uns nun im neuen Jahr Wüste, bekommen wir gar eine Wüstenverlängerung? Lockdown nach Lockdowm. Ein Leben voller Unsicherheiten, greifbaren oder noch schlimmer, nicht greifbaren Bedrohungen, wegen diesem unsichtbaren Virus, diesem Gift? Corona ist für viele eine Wüstenerfahrung, die Unsicherheiten des Lebens wachsen, sie wachsen vielleicht sogar über den Kopf und greifen die Seele an?

 

Gott verspricht, dass er mitgeht! Sichtbar mitgeht. Gott kommt herab zu seinem Volk, kommt ihm nahe. Gott erdet sich. Gott geht voran auf dem Weg ins Ungewisse. In 5. Buch Mose 1, 30.33 ist das ein regelrechter Gottestitel geworden: „Der vor euch hergeht“. Tagsüber in einer sichtbaren Wolkensäule. Sie spendet Schatten und damit Schutz in der Mittagshitze der Wüste. Gott vertrocknet nicht. Gott zieht sich nicht in die Kühle der Atmosphäre zurück. Er ist dabei in der Wüste. Auch nachts bleibt er sichtbar. Die Feuersäule schenkt Orientierung und Wärme in der Kälte der Nacht. Ob die Feuersäule an den brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch, erinnern soll: „Ich bin, der ich bin. Ich bin bei euch, alle Tage, bis an der Wüste und Welt Ende.“ Die Feuersäule brennt und schenkt Licht. Sie ist „ihres Fußes Leuchte und ein Licht auf ihrem Weg.“ (Psalm 119). Die Feuersäule brennt und verbrennt nicht und brennt nicht aus. „Wenigsten gibt es bei Gott kein Burnout“! (vgl. Manfred Häußlers Weihnachtsbrief). Gott ist nie erschöpft, weil er der Schöpfer ist!

 

„So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.“ Ein Rhythmus wird vorgegeben. Gehen und lagern, gehen und lagern, gehen und lagern – immer in der sichtbaren Gegenwart Gottes. Tag und Nacht, gleich drei Mal: Tag und Nacht, Tag und Nacht, Tag und Nacht. Gott ist jede Sekunde gegenwärtig. Gott ist wirklich immer da. Unter den Stichworten von Sukkot nach Etam – und zurück schreibt ein Kollege (Neukirchener Kalender 2008, 20. Juni):

 

17 Jahre durfte ich als Kind und Jugendlicher in „Sukkot“ leben, in einer intakten Familie, in gesicherten Verhältnissen. Gott sei Dank! Dann, innerhalb von drei Wochen, musste ich den Weg nach „Etam“ antreten, herausgerissen aus dem Elternhaus durch den Tod von Vater und Mutter. Zwei Jahre vor dem Abitur plötzlich „am Rande der Wüste“ – Waisenrente und Vormundschaft. Gott sei ` s geklagt! Aber es gab ja seine Wolken- und Feuersäule: Menschen, die in großer Liebe für mich da waren, für mich beteten. Und Gott war da, der mich tröstete, „wie einen seine Mutter tröstet“. Er ließ mich erfahren: „Du gibst meiner Seele große Kraft.“ – Er führte mich von Sukkot nach Etam und wieder zurück. Ich durfte das Abitur machen, Pfarrer werden, wieder eine Familie haben. Gott sei Dank! Auch wenn das in meinem Leben nicht der einzige Weg von Sukkot nach Etam war – die Wolken- und Feuersäule (nebenbei: beide Säulen verbinden Himmel und Erde!!) blieb und mit ihr die Gewissheit: „Du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht.“ – Mitten in der Schönheit des Lebens das Schwere des Lebens erfahren. Und mitten im Schweren des Lebens die Schönheit des Lebens erfahren. So ist Gott. Zwei Leben in einem Leben. „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“ – Gott gibt Weggeleit und Weglicht. Vergiss nicht, o Mensch, dass jede Wolke, so schwarz wie sie ist, dem Himmel zugewandt, doch ihre Sonnenseite hat. Friedrich Wilhelm Weber.

 

Martin Luther predigt 1525: „Gott gibt uns auch heute das Geleit. Die Wolkensäule und die Feuersäule sind Hinweise auf die Predigt des göttlichen Wortes und die Einladung zum Abendmahl – beides leuchtet und scheint so für uns, dass wir den Weg in der Wüste finden und zum ewigen Leben geleitet werden.“ – Deswegen ist der Gottesdienst so unendlich wichtig, liebe Gemeinde. Egal, ob das neue Jahr schwer oder schön werden wird. Der Gottesdienst lässt uns lagern, zur Ruhe kommen. Da beten wir, da singen wir, da hören das ewige Wort des Lebens, das nur in der Stille laut wird (Meister Eckhart).

 

„Bin ich noch in meinem Hause?“ – Das waren die letzten Worte des Dichters Gerhart Hauptmann (1862-1942). Eine Frage ohne Antwort war das schon vorher in seinem Leben, damals, als er sein geliebtes Dresden in Schutt und Asche sinken sah. Und erst recht, als er, der Achtzigjährige, die schlesische Heimat verlassen musste.  – Bin ich noch in meinem Hause? So fragen zu müssen, ist eine Erfahrung, die jeder einmal macht (von Sukkot nach Etam …). Wenn wir plötzlich entdecken, wie schwankend der Boden geworden ist, auf dem wir leben. Wenn wir am Ende dieses Jahres innehalten und spüren, wie unwiederbringlich die Tage unseres Lebens vergehen. Der Verlust eines lieben Menschen, das Zerbrechen von Beziehungen, das Schwinden der Kräfte. So vieles erinnert an die Wahrheit des biblischen Satzes: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Um so mehr gilt der Einspruch des Glaubens: „sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräer 13, 14). Wie gut, dass wir dieses Jahr in der Gewissheit beschließen dürfen: Ich gehöre zum Vater, ich bin ein Kind Gottes in seinem Haus. Die Tür ist offen. Und wenn ich sterbe, bin ich ganz bei ihm daheim.

 

Am Altjahresabend halten wir inne – im Gottesdienst. Auch die dunklen und verschlungenen Irrwege und Umwege dieser Welt sind zuletzt Heimwege in Gottes Ewigkeit. „So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.“

 

„Das Jahr ist aus, dahin die Zeit.

Wir danken Gott für sein Geleit.

Das Jahr fängt an. Wird`s schwer, wird` s gut?

Wir bitten Gott um neuen Mut.

Du Glanz geh mit von Stall und Stern.

So wird das Jahr ein Jahr des HERRN.“

 Detlev Block

 

Der Weg durch die Wüste ist der Weg der Verheißung.

 

AMEN

 

Lieder (EG)

64, 1-3+6        Der du die Zeit (Melodie EG 363)

749                  Psalm 121

65, 1+2+6       Von guten Mächten (Melodie EG 65)

391, 1-4          Jesu geh voran

171, 1-4          Bewahre uns Gott

 

Bläserquartett vor der Michaelskirche: Ich lege meine Sorgen

Verlesung der Totentafel

 

321, 1-3          Nun danket alle Gott

 

Pfarrer Ernst Eyrich

 

 

 

 

Christfest am 25. Dezember und 26. Dezember 2020


Christfest I,  
25.12.2020 um 9.30 Uhr in der Michaelskirche Wain

Christfest II,
26.12.2020 um 9.30 Uhr in der Dreifaltigkeitskirche Oberbalzheim

 

Predigttext: Jesaja 52, 7-10.            3. Reihe neu

Die frohe Botschaft

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! 8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden's mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt. 9 Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. 10 Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes. 11 Weicht, weicht, zieht aus von dort und rührt nichts Unreines an! Geht weg aus ihrer Mitte, reinigt euch, die ihr des HERRN Geräte tragt! 12 Denn ihr sollt nicht in Eile ausziehen und in Hast entfliehen; denn der HERR wird vor euch herziehen und der Gott Israels euren Zug beschließen.

 

Schriftlesung: Johannes 1, 1-5.9-14

Das Wort

1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden: denen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus menschlichem Geblüt noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

 

Liebe Gemeinde,

da kommt einer angerannt. Man sieht ihn schon von Weitem. Leichtfüßig, beschwingt, beflügelt nähert er sich der Stadt. Keine Spur von Schwerfälligkeit. Er läuft und läuft, ganz ohne Anstrengung. Es macht richtig Freude ihm zuschauen. Sein Laufen ist ansteckend. Wer so läuft, muss etwas Schönes erlebt haben. Er möchte es wohl unbedingt weiterwagen. Etwa an mich? Ja, so ist es! Dieser Läufer ist ein Bote, der die Freude nicht nur im Rucksack trägt, sondern auch ausstrahlt mit seinem so leichtfüßigen Lauf. Endlich ist er da. Ja, er ist bei mir! Ja, er ist bei uns. Ob er sich verlaufen hat? Ob er wirklich zu uns möchte? Alle Blicke, alle Erwartungen, alle Ohren, alle Sinne richten sich auf ihn. Er macht den Mund auf.

 

·       Er verkündigt Frieden, also Shalom, das ist ein Wohlbefinden in allen Lebenslagen!

·       Er verkündigt Gutes!

·       Er verkündigt Heil und Rettung! Gott kehrt nach Jerusalem zurück! Gott hatte der Stadt des Friedens seinen Rücken zugekehrt und sich der Stadt und seinen Bewohnern verweigert und entzogen. Gott ist wieder heimgekehrt. Gott ist zurückgekehrt. Gott ist wieder bei den Menschen. „Dein Gott ist König!“ – ruft er auch uns zu!

 

Leichtfüßige Schritte hatte man in Jerusalem schon lange nicht mehr gesehen und gehört. Das Leben war schwerfällig, die Seele schwermütig geworden. Die Beine waren bleischwer. Nur die schleppenden Füße der zurückgebliebenen Besiegten und die harten Stiefeltritte der Besatzer hatte man in den langen letzten Jahren wahrgenommen.

 

Männern und Frauen, die seit Jahrzehnten in den Trümmern Jerusalems wohnen wird diese Freudenbotschaft zugemutet. Jerusalem ist zerstört! Der Tempel ist zerstört! Gottes Wohnort auf dieser Erde ist zertrümmert. Die gesamte Infrastruktur war zusammengebrochen. Die Zerstörung Jerusalems und die Vernichtung des Tempels hat man immer und ohne die geringsten Zweifel als Strafe Gottes für ein gottloses Leben interpretiert. Gott wollte nicht mehr unter seinem Volk wohnen. Gott hat den Zion verlassen. Die ehemalige High Society war verschleppt. Im Exil sang man unter dem Spott der Babylonier die alten Zions-Lieder. In dieser Situation gibt der Freudenbote mit seiner Botschaft der niedergebrannten Hoffnung und der hoffnungslosen Traurigkeit neue Nahrung: Babel wird vernichtend geschlagen. Jerusalem und damit Zion stehen wieder auf (Jes 51, 17; 52, 1+2), weil sich der starke Arm Gottes wieder mit Kraft bekleidet hat (Jes 51, 9-11). Als siegreicher König kehrt Gott nach Zion zurück (Jes 52, 7-10).

 

„Tröstet, tröstet mein Volk!“ spricht Gott in Jesaja 40. Das tut er nun selbst in unserem Predigttext. Gott tröstet sein Volk! Er wendet sich ihm wieder ganz zu! Die Schuld ist abgetragen! Gott kommt wieder auf den Zion nach Jerusalem. Damit belebt er selbst die ersterbende Hoffnung. Der Trost sieht so aus, dass Gott wieder als siegreicher König in die Trümmer Jerusalems einzieht und in Zion – für alle Welt sichtbar – seine Königsherrschaft antritt. „Zion, dein Gott ist König!“

 

Die Wächter der Stadt, die Trümmerfrauen und Trümmermänner, sie alle jubeln gemeinsam auf Grund dieser Botschaft. Diese Botschaft ist glaubhaft. Diese Botschaft ist wie ein Serum, der Impfstoff der Hoffnung. Der Jubel überschlägt sich. Sogar die Trümmer selbst jubeln über die Rückkehr Gottes in die Heilige Stadt.

 

Hören Sie den Jubel, der aus diesen Zeilen dringt? Teilen Sie die Begeisterung, die den Schreiber dieser Verse antreibt? Nein? Oder doch Ja? Die weinende, trauernde Tochter Zion zieht den Schleier vom Gesicht und winkt damit dem Überbringer mit den lieblichen, leichtfüßigen Füßen zu. Die Trümmer beginnen zu leben.

 

Die in Trümmern hausenden Menschen jubeln und die Trümmer selbst, sie jubeln! Der Jubel rollt! Der Jubel der Trümmerstadt überwältigt und überstimmt die Wirklichkeit. Neues ist am Entstehen. Gott kommt wieder nach Hause. Gott kommt in die Trümmer. Gott kommt in die Ruinen, er kommt zu den Menschen, die in Schutt und Asche dahinvegetieren.

 

Ja, das ist die Weihnachtsbotschaft, liebe Gemeinde. Gott kommt in die Trümmer dieser Welt! Die gibt es zuhauf!  Er kommt eben gerade dorthin, wo es nicht perfekt ist, wo es nicht vollkommen ist! Er kommt in die Probleme dieser Welt und meines Lebens!

 

Gott mischt sich „unters Volk“, ohne dadurch seine Würde zu verlieren. Ganz im Gegenteil: Das macht seine Würde aus! Dass er selbst sich seiner Majestät entledigt und Mensch wird „ER wird ein Knecht und ich ein Held, das mag ein Wechsel sein“ (EG 27, 5).  Er wählt einen anderen Weg. Er muss nicht konfliktträchtige Koalitionen schmieden, er muss keine Kompromisse eingehen, er muss sich nicht dem Druck der Öffentlichkeit beugen, aus Angst abgeschafft zu werden. Er ist und bleibt der Höchste. Auch wenn noch so viel über seine Existenz geschrieben, gestritten und gespottet wird. Er ist völlig frei in seinen Entscheidungen. Daran zweifeln und verzweifeln Menschen zu allen Zeiten.

 

Jesus ist dieser Freudenbote. Er kommt in die Trümmer des Blinden Barthimäus, in die Trümmer der Frau am Brunnen, in die Trümmer des Zachäus. Jesus kommt in die Trauer-Trümmer der Mutter, die ihren Sohn zu Grabe trägt. Er kommt zu den Menschen, die Hunger haben und sättigt die Fünftausend mit zwei Broten und zwei Fischen. Jesus kommt in die Trümmer eines enttäuschten Glaubens, in die Trümmer der Hoffnungslosigkeit und die Trümmer, die die Lieblosigkeit hinterlassen hat. Er kommt in die Trümmer, die Neid und Eifersucht verursacht haben. Er kommt in die Trümmer, die Selbstgerechtigkeit und Egoismus angerichtet haben. Das Kind in der Krippe ist der Heiland der Welt. Ja, Jesus ist dieser Freudenbote, der leichtfüßig, beschwingt und beflügelt sich den Trümmerfrauen und den Trümmermännern nähert und selbst die Trümmer jubeln lässt.

 

·       Jesus kommt in die Trümmer des 65Jähirgen, der für sein Leben gern gearbeitet hat, nun im Ruhestand ist und sich plötzlich so völlig nutzlos und wertlos vorkommt.

 

·       Jesus kommt in die Trümmer der 38Jährigen, die sich ein Leben lang Kinder gewünscht hat, aber sich nun eingestehen muss, dass sie keine bekommen wird.

 

·       Jesus kommt zu unseren christlichen Brüdern und Schwestern in Ägypten und Syrien, die in den Trümmern ihrer zerstörten oder angezündeten Kirchen sitzen und immer wieder neu um ihr Leben bangen müssen.

·       Jesus kommt in den zertrümmerten Glauben, in die zertrümmerte Hoffnung, in die zertrümmerte Liebe, in die zertrümmerten Perspektiven.

 

„Dein Gott ist König!“ – Das ist die Botschaft des Freudenboten. Gott ist da! Gott ist bei Dir! Gott ist in Deinen Trümmern zuhause und tröstet und heilt. Die alten Weihnachtsbilder zeigen das Kind in der Krippe in einem zerfallenen oder zerfallenden Stall. Gemeint ist damit die zerfallene Hütte Israels. Es ist kraftlos und hilflos, wie das Kind in der Krippe. Aber dieses Kind ist der neugeborene König der Juden. Dieses Kind bringt Shalom, Gutes, Heil und Erlösung.

 

Christlicher Glaube ist voller Hoffnung, der sich trotz der vielen Trümmer freuen kann. Am 17. Dezember 1944 wurde Ulm durch einen Bombenangriff der Alleierten zerstört. Wir kennen die Bilder. Wir wissen aber auch, dass das Ulmer Münster stehen geblieben ist. Der 161 Meter hohe Turm verband weiterhin Himmel und Erde und wurde von vielen als Fingerzeit Gottes gedeutet.

 

 

 

Die Menschen sollen Buße tun. Jesus, der Freudenbote, der Friedensbringer, der Heiland, fasst zu Beginn seines öffentlichen Wirkens seinen Auftrag so zusammen: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1, 15). Die Septuaginta (griechische Übersetzung der hebräischen Bibel) übersetzt das Wort vom „Freudenboten“ mit Evangelium.

 

In Deutschland und in der westlichen Welt sind vor Corona die Bäume in den Himmel gewachsen. Beinahe alles war machbar. Der Machbarkeitswahn hat viele Blüten getrieben, die nun verwelkt sind. Die dicken und massiven Mauern der Sicherheiten, die wir uns geschaffen haben, sind zum Teil zusammengebrochen und wir müssen aufpassen, dass uns die immer noch herabfallenden Trümmer nicht erschlagen. Lebensträume, Lebensentwürfe sind wie ein Kartenhaus zusammengefallen. Bei manchen kann der Glaube zertrümmert worden sein. Wir singen im Weihnachtsgottesdienst keine Lieder!!! Gerade hierher kommt der Freudenbote mit seiner Freudenbotschaft: Friede, Gutes, Heil!

 

Ja, als Christen leiden wir unter der Differenz von Verheißung und Wirklichkeit. Das muss ernst genommen werden. Aber was kommen wird und schon mitten unter uns ist, ist Gott und sein Reich. Es ist schon da und es ist im Kommen! Jesus ist König. Ihm ist gegeben alle Macht im Himmel und auf Erden (Matthäus 28). Auch Corona wird noch geschlagen werden und in Schutt und Asche liegen. Natürlich wäre es uns lieber, dass Gottes Macht noch offenkundiger wäre, dass alle Welt sehen könnte, dass Gott die Welt in seinen Händen hält und regiert. Jerusalem wurde wiederaufgebaut. Aus den Trümmern wurde eine schöne Stadt, noch nachhaltiger wie die Phönix aus der Asche ist es erstanden. Die ganze Welt reist nach Jerusalem und freut sich an dieser Stadt des Gottesfriedens (was Jerusalem auf Deutsch übersetzt heißt!).

 

„Jesus ist König!“ -  In Jesus wohnt Gott mitten unter uns. Das schenkt uns die wahre Freude und macht uns Beine. Das schenkt uns die Freude, dass wir als Christen selbst zu diesen Freudenboten werden, zu den Friedensstiftern, die sich leichtfüßig, beschwingt, beflügelt zu den Menschen aufmachen, die in ihren Trümmer-  und Scherbenhaufen (Monte Scherbelino) und in ihren Lebensruinen dahinvegetieren und ihnen das Evangelium, die Freudenbotschaft, bringen: Frieden, Gutes und Heil. - „Versteinerte Verhältnisse werden zum Tanzen gebracht. Das Heil wird allen sichtbar und fordert auf, in den Jubel einzustimmen.“ (Goldschmidt). Die Botschaft der Freudenboten enthält einen Überschuss an Hoffnung. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“ Jesaja 52, 7

 

Deswegen hat der Kirchengemeinderat das Banner vor der Michaelskirche aufgehängt: Sorge. Angst. Not. BETEN. zuversichtlich. behütet. hoffnungsvoll. Wir sind für Sie da. Evangelische Kirchengemeinde.

 

 

Was hat doch gleich der Engel auf dem Hirtenfeld verkündigt? „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Lukas 2, 10-14.

 

Die Zukunft beginnt an der Krippe. Als Christen machen wir uns als Freudenboten auf in diese Welt: „Auf die Plätze, fertig, los!“

 

AMEN

 

Lieder (EG)   Wain 25.12.2020

36, 1-3+6        Fröhlich soll mein Herze springen

738                  Psalm 96

23, 1-4+7        Gelobet seist du Jesus Christ

14, 2+3+6       O mächt´ger Herrscher

44, 1-3            O du fröhliche

 

Lieder (EG)   Balzheim 26.12.2020, 9.30 Uhr Dreifaltigkeitskirche

36, 1-3+6        Fröhlich soll mein Herze springen

738                  Psalm 96

39, 1-4            Kommt und lasst uns Christus ehren

14, 2+3+6       O mächt´ger Herrscher

44, 1-3            O du fröhliche

 

 

 

 

 

 

 

Heiliger Abend, 24. Dezember 2020

Gottesdienst um

16.00  Uhr Sießen im Wald,
17.00  Uhr Michaelskirche Wain,
21.30  Uhr Michaelskirche Wain

 

Predigttext Matthäus 1, 18-25

Jesu Geburt

18 Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. 19 Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen. 20 Als er noch so dachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. 21 Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. 22 Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14): 23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 24 Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. 25 Und er erkannte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus. AMEN

 

Schriftlesung aus Lukas 2

Jesu Geburt

1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6 Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

 

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9 Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

 

15 Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17 Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. AMEN

 

 

Liebe Gemeinde,

am 21. Juli 1969 um 3:56 Uhr MEZ betrat im Zuge der Mission Apollo 11 der erste Mensch den Mond. Neil Armstrong stieg nach einem 384.400 km langen Flug aus der Mondlandefähre Eagle aus (Buzz Aldrin blieb in der Eagle), hisste die amerikanische Flagge und packt Gesteinsproben von diesem Himmelskörper in einen Sack ein. 22 Stunden auf dem Erdtrabanten auf. Ein Meilenstein in der Raumfahrtgeschichte. 600.000 Millionen (damalige Weltbevölkerung ca. 3. 6 Milliarden) schauten weltweit dem Spektakel vor dem schwarz-weiß-Fernseher zu. Ich auch.

 

Vor gut 2.000 Jahren betrat der eine wahre Gott diese Welt. Unspektakulär, ja geradezu spektakulär unspektakulär. Keine Fernsehkameras, kein Medieninteresse, wie eine Geburt von Zig-Milliarden vorher und nachher. Gott betritt diese Erde. In der Gestalt eines verletzlichen Säuglings. Vom Himmel hoch, da kam er her. Keine Erdlandefähre, keine Technik, kein Weltinteresse. Maria schenkt uns Gottes Sohn. Josef ist dabei im Stall von Bethlehem, Ochs und Esel schauen zu. Gott betritt diese Welt. Dabei hätte noch kurz vor der Geburt, vor dem Betreten Gottes dieser Welt, alles aus dem Ruder laufen können.

 

Für Josef war Marias Schwangerschaft ein Problem. Das Kind war nicht von ihm. Für ihn war es fürwahr eine schwierige Situation. Er war innerlich zerrissen. Was sollte er machen? Er war verletzt! Er ist ein Mann, der von der Person, die er am meisten auf Erden liebte, Maria, hintergangen und betrogen worden zu sein schien. Er würde die Schande auf sich nehmen und gehen. Er wollte Maria nicht in Verruf bringen. Er wollte gehen. Sich aus dem Staub machen. Keine Szene. Die Verantwortung übernehmen für etwas, das er gar nicht verantworten musste. Da ist die enttäuschte Liebe zu Maria und doch auch ein hohes Ehrgefühl. Er wählt den stillen Abgang. Mit diesem Vorsatz legte er sich schlafen. Doch dann redete Gott durch den Engel mit ihm im Traum: „Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist vom heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten aus ihren Sünden.“ Mt 1, 20f.

 

Ja, den Seinen gibt`s der Herr im Schlaf! Das Sprichwort geht auf Psalm 127 zurück und erinnert daran, dass es unnötig ist sich Sorgen zu machen, weil Gott für uns sorgt. Josef hat den Traum verstanden. Er hat ihn gelebt. Er hat Verantwortung übernommen. Für das ungeborene Kind und für Maria. Josef tut, was ihm im Traum befohlen und erklärt wurde. Völlig unspektakulär, dafür aber in noch größerer Treue und Gehorsam. Josef war kein Mann der Worte, sondern der Tat. Er ist einfach da, wenn Maria, wenn Gott, wenn Jesus ihn brauchen. Er ist einer der Stillen im Lande. Gerade in seiner Passivität spielt er eine tragende Nebenrolle. Ohne ihn gäbe es kein Weihnachten. Er ist derjenige, auf den sich Gott, Jesus und Maria verlassen können – auf dem Weg nach Bethlehem, bei der Geburt, bei der Flucht nach Ägypten, bei der Erziehung und vielem mehr. Gott hat sein Leben und das der Maria durchkreuzt. „Eine ungewollte Schwangerschaft kann die Welt retten!“

 

Doch dann wird das Kind geboren. Josef darf ihm den Namen geben. Jesus heißt das Kind. Der Jesus-Name ist Programm. Jesus heißt: Gott hilft! Gott rettet! Deswegen heilt Jesus Kranke. Deswegen spricht er mit den Menschen seelsorgerlich. Deswegen geht er ans Kreuz. Gott hilft! Gott heilt! Gott rettet! „Gott wird sein Volk retten von ihren Sünden!“ – Gott übernimmt Verantwortung für das, was er gar nicht zu verantworten hat: Die Sünde des Menschen! So groß ist seine Liebe, sein Friede, seine Gnade, seine Herrlichkeit! Wie die Jungfrau zum Kind kommt, so kommt die Welt zu ihrem Erlöser, zu ihrem Heil. Beide können nichts dafür. Aber Entscheidendes ist geschehen. Durch Gottes Wirken! Gott ist da!

Gott und die Welt gehören zusammen. Ein für alle Mal!

Gott nimmt nicht nur ein paar Gesteinsproben von der Erde mit. Er packt die Sünde ein. Als Gott die Erde betreten hat, bleibt er nicht nur für 22 Stunden. Er bleibt dieser Erde treu. Er bleibt bei den Menschen. Er macht sich nicht aus dem Staub, aus dem Erdenstaub, in den Himmelstaub.

 

Gott hat diese Welt nicht abgetrieben oder abgeschrieben. Er sucht sich keine neue Welt. Aber er macht durch Kreuz und Auferstehung die Welt neu. Er bleibt der Welt treu in all ihren Widersprüchen und in all ihren Versuchen, es besser machen zu wollen und doch nicht zu können. Gott ist für diese Welt. Sie ist und bleibt seine Welt. Und er bleibt in ihr. Immanuel wird Jesus genannt werden nach einer alten Verheißung: Gott ist mit uns! Das ist ein symbolischer Name, der in der Prophetie Jesajas einem Kind gegeben wird, das von einer Jungfrau geboren wird. Ja, in Jesus ist Gott mit uns! Wir sind nicht allein. Wir sind nicht uns selbst überlassen. Gott überlässt sich uns! Gott ist bei uns – in Jesus Christus – auch in Corona-Zeiten. Gott kommt in die Krisen dieser Welt und in die Lebenskrisen, Gott kommt in die Krankheiten dieser Welt und meiner persönlichen. Dafür steht der Name Jesus.

 

Die Welt kann Gott gar nicht mehr los werden. Die Welt kann in diesem Sinne auch gar nicht mehr „gottlos“ sein. Denn Gott hat sich dieser Welt und den Menschen verpflichtet. Gott ist treu. Treue ist sogar einer der Namen Gottes. Treue ist Gottes Wesen.

 

Gott ist und bleibt der Immanuel. Jede biblische Geschichte erzählt von der Treue Gottes. Psalm 139 ist uns allen vertraut, Gott sei Dank! „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir!“ Gott ist treu. Gott ist da. In Jesus Christus wird dies sichtbar: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Mt 28, 20.

 

Wer am Heiligen Abend die Krippe sieht und darin nur ein gewöhnliches Kind im Futtertrog erblickt, für den scheint Weihnachten ein absurdes Fest zu sein. Denn es ist widersinnig zu meinen, ein Kind könne die Welt so zum Guten verändern, dass auf Erden tatsächlich Frieden einkehrt. Wer aber in dem Christuskind den Mann sieht, der die Menschen bedingungslos liebt, der wird von der Liebe Gottes verändert:

 

·       Er zieht dann nicht mehr in den Krieg, sondern in den Frieden.

·       Er zieht dann nicht mehr in die Verbitterung, sondern in die Versöhnung.

·       Er zieht dann nicht mehr in die Ängstlichkeit, sondern in die Freude.

·       Er zieht dann nicht mehr in den Hass, sondern in die Barmherzigkeit.

·       Er zieht dann nicht in die Vergeltung, sondern in die Liebe.

·       Er zieht dann nicht mehr in den Egoismus, sondern in die Verantwortung,

die wir von Josef lernen können.

 

Ein junger Mann hatte nach Jahren seine Freundin verlassen. Sie war von ihm schwanger geworden. Er wollte das Kind nicht. Sie wollte nicht abtreiben. Er fühlte sich zu jung für eine Vaterschaft. Seine Freiheit war ihm wichtiger als die Liebe zu seiner jahrelangen Freundin. Das Lustprinzip siegte gegen das Verantwortungsbewusstsein. Am Heiligen Abend denkt er mal wieder über sein Leben nach. Traurigkeit und Einsamkeit brachen über ihm zusammen. Irgendwie landet er im Gottesdienst.  Da hört er unseren heutigen Predigttext. Josef wollte Maria verlassen! Das hat ihn getroffen. Wollte Gott ihm mit dieser Josefgeschichte etwas sagen? Nach kurzem Ringen holte er sein Handy hervor, zögerte einen letzten kurzen Moment angesichts der vorgerückten Uhrzeit. Dann wählte er jene Nummer, die er von früheren Zeiten her noch auswendig kannte.

 

Gott hat diese Welt nicht abgetrieben. Gott hat diese Welt nicht abgeschrieben. Dafür steht das Kind in der Krippe, der Mann am Kreuz, den Gott von den Toten auferweckt hat. Dafür steht der Jesus-Name!

 

Weihnachten heißt: Der eine wahre Gott betritt die Erde! Endgültig! Ohne Wenn und Aber! Das feiern wir Jahr für Jahr mit Herzen, Mund und Händen! 

 

AMEN

 

Lieder (EG)

39, 1-3            Kommt und lasst uns Christus ehren

738                  Psalm 96

37, 1-4            Ich steh an deiner Krippen hier

27, 1+5+6       Lobt Gott, ihr Christen

44, 1-3            O du fröhliche (ohne Wiederholung)

 

 

 

Heinrich Seuse - Mystiker aus Ulm und Konstanz vor gut 700 Jahren

„Geht der helle Morgenstern auf mitten in meiner Seele, so ist alles Leid verschwunden, alle Finsternis gelichtet, der Himmel wird hell und heiter, und mein Herz lacht; es freuen sich Sinn und Seele in mir; mir ist es so recht festlich zumute, und alles, was an mir und in mir ist, wird zu einem Lobe für dich. Was schwer, mühsam, unmöglich war, wird leicht und angenehm. Gar manche Kühnheit kommt mich an, die mir in der Verlassenheit gefehlt hat. Die Seele wird so mit Klarheit, Wahrheit, Freundlichkeit durchtränkt, dass sie alle Mühe vergisst. Ich kann frommen Herzens ohne Mühe betrachten, die Zunge voll Selbstbewusstsein sprechen, der Leib alles behende anpacken. Mir ist dann, als wäre ich über Raum und Zeit hinausgewachsen und stünde in dem Vorhof ewiger Seligkeit.“