Flucht-Ge­denk­stät­te beim "Rus­sen­fried­hof"

Die Bootsskulptur von Melina Braß und Joshua Glaser bildet das zentrale Element der Gedenkstätte für Menschen, die auf der Flucht ihr Leben verloren haben.

Die Bootsskulptur von Melina Braß und Joshua Glaser bildet das zentrale Element der Gedenkstätte für Menschen, die auf der Flucht ihr Leben verloren haben. Fotos: lucia braß

Die Skulptur aus Attenweiler erhält an der Memminger Straße in Biberach ihren Platz

Biberach/Attenweiler - Nach langer Suche ist ein Standort für die Gedenkstätte für Menschen, die auf der Flucht ums Leben gekommen sind, gefunden: Die von zwei jungen Künstlern geschaffene Bootsskulptur wird zwischen dem evangelischen Friedhof und dem russischen Friedhof an der Memminger Straße in Biberach aufgestellt und am 1. Oktober eingeweiht.

Entsprechende Angaben der Attenweiler Künstlerin Marlis Glaser und von Lucia Braß von der Ökumenischen Flüchtlingsarbeit im Kreis Biberach zum Standort bestätigt die Biberacher Stadtverwaltung. Es handelt sich um eine städtische Grünfläche zwischen beiden Friedhöfen. Ganz in der Nähe einer Gedenktafel des Denkstättenkuratoriums NS-Dokumentation Oberschwaben beim sogenannten "Russenfriedhof" soll die Bootsskulptur aufgestellt werden, sagt Siegfried Brugger. Der Leiter des Bauverwaltungsamts fügt hinzu: "Unsere Hilfe liegt darin, dass wir diesen Standort anbieten, und die Flüchtlingsarbeit fand den gut."

"Unbürokratische Unterstützung"

Der Anstoß für die Gedenkstätte ging von der Ökumenischen Flüchtlingsarbeit aus. Lucia Braß würdigt jedoch ausdrücklich die "unbürokratische Unterstützung" aus dem Biberacher Rathaus, auch bei organisatorischen Fragen wie der Verkehrssicherungspflicht.

Eigentlich hätte das Mahnmal bereits im September vergangenen Jahres seiner Bestimmung übergeben werden sollen. Als Standort war der alte katholische Friedhof in Biberach im Gespräch, nicht zuletzt wegen der Nähe zur Gemeinschaftsunterkunft in der Bleicherstraße. Doch wo ganz genau, darüber wurde keine Einigung erzielt. Andere Alternativen wurden geprüft und scheiterten am Denkmalschutz oder anderen Details.

Dass jetzt eine Lösung gefunden wurde, erfreut auch die jungen Künstler Melina Braß und Joshua Glaser. Die beiden hatten im vergangenen Jahr Zeit und viel Herzblut in eine Skulptur gesteckt: Die löchrige Barke, aus der eine gen Himmel gereckte Hand ragt, steht im Zentrum der Gedenkstätte. Jeder kennt die Bilder von überladenen, nicht seetauglichen Booten aus den Fernsehnachrichten. Dieses einprägsame Motiv griff Melina Braß in ihrem Entwurf auf, stellvertretend auch für die, die bei der Flucht auf dem Landweg umkamen oder in ihrem Leben bedroht wurden. Der Holzspezialist Joshua Glaser halft ihr im Attenweiler Atelier von Marlis Glaser, dies handwerklich umzusetzen. Musa Sonko, selbst Flüchtling, schrieb einen Text dazu: "Auf der Suche nach Geborgenheit, nach Freiheit und nach Frieden." Dieser Satz wird in mehreren Sprachen zu lesen sein.

Die Gedenkstätte soll ein Ort der Trauer sein für hier lebende Flüchtlinge, die Angehörige oder Freunde verloren haben. "Inzwischen gibt es immer mehr betroffene Familien bei uns", sagt Lucia Braß. Die Ökumenische Flüchtlingsarbeit hatte bei ihrer Initiative eine weitere Gruppe im Blick: Ehrenamtliche Helfer, die miterlebt haben, wie Flüchtlinge die Nachricht vom Tod ihrer Nächsten bekamen, äußerten ebenfalls den Wunsch nach einem solchen Ort. Darüber hinaus darf sich jeder angesprochen fühlen, der Anteil daran nimmt, dass in den vergangenen Jahren Abertausende auf der Flucht ihr Leben verloren haben - verhungert, auf dem Fußmarsch durch die Wüste verdurstet oder im Mittelmeer ertrunken.

Positive Resonanz von auswärts

Dass die Idee Anklang findet, zeigte sich übrigens im zurückliegenden Jahr: Die Zeit der Suche nach einem Standort ließ Lucia Braß nicht ungenutzt verstreichen. Sie stellte das Kunstwerk bei verschiedenen Mahnwachen, Benefizkonzerten und Gottesdiensten im Dekanat Saulgau zur Schau. "Die Resonanz war sehr positiv, im Kloster Sießen hätten sie es am liebsten behalten", berichtet sie. "Die Menschen konnten ihre Sorgen dort ablegen." Dank der Kontakte von Marlis Glaser kommt zur Einweihung der Kantor der liberalen jüdischen Gemeinde München.

Die Ökumenische Flüchtlingsarbeit lädt zur Einweihung ein: Die Feier beginnt am Samstag, 1. Oktober, um 17.30 Uhr. Melina Braß, Joshua Glaser und Musa Sonko erläutern ihre Gedanken. Weiter stehen christliche und muslimische Texte, jüdische Gesänge des Kantors Nikola David aus München und Musik von Gabriel Mbanda auf dem Programm. Im Anschluss sind alle Gäste zum Austausch eingeladen. Weitere Einzelheiten werden rechtzeitig vorher bekannt gegeben.