Die scheidende Pfarrerin Martina Servatius über Heimat - Was sie an Laupheim vermissen wird

Nur noch wenige Male wird sie in der Evangelischen Kirche die Treppe zur Kanzel hinaufsteigen: Am 23. November hat Martina Servatius ihren letzten Arbeitstag in Laupheim. FOTO: DIERKING

„Ein Bein im Norden und ein Bein im Süden“

Die scheidende Pfarrerin Martina Servatius über Heimat - Was sie an Laupheim vermissen wird

Laupheim


Am 23. November hat Martina Servatius ihren letzten Arbeitstag in Laupheim. Dann wechselt die evangelische Pfarrerin nach Schwanewede, eine Gemeinde, die nördlich von Bremen liegt. Die Welt ist klein: Wie es der Zufall oder die Fügung will, ist SZ-Volontär Christoph Dierking in Schwanewede aufgewachsen. Mit Martina Servatius hat er über ihre Zeit in Laupheim gesprochen - und umgekehrt hat die Pfarrerin ihm Fragen zu seiner alten Heimat gestellt.

Frau Servatius, wer umzieht, muss sich um viele Dinge kümmern. Haben Sie schon eine neue Wohnung gefunden?

Ja, zum Glück steht alles bereit. Es gibt eine Dienstwohnung, die sehr schön gelegen ist. Nur eine Küche ist noch nicht drin, die musste ich selbst organisieren. Das war von hier etwas umständlich, aber es ist mir gelungen. Wenn ich einziehe, sollte sie da sein.

Etwas mehr als elf Jahre haben Sie in Laupheim gelebt und gearbeitet. Was werden Sie vermissen?

Auf jeden Fall die Menschen. Und meine Gemeinde, mit der ich viele schöne Gottesdienste gefeiert habe. Sicherlich auch das Kinderfest - obwohl ich eigentlich gar keine große Anhängerin von Festen bin. Aber die Laupheimer stecken mich mit ihrer Stimmung an. Sie haben da eine besondere Kompetenz und investieren so viel Energie. Das finde ich beeindruckend. Klar ist, dass ich mich Baden-Württemberg immer verbunden fühlen werde. Ich sage immer: Ich habe ein Bein im Norden und ein Bein im Süden. Und jetzt verlagere ich eben das Gewicht.

Am 13. Oktober hatten Sie Ihren Vorstellungsgottesdienst in Schwanewede. Wie ist es, vor einer völlig fremden Gemeinde zu sprechen?

Insgesamt habe ich ganz viel Freundlichkeit zu spüren bekommen, aber ein bisschen seltsam war es auch. Ich kannte nur die Kirchengemeinderäte und die zwei Freundinnen, die mich begleitet haben. Man nimmt an so einem Tag extrem viele Eindrücke auf. Vieles war ungewohnt, auch im Gottesdienstverlauf. Hier in Württemberg fühle ich mich sehr lutherisch, dort im Lutherischen sehr württembergisch.

Als Sie nach Laupheim gekommen sind, steckten Sie wahrscheinlich in einer ähnlichen Situation.


Tatsächlich war es damals anders. Ich war Springerin in Biberach und hatte in Laupheim schon Vertretungen übernommen. So kannte ich es zumindest ein wenig. Woran ich mich noch erinnere: In der Kirche war es vor dem Gottesdienst immer sehr laut. Ich dachte, hier geht es zu wie in einer Bahnhofshalle! Ich mag es, wenn ich mich vor einem Gottesdienst noch kurz besinnen kann. Da empfindet wohl jeder anders. Aber inzwischen denke ich: Es kann auch sehr nett sein, wenn man vorher ein bisschen schwätzt.

Warum ist jetzt der Moment gekommen, ein neues Kapitel aufzuschlagen und zu gehen?


Eine alte Faustregel besagt, dass Pfarrer alle zehn Jahre über einen Wechsel nachdenken sollten. Es ist gut, wenn im Laufe einer Generation verschiedene Leute zum Zug kommen. Aber wenn es mit dem Wechsel nicht geklappt hätte, wäre ich auch gerne geblieben. Womöglich wäre ich dann öfter in die Situation gekommen, Leute zu verheiraten, die ich konfirmiert habe. So etwas ist sehr bewegend. Insgesamt war ich hier auf meiner Stelle in Laupheim sehr glücklich. Meine Arbeit war extrem vielfältig. Die Stelle hat zu mir gepasst.

Was hat Ihnen denn an Ihrer Arbeit in Laupheim besonders gefallen?


Vor allem die große Vielfalt. Ich habe sehr viel gelernt - in der Ökumene, in der Hospizarbeit, die ich begleitet habe. Und im Flüchtlingsjahr 2015 haben so viele Leute, die ich zum Teil vorher gar nicht kannte, ihre Ärmel hochgekrempelt und Unglaubliches geleistet.

Sie haben sich im vergangenen Jahr dafür eingesetzt, dass auch gleichgeschlechtliche Paare in einem öffentlichen Gottesdienst getraut werden können. Die Evangelische Gemeinde in Laupheim ist jetzt Regenbogengemeinde. Wie haben die Menschen das aufgenommen?

Es sind natürlich nicht alle einer Meinung. Ich habe keine wütenden Proteste vernommen, aber man hat durchaus kontrovers diskutiert. Ich fand es sehr bereichernd, dass wir uns im Kirchengemeinderat vor allem die theologischen Argumente dafür angeschaut haben. Und es ist auch okay, wenn jemand aus Überzeugung anders argumentiert, solange er nicht hetzt. Man kann mit unterschiedlichen Anschauungen leben. Ich freue mich jedenfalls, dass wir dieses Signal gesendet haben, und halte es für wichtig.

Auch auf andere Themen bezogen: Muss sich eine Gemeinde manchmal reiben?


Ich mag Diskussionen, weil ich der Meinung bin, dass alle Seiten dabei viel lernen und Schritte miteinander gehen können. Ich freue mich immer, wenn ich herausgefordert werde. Es stört mich, wenn Leute sagen: „Ach, Kirche, das muss man halt glauben.“ Das ist falsch. Den Glauben kann man auch denken.

„Wir bitten von Beileidsbekundungen am Grab abzusehen“ - Sie haben einmal gesagt, dass Sie diesen Vermerk auf Todesanzeigen kritisch sehen. Weshalb?

Ich habe das Gefühl, dass er schon fast eine Modeerscheinung ist. Die Betroffenen nehmen sich dadurch etwas: In der Anteilnahme am Grab zeigen die Menschen das Beste, was sie haben! Ich erlebe dort so viele bewegende Szenen. Die Beerdigung ist der Ort, um Trauer und Anteilnahme zu zeigen. Dennoch: Gewiss gibt es auch Situationen, wo die Bitte, auf Beileidsbekundungen zu verzichten, ihre Berechtigung hat.

Gibt es noch andere Bereiche, in denen Sie gesellschaftliche Veränderungen beobachten?

Die Jugend mischt sich mehr ein, auch hier in Laupheim ist die Fridays-for-Future-Bewegung aktiv. Das finde ich gut. Und ich habe den Eindruck, dass die Konfirmanden in den vergangenen Jahren interessierter und offener geworden sind. Eigentlich kann man sagen: Mit dem Alter hat mir der Konfirmandenunterricht immer mehr Spaß gemacht.

Zeit für einen Rollentausch: Sie ziehen dorthin, wo ich aufgewachsen bin. Haben Sie Fragen zu Schwanewede?

Klar, da hätte ich ein paar Sachen: Gibt es Fettnäpfchen, in die man in Schwanewede treten kann? Hier in Laupheim wäre es fatal, etwas gegen das Heimatfest zu sagen… Ist da etwas Vergleichbares?

Nicht direkt, vergleichbare Fettnäpfchen gibt es meines Erachtens nicht. Aber ich könnte mir vorstellen, dass die Leute komisch reagieren, wenn Sie beim Bäcker „Grüß Gott“ sagen. Ein „Moin“ kommt da wahrscheinlich besser an. Zumindest hatte ich umgekehrt immer das Gefühl, dass ein „Moin“ hier in Oberschwaben etwas exotisch wirkt…

…ehrlich gesagt würde ich den Schwanewedern gerne auch etwas zumuten nach meinen 30 Jahren in Baden-Württemberg! Das „Ade“ finde ich zum Beispiel wunderschön. Wie ist es denn mit Plattdeutsch? Ist das noch ein Thema?

In der älteren Generation auf jeden Fall. Aber ich weiß auch noch, dass ich als Konfirmand einmal in einem plattdeutschen Gottesdienst saß. Viel verstanden habe ich allerdings nicht.

Ich liebe den Laupheimer Baggersee! Wo kann ich in Schwanewede schwimmen gehen?

Da gibt's zwei gute Optionen: einmal das Freibad in Neuenkirchen, einen Ort weiter. Oder Sie fahren gleich mit dem Fahrrad nach Harriersand, das ist eine Insel in der Weser. Da kann man auch gut ins Wasser.

Das hört sich gut an. Ich freue mich, die Gegend zu erkunden.

Abschließend noch eine wichtige Frage von mir: Was wünschen Sie Laupheim für die Zukunft?

Zuallererst natürlich Gottes Segen! Und manchmal würde ich der Gemeinde wünschen, dass sie sich mehr an dem freut, was sie hat. Es läuft nämlich vieles sehr gut hier in Laupheim.


„Ein Bein im Norden und ein Bein im Süden“

Nur noch wenige Male wird sie in der Evangelischen Kirche die Treppe zur Kanzel hinaufsteigen: Am 23. November hat Martina Servatius ihren letzten Arbeitstag in Laupheim. FOTO: DIERKING