Dem Gift des Rassismus, Antisemitismus und der Überheblichkeit entgegenwirken

Landesbischof Frank Otfried July

Landesbischof Dr. h. c. Frank Otfried July erinnert zum Holocaust-Gedenktag 2021 an die Opfer des Nationalsozialismus und die Grundwerte der Religions- und Meinungsfreiheit Stuttgart.
In einem Bischofswort zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar hebt Landesbischof July die Bedeutung des für die Evangelische Landeskirche und das ganze Land gewichtigen Gedenktags hervor: „Wir erinnern an die Menschen, denen die nationalsozialistischen Machthaber und ihre Helfershelferinnen und -helfer das Leben raubten. Wir lassen uns mahnen, dass dies vor dem Hintergrund von Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus, völkischem Überheblichkeits und Kolonialdenken und einem verfehlten und zynischen Menschenbild geschah.
Wir lassen uns erneut anspornen, mit unserem Reden und Tun dem Gift solchen Denkens entgegenzuwirken. Dieser Tag“, so der Landesbischof weiter, „bestärkt uns, für die Ehrfurcht vor der unbedingten und durch nichts zu verlierenden Würde jedes menschlichen Lebens einzutreten.“
Der Landtag von Baden-Württemberg gedenke in diesem Jahr in besonderer Weise Jehovas Zeugen, so July. Weil die Mitglieder dieser Gemeinschaft den Dienst an der Waffe aufgrund ihres auf die Bibel gestützten Glaubens radikal verweigerten, wurden sie verfolgt und in großer Zahl getötet. „Mit Respekt erkennen wir die Standhaftigkeit, mit der Jehovas Zeugen ihre Haltung unter enormem Druck vertraten“, macht der Landesbischof deutlich. „Gerade weil wir mit Jehovas Zeugen bis heute in vielem nicht einer Meinung sind, was das Leben im christlichen Glauben betrifft, und bestimmte Inhalte und Strukturen der Gemeinschaft kritisch sehen, verstehen wir diesen Gedenktag auch als Aufforderung, an die Religionsfreiheit und die Meinungsfreiheit als nicht verhandelbare Grundwerte der Freiheit zu erinnern.“
Oliver Hoesch Sprecher der Landeskirche

Landesbischof Dr. h. c. July zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2021

Am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Für Millionen von Menschen kam diese Befreiung zu spät. Sie wurden in Auschwitz und an anderen Orten gequält und umgebracht.

Dieser Tag ist für unser ganzes Land und für uns als Evangelische Landeskirche ein schwerer, ein gewichtiger Tag des Gedenkens. Wir erinnern an die Menschen, denen die nationalsozialistischen Machthaber und ihre Helfershelferinnen und -helfer das Leben raubten. Wir lassen uns mahnen, dass dies vor dem Hintergrund von Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus, völkischem Überheblichkeits- und Kolonialdenken und einem verfehlten und zynischen Menschenbild geschah. Wir lassen uns erneut anspornen, mit unserem Reden und Tun dem Gift solchen Denkens entgegenzuwirken.

Tödlich für viele war das dem NS-Regime zugrundeliegende System radikaler Unterdrückung freier Äußerung. Wer nicht im Sinne des Regimes dachte, glaubte und handelte, dem wurde jede Freiheit, ja, sogar das Lebensrecht streitig gemacht.

Der Landtag von Baden-Württemberg gedenkt in diesem Jahr in besonderer Weise Jehovas Zeugen. Weil sie den Dienst an der Waffe aufgrund ihrer durch die Bibel und ihren Glauben gestützten Überzeugung radikal verweigerten, wurden sie verfolgt und in großer Zahl ermordet.

In den beiden großen christlichen Konfessionen wurde hingegen erst zögerlich und spät Kriegsdienstverweigerung als ein möglicher und adäquater Ausdruck des Glaubens an Jesus Christus allgemein anerkannt.

Die Evangelische Kirche hat bereits 1945 im Stuttgarter Schuldbekenntnis ausgesprochen, dass auch aufgrund der zu schwachen Abwehr der Evangelischen Landeskirchen das NS-Regime nicht entschiedener bekämpft werden konnte. Mit Respekt erkennen wir die Standhaftigkeit, mit der die Jehovas Zeugen ihre Haltung unter enormem Druck vertraten.

Gerade weil wir mit Jehovas Zeugen bis heute in vielem nicht einer Meinung sind, was das Leben im christlichen Glauben betrifft, und bestimmte Inhalte und Strukturen der Gemeinschaft kritisch sehen, verstehen wir diesen Gedenktag als Aufforderung, an die Religionsfreiheit und die Meinungsfreiheit als nicht verhandelbare Grundwerte der Freiheit zu erinnern. So halten wir die Option, die jedem Menschen in unserem Land gegeben ist, aus Gewissensgründen den Dienst an der Waffe abzulehnen, für unantastbar. Und wir verpflichten uns selbst, Menschen anderen Glaubens und anderer Meinung wertzuschätzen und vor Übergriffen zu schützen.

Dieser Tag bestärkt uns, für die Ehrfurcht vor der unbedingten und durch nichts zu verlierenden Würde jedes menschlichen Lebens einzutreten. Und so stimmen wir in Demut ein in die Bitte aus dem Psalter, die viele Menschen verbindet: (HERR,) sende dein Licht und deine Wahrheit! Sie sollen mich sicher führen. Psalm 43,3