„Wir bestärken uns gegenseitig“

Wie die Biberacher Stadtpfarrer das Weihnachtsfest unter schwierigen Bedingungen erleben
Weihnachten ist für viele das Fest der Familie, des Zusammenseins und auch des gemeinsamen Kirchgangs. Das ist in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie nur mit großen Einschränkungen möglich. Wie geht es den Biberacher Stadtpfarrern Stefan Ruf (katholisch) und Ulrich Heinzelmann (evangelisch) dabei?

Als die Ostergottesdienste wegen Corona ausfallen mussten, hatten beide darauf gehofft, mit den Gläubigen wenigstens Weihnachten 2020 wieder „normal“ feiern zu können. Eine Hoffnung, die sich nicht erfüllen wird. „Immerhin sind wir froh, dass im Gegensatz zu Ostern überhaupt Gottesdienste stattfinden dürfen. Dafür sind wir dankbar“, sagt Ruf. Die Kirchen hätten in den vergangenen Monaten ein gutes Hygienekonzept entwickelt. „Die Menschen sitzen hier mit zwei Metern Abstand und alle haben sich bisher verantwortungsbewusst an die Regeln gehalten. Es gab keine Zwischenfälle“, meint Heinzelmann. Auch die Arbeit der Ordner beim Einlass in die Kirche und bei der Kommunion sei zu loben, ergänzt Ruf.

 

Trotzdem räumen beide Pfarrer ein, dass sich bei ihnen angesichts der ständigen Änderungen eine gewisse Müdigkeit und Gereiztheit breitmache. „Dieses ständige Hin und Her macht eine längerfristige Planung unmöglich“, sagt Ruf. Traurig sei er darüber, dass kaum Kontakte möglich seien. „Die Kirche ist aktuell eine Art Hochsicherheitstrakt und dazwischen steht der Mensch, der eigentlich etwas anderes braucht“, beschreibt es Heinzelmann. Er vermisse auch die ganzen Kirchenkonzerte in der Adventszeit. „Darauf freue ich mich eigentlich immer besonders.“

 

Als tröstlich empfinde er es, dass er sich mit seinem katholischen Amtsbruder austauschen könne, den er regelmäßig sehe. „Wir bestärken uns gegenseitig in dieser schweren Zeit und geben uns Tipps“, sagt Stefan Ruf.

 

Dabei betrachten es beide als Vorteil, mit der Stadtpfarrkirche St. Martin ein sehr großes Gotteshaus zur Verfügung zu haben. Viele Pfarrer in den Dorfkirchen seien an Weihnachten noch stärker gefordert. „Ich weiß von einem Kollegen, der hält an Heiligabend sechs kurze Gottesdienste hintereinander“, sagt Heinzelmann.

 

Aber auch in Biberach versuchen beide Konfessionen ein möglichst großes Angebot zu machen. An Heiligabend gibt es in allen katholischen Kirchen der Stadt zwei Gottesdienste. „Der erste findet überall um 16 Uhr als Familiengottesdienst statt, der zweite zu verschiedenen Uhrzeiten abends“, sagt Ruf. Um 23 Uhr gibt es in St. Martin die Christmette mit einem kleinen Ensemble der Chorknaben. Die Ausgangssperre gilt für Gottesdienstbesucher in diesem Fall nicht. Für alle Gottesdienste muss man sich bei den Pfarrbüros anmelden. Teilweise gebe es noch freie Plätze, so Ruf. Alle katholischen Abendgottesdienste ab dem 25. Dezember beginnen statt um 19 Uhr bereits um 18.30 Uhr, damit die Besucher rechtzeitig zur Ausgangssperre zu Hause sind.

 

Auf evangelischer Seite gibt es zweimal eine Christvesper mit Musik in St. Martin (18 und 21 Uhr), vier Gottesdienste in der Friedenskirche. „Auf dem Mittelberg dürfen wir um 18 Uhr die größere, katholische Dreifaltigkeitskirche für einen Gottesdienst nutzen“, sagt Heinzelmann. Für alle evangelischen Gottesdienste an Heiligabend ist ebenfalls eine Anmeldung bei den Pfarrbüros erforderlich. Im Hölzle werden an Heiligabend zwei Open-Air-Gottesdienste angeboten, die allerdings bereits ausgebucht sind, so Heinzelmann. Für die Gottesdienste an den weiteren Weihnachtstagen ist auf evangelischer Seite keine Anmeldung erforderlich. „Man sollte allerdings etwas zeitiger da sein“, empfiehlt Heinzelmann.

 

Auch digital gibt es Angebote: So hat die evangelische Kirchengemeinde einen Online-Gottesdienst für Heiligabend aufgezeichnet, der im Internet abrufbar ist. Von katholischer Seite wurde ein Krippenspiel aufgezeichnet, das online zu sehen ist. Katholische Gottesdienste aus Biberach werde es als digitale Variante aber nicht geben. „Ich bin kein Freund dieser Lösungen“, sagt Ruf. Er wie auch Heinzelmann empfehlen auch das gute Angebot an Fernsehgottesdiensten an den Weihnachtsfeiertagen. Für Menschen, die nicht in die Gottesdienste wollen oder können und die über keinen Internetanschluss verfügen, liegen zum Beispiel in St. Martin Faltblätter beider Konfessionen aus, wie man das Weihnachtsfest zu Hause allein oder mit der Familie würdig begehen kann.

 

Und wie geht es nach Corona in den Kirchen weiter? Die beiden Pfarrer sehen das etwas zwiespältig. „Es ist in der Corona-Zeit sicher auch Positives entstanden“, sagt Ruf. Die Kirche sei allerdings auch instrumentalisiert worden, meint er mit Blick auf einen vermeintlichen Martinsumzug von Corona-Skeptikern in Biberach. „Davon distanzieren wir uns“, so Ruf. Er wünsche sich, dass die Kirche nach Corona nicht in blinden Aktionismus verfalle, sondern dass aus der jetzt verordneten Ruhe neue Ideen erwachsen.

 

„Ich bin da eher ein bisschen pessimistisch“, sagt Heinzelmann. „Ich glaube, dass wir nach Corona sehr schnell wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen.“ Positiv stimme ihn allerdings, „dass wir in der Corona-Zeit die Menschlichkeit und die Mitmenschlichkeit neu entdeckt haben. Und das ist ja gerade die Weihnachtsbotschaft: Gott wird Mensch“.

 

Informationen zu den Gottesdiensten in Biberach und den Anmeldemöglichkeiten gibt es unter www.se-biberach.drs.de (katholisch) und unter www.evangelisch-in-biberach.de (evangelisch). Eine Übersicht über die in der Region stattfindenden Weihnachtsgottesdienste veröffentlicht die SZ in der Mittwochsausgabe.

 

Bildunterschrift:

Im Gegensatz zu Ostern dürfen an Weihnachten 2020 Gottesdienste stattfinden. Darüber freuen sich die Biberacher Stadtpfarrer Ulrich Heinzelmann (l.) und Stefan Ruf. (Foto: Gerd Mägerle)

 

Text/Foto von Gerd Mägerle, Schwäbische Zeitung Biberach